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Zurich Summit: Independent in Zeiten der Pandemie

Lohnt sich die unabhängige Filmproduktion in Zeiten der Streamer eigentlich noch? Diese Frage wurde beim Zurich Summit klar mit Ja beantwortet. Trotz aller Herausforderungen.

25.09.2022 12:51 • von Barbara Schuster

Lohnt sich die unabhängige Filmproduktion in Zeiten der Streamer eigentlich noch? Diese Frage wurde beim Zurich Summit klar mit Ja beantwortet. Trotz aller Herausforderungen.

Was treibt unabhängig agierende Produzenten in Zeiten der Streamer um? Inwiefern haben sich Finanzierungskonzepte verändert, was sind die Herausforderungen? Dieses Themenspektrum beleuchtete ein wie gewohnt hochkarätig besetztes Panel des diesjährigen Zurich Summit im Rahmen des Zurich Film Festival. Deutlich wurde: Die Zusammenarbeit mit Streamern ist nicht immer das Gelbe vom Ei. Besser fährt man als unabhängiger Produzent, wenn man ohne sie auskommt, weil man auf lange Sicht mehr verdient - da waren sich die Panelisten einig. Allerdings werde es nicht einfacher, Projekte unabhängig vom Boden zu bekommen.

Frank Smith, President CEO von Walden Media, Filminvestor und Finanzier, hat bereits viel Erfahrung mit Streamern gesammelt, produzierte zuletzt u.a. für Netflix "The Babysitter's Club" oder für Apple TV+ den Tom-Hanks-Film Finch". Seine Firma komme historisch betrachtet gar nicht aus der unabhängigen Filmproduktion. Eher dümpelte dieser Bereich vor sich hin, einige Projekte wurden über Foreign Presale Modelle auf den Weg gebracht wie Michael Apteds "Amazing Grace". "Unsere Firma ist finanziell eigenständig. Ich muss nicht zu externen Geldgebern gehen. Üblicherweise sind wir es, die als Finanzpartner in Filmprojekte einsteigen, also Geld in Produktionen schießen." Das Problem seit Auftauchen der Streamer sei, dass er mittlerweile Schwierigkeiten habe, sein Geld überhaupt noch einsetzen zu können. "Deshalb sind wir dabei, Produktionen auf ganz unterschiedliche Art und Weise zusammenzustellen. Die Streamer sind nicht groß interessiert, das heißt, entweder wollen sie für einen Film zahlen und besitzen dann alle Rechte, oder, wenn man Glück hat, kriegt man als Finanzier und Produzent einen Cost-Plus-Deal", so Smith. Unlängst baute Smith die Finanzierung des Projekts "Billion Dollar Spy" vonAmma Asante über ein Foreign-Presale-Modell zusammen. "Das Budget liegt bei 13 bis 14 Mio. Dollar. Man hat die Streamer um sich und muss sich die Frage stellen, welchen Weg man einschlagen soll. Es ist ein Balanceakt."

Christine Vachon, Mitinhaberin der New Yorker Indie-Boutique Killer Films, die Filme wie Carol", Still Alice" oder auch TV-Serien wie Mildred Pierce" produzierte, stellte einen anderen Aspekt heraus. Ihre Firma operiert nicht eigenfinanziert. Die Schlagzahl der Produktionen sei in letzter Zeit dennoch in die Höhe geschnellt. Es werde allgemein immer mehr produziert, allerdings gebe es nicht mehr den einen richtigen Weg für unabhängige Filmproduktionen, die Finanzierung sei mittlerweile für jedes Projekt maßgeschneidert. "Und es gibt nur noch wenige Firmen, die es verstehen, wo man wie mit welcher Nadel welche Stiche setzen muss", so Vachon. Zwar funktioniere auch noch der traditionelle Weg, dass ein Studio als Finanzierungspartner an Bord kommt. Beim kommenden Film von Todd Haynes, "May December" mit Julianne Moore und Natalie Portman, sei es aber schon schwieriger gewesen, mit einem Foreign-Presales-Modell in Zusammenarbeit mit der britischen RocketScience, Equity Partnern und Bankenfinanzierung. "Jedes Mal sage ich mir: Das ist das letzte Mal, dass wir das schaffen", so die Produzentin. Irgendwie steige aber immer der Phönix aus der Asche und man bringe auch das nächste Projekt auf den Weg. "So anstrengend es auch ist: Man ist als Produzent frei und unabhängig. Mit den Streamern stellt sich immer die Frage nach der Urheberschaft, den Rechten, der Langlebigkeit durch Lizenzen, der Rolle des Produzenten. Ich bin schon so viele Jahre im Geschäft, dass ich an Filmen, die ich vor 25 Jahren lizenziert habe, jetzt immer noch etwas verdiene. Das ist doch interessant! Das französische Sprichwort: Je mehr sich verändert, desto mehr bleibt alles gleich, trifft den Nagel auf den Kopf."

