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Televisionale: Von Dialekten und gekippten Fenstern

Ein Drama, das aus unterschiedlichen Gründen keinen kalt ließ und ein starker "Tatort" beendeten den Fernsehfilm-Wettbewerb, ehe der neue Serienwettbewerb dank "Faking Hitler" und "Eldorado KaDeWe" mit Verve um die Ecke bog. Aber auch dunkle Wolken am Horizont sind auszumachen.

25.11.2022 09:43 • von Frank Heine
Die Serienjury bei der Arbeit (Bild: Televisionale/Sophie Schlüter)

Im großen Dilemma für so machen Film und deren Macher:innen liegt auch der große Segen des Festivals in Baden-Baden. Zwischen Publikumsempfinden und fachlicher Analyse können Welten liegen. Das bekam auch das SWR-Drama Ramstein - Das durchstoßene Herz" zu spüren. Ein unbedingt notwendiger Film zum "Wahnsinn von Ramstein", wie es Dominik Graf als Chefjuror beschrieb. Die Geschichte, in deren Mittelpunkt Unfallopfer, Angehörige und Helfer der Flugschau-Katastrophe aus dem Jahr 1988 stehen, konnte einen nicht kalt lassen. Der Film schärft das Bewusstsein dafür, was eine Katastrophe mit den Betroffenen psychisch anrichten kann und sorgt vielleicht dafür, dass man über die Nachricht der nächsten Katastrophe, vom nächsten Bombeneinschlag nicht mehr einfach hinwegsieht oder -hört und zum Alltag übergeht, sondern innehält und sich die im Film erzählten Schicksale vor Augen hält. Wenn sich dann noch Betroffene von damals im Kurhaus einfinden und der Vorführung beiwohnen, läuft man als normalsterblicher Festivalbesucher Gefahr, die Frage nach der Relevanz von Kritik zu stellen. Die Fachjury tappt nicht in diese Falle. Dominik Graf bemängelte das Fehlen jeglichen Dialekts in einer Geschichte über eine Katastrophe, die eine ganze Region prägte, während gleichzeitig eine Repräsentantin der US-Base im stärksten US-Akzent die ausgefeiltesten deutschen Sätze von sich gibt und erkannte darin eine verpasste Chance, Figuren zu mehr Tiefe zu verhelfen. Aus seiner Sicht ein symbolhaftes Defizit im deutschen Eventfilm. Einigkeit bestand auf dem Podium darin, dass der Film offenbar zu viel wollte und zu viele Themen behandelte, Uneinigkeit indes über die Wahl der Mittel. Susanne Heinrich empfand das Draufhalten der Kamera auf die Schwerverletzten und Sterbenden als "pornographisch", Yugen Yah als notwendig um das Ausmaß der Katastrophe zu verstehen.

Auf großen Anklang bei der Jury stieß hingegen der Berliner "Tatort: Das Mädchen, das allein nach Haus ging", der im großen Stil die Bühne für Meret Beckers tragischen Abgang bereitete. Ein Wow-Effekt stellte sich auch bei einem Vertreter der Studentenjury ein, der Wong Kar-Wai und "Heat" kombiniert sah. Überhaupt war die stärkere Einbindung der Filmstudent:innen ein Gewinn für das Festival. Produzent Jens Susa von Provobis hat hier im Verbund mit Regisseur Ngo The Chau und Autor Günter Schütter erneut ein heißes Eisen im Feuer, nachdem er im vergangenen Jahr mit einem von Dominik Graf inszenierten Münchner "Polizeiruf" den Hauptpreis des Festivals gewonnen hatte.

