Produktion

Don Hall & Qui Nguyen zu "Strange World": "Konflikte sind entscheidend"

Pünktlich zum Start der Wintersaison hält Disney Animation wieder einen prachtvollen Film bereit. Wir sprachen mit den Koregisseuren Don Hall und Qui Nguyen über "Strange World", der übermorgen in den deutschen Kinos start, und warum Bösewichte im Animationsfilm überschätzt sind.

22.11.2022 10:07 • von Thomas Schultze
Qui Nguyen und Don Hall sind bei Disney mittlerweile ein eingespieltes Team (Bild: Disney)

Pünktlich zum Start der Wintersaison hält Disney Animation wieder einen prachtvollen Film bereit. Wir sprachen mit den Koregisseuren Don Hall und Qui Nguyen über Strange World", der übermorgen in den deutschen Kinos start, und warum Bösewichte im Animationsfilm überschätzt sind.

Wegen der Pandemie hatte es für Ihren vorangegangenen Film, Raya und der letzte Drache", keine reguläre Kinoauswertung gegeben. Stand für Sie immer fest, dass es bei "Strange World" wieder anders sein würde?

DON HALL: Zumindest für mich gab es da nie einen Zweifel. Er war vom ersten Tag an als Kinoveröffentlichung geplant, so haben wir ihn umgesetzt, so wird er jetzt auch ausgewertet. Es gab auch keinen Moment, wo das in Frage gestellt wurde. Ich sage jetzt mal ganz forsch: Den Film muss man auf der großen Leinwand gesehen haben! Es ist ein großer Film, große Landschaften, großes Abenteuer. Wir freuen uns auf den Kinostart, haben richtig Lust darauf. Und darf ich sagen: Die 3D-Version des Films ist spektakulär. Ich hoffe, das Publikum erhält ausreichend Gelegenheit, diese Fassung zu sehen.

Als ich Sie zuletzt interviewte, erzählten Sie, dass Sie vor der Arbeit an "Raya und der letzte Drache" zu zweit bereits an einem anderen Projekt gesessen hätten. War das "Strange World"?

QUI NGUYEN: Genau. Wir hatten zu diesem Zeitpunkt etwa bereits ein Jahr an "Strange World" gefeilt, es gab sogar schon eine erste interne Vorführung einer ersten Fassung. Rückblickend war das schon eine sehr solide Angelegenheit, die meisten Handlungselemente und Figuren saßen bereits.

Hat Sich Ihr Blick auf "Strange World" durch die Arbeit an "Raya" noch einmal geändert?

QUI NGUYEN: "Raya" hat Don und mich stark zusammengeschmiedet. Wir wussten jetzt, dass unsere Zusammenarbeit funktioniert, dass wir ein gutes Team sind. Als "Raya" fertig war, waren wir aufgeladen. Wir hatten sofort Lust, uns wieder auf "Strange World" zu stürzen. Vor allem wollten wir uns fordern, wir wollten eine Arbeit abliefern, die alles übertrifft, was wir bisher gemacht hatten. Wir wollten Neuland betreten und wussten, dass wir zusammen die Richtigen dafür waren. Bei "Raya" bewegten wir uns noch in Welten, die etwas vertrauter sind, wir konnten uns immer an asiatischem Design und der Kultur orientieren. Bei "Strange World" haben wir uns selbst den Boden unter den Füßen weggezogen. Es ist eine ziemlich schräge Welt, für die es keine Referenz gibt. Und wir waren bereit dafür, als wir die Arbeit wieder aufnahmen.

Es ist nicht ungewöhnlich für Disney-Animation-Filme, dass sie auf ihrer langen Reise zur Fertigstellung oftmals radikale Änderungen durchlaufen. Was waren die großen Baustellen auf dem Weg zu "Strange World"?

DON HALL: Qui hat es gerade schon erwähnt: Wir waren ziemlich schnell schon auf einem guten Weg. Das Fundament stand bereits nach den ersten Monaten, und es blieb weitestgehend unangetastet. Wenn ich mir anschaue, was ich bei anderen Disney-Filmen schon miterlebt habe, dann war "Strange World" eine verblüffend harmonische Reise. Von Anfang stand fest, dass es um drei Generationen einer Familie gehen sollte. Thematisch sollte es immer darum gehen, was es bedeutet, ein guter Vorfahre zu sein. Das Umweltthema war immer klar, wie auch immer klar war: Dies ist eine Abenteuergeschichte. Ja, ein bisschen haben wir geschraubt, bei den Figuren, ihren Beziehungen zueinander und ihrer Bedeutung und Rolle für die Geschichte. Aber eben nichts Fundamentales, dass man alles noch einmal über Bord hätte werfen müssen. Das war gut. Besonders weil wir die Arbeit wegen "Raya" eine lange Zeit ruhen lassen mussten und dann wieder zurückkamen. Wir hatten ein bisschen Abstand und konnten uns den Stoff noch einmal mit frischen Augen vornehmen. Umso froher waren wir, als wir feststellten, dass wir bis dahin gute Arbeit geleistet hatten.

