Kino

Sol Bondy zu "Holy Spider": "Erschreckend aktuell"

"Holy Spider" ist zum dänischen Oscarbeitrag erklärt worden. Wir sprachen mit Sol Bondy, dem deutschen Produzent der dänisch-deutsch-schwedisch-französischen Produktion, über die Aussichten des Films.

27.09.2022 16:14 • von Thomas Schultze
Sol Bondy: "Es ist eine unglaubliche Genugtuung" (Bild: One Two Films)

Der Favorit hat sich durchgesetzt: Holy Spider" von Ali Abbasi ist zum dänischen Oscarbeitrag erklärt worden. Sol Bondy, der deutsche Produzent der dänisch-deutsch-schwedisch-französischen Produktion, erzählt, was das für den Film bedeutet.

"Holy Spider" ist als dänischer Oscarbeitrag ausgewählt worden - Sie sind der deutsche Produzent des Films. Gratulation! Was bedeutet das für den Film?

SOL BONDY: Es ist eine unglaubliche Genugtuung, wenn sich die Pläne, die man als Ziellinie vor Augen hat, tatsächlich einlösen. Wenn man nach Border" und dessen Un-Certain-Regard-Gewinn den neuen Film mit Ali Abbasi macht, dann verbinden sich damit natürlich gewisse Hoffnungen: "Border" war 2018 der schwedische Oscarvorschlag. Und wir wollten nachziehen, auch weil wir überzeugt sind, dass "Holy Spider" für Ali noch einmal eine Steigerung bedeutet. In diesem Fall vertritt er jetzt Dänemark, wo er zur Filmhochschule gegangen ist. Der dänische Footprint ist von kreativer Seite sicherlich am stärksten, auch wenn der Großteil der Finanzierung für das Projekt aus Deutschland gekommen ist. Wir sind jedenfalls sehr stolz über diese Ehre, denn anders als bei vorigen "Erfolgen" von One Two Films haben wir über die Vorbereitung, den Dreh und die Postproduktion die Hauptverantwortung getragen - insofern genießen wir das natürlich besonders!

In Cannes hat der Film hohe Wellen geschlagen und seiner Hauptdarstellerin Zar Amir Ebrahimi den Darstellerinnenpreis beschert. Nun wurde er in Telluride und Toronto erstmals in Amerika gezeigt. Zumindest von außen wirkt es, als würde der Film ein starkes Momentum entwickeln. Teilen Sie diese Einschätzung?

SOL BONDY: Natürlich leben wir in einer Blase und ich bin gewiss voreingenommen, aber wir bemühen uns um Objektivität, gerade um unsere Chancen realistisch einschätzen zu können. Die amerikanischen Trades packen den Film durch die Bank in ihre Favoritenlisten für die kommenden Nominierungen. Die Screenings liefen toll, was auch daran liegen mag, dass man dort auf ein Publikum trifft, das mit Genre mehr anfangen kann. Man darf nicht vergessen, dass "Holy Spider" auch ein Genrefilm ist. Ali hat von Anfang gesagt, er wolle einen Film Noir machen, einen persischen Film Noir. Es war nie als Sozialdrama geplant, auch wenn es um einen realen Kriminalfall geht. Das bedeutet, dass er sich gewisse Freiheiten genommen hat. Nicht jedes Handlungselement entspricht den Tatsachen, die Realität ist überhöht. Der wahre Fall diente als Inspiration. Gepaart mit den aktuellen Ereignissen in Iran ergibt sich aber doch ein brandaktueller Film. Ich verstehe die Reaktion vieler Leute, die den Film viel realistischer lesen, als er gemeint war. In den USA wird er aber als grandioser Genrefilm gefeiert.

Vor der Weltpremiere in Cannes waren Sie besorgt, Beteiligte an dem Film könnten sich Repressalien ausgesetzt sehen oder bedroht werden. Hat sich Ihre Befürchtung bestätigt?

SOL BONDY: Auf jeden Fall. Die Reaktionen waren heftig. Direkt nach Cannes wurden alle Beteiligten aus Iran, die am Film mitgearbeitet hatten, mit einem Arbeitsverbot belegt. Einige rechte Medien im Iran proklamierten, wir würden auf den Spuren von Salman Rushdie wandern, was dazu geführt hat, dass auch ich als deutscher Produzent Drohanrufe auf dem Anrufbeantworter in meinem Büro hatte. Es war schon reichlich unangenehm, aber es war wohl auch ein Ausdruck dessen, dass das iranische Regime alles dafür tat, um von dem Hochhauseinsturz in Abadan, bei dem fast 40 Menschen unter den Trümmern begraben wurden, abzulenken. Da kam ihnen unser Film gerade recht. Wir trendeten auf Twitter für zwei Wochen auf Platz eins. Absurd, wenn man bedenkt, dass sie den Film nicht mal gesehen hatten zu dem Zeitpunkt. Und jetzt, obwohl "Holy Spider" auf einen Fall vor über 20 Jahren beruht, ist der Film so erschreckend aktuell, wie man es sich kaum vorstellen kann.

In einer Woche feiert "Holy Spider" Deutschlandpremiere auf dem Filmfest Hamburg. Was erhoffen Sie sich?

SOL BONDY: Wir freuen uns sehr, den Film endlich auch in Deutschland zeigen zu können - obendrein in Hamburg. Zum einen war Albert Wiederspiel von Anfang ein großer Unterstützer des Projekts, zum anderen leben 20.000 Exil-Iraner in Hamburg, die größte Population von iranischen Bürgern in Deutschland. Ich habe große Hoffnung, dass die Vorführungen so werden wie in Toronto, wo der Film auch vor einem Publikum lief, das zu etwa einem Drittel aus Iranern bestand. Das war ein sensationelles Erlebnis. Diesen Zusehern fallen natürlich Details und Anspielungen auf, die selbst mir entgehen, obwohl ich den Film mittlerweile hundert Mal gesehen habe.

Das Gespräch führte Thomas Schultze