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"Ramstein"-Regisseur Kai Wessel: "Den Opfern eine Stimme geben"

Am heutigen Mittwochabend läuft der bewegende TV-Film "Ramstein - Das durchstoßene Herz" in der ARD. Regisseur Kai Wessel spricht über seine Motivationen und warum Holger Karsten Schmidts Drehbuch 22 Jahre für eine Umsetzung brauchte.

26.10.2022 07:27 • von Michael Müller
Der Regisseur Kai Wessel blickt auf eine schon lange Karriere mit TV-Hits wie "Die Flucht" zurück (Bild: BVR)

Am heutigen Mittwochabend läuft der bewegende TV-Film "Ramstein - Das durchstoßene Herz" in der ARD. Regisseur Kai Wessel spricht über seine Motivationen und warum Holger Karsten Schmidts Drehbuch 22 Jahre für eine Umsetzung brauchte.

Wie haben Sie im Jahr 1988 das Flugtagunglück in Ramstein persönlich wahrgenommen?

KAI WESSEL: Ich war damals noch recht jung, als das Ganze passierte. Es war durchaus eine kontroverse Zeit, weil die Friedensbewegung stark war, zu der ich mich eher zählte. Wir waren in dieser politischen Zeit alle gegen den Nato-Doppelbeschluss, als Flugschauen wie in Ramstein stattfanden. Ich fühlte mich eher als Gegner dieser Flugschauen. Das hat aber eigentlich nichts mit dem Film zu tun, außer dass man vielleicht sagen muss, wenn man etwas älter ist, dass ich durchaus manche Dinge übersehen habe. Das ist vielleicht auch ein kleine Pointe zum Leben überhaupt, dass die Dinge nicht nur schwarz oder weiß sind. Damals war die Empathie für die Überlebenden und Opfer nicht so groß, wie sie heute ist.

Beim Film steht die Empathie für die Überlebenden im Mittelpunkt, ist sogar das emotionale Herz der Geschichte. Diese Entscheidung traf Holger Karsten Schmidts Drehbuch. Hat Sie das daran interessiert?

KAI WESSEL: Als ich das Drehbuch las - das darf man nicht vergessen -, war es bereits 22 Jahre alt. Holger rief mich an, erzählte mir von dem Drehbuch und dass der SWR das machen möchte und ich dachte, den Film gibt es doch bereits schon. Es ist durch viele Hände gegangen und sollte oftmals verfilmt werden. Als ich dann das Drehbuch las, hatte es auf mich eine unglaubliche emotionale Wucht, die mich fasziniert und tief berührt hat. Ich weiß von diversen Mitstreitern, dass sie das Buch erst einmal aus der Hand legen und um den Block gehen mussten, um überhaupt auf professioneller Ebene weiterlesen zu können. Holger Karsten Schmidt hat ein unglaubliches Pfund geschrieben. Deswegen war auch ganz klar, dass wir die Ereignisse aus der Opferperspektive erzählen müssen. Mir persönlich war dagegen nicht klar, wie lange ein posttraumatisches Belastungssyndrom überhaupt anhalten kann und wie es auftaucht. So gab es natürlich viele Beweggründe, diesen Film zu machen. Aber einer war, den Opfern eine Stimme zu geben und ein Gehör zu verschaffen für das, was sie erlebt haben und zum Teil immer noch erleben. Ein anderer Beweggrund war, für die Thematik einer Traumatisierung zu sensibilisieren. Gerade in diesen Zeiten, wo wir es mit so vielen Opfern von Kriegen, Migration, Vergewaltigungen und tiefem Leid zu tun haben, generiert die Welt täglich neue schreckliche Fälle.

Glauben Sie, dass die von Ihnen beschriebene emotionale Wucht auch einer der Gründe war, warum das Drehbuch so lange Zeit nicht gemacht wurde?

KAI WESSEL: Es ist einfach ein sehr teurer und aufwendiger Film, das Ereignis auf dem Flugfeld mit den Komparsen, Explosionen, Verbrennungen und den Flugzeugen nachzustellen. Auch wenn das Ganze ansonsten in weiten Teilen ein Kammerspiel ist. Bisher war im Fernsehen die Zeit dafür noch nicht reif, weil immer nach Eventfilmen gesucht wurde. Dafür gab es das Geld. Aber "Ramstein" hat nicht das Zeug zum Event Movie. Es war bei uns nicht der Ansatz: Wir nehmen ein historisches Ereignis und versuchen daraus, eine massenkompatible Geschichte zu machen. Das wollte Holger Karsten Schmidt nicht. In der Kombination mit Simone Höller, dem SWR und der NFP ist es dann gelungen, das Buch in seiner original-gedachten Form und Aussage zu verfilmen. Das ist außergewöhnlich.

Wie viele Drehtage hatten Sie für die Inszenierung der eigentlichen Flugkatastrophe?

KAI WESSEL: Bei uns ist nie ein richtiger Jet in die Luft geflogen. Das ist alles CGI. Genauso wie die Landschaften, Flughafengebäude etc. Trotzdem war natürlich die Umsetzung dieses historischen Tages sehr, sehr aufwendig. Wir hatten acht Tage allein auf dem Flugfeld.

"Ramstein" besteht aus diversen verschiedenen Erzählsträngen: Vom Unglück über die Erstversorgung zu den Ermittlungen und der Therapierunde der Überlebenden. Sprach Sie gerade diese Vielschichtigkeit an?