Um 15.51 Uhr wurde dann im Spiegelsaal des Kurhauses Geschichte geschrieben oder wie es Hans-Jürgen Drescher, der Präsident der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste beschrieb, "das Festival kommt endlich im 21. Jahrhundert an". Mit der Präsentation einer neuen Jury um Präsidentin Lavinia Wilson wurde der erste Wettbewerb um den selbstbewusst betitelten Deutschen Serienpreis eröffnet. Mit der RTL+Serie Faking Hitler" wurden Auditorium und Jury gleich zum Einstieg prächtig unterhalten. Die Frage nach dem Warum dieser Serie, da Helmut Dietl der Thematik um Konrad Kujaus gefälschte Hitler-Tagebücher vor 30 Jahren bereits mit "Schtonk!" ein filmisches Denkmal setzte, löse sich nach wenigen Minuten in Luft auf, befand Lavinia Wilson. Ein großer Spaß gefüllt mit Themen von stetiger Relevanz gepaart mit großartigen schauspielerischen Leistungen. Robert Hunger-Bühler adelte Moritz Bleibtreus Auftritt als Konrad Kujau mit einem Chaplin-Vergleich. Als Kritikpunkt arbeitete die Jury die im Gegensatz zu Schtonk" neu hinzugekommene Ebene einer jungen Spiegel-Journalistin heraus, die damit umgehen muss, dass ihr Professorenvater offenbar bei der Waffen-SS war. Von "Blutleere" war die Rede, während einige der Student:innen die von Sinje Irslinger gespielte Figur als wichtig empfanden, um an die Serie anzudocken, und damit auch den anwesenden Autor und Produzent Tommy Wosch von UFA Fiction in seinem Kalkül bestätigten. Wosch gab in launigem Plauderton spannende Einblicke in die Entstehung der Serie. Doch er kam auch, angeregt durch eine Frage aus dem Publikum, auf den sich wandelnden Serienmarkt zu sprechen - ganz allgemein, aber unter dem Eindruck der Tewes-Demission auch speziell bei RTL. Kam man sich vor einigen Jahren als Serienmacher noch vor wie im Süßigkeitenladen, seien aufgrund von Strategiewechseln die Fenster nun wieder geschlossen. Greta Gilles, Redakteurin von RTL unterstrich mit ihrer Beschreibung, die Fenster seien nicht mehr sperrangelweit offen, aber zumindest noch gekippt, dass das "goldene Serienzeitalter" längst zum verblassenden Mythos geworden ist.

Um so besser für die Laune in Baden-Baden, dass im Anschluss die Aufführung von Eldorado KaDeWe" folgte, von Teilen Blickpunkt:Films zur besten Serie des vergangenen Jahres gekürt, aber bis zur Auszeichnung von Regisseurin Julia von Heinz beim Blauen Panther bislang eher unberücksichtigt geblieben. Mit Hanna Huge und Lavina Wilson fanden sich fast schon euphorische Befürworterinnen, auch Johannes Naber entdeckte viel Gutes. Die Liebesgeschichte der von der anwesenden Valerie Stoll und Lia von Blarer gespielten Charaktere zog in den Bann, die Leichtfüßigkeit der Liebesszenen fand Anklang und großes Lob auch dafür, wie es gelungen sei, das Historische als Vehikel zu verwenden, um Probleme der heutigen Zeit zu behandeln. Lavinia Wilson sprach von einer genialen Idee, das heutige Berlin in die Serie einfließen zu lassen, als offensichtlichster Teil des gelungenen Gesamtkonzepts, den Bogen von der Vergangenheit ins Jetzt zu schlagen. Doch genau diese eingeflochtenen Straßenszenen aus dem heutigen Berlin riss auch den einen oder die andere wie Jurorin Karimah El-Giamal mit Wucht aus der Serie. Höchst Interessante Innenansichten gab die von der Diskussion erfreute Julia von Heinz preis und berichtete von Shitstorms in den sozialen Medien oder davon, wie sich eine relevante Programmzeitschrift nach Ansicht der Serie dafür entschied, "KaDeWe" wieder vom Titel zu nehmen, aber auch von der tiefen Enttäuschung die die lineare Quote hinterließ, nachdem sich die ARD dafür entschieden hatte, alle Folgen an einem Abend auszustrahlen. Der ursprüngliche Plan vom großen Weihnachtsdreiteiler war zuvor wieder verworfen worden. Zum Glück stimmten die Klickzahlen. "Und das wir heute noch über die Serie diskutieren, das ist doch sehr postitiv." Yes!