TV

KOMMENTAR: Leichtes Ziel für Populisten

Kein Tag vergeht, an dem die Springer-Presse nicht neues Empörungspotenzial schafft, was Alimentierung, Finanzgebahren und mangelnde Compliance in den öffentlich-rechtlichen Sendern betrifft. Die ARD- und ZDF-Granden machen keine gute Figur, dabei steht viel auf dem Spiel, wenn der Beschuss der Populisten anhält.

29.09.2022 07:36 • von Jochen Müller
Ulrich Höcherl, Herausgeber und Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

Kein Tag vergeht, an dem die Springer-Presse nicht neues Empörungspotenzial schafft, was Alimentierung, Finanzgebahren und mangelnde Compliance in den öffentlich-rechtlichen Sendern betrifft. Die ARD- und ZDF-Granden machen keine gute Figur, dabei steht viel auf dem Spiel, wenn der Beschuss der Populisten anhält. Spitzengehälter, Nobeldienstwagen samt Ersatz-Chauffeur, Luxus im Büro, Amigowirtschaft oder nun die üppigen Nebenverdienste - beim Blick auf bild.de kommt dem energiekostengestressten und inflationsgeplagten Durchschnittsbürger jeden Morgen das Frühstücksbrötchen wieder hoch.

Schon die ehemalige ARD-Vorsitzende und rbb-Intendantin, auf die am Ende fast Treibjagd veranstaltet wurde, fand trotz schwerwiegender Vorwürfe nur eine äußerst unglückliche Verteidigungslinie. Ihre Intendantenkolleg:innen blickten sich danach betroffen im eigenen Dienstwagen um, und mussten den besonders empörenden Massagesitz serienmäßig verbaut vorfinden.

Schnell melden sich jetzt wieder alle, die den öffentlich-rechtlichen Sendern schon seit Jahren Gebührenverschwendung vorwerfen und sich jeden Cent Erhöhung unter lautem, möglichst bürgernahen Protest abringen lassen. Auch jetzt ist der Bayerische Ministerpräsident mit mahnenden Appellen und geballtem Besserwissen vornedran, aber die Kollegen etwa aus Sachsen-Anhalt würden sich umstandslos anschließen. Auch die FDP holt die alten Vorschläge wieder aus der Schublade, wonach ARD und ZDF nicht nur stark verschlankt, sondern sich auch auf Bildung und Information beschränken sollten.

Nun liegt gewiss Vieles im Argen. Der Appetit in den obersten Senderetagen nach auskömmlicher Bezahlung ist durchaus einschüchternd. Auch sonst gönnt man sich fast nichts, was einem nicht zustehen sollte. Und in vielen Sendern finden Freunde, Cousinen und Vettern von bereits Verantwortlichen etwas leichter Beschäftigung, aber das wird an nicht wenigen Stellen dieser Republik so sein.

Darüber ganz in Vergessenheit gerät die gute journalistische und programmliche Arbeit, die dort täglich geleistet wird. Von den vermeintlich so hohen Gebühren, die eine mehr als beachtliche Grundversorgung an Fernseh- und Radiosendern und jetzt auch Streamingangeboten liefern, könnte man sich ein bis zwei der neuen Streamingdienste leisten. Und natürlich muss ein Vollprogramm auch Sport und Unterhaltung bieten. Der Verzicht darauf und die Auswirkungen auf die Kreativ- und Produktionswirtschaft wären unabsehbar. Die Zeiten des Überflusses sind vorbei, ein strengeres Wirtschaften, Kostendisziplin und auch Verzicht bei ARD und ZDF deswegen unabdingbar.

Vor dem Versuch, das Kind mit dem Bade auszuschütten, so wie das Politiker in UK und anderen europäischen Ländern erstaunlich erfolgreich versuchen, schrecken hoffentlich die hiesigen Populisten zurück.

Ulrich Höcherl, Herausgeber und Chefredakteur