Kino

VdF-Vorstand: "Zukunft gemeinsam mit den Kinos gestalten"

Mit einer wahren Flut an Themen setzten sich die Mitglieder des VdF anlässlich ihrer Jahreshauptversammlung auseinander - dabei stand nicht zuletzt der kritische Punkt des Preises eines Kinobesuchs mit im Fokus.

07.10.2022 14:30 • von Marc Mensch
VdF-Geschäftsführer Peter Schauerte mit den Vorstandsmitgliedern Benjamin Herrmann, Martin Bachmann, Leila Hamid, Oliver Koppert und Roger Crotti. Nicht auf dem Bild sind die Vorstandsmitglieder Bernhard zu Castell, Vincent de La Tour, Kalle Friz und Stephan Hutter (Bild: VdF)

Dass dem Kino noch "stürmische Zeiten" bevorstehen, wie es Oliver Koppert als geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Verbands der Filmverleiher bei der Begrüßung der Gäste des ersten Jahresempfangs des Verbandes seit 2019 formulierte, lässt sich leider in keiner Weise leugnen.

Dennoch spricht viel für die Haltung, die Vorstandskollege Martin Bachmann schon kurz zuvor im Anschluss an die Jahreshauptversammlung zum Ausdruck gebracht hatte: Er könne nur dazu raten, trotz aller Herausforderungen nicht nur positiv zu denken, sondern auch nach Außen ein positives Bild abzugeben, Erfolge stärker zu feiern, sich nicht nur von Bedenken leiten zu lassen. Was selbstverständlich nicht ausschließt, vor allem der Politik den Ernst der Situation klar vor Augen zu führen.

Lichtblicke gab es auch in den vergangenen Wochen inmitten der Tentpole-Flaute einige, gerade an jenem Wochenende, das der Jahreshauptversammlung direkt vorausging und an dem - angeführt vom sensationellen Start von Die Schule der magischen Tiere 2" - Zahlen geschrieben wurden, die sich gerade auch im Vergleich mit den Vor-Pandemie-Jahren sehen lassen können. Das Kino hat auch in diesem Jahr wiederholt bewiesen, was es zu leisten imstande ist.

Unter anderem im Zuge des bundesweiten Kinofests - das auch von Seiten des VdF positiv bewertet wird. Dass diese Aktion eine Fortsetzung finden soll, daran wurde auch in Kreisen der VdF-Vorstandsmitglieder, die sich nach der Jahreshauptversammlung zum Gespräch einfanden, kein Zweifel laut. Dass man sich diesbezüglich bislang noch nicht öffentlich geäußert bzw. festgelegt hat, liege nicht etwa daran, dass man grundsätzliche Zweifel an den wichtigen Impulsen hat, die von dieser Initiative ausgingen. Sondern vielmehr daran, dass man keinen Wert darin sieht, die Zukunft einer solchen Veranstaltung übers Knie zu brechen. Vielmehr arbeite man laut VdF-Geschäftsführer Peter Schauerte gemeinsam mit dem HDF an einer eingehenden Evaluation der Erstauflage, um auf dieser Basis konkrete Pläne für eine Fortsetzung schmieden zu können. Martin Bachmann sprach im Zusammenhang mit dem ersten Kinofest von einem Erfolg, den man als "Kick-Off" verstehe - und ohne entsprechenden Beratungen vorzugreifen, äußerte Koppert auf Basis des Rückblicks auf die Veranstaltung Sympathien für den September-Termin als Auftakt der Herbstsaison. "Gerne noch größer" hätte seiner Ansicht nach übrigens die Zahl der teilnehmenden Kinos sein dürfen - zumal das lange Wochenende des 3. Oktober, an dem man nahezu den letzten Fünf-Jahres-Schnitt vor Corona erreicht habe, zumindest darauf hindeute, dass das Kinofest über die beiden Aktionstage hinaus für einen Impuls gesorgt habe.

Hervorgehoben wurde seitens des VdF nicht umsonst die während der Aktionstage stattgefundene Eventisierung des Kinobesuchs - deren Erfolg durchaus Anlass dazu geben könne, sich davon auch für den "Regelbetrieb" die eine oder andere Scheibe abzuschneiden. Vieles von dem, was die Vorstellungen während des Kinofestes begleitete, war durchaus kein Hexenwerk und sollte sich auch in regulären Spielwochen an der einen oder anderen Stelle umsetzen lassen.

