Produktion

Kurt Langbein über "Der Bauer und der Bobo": "Idealtypische Protagonisten"

Der renommierte österreichische Filmemacher und Buchautor Kurt Langbein über das besondere Protagonistenduo in "Der Bauer und der Bobo" und seine optimistische Einstellung. Der Dokumentarfilm startet heute über 24 Bilder in den deutschen Kinos.

29.09.2022 11:40 • von Barbara Schuster
Kurt Langbein (Bild: Langbein und Partner)

Der renommierte österreichische Filmemacher und Buchautor Kurt Langbein über das besondere Protagonistenduo in "Der Bauer und der Bobo" und seine optimistische Einstellung. Der Dokumentarfilm startet heute über 24 Bilder in den deutschen Kinos.

Sie sind für ihre engagierten und kritischen Film- und Bucharbeiten bekannt. Warum war es Ihnen ein Anliegen, die Geschichte von Christian Bachler und Florian Klenk in einem Dokumentarfilm festzuhalten?

Christian Bachler kannte ich damals nicht. Florian Klenk schon. Schließlich bin auch ich ein Wiener "Bobo". Florian Klenk, der Chefredakteur des Falter, hatte mir eines Tages von seiner Begegnung und Auseinandersetzung mit Christian Bachler erzählt und er hat mich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, daraus einen Dokumentarfilm zu machen. Ich war erst zögerlich, weil ich bereits Filme über Landwirtschaft, Zwänge in der Land- und Agrarwirtschaft gemacht hatte. Als ich aber erfuhr, dass sich die Geschichte zuspitzt, dem Bauern ein Gerichtsverfahren blüht, bei dem ihm unter Umständen der ganze Hof wegversteigert wird, habe ich sofort zu drehen begonnen. Um die Finanzierung habe ich mich erst im Nachhinein gekümmert. Mir wurde bewusst, dass es solch eine Konstellation nur ganz selten gibt: ein idealtypischer Protagonist der Stadt trifft auf einen idealtypischen Protagonisten des Landes, der durch seine Wortgewalt und seinen Humor besticht. Trotz aller Unterschiedlichkeit in der Denkweise entwickelt sich eine Freundschaft zwischen ihnen.

Kann man Ihren neuen Film als eine Art Verlängerung von Vorgängern wie "Landraub", "Anders essen - Das Experiment" oder "Zeit für Utopien" ansehen, die aus einem ähnlichen Themenkosmos stammen?

"Der Bauer und der Bobo" hat eine andere Erzählform, die durch die ganz spezielle Konstellation zwischen den beiden Protagonisten entstanden ist sowie durch eine extrem dramatische Entwicklung, die auch symbolisch gewertet werden kann für die dramatische Entwicklung der bäuerlichen Existenzen allgemein. Christian Bachler ist nicht so allein, wie es wirkt. Insofern war es sehr fein, die Chance zu erhalten, diese Geschichte filmisch einzufangen. Sie ist sehr menschlich, hat unglaublich viel Humor, was über die Tragik hinwegträgt und auch positive Ausblicke bietet. Was ich in den erwähnten früheren Filmen mit eher sachlichen Mitteln probiert hatte, wird bei "Der Bauer und der Bobo" auf eine ganz dichte, persönliche, menschliche Art erzählt.

Sie legen stets den Finger in die Wunde, machen auf gesellschaftspolitische Missstände aufmerksam, hinterfragen unseren Umgang mit der Natur, den Tieren, der Ernährung. In "Der Bauer und der Bobo" stehen sich, wie angesprohen, zwei sehr unterschiedliche Menschen gegenüber. Was fanden Sie an dieser Konstellation besonders spannend?

