Produktion

Peter Farrelly zu "The Greatest Beer Run Ever": "Einfach ist es nie"

Mit seinem "Green Book"-Nachfolger "The Greatest Beer Run Ever", der auf Apple TV+ zu sehen ist, erzählt Peter Farrelly wieder eine unglaubliche, aber wahre Geschichte über einen ganz normalen Typen in außergewöhnlichen Umständen. Wir haben den Oscargewinner in Toronto getroffen.

02.10.2022 16:04 • von Thomas Schultze
Peter Farrelly präsentierte "The Greatest Beer Run Ever" in Toronto zusammen mit Zac Efron (Bild: Imago / Zumawire)

Mit seinem Green Book"-Nachfolger The Greatest Beer Run Ever" mit Zac Efron und Russell Crowe in den Hauptrollen, der auf Apple TV+ zu sehen ist, erzählt Peter Farrelly wieder eine unglaubliche, aber wahre Geschichte über einen ganz normalen Typen in außergewöhnlichen Umständen. Wir haben den Oscargewinner in Toronto getroffen.

Liegt man falsch, wenn man "The Greatest Beer Run Ever" als Begleitfilm zu Ihrem Vorgänger "Green Book" begreift?

PETER FARRELLY: Wirkt es so auf Sie? Ich schwöre, es war keine Absicht. Aber klar, es fällt auf, dass beide Filme in den Sechzigerjahren spielen, beide in einer schwierigen Phase in den USA, beide erzählen von wichtigen, ernsten Themen: der Kampf um Bürgerrechte, der Krieg in Vietnam. Aber es war nicht geplant. So arbeite ich nicht. Ich sollte es vielleicht, aber so bin ich nicht gestrickt. Ich nehme einfach nur die Geschenke an, die das Universum mir bereitet. Diese Geschichte habe ich in einer zwölfminütigen Doku auf YouTube gesehen und war gefesselt. Ich dachte mir: Wie verrückt ist das denn, da muss man einen Film draus machen.

Noch eine Parallele zu "Green Book"... Wie stößt man auf solche Typen?

PETER FARRELLY: "Green Book" geht auf die Kappe meines Drehbuchpartner Brian Hayes Currie, der auch diesmal wieder mit mir geschrieben hat. Ich fragte ihn seinerzeit, woran er arbeitet. Und er sagte mir, dass er an einer Geschichte säße, die ihm ein Freund über seinen Vater erzählt hätte. Stell Dir vor, dieser handfeste italienische Typ hat einen schwarzen, homosexuellen Konzertpianisten im Jahr 1962 durch den amerikanischen Süden gefahren und trotz aller Differenzen wurden sie dabei zu Freunden... Ich sagte sofort zu ihm: Das ist ein Homerun! Es war reines Glück, das ich auf diese Geschichte stieß. Genau wie jetzt auch wieder: reines Glück. Ein Typ aus New Jersey macht sich während des Krieges auf den Weg nach Vietnam, um seinen dort stationierten Freunden ein Bier vorbeizubringen... Kann man sich nicht ausdenken. Was für ein Idiot! Ehrlich. Wie dumm kann man sein? Aber ich liebe ihn dafür. Und musste seine Geschichte unbedingt erzählen!

Erwies er sich als der erwartete Idiot, als Sie ihn kennenlernten?

PETER FARRELLY: Ich habe Chickie in Florida besucht, wo er mittlerweile lebt. Ja, ein totaler Depp... Ich scherze... Er war wunderbar, wie das oft so ist, wenn man ältere Leute trifft, die etwas Besonderes in ihrem Leben erlebt haben. Er ist 82 Jahre alt und hat ein ausgezeichnetes Erinnerungsvermögen. Er erinnert sich an jede Straße, durch die er in Saigon gelaufen ist. Er haute ein verrücktes Detail nach dem anderen raus, viele davon stehen nicht einmal in seinem Buch. Er war ein Geschenk Gottes. Man musste seine Anekdoten nur in die richtige Reihenfolge bringen.

Hätten Sie gedacht, dass "Green Book" so viel Staub aufwirbeln würde?

PETER FARRELLY: Es war einfach nur ein kleiner Film. Wirklich. Natürlich merkt man bei der Arbeit, dass er vielleicht besser werden könnte, als man erwartet hätte. Was den Schauspielern zu verdanken ist: Viggo Mortensen und Mahershala Ali haben "Green Book" seinen Zauber verliehen, ohne sie gäbe es den Film nicht. Wir hatten ein gutes Gefühl, die Testvorführungen waren umwerfend. Wir bekamen die volle Punktzahl. Aber erst bei der Premiere in Toronto wurde uns bewusst, dass er vielleicht mehr sein könnte als einfach nur ein guter Film. Die Reaktion des Publikums war überwältigend. Ich habe geweint. So etwas hatte ich noch nicht erlebt. Es war einer der schönsten Abende meines Lebens. So ging es weiter... Die Golden Globes, der Weg zu den Oscars... Es war perfekt. Und dann wurde es hässlich, ein alberner Wettstreit... Das war nicht lustig.