Nicht zuletzt warf das Kinofest aber auch ein Schlaglicht auf ein Thema, das die VdF-Mitglieder bei ihrer Jahreshauptversammlung in erheblichem Maße beschäftigte. Aus gutem Grund: Denn während die Kostenentwicklung (bei der die Energie nur der aktuell augenfälligste Bereich ist) für die Gestaltung der Eintrittspreise die Richtung nach oben vorgibt, machen die zunehmenden Belastungen der Verbraucher eigentlich den genau gegenteiligen Kurs ratsam. Ein alles andere als einfaches Feld, bei dem auch in Verleihkreisen die Meinungen durchaus divergieren, wie Disney-Chef Roger Crotti, der neu zum ansonsten unveränderten Vorstand als Nachfolger von Sylvia Rothblum stieß, erklärte. Aber ein Feld, mit dem man sich dringend auseinandersetzen müsse.

Dass Kino prinzipiell zu teuer sei, wird man gerade in einer solchen Runde eher nicht hören - und doch wurde seitens der VdF-Führung die Notwendigkeit betont, auch niedrigschwellige Angebote zu unterbreiten, Kinobesuch zu "ermöglichen". Zwar regte sie keineswegs eine generelle Absenkung von Ticketpreisen an - allerdings habe man im Mitgliederkreis unter anderem (wenngleich keineswegs abschließend) über eine Revitalisierung eines bundesweiten "Kino-Dienstags" oder ähnliche Konzepte gesprochen. Generell befindet sich der VdF auch hierzu im engen Austausch mit den Kinos, eine Diskussionsgrundlage für mögliche Konzepte soll nicht zuletzt ein vom HDF angestoßenes Marktforschungsprojekt der GfK liefern. Gefragt ist laut Koppert letztlich eine kluge Preisstrategie, die mit klarer Kommunikation einhergehe.

Eine ganz klare - und klar ablehnende - Haltung hat die VdF-Führung zu Forderungen, Verleiher müssten Kinos finanziell entgegenkommen, um die dort steigenden Kosten zumindest bis zu einem gewissen Grad mitzutragen. Die Preisexplosion träfe Verleih und Produktion ebenso wie andere Teile der Branche, so Koppert. An dieser Stelle Probleme über eine Umverteilung regeln zu wollen, sei schlicht der falsche Weg, so Schauerte - und wäre noch dazu einer, der dem Ausmaß der Herausforderung ohnehin in keiner Weise gerecht werden könne. "Da müssen ganz andere Programme her", so Schauerte - und aktuell wartet man ja auch tatsächlich auf Klarheit über das Ausmaß der Unterstützung, die von staatlicher Seite zu erwarten ist.

Ganz grundsätzlich seien besagte Forderungen Ausdruck eines Phänomens, das leider auch sehr stark auf politischer Ebene zu beobachten sei: Mangelndes Verständnis dafür, was den Verleih ausmache, was er leiste, welche Risiken er schultere. An dieser Stelle sei noch viel Aufklärungsarbeit gefragt, nicht zuletzt um die Rolle des Verleihs in künftigen Förderreformen stärker abgebildet zu sehen.

Man versuche, so Schauerte, mit dem Ansinnen durchzudringen, eine anders gestaltete, eine zukunftsweisendere Förderung hinzubekommen - die (und da ist man sich offenbar mit den großen Kinoverbänden einig, die sich in der Vergangenheit schon vergleichbar positioniert haben) zwar weniger Kinoprojekte unterstützt, diese aber konsequenter begleitet. Angefangen beim Drehbuch bis hin zu einer gut aufgestellten und ausgestatteten Vermarktung. Reagieren müsse das Fördersystem, das machte Vorstandsmitglied Leila Hamid klar, auf das ganz grundlegende Problem, dass viele - auch qualitativ hochwertige - Filme in der Masse der Angebote nicht zum Publikum durchdrängen.

Mittlerweile zeichnet sich ab, dass die aktuell anstehende FFG-Novelle womöglich erneut kein größerer Wurf wird, sondern der Gesetzgeber noch einmal auf eine weitgehende Fortschreibung des Bestehenden setzen könnte. Entschieden ist dazu offenbar noch nichts, allerdings ist relativ offensichtlich, dass der zeitliche Rahmen für grundlegende Änderungen mittlerweile zu knapp ist - insbesondere dann, wenn Teil des "großen Wurfs" eine Neufassung des FFG vor dem Hintergrund der Einführung eines breiter angelegten steuerlichen Anreizsystems und/oder von Investitionsverpflichtungen sein soll.

