Kino

KOMMENTAR: Deutsche Überflieger am Drücker

Wie streng wir doch alle waren; wie hart wir mit dem deutschen Film ins Gericht gegangen waren! Um die anhaltende Misere in den deutschen Kinos erklären zu können, war es dann doch immer sehr einfach, auf den wenig erfreulichen Marktanteil für lokales Produkt in den ersten drei Quartalen zu verweisen.

10.11.2022 07:39 • von Jochen Müller
Thomas Schultze, Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

Wie streng wir doch alle waren; wie hart wir mit dem deutschen Film ins Gericht gegangen waren! Um die anhaltende Misere in den deutschen Kinos erklären zu können, war es dann doch immer sehr einfach, auf den wenig erfreulichen Marktanteil für lokales Produkt in den ersten drei Quartalen zu verweisen. Uns nehmen wir da nicht aus; ich selbst konnte mir manche Spitze nicht verkneifen, bei einem anämischen Marktanteil von gerade einmal 15 Prozent.

Sah ja auch nicht schön aus: Vor dem Start von Guglhupfgeschwader" im August hatte gerade einmal ein deutscher Film mehr als eine halbe Million Tickets verkaufen können - Wunderschön", der nach Umsatz aktuell immer noch der erfolgreichste deutsche Film des Jahres. Aber dabei wissen wir doch alle: Das sind Momentaufnahmen. Ein paar Wochen später kann es dann schon ganz anders aussehen. Wie man gerade sieht: Parallel zum achten Eberhofer - deutscher Besuchermillionär 2022 Nummer zwei nach "Wunderschön" - zeigte sich auch das Kino-Reboot von "Bibi & Tina" mit mittlerweile 720.000 Ticketverkäufen als veritabler Erfolg und unterstrich, dass es ganz so schlimm nicht bestellt gewesen sein kann. Dass im eigentlichen Kinosommer die Stühle zwischenzeitlich hochgestellt wurden, ist auch nichts Neues: Da lässt man die großen Hollywoodfilme ran, die auch entsprechend ihre Erfolgsarbeit verrichteten.

Nun wiederum haben die deutschen Produktionen die Hollywood-Flaute seit Bullet Train" genutzt und sich in Stellung gebracht: Die Schule der magischen Tiere 2" ist nunmehr der erste deutsche Film seit 2019, der mehr als zwei Millionen Tickets verkaufen konnte; Fatih Akin hatte in seiner 25-jährigen Karriere noch keinen so tollen Start wie mit "Rheingold", dessen großartiges erstes Wochenende kein Zufall war: Es spricht sich herum, dass hier großes, unterhaltsames Kino geboten wird. Der Nachname" liegt nach dem dritten Wochenende nur ganz knapp hinter dem Vorgänger "Der Vorname", der 2018 in der Endabrechnung ein Besuchermillionär war. Und auch Hui Buh und das Hexenschloss" kam gut aus den Startlöchern.

Was diese so unterschiedlichen Titel eint: Sie bieten großes Kino mit der erklärten Absicht, ihr Publikum abzuholen und gut zu unterhalten. Sieht man sich parallel dazu an, welch hohe Wellen Im Westen nichts Neues" auf Netflix schlägt, wie großartig der Film aktuell gerade im Ausland ankommt, bei der Kritik und dem Publikum gleichermaßen, und für deutsches Filmschaffen wirbt, dann muss man sich nicht sorgen. Und nur ein bisschen darüber ärgern, dass diesem Ausnahmefilm eine reguläre Kinoauswertung versagt geblieben ist. Für den deutschen Film wirbt die Regiearbeit von Edward Berger allemal. Darauf kommt es an: Das deutsche Kino ist besser als sein Ruf. Und aktuell so erfolgreich, wie es das verdient.

Thomas Schultze, Chefredakteur