Sie sahen sich mit hasserfüllten Reaktionen und Vorwürfen konfrontiert.

PETER FARRELLY: Ich habe das nicht kommen sehen. Rückblickend verstehe ich vieles besser. Wir befanden uns an einem besonderen Moment, ein kultureller Scheideweg, vieles veränderte sich, wurde neu geordnet. Und wir gerieten mittenrein, wurden ins Visier genommen. Wissen Sie: Ich finde es gut, dass sich die Dinge ändern. Deshalb kann ich damit leben, was passiert ist. Aber Spaß hat es nicht gemacht.

Schade, dass dieses Exempel an einem so liebenswerten, aufrichtigen Film statuiert werden musste.

PETER FARRELLY: Zumindest war er so beabsichtigt. Ganz sicher fand ich nicht, dass es eine exemplarische Geschichte war, mit der ich ein definitives Statement abgeben wollte. Auf einmal hieß es, ich hätte kein Recht, diese Geschichte zu erzählen. Dabei gab es niemanden, der sie hatte erzählen wollen. Wir haben niemand etwas weggenommen, es gab keinen Wettstreit. Jemand erzählte mir davon, es berührte mich, ich wollte die Geschichte erzählen, und das so gut, wie ich es kann. Das ist alles. Aber ich möchte noch einmal betonen: Es ist okay, was passiert ist. Es ging um eine größere Sache, und ich bin froh, dass sich etwas bewegt.

Fiel es Ihnen schwer, nach dieser Erfahrung wieder zum Tagesgeschäft überzugehen?

PETER FARRELLY: Schwer? Nein. Ich hatte mit "The Greatest Beer Run Ever" bereits begonnen und wusste, dass das mein nächster Film werden sollte. Das half. Für mich war es nur so ernüchternd und enttäuschend, dass der Streit um "Green Book" so erbittert und unnachgiebig geführt worden war. Wir hatten den Eindruck, etwas richtig Gutes und Besonderes gemacht zu haben; die Arbeit mit den Schauspielern war so erfüllend. Und dann dieses Drama. Naja, "The Greatest Beer Run Ever" hat mich schnell abgelenkt. Es war gar nicht so einfach, den Film auf die Beine zu stellen.

Echt? Obwohl "Green Book" gerade den Oscar als bester Film gewonnen hatte?

PETER FARRELLY: Es ist nie einfach. Ich hatte das auch nicht erwartet. Nachdem wir Dumm und dümmer" gemacht hatten und mein Bruder und ich in Hollywood herumgereicht wurden, dachten wir uns: Jetzt haben wir es geschafft. Und bissen uns dann die Zähne daran aus, den nächsten Film gemacht zu bekommen. Der Fokus lag auf Jim Carrey, und uns nahm man nicht so ernst. Man muss das sportlich sehen. Und man darf nicht vergessen: Es werden in den USA vielleicht 200 größere Filme im Jahr gedreht, die es später ins Kino schaffen. Dagegen stehen Millionen von Menschen, die versuchen, ihr Filmprojekt auf die Beine zu stellen. Es ist egal, wer man ist. Es ist verdammt schwer, einen Film zu machen. Und dann noch was: Man bekommt nie die Schauspieler, von denen man glaubt, dass sie die einzigen Richtigen sind. Da muss man richtig Zen sein. Jim Carrey war ungefähr der einhundertfünzigste Schauspieler, dem wir "Dumm und dümmer" anboten. Heute kann man sich keinen anderen in dieser Rolle vorstellen. Ich sage immer zu jungen Kollegen: Wenn man all das bekommt, was man sich vorgestellt hat, dann schlage drei Kreuze und sei glücklich. Wenn sich nicht alles so fügt, wie man sich das ausgemalt hat, dann lass dir vom Universum helfen, vielleicht ist es ein Wink des Schicksals. Wenn jemand mein neues Projekt nicht machen will, zucke ich nur mit den Schultern und denke mir: Whatever...

Wie lang mussten Sie um "The Greatest Beer Run Ever" kämpfen?

PETER FARRELLY: Ein oder zwei Jahre, bis wir wussten, dass es klappen wird. Wir hatten dann 40 Millionen Dollar zur Verfügung. Das ist viel Geld. Aber nicht ganz so viel Geld, wenn man einen historischen Stoff verfilmen will, mit Panzern und Flugzeugen, an Drehorten in Thailand, und all das während Covid. Ich hätte mir niemals vorstellen können, dass es so schwierig ist, einen Film zu drehen. Wir konnten dann alles in acht Wochen unter Dach und Fach bringen. Acht harte Wochen, wenn ich das sagen darf. Wenn ich ein halbes Jahr unter diesen Umständen arbeiten müsste, würde ich das Handtuch werfen.

Mit "The Greatest Beer Run Ever" setzen Sie einen Weg fort, den Sie mit "Green Book" nach vielen Jahren als Komödienregisseur erstmals eingeschlagen hatten. Fiel das beim zweiten Mal leichter?