Patrick Wachsberger ist froh, dass er keine Maschine mehr füttern muss. Wachsberger war viele Jahre Ko-Filmchef von Lionsgate, wo er im Jahr zwölf Produktionen auf den Weg bringen musste. Er sei froh über seinen unabhängigen Status. "Als unabhängiger Produzent ist es wichtig, so lange wie möglich allein zu sein mit seinem Projekt. Das heißt im Umkehrschluss, dass ich auch das Geld ausgeben und die Zeit in die Entwicklung investieren muss." Bei seinem aktuellen Projekt, dem Remake des Thai-Highschool-Films "Bad Genius", wäre ein Deal mit einem Streamer nur Plan B gewesen. Er wollte erst sehen, ob er es über Auslandsverkäufe an den Mann bringen kann. Während des Lockdowns sei es ihm in Eigenregie tatsächlich in zehn Tagen gelungen, den Stoff in alle Schlüsselmärkte zu lizenzieren. Den Rest des Budgets holte er sich über Equity-Gelder.

Die französische Produzentin und Sales Executive Emilie Georges von Memento Films International und Paradise City, auf deren Konto beispielsweise Luca Guadagninos Call Me By Your Name" geht, sagte in Zürich, dass Streamer für unabhängige Filmemacher nicht das erste Ziel seien. Ein Streamer wäre nie und nimmer für "Call Me By Your Name" oder einen Film von Asghar Farhadi in Frage gekommen. Sasha Bühler, Director EMEA Film bei Netflix, meldete sich aus dem Publikum und verteidigte ihr Unternehmen. "Es kommen viele Filmemacher und Produzenten zu uns, mit vielen arbeiten wir wiederholt zusammen. Wir bringen viele Filme auch ins Kino. Und Netflix finanziert sehr wohl Filme von angesehenen Filmemachern. Ich darf darauf hinweisen, dass die diesjährige deutsche Oscareinreichung unser "Im Westen nichts Neues" ist, auch Paolo Sorrentinos "The Hand of God" war ein reiner Netflix-Film. Wir machen ganz unterschiedliche Deals, wir wollen faire Partner sein." Christine Vachon brachte Verständnis entgegen, sagte aber auch, dass sich durch die Streamer eine neue Kategorie an Film gebildet habe. Filme, die einfach nicht dieselbe Dringlichkeit besitzen, der die Leute in die Kinos zieht.

