Film

Interview mit dem Fox-Führungstrio

26.11.1998 00:00 • von
Blickpunkt:Film: Für Fox ist das Jahr enorm erfolgreich gelaufen. Fox ist Marktführer in Deutschland mit beachtlichen Umsätzen. Wie ist Ihr Resümee für dieses Jahr?

Vincent de La Tour: Es war wirklich ein sehr erfreuliches Jahr. Wir freuen uns, daß "Titanic" wesentlich dazu beigetragen hat, den Jahresdurchschnitt nach oben zu schrauben, und daß viele Theaterbesitzer lange davon profitieren konnten. Auch wir haben nicht gedacht, derartig viele Besucher zu erreichen, wir hatten in der Größenordnung von "Independence Day" geplant. Wichtig für uns war, daß dieser enorme Erfolg kein Strohfeuer war: Wir konnten mit etlichen guten Produkten nachschieben.

BF: Ein wichtiger strategischer Schritt ist die Kooperation mit Jugendfilm. Will sich Fox in Deutschland nun auch im Bereich Filmproduktion engagieren?

VT: Die Kooperation mit Jugendfilm bedeutet für Fox, ein zusätzliches Standbein in Deutschland zu haben, das es ermöglicht, deutsche Filme zu coproduzieren. Das Development liegt bei Jugendfilm und wir behalten uns vor, uns daran zu beteiligten. Wir haben großes Interesse daran, als deutsche Firma mit einem amerikanischen Hintergrund die deutsche Filmwirtschaft mitzuentwickeln. Durch diese Kooperation können wir das unterschiedliche Know-how bündeln. Für Produzenten wird es natürlich sehr interessant, zusammen mit Jugendfilm etwas zu produzieren, weil jetzt ein riesiger Apparat mit weltweiten Vertriebswegen dahintersteht. Andererseits schließen wir Eigenproduktionen nicht aus, die allerdings auch über unseren Produktionspartner abgewickelt werden können.

BF: Also handelt es sich zunächst einmal um ein reines Vertriebsmodell.

VT: In erster Linie fungieren wir als Vertrieb. Die Release-Konzepte werden gemeinsam entworfen.

Mychael Berg: Es geht uns um eine richtige, strategische Partnerschaft mit einer deutschen Independent-Firma: Zum einen unsere Professionalität und unsere Möglichkeiten, zum anderen ein traditionsreiches deutsches Unternehmen mit Erfahrung auch im Produktionsbereich.

BF: Heißt das, Fox vertreibt jeden Film, den Jugendfilm akquiriert bzw. produziert?

VT: Es ist natürlich so, daß wir gemeinsam besprechen, ob es Sinn macht, einen Film herauszubringen. Die Akquise selbst bleibt natürlich bei Jugendfilm.

MB: Der deutsche und auch der europäische Markt für Independent-Companies entwickelt sich dramatisch. Auf dem Weltmarkt zu kaufen, zu akquirieren, wird zunehmend problematischer und funktioniert fast nur zu Konditionen, die kaum mehr zu erwirtschaften sind. Durch unser Vertriebsnetz verfügt Jugendfilm über die Möglichkeit, auch Rechte für andere europäische Länder zu kaufen und so die Verwertungsmöglichkeiten zu steigern.

BF: Wie viele Filme wird Fox insgesamt jährlich in Deutschland vertreiben?

MB: Es gibt keine fixe Belastungsgrenze, die alle Kapazitäten ausschöpft. Von Fox bringen wir 16 bis 18 Filme pro Jahr in die Kinos, über Jugendfilm kommen noch etwa sechs bis acht hinzu.

BF: Wo liegen die besonderen Stärken von Fox?

VT: Starke, partnerschaftliche Teamarbeit und ständige Kommunikation über die Ressortgrenzen hinweg. Wir versuchen nah am Produkt und nah am potentiellen Markt zu sein. Bei "Akte X" profitierten wir beispielsweise von der Vorarbeit des Marketing- und Verkaufsteams unserer Videokollegen, ohne die der Kinoerfolg in der Theaterarbeit nicht möglich gewesen wäre. Viele bezeichneten "Akte X" als TV-Produktion. Wir haben uns marketingmäßig außerordentlich engagiert und mit 2,5 Mio. Besuchern eine beachtliche Zahl erreicht.

BF: Welche Marketingstrategien stecken hinter diesen Erfolgen?