Ich fand es zum Einen sehr spannend, dass der Bobo, dem man nicht zu unrecht gern auch eine gewisse Hochmut zuschriebt, sich dazu bereiterklärt hat, sich dieser Auseinandersetzung zu stellen und dass er diesen Weg trotz des Angriffs auf ihn gegangen ist. Man hätte auch verstanden, wenn er diesen Affront als zu persönlich zurückgewiesen hätte. Florian Klenks Entscheidung hat damit auch eine Auseinandersetzung für den Zuschauer und für mich geöffnet. Ein echter Dialog ist in Gang gesetzt worden. Und den Bauern, Christian Bachler, halte ich für eine unglaublich faszinierende Person. Er ist extrem gebildet und extrem trittsicher mit seinen Witzen. Er macht ja dauernd Witze - und es gibt keinen einzigen blöden Witz! Das muss man erst mal schaffen. Es ist immer eine Substanz, immer ein Inhalt dahinter. Seine Aussagen sind bei all der Tragik, die er hat durchleben müssen, geistreich im höchsten Wortsinn. Eine spannende Konstellation.

Welche Mission steckt hinter Ihrem Schaffen? Was erhoffen Sie sich, mit diesem Film zu erreichen?

Ich hoffe - und die bisherige Erfahrung hat diese Hoffnung zumindest ein bisschen bestätigt -, dass man mit so einem Film viele inhaltliche Impulse in die richtige Richtung geben kann. Nämlich in Richtung der Erhaltung der bäuerlichen Landwirtschaft, der Errichtung von neuen Vertriebswegen zwischen Stadt und Land was die Lebensmittelproduktion betrifft. Das bauchen wir unbedingt! Nicht nur für den Klimaschutz, sondern auch für gesunde Lebensmittel, für den Naturschutz und das Überleben der Bauern. Ich glaube spüren zu können, dass ich mit meinen Arbeiten zum Nachdenken anregen kann. Natürlich ist es immer auch eine Selbstüberschätzung, wenn man als Filmemacher glaubt, dass man die Welt bewegen kann. Gleichzeitig ist es ein Lebenselixier, wenn man darauf hofft, Impulse setzen zu können, dass Leute nachzudenken beginnen und vielleicht auch zu Handlungen einsetzen.

Sind Sie hin und wieder auch frustriert?

Ja! Bei all der grundsätzlichen Neigung, Optimist zu sein, bin ich immer wieder ziemlich frustriert, wenn ich sehe, wie die Lebensmittelpreise runtersacken, die billigen Importe aus dem Ausland in der Gastronomie landen und die eigenen Bauern keine Chance haben. Ich bin auch extrem frustriert, dass wir jetzt in Europa einen Krieg haben: Das hätte ich wirklich nie für möglich gehalten, weil ich immer der festen Überzeugung war, dass so etwas bei uns nicht mehr sein kann und sein darf. Es gibt viele Momente, die mich zaudern und frustriert sein lassen. Aber dann pack' ich mich wieder und versuche Ansatzpunkte zu finden, wie mein Arbeiten wiederum zum Positiven zu drehen ist. Weil, letztendlich macht es ja doch Sinn.

Erreicht man die Menschen heute noch über das Kino? Vor allem die jüngere Generation, deren Welt - übersitzt formuliert - bei TikTok und Instagram stattfindet?

Natürlich ist das Kino eine minoritäre Veranstaltung geworden, gerade bei uns in Österreich und Deutschland. Das ist schade. Kino ist ein sehr emotionaler Ort. Das gemeinsame Ansehen von Filmen als Gruppenerlebnis macht ganz was anderes mit den Leuten, als wenn jeder einzeln zuhause vor Netflix und Co. sitzt. Ich bin der festen Überzeugung, dass das Kino einen ganz wichtigen Platz hat in unserer Gesellschaft. Ich kämpfe darum, dass auch unter den Filmemachern mehr Verständnis Einzug hält, dass wir die Filme nicht hauptsächlich für die Festivals machen sollten, sondern für die Menschen. Wenn da ein bisschen mehr Zug reinkommt, können die Kinos wieder neues Leben bekommen. Auch da bin ich Optimist!

Das Gespräch führte Barbara Schuster