Produktion

PREVIEW KINO: "She Said" von Maria Schrader

Nach seiner Weltpremiere beim Filmfestival in New York ist "She Said" nun regulär in den US-Kinos gestartet. In Deutschland startet die erste Hollywoodarbeit von Maria Schrader am 8. Dezember. Wir haben einen ersten Blick gewagt.

21.11.2022 08:57 • von Thomas Schultze
Die Waffen der Frauen: "She Said" mit Carey Mulligan und Zoe Kazan (Bild: Universal)

Nach seiner Weltpremiere beim Filmfestival in New York ist She Said" nun regulär in den US-Kinos gestartet. In Deutschland startet die erste Hollywoodarbeit von Maria Schrader am 8. Dezember. Wir haben einen ersten Blick gewagt.

Wer einen Thriller dreht über investigativen Journalismus, wird sich unweigerlich, ungeachtet seines eigentlichen Themas, vergleichen lassen müssen mit Die Unbestechlichen" von Alan J. Pakula aus dem Jahr 1976 über die Recherchen von Woodward und Bernstein zur Watergate-Affäre, der ultimative Paranoiathriller seines Jahrzehnts, und Thomas McCarthys Spotlight" über einen vom Investigativteam des Boston Globe aufgedeckten Kindermissbrauchsskandals der Katholischen Kirche, der fast vier Jahrzehnte später den Oscar als bester Film gewinnen konnte. "She Said" weiß um die Vorbilder, nennt ihren Einfluss sogar explizit im Pressematerial. Aber das ist ein Ablenkungsmanöver, eine kluge Taktik, um sich abzusichern: Wir haben, sagen die Macher, einen Film gemacht über die beiden Journalistinnen der New York Times, Jodi Kantor und Megan Twohey, deren am 5. Oktober 2017 veröffentlichter epochaler Enthüllungsartikel den Hollywoodmogul Harvey Weinstein zu Fall und die #MeToo-Bewegung ins Rollen brachte, und es ist ein Film, der in der Liga der Klassiker mitspielt. Dabei ist genau nicht entscheidend, ob Maria Schraders erste für ein Hollywoodstudio entstandene Regiearbeit so gemacht ist wie die Vorbilder. Entscheidend ist, was er anders macht. Das macht "She Said" besonders. Und herausragend. Weil hier alles dabei ist, was man sich von einem Journalismusthriller erwartet, die Suche nach Wahrheit, das Fahnden nach Zeugen, nach der entscheidenden Bestätigung der Vorwürfe, die langen Nächte allein am Schreibtisch, die Zweifel und Verzweiflung, der wachsende Druck von außen, die Bedrohung, die aufrechte Hartnäckigkeit.

Und doch ist es ein ganz anderer Film geworden als "Die Unbestechlichen" und "Spotlight", ein Enthüllungskrimi mit einem anderen Blick und Ton, der auf seine bestechende und unbestechliche Weise zeigt, wie sehr die vergleichbaren Filme davor geprägt sind von ihrem männlichen Blick - ohne Kritik oder Vorwurf, immer mit großem Respekt vor deren Leistung. Es ist einfach eine Feststellung, die "She Said" wie nebenbei trifft - und mit dem Film auch der aufmerksame Zuschauer -, während er seinen beiden Heldinnen, gespielt von Zoe Kazan und Carey Mulligan, bei ihrer Arbeit und durch ihr Leben folgt. Auf ihnen liegt der Fokus und auf den Frauen, die misshandelt und missbraucht wurden, und deren Geschichten, nie auf Harvey Weinstein selbst, den man nur einmal sieht, und auch dann nur kurz und von hinten. Obwohl es explizit um diesen Fall geht, um die vielen Jahre, in denen der einstmals mächtigste Mann der Filmindustrie, der Königsmacher bei den Oscars, als Chef von Miramax und später der Weinstein Co. sich wie selbstverständlich das Recht herausnahm, von Frauen - Schauspielerinnen, Angestellte - sexuelle Gefälligkeiten einzufordern, ist der Harvey Weinstein des Films Sinnbild für ein System, für Machtmissbrauch und sexuelle Gewalt.

Das ist der Rahmen, der den Plot bestimmt und für Dringlichkeit, Druck und Spannung sorgt. Aber es ist nicht der Film, so klug geschrieben von Rebecca Lenkiewicz, die mit "Ungehorsam" vor ein paar Jahren ein starkes Drehbuch verfasst hatte, das eine faszinierende Verwandtschaft mit Maria Schraders großartiger Miniserie Unorthodox" aufweist, und so besonnen und erwachsen inszeniert von Maria Schrader in ihrer ersten Arbeit seit ihrem gefeierten Lola-Gewinner Ich bin dein Mensch". Sie lassen Jodi Kantor und Megan Twohey keine klischeehaften Journalistinnen sein, die für ihren Beruf alles opfern, sondern Frauen, die damit kämpfen, Beruf und Privatleben in Einklang zu bringen, zwei Reporterinnen, die auch Mütter sind, Ehefrauen, die eingebunden sind in ein Leben diesseits ihrer Ermittlungen. Das erdet sie, das erdet den Film. Das macht ihre Arbeit so wichtig, weil "She Said" den Kampf um Wahrheit und das Aufdecken von Machtmissbrauch nicht als hehres Ideal im luftleeren Raum begreift, sondern mit Leben und Alltag füllt. Hierfür wird gekämpft, darum geht es. Dafür bedarf es keiner fancy cameramoves oder stilistischer Mätzchen, alles ist ganz matter of fact, nüchtern, aber nicht klinisch, kein aufgesetztes Feuerwerk muss abgebrannt werden, um zu packen. Der Blick des Films ist neugierig und empathisch und eindeutig weiblich. Wenn die Kamera von Natasha Braier einfach nur einen leeren Hotelgang hinunterblickt, während man originale Audioaufnahmen Weinsteins hört, wie er eine Frau verbal in seine Suite zu drängen versucht, oder Samantha Morton in ihrem einzigen Auftritt im Film, eine regelrechte Masterclass an überragender Schauspielkunst, als ehemalige Miramax-Angestellte bei einem Treffen mit Jodi Kantor in London glasklar darlegt, wie das System Weinstein funktionierte und was daran falsch und krank ist, stellen sich dem Zuschauer die Nackenhaare auf. Die Wirkung ist verheerend. "She Said" verzichtet auf das "He Said": Er hört den Frauen zu, er sieht den Frauen zu, er lässt Frauen erzählen. Für uns alle.

Thomas Schultze