Conny Roll: Sehr sorgfältige Arbeit in Bezug auf die Zielgruppen. Wir haben den Spagat geschafft, die Serien-Fans nicht abzuschrecken und neue Zuschauer zu gewinnen. Das ist uns auch bei "Verrückt nach Mary" gelungen, der gerade beim weiblichen Publikum sehr gut angekommen ist, obwohl der Humor doch sehr derb ist. Bei den Filmtests kam schnell heraus, daß auch die Frauenzielgruppe gezielter angesprochen werden sollte.

BF: Wie geht man bei kleineren Filmen wie "Newton Boys" vor?

MB: Wir sind keine Utopisten, die "Newton Boys" in den größten Häusern plazieren wollen. Das ist ein schöner kleiner Film und wir wollen das entsprechende Haus dazu. Auch wir haben nicht jede Woche den größten Film.

BF: Gab es auch Filme, die unter den Erwartungen lagen?

VT: "Anastasia" war eine große Enttäuschung für uns. In diesen Film steckten wir die meisten Energien. Obwohl der Film qualitativ hervorragend war und er sehr vielen Leuten gefallen hat, konnte er kein großes Interesse erregen. Das Thema war nicht mehr zeitgemäß.

BF: Was sind die großen Themen für das nächste Jahr?

MB: Im Mittelpunkt steht natürlich "Star Wars: Episode I - The Phantom Menace", wo wir bereits jetzt an einem Marketingkonzept arbeiten. Der erste Teaser läuft ab 17. Dezember in den Kinos. Auch der Starttermin steht schon fest, allerdings ist der noch geheim.

CR: Ansonsten arbeiten wir sehr intensiv an dem Release von "Ausnahmezustand", einem hervorragenden Thriller mit Bruce Willis und Oscar-Preisträger Denzel Washington, der am 21. Januar startet. Große Erwartungen knüpfen wir an "The Thin Red Line" am 25. Februar, der für uns als einer der großen Oscar-Anwärter gilt.

VT: Wir haben den wunderschönen Film "Auf immer und ewig" im Weihnachtsgeschäft. Dann gibt es "Eine zweite Chance" mit Sandra Bullock am 7. Januar. Über großes Potential verfügen auch "Fight Club" von David Fincher mit Brad Pitt und "The Beach" mit Leonardo DiCaprio als Garanten für Erfolg. Weiter stehen "Never been kissed" mit Drew Barrymore, "Midsummer's Night Dream" mit Michelle Pfeiffer und Kevin Kline und "Me, myself and Irene" von den Farelly-Brüdern auf der Startliste. Der nächste große Zeichentrickfilm wird "Planet Ice" sein. Der US-Start ist für Ende 1999 geplant.

CR: Und dann werden wir natürlich Searchlight-Filme in die Kinos bringen. Durch Publicity und über Festivals werden diese die entsprechende Aufmerksamkeit erhalten. "Best Laid Plans" oder "Slums of Beverly Hills", der ja als zweitbester Independent-Film des Jahres derzeit in Amerika noch in den Kinos läuft. Das sind natürlich Filme, für die wir presse- und marketingmäßig sehr, sehr viel Zeit und Liebe aufbringen.

BF: Wie sehen Sie die derzeitige Situation des deutschen Films?

MB: Der Markt für den deutschen Film ist schwierig und im Moment auf einem höheren Level als noch vor ein paar Jahren. Aber die Euphorie ist raus. Wenn das Produkt gut ist, hat er erstklassige Chancen, mittelmäßige und schwache Sachen haben diesen Charme des neuen deutschen Films eben nicht mehr. Wir legen unser Engagement deshalb darauf, schon in der Frühphase die Entstehung eines Films mitzugestalten. Pick-Up-Deals sind für uns eher uninteressant, wir entwickeln gemeinsam mit Jugendfilm unsere eigenen Konzepte.

BF: Der Kinomarkt ist in einer Phase des Strukturwandels. Wie reagiert die Fox auf diesen Markt?

MB: Wir finden es schon sehr schön, was in den letzten Jahren passiert in Deutschland: Einerseits sind die klassischen Theatergruppen sehr erpicht darauf, ihre gut eingeführten Kinos auf den neuesten Stand zu bringen. Andererseits sehen wir auch mit Freude den Bauboom bei den Multiplexen. Was jedoch nicht sehr konstruktiv ist, wenn in mehreren Städten durch einen sogenannten Zeitungs- und Publikationskrieg die Entwicklung ins Stocken gerät. Man hat ja am Beispiel von Hamburg gesehen, daß eine gewisse Anzahl neuer Multiplexe anderen Theatern nicht immer schaden muß.

VT: Wir brauchen garantiert mehr Leinwände, damit die Filme optimal ausgewertet werden können, aber diversifizierter als es momentan passiert. Es gibt noch genügend weiße Flecken auf der deutschen Landkarte.