Emilie Georges blickte weiter auf die Schwierigkeiten bei der unabhängigen Finanzierung. Ihr jüngstes Projekt "Drift" sei auf abenteuerliche Art und Weise zustande gekommen. In ihren Augen sei es ein Modell dafür, wie die Finanzierung von unabhängigen High-Level-Produktionen in Zukunft aussehen könne. Mit Anthony Chen sei ein Filmemacher aus Singapur, der in London lebt, als Regisseur an Bord. "Drift" basiert auf einem amerikanischen Roman, dessen Verfilmungsrechte Georges' französische Produktionsfirma erworben hat. Das Drehbuch schrieb ein irischer Drehbuchautor. Da der Großteil des Films in Griechenland gedreht wurde, habe man sich als griechische Koproduktion qualifiziert mit UK als weiterem Koproduktionsland. Da Griechenland und UK aber kein Koproduktionsabkommen haben, klinkte sich Frankreich als zentrale Produktion mit ein, quasi als Missing Link. Allerdings hätte man von den Fördertöpfen in Griechenland und UK nicht profitieren können, da die Länder nur minoritär beteiligt sind und Griechenland an der Unterstützung eines Projekts eines Regisseurs aus Singapur, das in englischer Sprache gedreht wird, kein Interesse hat. Georges eruierte die Möglichkeit nach Equity-Geldern. Diese taten sich über das Talent auf. Aus China floss Geld für Anthony Chen, aus UK für SchauspielerinCynthia Erivo - innerhalb von drei Wochen habe man alles zusammengehabt.

Alex Brunner, der als Agent bei UTA Independent Film Group für globale Finance Packagings zuständig ist, arbeitete zuletzt an Projekten wie The Father" oder "Mrs Harris und ein Kleid von Dior". Brunner bestätigte, was Christine Vachon erzählte, dass man jedes Mal, wenn man Filme unabhängig auf die Beine stellen muss, kurz davor stünde, den Glauben zu verlieren. Und doch gelinge es immer wieder. Wie zuletzt bei "Mrs Harris und ein Kleid von Dior", der als britisch-ungarische Koproduktion entstanden sei und viel vom ungarischen Tax-Rebate-Modell und der dortigen Filmförderung profitiert habe.

Nicht abgestritten wurde, dass die Streamer heute wichtige Geschäftspartner im Markt sind. Denn, wie Frank Smith sagt, hätten sie ein Goldenes Zeitalter für Filmemacher eingeläutet. "Es wird so viel Produkt hergestellt wie nie. Aber aus Sicht eines Finanziers habe ich ein Problem. Ich kann aktuell keinen 19-Mio-Dollar-Film mehr vom Boden bringen, der 200 bis 300 Mio. Dollar an den Kinokassen einspielt und mir als Cash Cow die Verluste all der anderen Filme deckt. Es wird immer härter. Es kann zwar sein, dass ich einen Film gemacht kriege, den ich seit 15 Jahren mit mir herumschleppe, aber meine Gewinnspanne ist fix." Patrick Wachsberger unterstrich, dass viele Filmemacher dem Kino treu bleiben wollen und eher abgeneigt sind, Filme für eine direkte Streamingauswertung zu realisieren. Christine Vachon stellte fest: "Wir stellen uns immer die Frage, was macht einen Stoff zu einem Kinofilm? Kinofilme sind originell, provokativ, mutig. Mit den Streamern kreiert der Markt eine neue Kategorie an Film, die eben nicht Kino ist." Wachsberger brachte zum Schluss noch einen interessanten Aspekt zur Sprache, nämlich dass die unabhängigen Filmverleiher auf der ganzen Welt große Sorgen haben, weil sie ihre Staffeln nicht mehr füllen können. "Sie haben kein Produkt mehr, engagieren sich deshalb immer stärker in der lokalen Produktion. Man kann heute fast jeden Film, den man produziert, an Verleiher lizenzieren."

Emilie Georges ist sich unsicher, ob sie einen Film wie "Still Alice" auch heute noch so gut verkauft bekommen würde. "Er war ein großer Erfolg, weltweit. Die Erträge auf lange Sicht sind sehr gut. Wäre das an einen One-Stop-Shop gegangen, hätten wir nie so gut verdient. Eine Kinoauswertung ist immer das Beste für einen Film - vorausgesetzt natürlich, er ist erfolgreich", so Georges. "Es reicht schon, wenn er in nur einem Land funktioniert", so Wachsberger. Um weiterhin in der unabhängigen Produktion zu reüssieren, sei neben einem guten Drehbuch das Talent wichtig: "Talent, talent, talent", so Frank Smith.