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Zurich Summit: Kommt das Kinopublikum zurück?

Auf hochkarätig besetzten Panels wurde beim diesjährigen Zurich Summit am Rande des Zurich Film Festivals von Expertenseite ein kritischer Blick auf die Kinosituation nach zweieinhalb Jahren Covid geworfen.

25.09.2022 09:15 • von Barbara Schuster

Auf hochkarätig besetzten Panels wurde beim diesjährigen Zurich Summit am Rande des Zurich Film Festivals von Expertenseite ein kritischer Blick auf die Kinosituation nach zweieinhalb Jahren Covid geworfen.

Die Seite der Auswertung von Arthouse-Filmen wurde in einem Panel beleuchtet, zu dessen Gesprächsteilnehmern auch Christian Bräuer von der Yorck-Kinogruppe zählte. Er sagte, Kuratierung sei das A und O, "die Kinos müssen es schaffen, selbst zur Marke zu werden", so Bräuer. Er sehe das Asset von Arthouse-Kinos darin, dass sie analoge Orte sind. Als diese sollten sie sich feiern. "Die Menschen brauchen uns. Wir leben in einer digitalen Welt, Kino kann mit seiner Lagerfeuerromantik punkten in diesen hektischen Zeiten." Und natürlich sei es wichtig, seine Kunden zu kennen, genügend Daten zu sammeln. Die jungen Gäste müsse man wo anders abholen als das ältere Publikum. Auch seine Schweizer Kollegin Stephanie Candinas von der Arthouse Commercio Movie AG, sagte, dass die Kinos sich heute mehr anstrengen müssten: "Kino ist nicht mehr wie in den Sechzigerjahren talk of the town. Diese Zeiten sind vorbei. Kinos müssen sich mehr einfallen lassen, mit einem besonderen Gastro-Angebot, ein Gesamterlebnis schaffen, spice it all up."

Bräuer glaubt auch fest an eine Koexistenz von Streamern und Kino. "Diese Koexistenz gab es doch schon vor der Pandemie." David Laub von A24 sagte: "Streamer sind Teil unserer Welt. Sie folgen nur anderen Ansätzen. Kino und Streaming schließt sich nicht aus. Es ist Platz für beide." Im Hinblick auf die Arthouse-Titel im Herbst äußerten sich Laub und Bräuer auch optimistisch: Das Arthouse-Kino wird gut versorgt sein. Allerdings räumte Laub auch ein: "Nach dem Herbst wissen wir mehr. Traditionell bedienen wir ein junges Publikum, wie wir das bei ,Everything Everywhere All at Once' unter Beweis gestellt haben. Aber jetzt kommen auch ein paar Filme für eine ältere Zielgruppe, die wir in Venedig und den anderen Herbstfestivals vorgestellt haben. Jetzt wird sich zeigen: Kommt das ältere Publikum zurück in die Kinos?"

Auf den Wandel in der Branche reagierten die beiden Sony-Pictures-Classics Chefs Michael Barker und Tom Bernard, die in Zürich mit dem GameChanger Award ausgezeichnet wurden, gelassen. Sie blickten unter der Moderation von Roeg Sutherland, Co-Head CAA Media Finance, zunächst zurück auf ihre lange, fruchtbare Karriere, die von etlichen Oscars gepflastert wurde. Die ehemaligen Orion-Classics-Chefs gründeten das Filmproduktions- und Vertriebsunternehmen als Geschäftsbereich von Sony Pictures im Jahr 1992. Neben Miramax, New Line und Fox Searchlight gehörten sie damit zu den Firmen, die das moderne Independent-Geschäft in den USA mit geformt und etabliert haben mit Filmhits wie "Wiedersehen in Howard's End", "Tiger & Dragon" und jüngst Call Me By Your Name" oder The Father". "Sony wollte immer schon ein Label für Qualitätsfilme. Ein Label, zu dem das Talent kommt, zu dem das Talent will. Das kann nur langfristig aufgebaut werden", so Tom Bernard.

Der aktuelle Markt beunruhige sie nicht. "Man muss jede Minute adaptieren", so Michael Barker. "Um das zu tun, was wir seit 45 Jahren machen, muss man in jeder einzelnen Woche schauen, was passiert und sich danach richten. Tom und ich wollten immer schon qualitätsvolle Filme aus aller Herren Länder im Kino auswerten. Als wir anfingen, hatten wir nur ein Telefon. Man muss mit der Zeit mitgehen, man muss mit dem Wandel der Filme mitgehen, mit dem sich verändernden Geschmack der Leute. Man muss eintauchen in die Kultur, die Gesellschaft und herausfinden, welche Filme die Menschen sehen wollen, wie wir die Menschen mit unseren Filmen erreichen können." Und Tom Bernard meinte: "Unsere Philosophie ist: Ein Film, der sich langfristig bewährt, der einen über die Auswertungsstufen hinweg als Geschenk erweist. Das haben wir mehrfach bewiesen."

Tom Bernard erklärte zudem: "Wenn man heute fremdsprachige Filme kauft, man muss sehr selektiv sein. Es ist schwieriger denn je, diejenigen drei oder vier Titel zu finden, die den Crossover beim Publikum schaffen." Und Michael Barker merkte an: "Das Problem ist: Früher gab es die Zeitung, in der war eine Werbung für einen Film sowie eine intelligente Kritik zum Film. Jede Woche konnte man etwas über diese Filme lesen. Man wurde Fan und orientierte sich daran. Das gibt es nicht mehr. Das einzige Spotlight, von dem fremdsprachige Filme heute leben, sind die Preise der Oscar-Academy." Das mache es schwerer, aber nicht unmöglich, vermeintlich schwierige Filme auch im heutigen Umfeld zu Erfolgen zu machen. Vor allem schrieben die beiden mit allen Wassern gewaschenen Veteranen den Anwesenden beim Zurich Summit eines ins Stammbuch: "Wir betrachten die Streamer nicht als Konkurrenz. In den Achtzigern und Neunzigern, da war die Konkurrenz enorm. Heute sind die Firmen alle unterschiedlich gestrickt. Jeder hat sein eigenes Modell. Es gibt nicht mehr den einen richtigen Weg. Ein Vorteil bei Sony ist es, wie Tom Rothman sagt, dass es keine eigene Plattform gibt, die man füttern muss. Das gibt uns Flexibilität. Für Sony Pictures Classics geht es immer noch ums Kino. Filmstars werden auf der großen Leinwand gemacht, nicht in einem Stream."