Produktion

Sophie Cocco zu "Die stillen Trabanten": "Wie Tetris spielen"

Die ausführende Produzentin ist ab nächster Woche mit "Die stillen Trabanten" in den Kinos. Sie setzt mit dem Episodendrama ihre Zusammenarbeit mit Thomas Stuber, Clemens Meyer und Sommerhaus fort. Nachhaltiges, familienfreundliches Produzieren ist ihr ein Anliegen.

24.11.2022 07:34 • von Heike Angermaier
Sophie Cocco (Bild: Isabel Falconer)

Die ausführende Produzentin Sophie Cocco ist ab 1. Dezember mit Die stillen Trabanten" in den Kinos. Sie setzt mit dem Episodendrama ihre Zusammenarbeit mit Regisseur Thomas Stuber, Autor Clemens Meyer und Sommerhaus Filmproduktion fort. Nachhaltiges, familienfreundliches Produzieren ist ihr ein Anliegen.

Wie sind Sie zum Projekt gekommen?

SOPHIE COCCO: Ich war Produktionsleiterin bei Thomas Stubers Kinodebüt Herbert". Das war eine sehr schöne Zusammenarbeit, und so hat sich Thomas gewünscht, dass ich auch seinen nächsten Film In den Gängen" begleite und er hat mich Jochen Laube und Fabian Maubach von Sommerhaus Filmproduktion vorgestellt. In dieser Konstellation hat es so wunderbar funktioniert, dass ich bei Sommerhaus geblieben bin, weitere Kinospielfilme der Produzenten betreute und bei der Entwicklung von Thomas' neuem Film "Die stillen Trabanten" seit der ersten Minute dabei war. Für Clemens Meyer und mich ist es die vierte Zusammenarbeit, da ich auch bei Als wir träumten" an Bord war. Bei "In den Gängen" und "Die stillen Trabanten" habe ich auch die Verträge mit dem Fischer Verlag mit Regine Eckel geklärt.

Was war das Schwierigste für Sie bei "Die stillen Trabanten"? Viele Szenen spielen nachts.

SOPHIE COCCO: Wie bei "In den Gängen" drehten wir tatsächlich fast nur nachts. Das ist für die Produktion genau wie für Cast und Crew eine große Herausforderung, da man den Lebens- und Familienrhythmus ändern muss und zwölf Stunden Arbeit bei Nacht anstrengender sind als bei Tag. Und für die Produktion und viele Gewerke gibt es auch am Tag etwas zu tun, da Behörden oder Dienstleister nur dann ansprechbar sind. So habe ich versucht, für diese Bereiche eine Struktur zu schaffen mit fließenden Übergängen.

Sie kümmern sich überhaupt sehr um faires, familienfreundliches Arbeiten?

SOPHIE COCCO: Familienfreundliches, nachhaltiges Produzieren ist ein persönliches Anliegen. Ich habe meine Diplomarbeit über faires Produzieren geschrieben und entwickle für jedes Projekt Modelle, damit auch die Familie mitgenommen werden kann, wenn außerhalb des Wohnorts gedreht wird, bzw. versuche ich, eine Doppelbesetzung oder einen Ersatz für den Notfall zu arrangieren, wie wir es zum Beispiel für Kostümbildnerin Juliane Maier bei "In den Gängen" und "Die stillen Trabanten" getan haben. Außerdem versuchen wir, dass die Mitarbeiter ein langes Wochenende haben, indem wir große Besprechungen nicht für Freitag oder Montag ansetzen.

Das ist mit höheren Kosten verbunden.

SOPHIE COCCO: Erst mal schon, aber es ist nachhaltig: Es verbindet das Team zu einer Filmfamilie. Bei "Die stillen Trabanten" fand sich fast dasselbe Team wie bei "Herbert" und "In den Gängen" zusammen. Man kennt sich schon, hat schon eine gemeinsame Basis und Sprache. Die Kommunikation, die Arbeit ist effektiver, da bestimmte Fragestellungen bereits geklärt, bestimmte Strukturen bei den vorherigen Filmen schon aufgesetzt wurden.

Filmemachen kostet Lebenszeit, und die verbringt man lieber mit Menschen, mit denen man künstlerisch und zwischenmenschlich auf einer Ebene ist. Das wirkt sich auch auf den Film aus, finde ich.

War es schwierig, die Locations zu bekommen, insbesondere für den Bahnhof oder das Hochhaus?

