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REVIEW Streaming: "The Bear" auf Disney+

In den USA ist "The Bear" bereits Kult. In Deutschland ist die furiose Hulu-Serie heute auf Disney+ gestartet. Hier unsere Besprechung.

05.10.2022 15:26 • von Thomas Schultze
Hat sich alle Vorschusslorbeeren der Welt verdient: "The Bear" (Bild: Disney+)

In den USA ist "The Bear" bereits Kult. In Deutschland ist die furiose Hulu-Serie heute auf Disney+ gestartet. Hier unsere Besprechung.

Achtung! Alles, was sie über diese Hulu-Serie gehört haben sollten, die in den USA ab 23. Juni lief und das Land im Sturm eroberte, ist wahr. Sie ist ebenso lustig, wie es heißt, ebenso bewegend, wie man sagt, und ebenso überraschend und ungewöhnlich, wie ihr nachgesagt wird. Man muss nur erst einmal auf einer Wellenlänge mit ihr liegen. Anfangs ist die Geschichte des begnadeten jungen Chefkochs Carmy, der seine Stelle im besten Restaurant New Yorks aufgibt, um nach dem Selbstmord des Bruders im heimischen Chicago die massiv verschuldete Sandwichbutze der Familie inklusive ihrer schrulligen Belegschaft zu übernehmen, wie ein offen liegender Nerv, mit faserig wirkenden, hektischen und bisweilen überfordernden Bilderfolgen, begleitet von einem an den Nerven zerrenden Gitarrenmotiv zwischen tickender Uhr und Hummelflug, entlehnt dem Song "New Song" der schwedischen Anarcho-Hardcore-Band Refused, der in diesem Jahr schon in Ruben Östlunds Cannes-Gewinner Triangle of Sadness" zu hören war.

Sinnbild für den irrwitzigen Stress, dem Köche und ihre Belegschaft Tag für Tag ausgesetzt sind. Bei Carmy kommt erschwerend das schwierige Verhältnis zu seinem Bruder hinzu wie das Bestreben, aus The Beef einen wieder gut laufenden Laden mit einem gewissen hemdsärmeligen Anspruch zu machen. Anspruch und Wirklichkeit klaffen zunächst meilenweit auseinander, nicht zuletzt, weil sich der bunt zusammengewürfelte Trupp auch dann nicht auf die neue Linie einschwören lässt, als Carmy mit der ambitionierten Sidney eine Sous-Chefin - ausgerechnet! - einstellt, die seine Vision und Ambition teilt, auch wenn sie für seinen oftmals ruppigen Umgangston kein Verständnis hat. In den besten Momenten - also fast durchgängig - wirkt "The Bear", als wäre die Serie unscripted, als würde sich die Handlung ungefiltert vor den Augen des Zuschauers entfalten: Succession" ist im Vergleich dazu ein Einschlaflied.

Schnell schnallt man aber, wie präzise die Serie, die auf einer Idee von Showrunner %Christopher Storer% basiert, geschrieben ist, wie genau und liebevoll die Figuren geschrieben sind, die einem fast unmerklich ans Herz wachsen: der mit sich hadernde und genialische Carmy; die ernsthafte und bei aller Zartheit doch so bestimmte Sidney; der hitzköpfige, immer unter Druck stehende Richie, einst rechte Hand und bester Freund des Bruders; die bissige und launische Küchenhilfe Tina; der bedächtige Patissier Marcus... Und während man noch damit beschäftigt ist, Schritt zu halten mit dem frenetischen Tempo, in dem die Crew mit einer Katastrophe nach der anderen konfrontiert wird, realisiert man, dass man Zeuge wird, wie sich eine der großen Serien des Jahres vor den eigenen Augen zusammensetzt, die Humor und Tragik, Liebe zur Gastronomie und genau das richtige Maß an Pathos verbindet, um zu erzählen von Familie und Freundschaft, Loyalität und Gemeinde, Ambition und Demut, ein Sittengemälde und das Porträt einer Nachbarschaft in einer Metropole der USA, die schon bessere Zeiten gesehen hat, aber nicht bereit ist, kampflos klein beizugeben. Ein epochales Fernsehereignis.

Thomas Schultze