KAI WESSEL: Ja, natürlich. Dieses Drehbuch entspricht überhaupt keinem bekannten und "erfolgsgarantierendem" Erzählrezept. Es ist gegen alle Gesetze, erfolgreiche Geschichten zu erzählen, geschrieben. Wenn man es aber liest, denkt man nur, dass man es nicht weglegen kann, weil es einen so in den Bann zieht. Das hat auch mit den unterschiedlichen Zeitebenen zu tun, weil es geschickt gebaut und die Übergänge auf der Buchebene gut gedacht waren. Klar ist das toll, als Regisseur so etwas Komplexes in die Hand zu bekommen. Nehmen wir als Herausforderung nur mal die enorm aufwendige technische Seite heraus, die nur mit CGI funktioniert. Dann aber auch die Art, in vier Zeitebenen episodisch ein Ensemble zu erzählen, die intensive Arbeit mit unseren Schauspieler*innen. Zudem ist keine der Geschichten erfunden. Die Dialoge in der Nachsorge-Gruppe hat Holger Karsten Schmidt im Jahr 1997 nahezu eins-zu-eins übernommen. Da ist nichts künstlich dramatisiert. Ein paar Stränge sind zwar zusammengefasst, aber alles ist wahr.

Wie kam Holger Karsten Schmidt an die Original-Dialoge?

KAI WESSEL: Zum damaligen siebten Jahrestag durfte er in der Nachsorge-Gruppe anwesend sein, zuhören und mitschreiben. Er hatte schon lange das Vertrauen dieser Gruppe gehabt.

Was haben Sie über das Unglück durch Ihre Arbeit am Film gelernt, was Sie vorher noch nicht wussten?

KAI WESSEL: Wenn man Filme macht und einen generell solche Geschichten auch anziehen, hat man ab und an auch mit Traumata zu tun. Aber diese Form des posttraumatischen Belastungssyndroms, mit seinen teilweise Jahrzehnte anhaltenden Folgen, war mir neu. Wenn man die Betroffenen dann persönlich kennenlernt und mit ihnen darüber spricht, dann ergibt sich nochmal eine ganz andere Dimension. Oftmals macht man historische Filme und die Zeitzeugen leben gar nicht mehr. Hier dagegen war von Anfang an der persönliche Kontakt zu den Beteiligten gegeben. Weil Simone Höller, Greta Gilles, Holger und später dann wir alle mit dem Projekt relativ tief in das Leid und die psychologischen Folgen eingestiegen sind, wurden wir selbst auch wund. Überlebende waren auch beim Dreh, teils sogar bei der Endphase der Drehbuchentwicklung dabei. Sie haben die verschiedenen Fassungen gelesen und korrigiert, wenn etwas nicht stimmte. Als Komparsen stehen einige von ihnen, die es sich zutrauten, auch am Gedenkstein, wenn die Kerzen im Film angezündet werden. Neben Max Hubacher steht in dieser Szene zum Beispiel sein reales Vorbild. Das verbindet nochmal besonders und ist in vielen Teilen geradezu freundschaftlich geworden. Es gab auch Überlebende, die sagten, dass ihnen die Ereignisse immer noch zu nah seien und sie lieber nicht dabei wären.

Der Untertitel des Films "Das durchstoßene Herz" mag für Unwissende, die das dazugehörige Flugmanöver nicht kennen, wie ein Schlagersong klingen. Wie waren da Ihre Überlegungen?

KAI WESSEL: Wir haben relativ aufwendige Castings mit jungen Schauspielerinnen und Schauspielern gemacht. Da waren viele dabei, die dachten, dass es um die Rock-Band ginge und das "durchstoßene Herz" ein vergessener Song wäre. Aber dass diese Flugfigur so heißt mit den katastrophalen Konsequenzen, ist eigentlich ein Elfmeter für den Titel, weil es eben um durchstoßene Herzen geht, die wir schildern. Ich hoffe, dass da durch die TV-Ankündigungen, Trailer und Fernsehzeitschriften klar rüberkommt.

Sie sind schon lange in der Branche dabei. Vielleicht einer Ihrer schönsten Filme ist das Hildegard-Knef-Biopic "Hilde". Haben Sie so etwas wie Lieblingsprojekte?

KAI WESSEL: Das jüngste Kind ist meist das, was die meiste Aufmerksamkeit bekommt und jetzt erst einmal durchgebracht werden muss. Ich selbst bin auch stolz auf "Hilde" und mag die Erinnerung sehr an die Dreharbeiten mit Heike Makatsch, Dan Stevens und Trystan Pütter, der jetzt auch wieder bei "Ramstein" dabei ist. Ich habe aber eigentlich immer versucht, mich nicht zu sehr festlegen zu lassen. Ich versuche, wenn es geht, Krimi gegen Komödie oder Drama abzuwechseln. Mit Holger Karsten Schmidt arbeitete ich zuletzt auch bei "Nebel im August" zusammen. Beide Werke sind dramatische, wahrhaftige und auch schwermütige Filme. Ich muss also als Nächstes wieder etwas ganz Anderes machen. Deswegen mache ich jetzt in den Hamburger Kammerspielen "Hedda Gabler" auf der Theaterbühne. Theater mache ich alle zwei Jahre mal zwischendrin und freue mich immer sehr drauf.

Das Interview führte Michael Müller