PETER FARRELLY: "Green Book" war Neuland für mich, das stimmt, aber er ging mir sehr leicht von der Hand. Komödien sind schwieriger. Es ist nicht leicht, die Menschen zum Lachen zu bringen. Drama ist nicht einfach, aber es ist einfacher. Das Drehbuch war problemlos, beim Dreh verbrachten wir viel Zeit in einem Auto. Wir haben den Film in 32 Tagen gedreht und hatten nie das Gefühl, es könnte eng werden. Wenn man mit den richtigen Leuten arbeitet, ist man auf der sicheren Seite. Es hat richtig Spaß gemacht. Wenn man bei 40 Grad und 100 Prozent Luftfeuchtigkeit in Thailand dreht, unentwegt attackiert von Moskitos und umgeben von Giftschlangen, ein Regenguss nach dem Anderen, schwierige Logistik, hält sich der Spaß in Grenzen. Wir suchten nach einem Flugzeug, in dem wir drehen konnten, mitten in der Pandemie, alle Läden waren geschlossen. Wir waren verzweifelt. Beim Herumfahren entdeckten wir auf einem Parkplatz ein altes, ausgeschlachtetes Flugzeug, das zum Café umfunktioniert worden war. Wir holten uns einen Kaffee und fragten ganz nebenbei: Sagen Sie mal, würden Sie uns Ihr Flugzeug leihen? Dort haben wir die Flugzeuginnenaufnahmen gedreht.

Gibt es einen roten Faden, der sich durch Ihre Arbeit als Filmemacher zieht?

PETER FARRELLY: Es ist, wie ich gesagt habe: Ich plane nicht, es gibt keinen Masterplan. Ich bin kein Typ wie Rob Reiner, der zu Beginn seiner Karriere vier völlig verschiedene Filme gemacht und damit gezeigt hat, dass er alles kann. Ich habe immer nur Komödien gemacht, weil... naja, weil ich Komödien mag. Das liegt mir, das mache ich gern, mein Bruder und ich lieben es, andere Menschen zum Lachen zu bringen. Ich hätte zwischendurch mal einen Horrorfilm machen sollen, nur um zu zeigen, dass ich es kann. Habe ich aber nicht. Wir haben die Projekte gemacht, die zu uns kamen. Daran hat sich nichts geändert. Es war nicht so, dass ich mir gesagt hätte: Zeig der Welt, dass du ein ernstzunehmender Filmemacher bist. Es waren Geschichten, die ich mochte und die ich erzählen wollte. Als nächstes mache ich wieder eine große Komödie. Weil es der nächste Stoff ist, der sich ergeben hat.

Die Hauptfiguren Ihrer Filme sind ganz einfache Typen, die mit beiden Beinen im Leben stehen, das Salz der Erde. Identifizieren Sie sich mit diesen Helden des Alltags?

PETER FARRELLY: Ich bin sicherlich kein kompliziert gestrickter Typ. Ich würde mich als einfachen Jungen bezeichnen, der mit einfachen Jungen großgeworden ist. Niemals hätte ich mir eine Karriere erträumen lassen, wie ich sie gemacht habe. Wissen Sie, was ich ursprünglich lernen wollte? Buchhalter! Ich habe mich unfassbar dämlich angestellt. Weil es nichts gab, wofür ich ein erkennbares Talent besessen hätte, habe ich mit dem Schreiben begonnen. Ich fühle mich vom Glück geküsst, dass ich hier sein kann und Filme machen darf. Wenn ich mit einem Dreh beginne, ein Filmfest besuche oder mit der Presse spreche, kneife ich mich. Wie konnte das passieren? Es gibt Leute, die sind zum Filmemacher geboren, Spielberg, die Coens. So bin ich nicht. Es ist ein großer kosmischer Zufall, dass Sie mir zuhören müssen.

"The Greatest Beer Run Ever" ist Ihr erster Film für einen Streamer, für Apple. Bedauern Sie es, dass dieser Film mit seinen großen Bildern keinen richtigen Kinostart hat?

PETER FARRELLY: Apple hat mich diesen Film machen lassen. Niemand sonst wollte ihn haben. Apple hat ein eigenes Geschäftsmodell. Ich werde mich ganz sicher nicht darüber beschweren. Sie haben das Geld für die Produktion bereitgestellt, sie haben sich nicht eingemischt, haben mich immer unterstützt. Jetzt wird der Film auf Festivals gezeigt, er hat einen kleinen Kinostart. Wer ihn auf der Leinwand sehen will, kann das tun. Darüber freue ich mich. Aber ich mache mir nichts vor. Selbst bei meinen größten Kinohits, "Dumm und dümmer", Verrückt nach Mary" oder "Green Book", ist es doch so, dass 90 Prozent der Zuschauer sie erstmals im Fernsehen gesehen haben. Ich kann gut mit Apple als Partner leben.

Das Gespräch führte Thomas Schultze.