Kino

Förderreform: Ohne Ehrgeiz geht es nicht

Wie der "große Wurf" bei einer Reform der Filmförderung aussehen kann, ist offen. Beim kinopolitischen Abend des HDF sprach BKM-Amtschef Andreas Görgen allerdings sehr offen über mögliche Ansatzpunkte - und die Erwartungen an die Branche.

10.11.2022 07:23 • von Marc Mensch
BKM-Amtschef Andreas Görgen stand im Mittelpunkt des kinopolitischen Abends des HDF (Bild: Mike Auerbach)

Dass das Filmförderungsgesetz zunächst lediglich eine weitere Verlängerung erfahren wird, war schon lange Branchengespräch, mittlerweile ist dies mit Vorlage des Referentenentwurfs auch offiziell. Aber was muss geschehen, um den großen Wurf zu realisieren, wo liegen die Hoffnungen der Kinobranche - und wo die Erwartungen der Politik?

Zu diesen Fragen gab es beim kinopolitischen Abend des HDF im UCI Luxe am Berliner Mercedes-Platz interessante Einblicke, die - und das war vermutlich der wichtigste Aspekt dieses Abends - im persönlichen Gespräch auch debattiert und vertieft werden konnten. Umso mehr, als Vertreter sowohl der Regierungsparteien als auch der Union an diesem Abend nicht nur sehr zahlreich vertreten waren, sondern sich überdies ausgesprochen interessiert an weiteren Gesprächen gaben. Was nicht nur ein starkes Signal im Sinne der Wahrnehmung der Branche durch die Politik, sondern auch ein klarer Erfolg dieser Veranstaltungsform war.

Über die im Referentenentwurf angeführten Gründe für die neuerliche Entscheidung, grundlegendere Reformen aufzuschieben, hatten wir bereits berichtet, BKM-Amtschef Andreas Görgen brachte einen zentralen Punkt noch einmal auf den Punkt: "Wir sind noch nicht so weit." Was vor allem auch bedeutet: Die Branche ist noch nicht so weit. Oder in seinen Worten: "Wir sind da ehrlich: Wir haben uns nicht imstande gesehen, angesichts des noch sehr offenen Diskurses ein großes Paket zu schnüren."

Oder mit anderen Worten: Die Politik erwartet mehr Konsens seitens der Branche selbst, deren Gelder es schließlich sind, deren Verteilung (und Erhebung) über das FFG geregelt wird. Daher auch Görgens Appell: "Wir brauchen Ihren Ehrgeiz, tatsächlich etwas Neues auf die Beine zu stellen! Wir sollten wenigstens sagen können, es versucht zu haben." Görgen, der auf dem Panel sehr offen sprach, bekannte freimütig, dass er "keine Lust" habe 2022 etwas zu machen, woran er 2002 (auch damals war er in den Novellierungsprozess involviert) gescheitert sei. Man wisse schlicht nicht, ob es wirklich möglich sei, gemeinsam etwas Neues auf die Beine zu stellen, oder ob man allgemein schon zu eingefahren im "Prozess des Verstellens kleiner Stellschrauben" sei.

Nun könnte man all das schon über eine "reguläre" FFG-Novellierung sagen. Aber hinzu kommt bekanntlich noch ein Auftrag aus dem Koalitionsvertrag, der zumindest die Prüfung neuer Modelle (Steueranreizmodell und Investitionsverpflichtungen) beinhaltet. "Die Filmpolitik neu zu gestalten, schafft man in zehn Monaten nicht", so Görgen - der übrigens auch bekannte, dass er nicht wisse, ob man im aktuellen Prozess auch noch "so mutig" sein könne, gleich noch den Föderalismus (also die Rolle der Länderförderer) mit anzupacken.