Aber noch einmal zurück zur angesprochenen "Umverteilung": Anstatt sich darauf zu kaprizieren, müsse man daran arbeiten, den sprichwörtlichen Kuchen für alle zu vergrößern, so die einhellige Meinung im Raum. Aber wie? Und noch dazu in diesen Zeiten? Nun - dass grundsätzlich auch unter den derzeitigen Bedingungen noch Luft nach oben sei, wird laut Martin Bachmann schon dadurch unterstrichen, dass einige Märkte, die im Prinzip mit den gleichen Herausforderungen zu kämpfen haben, Deutschland doch ein Stück weit voraus sind. Vor allem aber unterstrich er, dass das Kino seinen "einzigartigen Impact" auch in jüngerer Vergangenheit eindrucksvoll unter Beweis gestellt habe. Ein Film wie Top Gun: Maverick" etwa begeistere die Menschen bereits seit über 19 Wochen im Kino - während über eine 200-Mio.-Dollar-Produktion wie "The Gray Man" schlicht "niemand mehr rede". Allerdings müsse man - und diese Einschätzung sekundierte Roger Crotti - die Messlatte im Kino auch höher hängen. "Was ist wirklich wert, auf der Leinwand gesehen zu werden?" müsse eine der Kernfragen lauten.

Der Idee von Abomodellen, wie sie jüngst in Leipzig gerade auch unter jenem Aspekt sehr positiv diskutiert wurden, dass sie deren Nutzer überhaupt erst an bestimmte Filme heranführen können, begegnete man seitens des VdF zwar nicht mit Ablehnung, aber doch wenigstens mit gehöriger Skepsis, auch wenn man entsprechende Diskussionen durchaus nicht ausschließen wollte. Für Leila Hamid ist ausschlaggebender Punkt, der Abomodelle aus Ihrer Sicht nicht gerade weit oben auf der Prioritätenliste stehen lässt: "Haben wir nicht eher ein Reichweiten- als ein Frequenzproblem?" Grundsätzlich, dies betonte Bachmann, sei man seitens des Verleihs erst einmal für alles offen, das Wachstum verspreche. Und Crotti betonte, dass gerade die aktuell schwierigen Zeiten dazu einladen könnten, Dinge anzupacken, die sich als zum Wohle aller herausstellen könnten. Entscheidend sei dabei: "Wir müssen die Zukunft gemeinsam mit den Kinos gestalten."

Während sich unter anderem in den USA und insbesondere Frankreich gerade die gravierenden Auswirkungen der Tentpole-Lücke auf die Besuchszahlen zeigten, konnte die Runde noch keine Hoffnung darauf machen, dass sich die Zahl der Blockbuster-Starts kurzfristig wieder auf ein Vor-Pandemie-Niveau einpendeln werde. Crotti prognostizierte, dass es insgesamt nicht mehr so viele Tentpoles geben werde - wobei er durchblicken ließ, dass er das nicht notwendigerweise nur auf das Kino bezieht. Bachmann wirkte zumindest etwas positiver gestimmt. Man könne schlicht noch nicht sagen, was in den nächsten Jahren geschehen werde, die Situation in 2022 jedenfalls sei "extrem". Leila Hamid unterstrich in diesem Kontext noch einmal die Notwendigkeit, das Potenzial jener "Mittelware" zu heben, die das Publikum aktuell nicht oder nicht ausreichend erreiche.

Warnen wollte man unterdessen vor einer weiteren Ausdünnung von Vorstellungen. Zwar sehe man die Notwendigkeit, Kosten zu reduzieren, allerdings dürfe dies nicht zu sehr zulasten des Angebots und damit der Sichtbarkeit des Kinos insgesamt gehen - umso weniger, als viele Kinos bereits (nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen, sondern teils auch wegen Personalmangels) ihre Vorstellungszahl schon im Zuge der Pandemie verringert hätten; insbesondere bei den Spätvorstellungen wurde teils massiv ausgedünnt.

Weiterhin in der Planung ist ein Pilotprojekt zur optimierten Disposition. Tatsächlich hoffe man, dieses schon in naher Zukunft auf den Weg bringen zu können, Freiwillige gebe es sowohl auf Kino- als auch Verleihseite. Jetzt gehe es noch darum, konkrete Rahmenbedingungen zu klären, insbesondere natürlich die zentrale Frage, welche Daten von den Kinos zur Verfügung gestellt werden.

Konkrete Rahmenbedingungen sind auch noch bei einem zentralen Projekt des VdF abzustecken: dem endgültigen Vollzug der Fusion mit dem BVV, der sich mit dem VdF bekanntermaßen bereits den Geschäftsführer in Person von Peter Schauerte teilt.

Was aber ist nach Ansicht des VdF für das Gesamtjahr noch drin? Laut Schauerte teile man die Comscore-Prognose, wonach für 2022 insgesamt 75 Mio. Besucher und rund 700 Mio. Euro Umsatz zu erwarten seien - möglicherweise noch mit Luft nach oben, sollte der eine oder andere Titel die Erwartungen noch übertreffen können. Ob man damit zufrieden sein könne? "Unter den Umständen..."