Würden Sie "Strange World" als einen persönlichen Film bezeichnen?

QUI NGUYEN: Wenn ich mir ansehe, mit wie viel Freude der Film gemacht wurde, würde ich das unbedingt bejahen. Es ist nicht leicht, einem so großen Studiofilm einen persönlichen Dreh zu geben. Die Arbeit dauert ewig, es ist eine sehr kollaborative Arbeit vieler begabter Leute. Gemeinsam war es dann so, dass wir alle immer in Richtung Don geschaut haben. Da sind Dialoge in "Strange World", die stammen direkt aus persönlich von ihm Erlebten. Und wir haben sie auf die große Leinwand gebracht.

DON HALL: Da muss ich wieder zu den Anfängen des Films zurückgehen. Ich habe über meine Kids und meinen Vater nachgedacht. Mich hat beschäftigt, was für eine Welt sie von mir erben werden und was für eine Welt ich von meinem Vater geerbt habe. Da steckt viel von mir drin. Mein Vater ist ein Farmer, und er hätte sich gewünscht, dass ich den Betrieb eines Tages von ihm übernehme. Für mich stand schnell fest, dass das nicht mein Weg sein konnte, und habe dann versucht, ihm das beizubringen, ohne ihn zu enttäuschen. Es war definitiv nicht so aufregend und dramatisch wie in "Strange World", aber dafür machen wir ja Filme. Ich bin dankbar und glücklich, dass ich auf einer so großen Leinwand malen darf, dabei aber Geschichten erzählen kann, die eine persönliche Bedeutung für mich haben.

Der Film ist auch eine wunderbare Reminiszenz daran, wie man als Kind große Abenteuergeschichten regelrecht verschlungen hat.

DON HALL: Klar, ich liebe liebe liebe diese Abenteuergeschichten, besonders große Freude hatte ich an Abenteuern, in denen Forscher eine verborgene Welt entdecken. Reise zum Mittelpunkt der Erde" von Jules Verne, Die vergessene Welt" von Arthur Conan Doyle, die "Caspak/Caprona"-Reihe von Edgar Rice Burroughs. "King Kong" natürlich als wunderbares Kinobeispiel für diese Art von Geschichte. Und dann muss ich Jäger des verlorenen Schatzes" nennen, einer meiner absoluten Lieblingsfilme. Insofern kann man schon sagen, dass "Strange World" die Erfüllung eines Kindheitstraums von mir war.

Es sind klassische, altmodische Geschichten. Ihr Film erzählt innerhalb dieser Parameter mit einem modernen Blick. Was war Ihnen wichtig?

QUI NGUYEN: Im Herzen steckt natürlich eine große Pulp-Story, die sich an den von Don genannten Vorbildern orientiert. Aber wir leben im Jahr 2022, und wir erzählen die Geschichte aus der Gegenwart heraus. Sie ist eine Reflektion dessen, was wir um uns herum sehen, unsere Familien, die Menschen, mit denen wir arbeiten. Wenn es also einen besonderen Dreh gibt, mit dem wir die Geschichte modern haben werden lassen, dann würde ich sagen: Wir erzählen eine Familiengeschichte. Und die sieht so aus, wie unsere Familien aussehen. Es sind unsere eigenen Familien, die wir auf die Leinwand gebracht haben. Wir fühlten uns sehr unmittelbar angesprochen von den drei Hauptfiguren, Jaeger, Searcher und Ethan, und wie wir uns im Verhältnis zu ihnen sehen. Keiner von ihnen ist der Bösewicht, aber auch keiner von ihnen ist durch und durch ein Held. Mit jedem von ihnen kann man sich identifizieren, jeder von ihnen hat Träume und Wünsche, die auch wir haben.

Dabei müssen Sie immer eine feine Balance wahren: Sie haben mehrere Botschaften, die Ihnen am Herz liegen, gleichzeitig machen Sie aber auch einen unterhaltsamen Abenteuerfilm. Wie hält man die Waage?

DON HALL: Das muss von Anfang an in der Struktur des Films festgelegt sein. Uns liegt die Umweltbotschaft des Films sehr am Herzen, Diversität und Teilhabe sind uns wichtig. Aber das darf niemals das Zentrum des Films sein. Das wäre moralisierend, hinge einem Film wie ein Gewicht um den Hals. Ich wollte das umgehen, indem wir den Fokus auf den Generationsaspekt legen, die Konflikte, die entstehen, wenn man in die Fußstapfen der Eltern treten soll und für sich erkennt, dass das nicht der richtige Weg ist. Das gibt einen Rahmen für die Geschichte, aber auch für das Anliegen des Films. Dann lassen sich die Elemente harmonisch ineinander verweben. Und dann wussten wir, dass wir uns immer auf die Abenteuergeschichte verlassen, die ihren besonderen Reiz bei uns daraus bezieht, einerseits all die Konventionen zu bedienen, die man sich erwartet, sie aber gleichzeitig gegen den Strich zu bürsten, weil der Forschertrupp nicht nur aus Typen wie Jaeger Clade besteht, sondern aus einer ganz normalen, nachvollziehbaren Familie mit ihren ganz normalen, nachvollziehbaren Nöten.