Thomas Hacker, der filmpolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, wollte an dieser Stelle nicht auf einen Seitenhieb gegen die abgelöste große Koalition verzichten, die sich zuletzt auch einen "großen Wurf" auf die Fahnen geschrieben habe, letztlich aber eine Verlängerung umgesetzt habe. Dass dafür vorrangig die Pandemie (die nun erneut als einer der Gründe für die Verlängerung angeführt wird) verantwortlich war, erwähnte er nicht - gestand aber doch ein, dass man sich mit den im Koalitionsvertrag (nicht zuletzt auf Betreiben seiner Partei) formulierten Zielsetzungen unter Druck gesetzt habe. Diesen Druck wolle man zugunsten "vernünftigen Nachdenkens" etwas herausnehmen - zumal man viele Parteien einbeziehen müsse, wenn man am Ende tatsächlich über Steueranreize spreche. Er jedenfalls sei zuversichtlich, dass man dies, "anders als die Vorgängerregierung", in dieser Legislaturperiode umsetzen könne.

Durchaus eine Steilvorlage für den Vertreter der Union auf dem Panel: Marco Wanderwitz erklärte zwar, dass er die Verlängerung für vernünftig halte, verwies aber auch darauf, dass die Union in ihrer zurückliegenden Regierungszeit durchaus die eine oder andere große Änderung umgesetzt habe (darunter die Einbindung neuer Player in das Solidarsystem der FFA). Und er sprach vor allem aus, was grundlegendes Problem einer FFG-Novelle auch für die Ampelkoalition sein wird: "Vielleicht hofft man dort ja darauf, dass sich Freunde finden und gemeinsam sagen, was sie wollen - ich jedenfalls bin nicht so blauäugig zu glauben, dass das geschieht."

Inwieweit es gelingen kann, brancheninternen Dissens zu überwinden, könnte relativ zeitnah ein wenig klarer werden - am Beispiel der Branchenvereinbarung. Laut der HDF-Vorstandsvorsitzenden sei es nur noch "eine Hürde", die es auf der Zielgeraden zu überwinden gelte - und man hoffe, sie "bald" nehmen zu können, so Christine Berg in ihrer einleitenden Rede, bei der sie den Teilnehmenden an den Verhandlungen auch ausdrücklich dankte, diesen "wilden Ritt" gemeinsam bestritten zu haben - und Martin Rabanus dafür, seine Zeit für die Begleitung des Prozesses geopfert zu haben. Zu den selbstverständlich stets im Raum stehenden Einzelinteressen erklärte sie: "Verhandeln tut eben auch weh, da muss man eben auch mal nachgeben."

Aber zurück zu den Erwartungen der Politik: Görgens sagte klipp und klar, dass es im Zuge der Neuaufstellung der Filmförderung nicht zuerst darum gehen könne, in welche Förderbereiche zusätzliche Mittel fließen sollten - vielmehr sei die Branche gefordert, Vorschläge vorzulegen, wie ein konstanter Mittelansatz im Sinne ihrer Ziele anders verteilt werde. Was erst einmal hart klingt - und es faktisch auch ist. Was man aber natürlich im Sinne dessen sehen muss, das einzelnen Instrumenten im Zuge des sprichwörtlichen "großen Wurfes" - also eines Unterbaus, der künftig tatsächlich die aktuell in Prüfung befindlichen Modelle umfassen könnte - tatsächlich eine veränderte Rolle zukommen könnte. Ein Henne-Ei-Problem? Womöglich.

Ein Fan von (noch mehr) Juryentscheidungen ist Görgen jedenfalls definitiv nicht. Und so sehr er dieses Thema auch (halb)ironisch aufgriff - seine Aussage, dass er nicht verstehe, weshalb die kulturelle Filmförderung der BKM derart stark ausgebaut worden sei, ließ aufhorchen. Auch wenn sich diese Bemerkung keineswegs gegen die kulturelle Förderung als solche richtete. Aber ganz klar gegen die aktuell damit verbundene Bürokratie. Und auch zur Frage der Anzahl geförderter Projekte hatte er eine klare Meinung: Der Kern einer Filmförderung drücke sich nicht in der Menge an Produktionen aus - und auch FFG-geförderte Filme hätten die Leinwände mitunter verstopft. Fragezeichen hinterließ indes die von ihm in den Raum gestellte Frage, was man mit dem DFFF angestellt habe - einer Förderung, die "ohne Recoupment" leer laufe. Denn die Standorteffekte dieser Standortförderung sollten eigentlich kaum umstritten sein...

