Kino

Achim Rohnke, VTFF-Geschäftsführer: "Der grüne Weg in die digitale Zukunft"

Öko-Standards sind die Treiber der Modernisierung der TV- und Filmindustrie. Die Dienstleister brauchen Unterstützung. Ein Aufruf vom Geschäftsführer des Verbands technischer Betriebe Film & Fernsehen Achim Rohnke, der im aktuellen Blickpunkt:Film-Sonderheft "Green Production" erschienen ist.

24.11.2022 12:54 • von Barbara Schuster
Achim Rohnke ist Geschäftsführer des VTFF (Bild: VTFF)

Öko-Standards sind die Treiber der Modernisierung der TV- und Filmindustrie. Die Dienstleister brauchen Unterstützung. Ein Aufruf vom Geschäftsführer des Verbands technischer Betriebe Film & Fernsehen Achim Rohnke, der im aktuellen Blickpunkt:Film-Sonderheft "Green Production" erschienen ist.

Steht der Klimawandel auf der Kippe zur Klimakatastrophe? Die Meldungen über Waldbrände, Überflutungen und Wirbelstürme bisher nicht bekannten Ausmaßes sind jedenfalls alarmierend genug. Jeder Einzelne, aber auch jede gesellschaftliche Gruppe ist aufgefordert, sein Verhalten zu überprüfen und zu ändern. Der Verband technischer Betriebe Film & Fernsehen (VTFF) hat gehandelt und sich mit Sendern, Produzenten und einzelnen Länderförderern zu der Initiative "Green Shooting" zusammengeschlossen. Die gemeinsame Festlegung auf ökologische Standards innerhalb der Film- und TV-Branche ist keine jener lässig handhabbaren Selbstverpflichtungen, die man in der Praxis einhält oder eben nicht, sondern ein mit 21 harten Kriterien hinterlegter Katalog. Nur wer mindestens 18 dieser Standards nachprüfbar einhält, kann am Ende eines Drehs mit dem Label "Green Motion" seine Arbeit als echte "Green Production" ausweisen. Ich bin mir sicher: Ein solches Label wird immer wichtiger. Der ressourcenschonende Umgang mit unseren Rohstoffen wird den Ausschlag geben zwischen "like" oder "dislike" bei den Fernsehzuschauer:innen.

Dienstleistern kommt eine Schlüsselrolle zu

Der Gedanke hinter der Initiative ist ein ebenso nachhaltiger wie ganzheitlicher: Vom ersten Script-Entwurf bis zur Postproduction müssen sich die Themen Ökologie, Emissionsvermeidung, Energiesparen und der verantwortungsvolle Umgang mit Ressourcen künftig wie ein grünes Band durch die gesamte Produktion ziehen. Muss der 1000 Kilometer entfernte Außendreh tatsächlich sein? Reicht für diese Showproduktion nicht ein Truck voller Licht statt zwei? Muss für diese Szene tatsächlich ein neues Kostüm her oder reicht der Griff in den Fundus? Eine ganze Industrie muss hier einen Bewusstseinswandel vollziehen! Den technisch-kreativen Dienstleistern der TV- und Filmbranche - Licht- und Kamera­verleiher, Außenübertragungs­firmen, Studios, Fundi, Post- und VFX- Firmen - kommt in diesem Trans­formationsprozess in mehrfacher Hin­sicht eine Schlüsselrolle zu. Allenthalben investieren die Dienstleister derzeit in regenerative Energie, sparsamere Ausrüstungen und stellen Schritt für Schritt ihre Fuhrparks auf alternative Antriebe um. Sie sind es auch, die die herkömmlichen Arbeitsweisen der Film- und TV-Industrie aufbrechen, neue digitale Workflows und nachhaltigere Produktionsweisen im Sinne des "Green Shooting" entwickeln und gemeinsam mit Sendern und Produzenten implementieren. Aus dieser engen Verbindung zwischen Medien und IT entstehen nicht nur dringend benötigte High-Tech-Arbeitsplätze, die Film- und Serienproduktionswirtschaft entwickelt sich so zu einem relevanten Treiber auf dem Weg in das digitale Zeitalter mit Ausstrahlkraft auf eine ressourcenschonende Volkswirtschaft. Das Ziel muss eine durchdigitalisierte, nachhaltig produzierende Filmwirtschaft sein, die sich als grüner Standort positioniert und so auch im harten internationalen Wettbewerb Vorteile gewinnt. Als Green-Tech-getriebene Unternehmen werden die Dienstleiser so in ihrer Branche ein ganz neues Standing gewinnen und einen höheren Anteil an der gesamten Wertschöpfungskette erreichen.