SOPHIE COCCO: Der Leipziger Bahnhof war eine Herausforderung, weil man viele verschiedene Ansprechpartner hat. Die Verhandlungen haben sich über ein Jahr hingezogen, um am Gleis, in der Bahnhofskneipe usw. drehen zu dürfen. Die Szenen im Hochhaus haben wir in viele Locations aufgesplittet, was u.a. auch den Corona-Auflagen geschuldet war. Szenenbildnerin Jenny Roesler, die in Leipzig lebt, betreute mit mir federführend das Locationscouting. Wir sprachen mit Verantwortlichen von Wohnungsbaugesellschaften, die ein offenes Ohr für unser Anliegen hatten, da sie Stubers und Meyers Arbeiten kannten.

Wie lange betreuten Sie "Die stillen Trabanten"? Bei früheren Projekten waren Sie teils nur in bestimmten Produktionsphasen tätig.

SOPHIE COCCO: Komplett. Ich habe nicht nur von Minute eins die Entwicklung sondern auch die gesamte Postproduktion betreut, genau wie die Schlussabrechnung sowie zusammen mit Warner das Marketing, die PR und die Auswertung. Gerade bin ich dabei, die Kinotour mit zu organisieren.

Neu für mich war hier die Episodenfilmstruktur, die sehr besonders war. Denn ändert man nur eine Kleinigkeit bei einem Teil einer Episode, hat das beim Schnitt Auswirkungen nicht nur auf die Episode selbst, sondern auf das gesamte Konstrukt.

Ihr Job gehört zu denen, die bei der Diskussion um den Fachkräftemangel in der Branche häufig genannt werden.

SOPHIE COCCO: Ich gehöre zum Gremium an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg, das den neuen Studiengang Executive und Line Producing ins Leben gerufen hat und versuche so die Ausbildung in den Bereichen anzuschieben.

Was sagen Sie Interessierten, was an Ihrer Arbeit reizvoll ist?

SOPHIE COCCO: Dass man eng in den künstlerischen Prozess der Projekte eingebunden ist und intensiv mit den Kreativen zusammenarbeitet. Ich sage immer: Ich nutze Zahlen, um eine kreative Vision möglich zu machen.

Arbeiten Sie bereits am nächsten Projekt mit Sommerhaus?

SOPHIE COCCO: Ja, wir entwickeln zusammen die nächsten Projekte mit Burhan Qurbani, mit dem ich an "Berlin Alexanderplatz" gearbeitet habe, und mit Maggie Peren, deren Hello Again" und Der Passfälscher" ich betreut habe. Ich möchte die Idee der Filmfamilie fortführen, immer wieder mit den Persönlichkeiten arbeiten, mit denen ich mich gut verstehe.

Ich fühle mich auch sehr wohl bei Sommerhaus. Dem Unternehmen ist familienfreundliches, grünes Filmen genauso wichtig wie mir. Deswegen freue ich mich besonders, dass "Die stillen Trabanten" für den Eisvogel, dem Preis für nachhaltige Filmproduktionen, nominiert wurde. Das zeigt, dass wir es mit der Nachhaltigkeit ernst nehmen.

Könnten Sie ein paar konkrete Maßnahmen nennen?

SOPHIE COCCO: Wir durften den Film komplett in Leipzig drehen und mussten nicht für ein paar Tage im Tross nach Baden-Württemberg oder Hamburg ziehen. Darauf mussten wir uns mit den Förderern einigen. Wir hatten mit Robert Hertel außerdem einen sehr guten Berater, der mit allen Teammitgliedern persönlich gesprochen hat. Auch Albrecht Schuch zum Beispiel ist mit der Bahn angereist und wie die meisten von uns innerhalb der Stadt mit dem Fahrrad gefahren.

Konnten Sie auch die Episoden bzw. Szenen, die an einem Ort spielen, in einem Rutsch drehen?

SOPHIE COCCO: Leider nicht, da unser prominentes Ensemble teils parallel auch für andere Projekte engagiert war. Den Drehplan zu erstellen, war wie Tetris zu spielen. Es ist produktionslogistisch eine Herausforderung und auch mit höheren Kosten verbunden, wenn man immer wieder in dieselbe Location zurückkehren muss.

Ich habe gerade an der DFFB ein Seminar zu "Die stillen Trabanten" gegeben und dort die Drehpläne präsentiert. Der erste Plan war tatsächlich in Blöcken nach den jeweiligen Locations aufgeteilt, aber je näher der Drehtermin rückte desto weiter entfernte man sich vom ursprünglichen Plan, wurde die ideale Struktur von der Realität eingeholt.

Insgesamt verlief die Produktion im geplanten Rahmen?

Mit den üblichen Abweichungen. Da nicht alle Förderungen in dem Maße förderten wie erhofft, mussten wir überlegen, wie wir den Ausfall kompensieren können. Es war insgesamt eine sehr besondere Zeit und ich bin glücklich, wie alles gelaufen ist.

Das Interview führte Heike Angermaier