Eine ganz zentrale Forderung, die Görgen zudem in den Raum stellte, ist eine, die die Branche auch auf anderer Ebene beschäftigt: Transparenz. Was in diesem Fall konkret damit gemeint war? Stark vereinfacht gesagt: Wer verdient woran wieviel - und wie hoch ist jeweils der tatsächliche Förderbedarf? Im Zuge der Corona-Hilfen, bei deren Aufstellung konkrete Daten auf den Tisch hätten gelegt werden müssen, habe das schon "ganz gut funktioniert" - und auch jetzt müsse man sich konkret über Zahlen unterhalten. Transparenz gehe allerdings auch einher mit Vertraulichkeit - und so offen Görgen an diesem Abend auch war, so sehr betonte er mehrfach, dass solche Punkte nicht Gegenstand öffentlicher Diskussionen sein könnten, sondern selbstverständlich im Hintergrund behandelt werden müssten.

Die Branchenerwartungen an eine Neujustierung des Fördersystems jedenfalls sind naturgemäß sehr breit gefächert. Das unterstrich auch ein Panel, auf dem neben der Politik "nur" Kino- und Verleihvertreter:innen saßen - wenngleich Warner-Verleihchef Steffen Schier durchaus auch durch die Brille eines Studios (und damit der Produktion) sprach. Ihm zufolge mache es die Dringlichkeit, die Produktionsbedingungen in Deutschland international wettbewerbsfähig zu gestalten, ratsam, eine Einführung eines steuerbasierten Anreizsystems zu beschleunigen und damit schon losgelöst von den FFG-Erwägungen umzusetzen. Was übrigens durchaus die oben genannte Henne-Ei-Problematik entschärfen könnte.

Ganz im Sinne der nicht zuletzt von Christine Berg betonten Notwendigkeit, die Arbeit am Image von Film und Kino gleichermaßen stärker zu unterstützen, erwies sich Schier als ganz ausgesprochener Befürworter des Kinofestes. Mehr als das: Der Erfolg der Erstauflage, die er anhand des Warner-Titels DC League of Super-Pets" skizzierte (dies mehr oder minder gleichlautend zu unserer ersten Analyse der Entwicklung an den Wochenenden vor, während und nach den Aktionstagen), mache es aus seiner Sicht zu einem "Paradebeispiel" für eine (von der FFA geförderte) innovative Maßnahme - die man ebenso wie künftig in Italien gerne zwei Mal pro Jahr veranstalten solle; idealer Weise im Frühjahr und im September. Er denke, dass Warner durchaus überlegen könne, Filme gezielt um diese Termine herum zu legen. Und wenngleich Schier erklärte, dass es am wichtigsten sei, zu fördern, was auch kommerzielle Aussichten habe, dürfe man die Vielfalt nicht aus den Augen verlieren, müsse gerade dem Nachwuchs eine Chance geben. Ein wichtiger Punkt, den zuvor schon Thomas Hacker angeschnitten hatte. Auch wenn "neu denken" nach seinen Worten heiße, wirklich alles "radikal neu zu denken", sei klar, dass es auch weiterhin einer Kulturförderung und einer Nachwuchsförderung bedürfe.

Kino wieder in die Köpfe zu bekommen, Filme wieder stärker an ihr Publikum zu bringen, ist für Juliane de Boer eine Frage der Stärkung des Ortes wie auch der Herausbringung - aber auch eine Frage der Exklusivität. Ein Kinofenster müsse daher auch bei einer grundlegenden Neuaufstellung der Förderung mitgedacht werden, wie die Filmpalast-Geschäftsführerin unterstrich.

Und dann wäre da noch ein alles andere als zweitrangiger Punkt, den Görgen schon in seiner einleitenden Keynote hervorgehoben hatte: Nachhaltigkeit sei ein kultureller Auftrag. "Nehmen sie dieses Thema mit uns zusammen ernst und machen sie sich auf den Weg zu einer Nachhaltigkeit, die diesen Namen verdient und die ihrer Branche auch Legitimation verleiht!"

Was man indes - und damit hatte Görgen kurz vor Ende der Paneldebatte die Lacher auf seiner Seite - absolut vermeiden sollte: "Fragen Sie eine Verwaltung nie, wie man Filme sexy macht!"