Transformation hat bereits begonnen

Der VTFF unterstützt den grünen Transformationsprozess mit zahlreichen Initiativen. Nur ein Beispiel: Anfang des Jahres legten die im Verband organisierten Studios einen "Grünen Steckbrief" auf, der angibt, wie weit sie bereits die vereinbarten ökologischen Standards einhalten - eine wichtige Orientierungshilfe für Produzenten und Sender auf ihrem eigenen Weg zu mehr Nachhaltigkeit. Aktuell sind die im VTFF organisierten Rental-Unternehmen dabei, die Sets mit speziellen Geräten zur Messung der Stromverbräuche auszustatten, um eine solide Grundlage für eine grüne Energieplanung bereits vor dem jeweiligen Dreh zu erlangen. Generatoren, die mit fossilen Energieträgern betrieben werden, sind bekanntlich für hohe Treibhausgasemissionen verantwortlich. Ein effizienter und sparsamer Einsatz dieser Geräte trägt erheblich zu einer Reduzierung von CO2-Emissionen bei. Der VTFF setzt sich in diesem Zusammenhang dafür ein, dass diese Generatoren zukünftig als effiziente Hybridsysteme, also in Kombination mit Stromspeichern, eingesetzt werden oder mit Kraftstoffen betrieben werden, die aus zertifizierten, regenerativen Rohstoffen gewonnen wurden. Welche finanziellen Dimensionen der Weg zu einer ressourcenarmen Produktionsweise besitzt, zeigt eine Zahl, die der VTFF bei einer detaillierten Mitgliederbefragung erhoben hat: Allein der zukünftige Austausch der Dieselgeneratoren durch emissionsfrei betriebene Geräte wird rund 78 Millionen Euro kosten. Diese Investitionen werden die Rental-Unternehmen nur nicht alleine stemmen können! Im Bereich Transport darf es keine Vorgabe an die Dienstleister geben, dass Spezial-LKWs die Dieselnorm Euro 6 erfüllen müssen, da dies heute zu einer Fehlallokation von Investitionen in alte Technologie führen würde. Der VTFF fordert einen technologieoffenen Weg, der zukünftig nicht nur E-Mobilität einschließt, sondern auch alternative Antriebe aus anderen regenerativen Energiequellen, sobald diese marktreif sind.

Ganzheitlicher Weg zur grünen Erneuerung

Den Weg in eine grüne (Produktions-)Zukunft können die technisch-kreativen Dienstleister nicht allein gehen. Die durch den Krieg in der Ukraine ausgelöste Energiekrise und die Inflation haben die finanziellen Spielräume der meisten VTFF-Mitglieder noch einmal deutlich verengt. Die Politik ist deshalb gefordert, den grünen Umstieg mit speziell auf die TV- und Filmindustrie zugeschnittenen Programmen zu fördern. Die Formel von der schnellen und unbürokratischen Hilfe darf hier keine Phrase bleiben, wenn die Transformation gelingen soll. Die zuständige Staatsministerin für Kultur und Medien, Claudia Roth, hat bereits Entgegenkommen signalisiert. Jetzt müssen Taten folgen.Der VTFF und seine Mitglieder betrachten »Green Shooting« nicht nur als gesamtgesellschaftliche Verpflichtung zu ökologischem Handeln. Für die technisch-kreativen Dienstleister ist die grüne Transformation ein ganzheitlicher und notwendiger Prozess der Erneuerung und Innovation für die gesamte Branche. Am Ende dieses Wegs wird die deutsche Film- und Fernsehwirtschaft ökologischer, digitaler, sparsamer, moderner, schlanker, kurzum wettbewerbsfähiger sein. Jeder grüne Euro ist auch eine Investition in die Wettbewerbsfähigkeit des Filmstandorts Deutschland.

Achim Rohnke