Wir leben in Zeiten, in denen eine Trennlinie durch die Gesellschaft läuft und in denen Unterhaltung mit einer positiven Botschaft dringend vonnöten ist. Glauben Sie, dass Sie das Publikum damit erreichen können?

QUI NGUYEN: Unsere primäre Aufgabe als Geschichtenerzähler ist es, die Menschen zu unterhalten. Sie zu bewegen, ihnen ein Ventil zu bieten, eine Flucht. Es tut gut, wenn man in einer so komplexen Welt wie die, in der wir leben, einfach einmal ausklinken und sich unserer Fantasie hingeben kann, in die Universen eintauchen, die wir erschaffen, ob das nun Kumandra, San Francokyo oder jetzt Avalonia ist. Aber es ist keine leere Unterhaltung, es gibt immer größere Themen, die die Geschichten antreiben: der Verlust eines geliebten Menschen in "Baymax", eine in mehrere Teile zersplitterte Welt in "Raya" und jetzt die bedrohte Umwelt. Wenn man bei Zuschauern tatsächlich das Bedürfnis nach Dialog auslösen könnte, wäre das das Tüpfelchen auf dem I. Aber wenn das Publikum einfach nur eine gute Zeit hat, haben wir unser Primärziel allemal erreicht.

Sehen Sie das als Ihre Aufgabe als Filmemacher?

QUI NGUYEN: Don und ich lieben Filme. Deshalb wollten wir Filmemacher werden. Wir lieben Filme aber nicht, weil sie tolle Botschaften transportiert haben, sondern weil sie uns mitgerissen haben. Manchmal war da aber eben auch noch mehr. Und wir hoffen, dass uns das bei "Strange World" auch gelingt. Wenn ich niedergeschlagen bin, ist das Kino immer noch meine erste Zuflucht. Wir kehren immer zurück ins Kino, zu Spielberg, zu Lucas, zu den Filmen, die uns unterhalten und die uns Trost gespendet haben. In diese großen Fußstapfen zu treten, das ist das Ziel.

In einer Szene des Films setzen sich die drei Hauptfiguren zu einem Kartenspiel zusammen. Der 16-Jährige sagt seinem Vater und seinem Großvater, dass der Witz an dem Spiel sei, dass es keinen Bösewicht gibt, dass man niemanden bekämpfen und schlagen muss. Das lässt sich auf Ihren Film übertragen. Disney-Zeichentrickfilme wurden immer auch bemessen an ihren Bösewichten. Sie haben keinen, zumindest keinen eindeutigen. Wie das?

DON HALL: Ich gelobe Besserung. Aber es ist wohl einfach so, dass mir Bösewichter einfach nicht so liegen. Was mir liegt, ist die Komplexität von Beziehungen. Deshalb finde ich, dass eine Geschichte nicht unbedingt einen Bösewicht braucht. Was indes niemals funktionieren wird, ist eine Geschichte ohne Konflikt. Konflikte sind entscheidend. Konflikte sind der Antrieb guter Geschichten. Es gibt zahllose Möglichkeiten, wie Konflikt entsteht. Er kann personifiziert sein in einer einzelnen Figur, die die Antithese unseres Helden ist. Oder es kann sein wie bei uns, wo alle drei unserer Hauptfiguren sowie eine der Nebenfiguren an verschiedenen Stellen der Geschichte der Antagonist sind. Klar muss immer nur die Perspektive der Figuren sein und wie diese Perspektiven womöglich in Konflikt miteinander stehen könnten. Das ist ein guter Ausgangspunkt.

QUI NGUYEN: Wo wir schon von "King Kong" gesprochen haben, das ist doch ein perfektes Beispiel: Wir sind auf Seite der Abenteurer, die Kong für eine Ausgeburt des Bösen halten. Am Ende des Films gehören Kong alle Sympathien, weil einem seine Motivation bewusstwird. Zunächst ist es Mensch gegen Natur, bis die Erkenntnis herrscht, dass beide Seiten nur überleben wollen.

DON HALL: Ich bin doch sehr stolz, dass es uns bei "Strange World" gelungen ist, ein ähnliches Szenario zu schaffen. Dann aber, ohne zu viel verraten zu wollen, die ganze Zielrichtung auf den Kopf zu stellen. Wenn das erst einmal etabliert ist, erhält der Film einen ganz neuen Dreh. Und das macht die Sache für uns spannend. Zum Glück arbeiten wir bei einem Studio, das diese Art von Experimenten unterstützt, teilweise regelrecht fordert.

Thomas Schultze