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"Die Kaiserin"-Showrunnerin Katharina Eyssen: "Ich habe nicht gehudelt"

Von den diversen Elisabeth-Projekten kommt die Netflix-Serie "Die Kaiserin" nicht als Erste über die Ziellinie. Showrunnerin Katharina Eyssen konzentrierte sich auf die Qualität der Drehbücher und hat mit dem weltweiten Start am heutigen 29. September potenziell das größte Publikum im Blick.

29.09.2022 15:21 • von Michael Müller
"Die Kaiserin" ist nach "Zeit der Geheimnisse" das nächste Netflix-Projekt für Katharina Eyssen (Bild: Netflix/Volker Conradus)

Von den diversen Elisabeth-Projekten kommt die Netflix-Serie "Die Kaiserin" nicht als Erste über die Ziellinie. Showrunnerin Katharina Eyssen konzentrierte sich auf die Qualität der Drehbücher und hat mit dem weltweiten Start am heutigen 29. September potenziell das größte Publikum im Blick.

Hat der Kaiserin-Elisabeth-Mythos, insbesondere durch die "Sissi"-Filme mit Romy Schneider, eine Rolle in Ihrem Leben vor der Produktion von "Die Kaiserin" gespielt?

KATHARINA EYSSEN: Es hat in meinem Leben insofern immer eine kleine Rolle gespielt, dass ich selbst am Starnberger See in Possenhofen geboren wurde und in München aufgewachsen bin. Da ist das Thema der vergangenen Monarchien schon allgegenwärtig - wenn auch nicht so stark wie in Wien. Da Elisabeth in München geboren wurde, gehörte sie als ikonische Figur der bayerischen Vergangenheit immer dazu - genauso wie beispielsweise Ludwig II. In meiner Jugend hatte das Thema "Sissi" dann allerdings eher einen campy Charakter: Als Teenager sahen wir uns die alten "Sissi"-Filme an, tranken dazu Prosecco. Ich war nie jemand, der die Story dahinter als romantisches Vorbild verehrt hätte. Ich bin zwar ein großer Romy-Schneider-Fan, aber nicht unbedingt wegen der "Sissi"-Filme. Mir wäre vielleicht nie die Idee gekommen, dass man aus der Figur der Kaiserin Elisabeth etwas anderes machen muss. Jetzt kam es aber vielen Filmemachern vor ein paar Jahren in den Sinn - und das hat sicherlich auch einen Grund.

Bei der Serie "Die Kaiserin" gab es drei entscheidende Faktoren: Sie als Showrunnerin, die Produktionsfirma Sommerhaus und Netflix. Wer ist auf wen zugekommen?

KATHARINA EYSSEN: Ich hatte 2019 mit Sommerhaus schon die Miniserie "Zeit der Geheimnisse" für Netflix gemacht und bin seitdem den Produzenten Jochen Laube und Fabian Maubach eng verbunden. Wir wussten, dass wir wieder etwas zusammen machen wollten. Und dass Netflix auch Interesse hatte, wieder mit uns etwas zu entwickeln, da "Zeit der Geheimnisse" eine sehr schöne Zusammenarbeit gewesen war, stand eigentlich fest, bevor wir genau wussten, welches Projekt es sein könnte. Netflix sah die Stärke von "Zeit der Geheimnisse" darin, verschiedenste Frauenfiguren in einem familiären Umfeld zu zeigen. Diese Stärke wollten sie wieder - diesmal in einem historischen Zusammenhang. Wir stellten uns die Frage, welche Frauenfiguren der deutschen Geschichte da in Frage kämen. Nach fünf Minuten Brainstorming waren wir dann natürlich bei Kaiserin Elisabeth. Erst sagte ich: Auf keinen Fall - wegen des angesprochenen "besetzen" Blicks auf die Romy-Schneider-Filme als eher popkulturelles Phänomen. Aber dann wachte ich in der Nacht nach dem Meeting auf und dachte: Doch! Das musst du machen! Da wussten wir alle natürlich noch nicht, dass es noch vier andere Produktionen geben würde, die das selbe Thema angehen. Mein Ansatz war gleich, dass man den Stoff der Shakespearian Familientragödie erzählen muss. Mich interessiert die historische Figur der Elisabeth sehr, aber von Anfang an interessierten mich auch die Charaktere um sie herum.

Von welchen historischen Grundlagen gingen Sie im Writers Room aus und wo wollten Sie Ihre Schwerpunkte setzen?

KATHARINA EYSSEN: Den Writers Room gab es nur für einen Teil der Entwicklung. Die letzten Monate vor Dreh habe ich dann alle Drehbücher alleine zu Ende gebracht. Aber gerade Bernd Lange hat mir wahnsinnig dabei geholfen, das historische Material anfangs in sinnvolle dramaturgische Zusammenhänge zu bringen. Ich bewundere Bernd und bin sehr dankbar, wie viel ich von ihm lernen durfte. Die Autorinnen Janna Nandzig und später noch Lena Stahl waren überdies eine große kreative Bereicherung für diesen umfangreichen, komplexen Stoff. Was die Recherche angeht: Es gibt ein bis zwei Biografien über Elisabeth, die wir natürlich alle fleißig durchgearbeitet haben, um sie dann ab einem gewissen Zeitpunkt aber auch wegzulegen. Denn die Darstellungen der Figuren in diesen Biografien sind immer auch eingefärbt von der Haltung der jeweiligen Biografinn*en. Darüber hinaus gibt es eine sehr gute Kaiser-Franz-Josef-Biografie, mit dessen Autor Herrn Vocelka wir auch immer wieder intensiven Kontakt in Wien hatten. Der las auch die Drehbücher gegen, wies uns auf zu grobe Abweichungen gegenüber der historischen Faktenlage hin. Ich muss an dieser Stelle auch meinem dramaturgisch-wissenschaftlichen Assistenten Matthias Börner danken, der sich tief in die Habsburger Familiengeschichte eingelesen hatte.

Es ist eigentlich eine unglaubliche Bürde, die Rolle der Kaiserin Elisabeth nach Romy Schneider zu besetzen. Da haben die verschiedenen Projekte jetzt den Druck etwas besser auf mehrere Schultern verteilt. Was musste Ihre Kaiserin haben?

KATHARINA EYSSEN: Die Regisseurin Katrin Gebbe kam während des Casting-Prozesses im Spätsommer 2020 zum Projekt hinzu. Mit ihr war die kreative Arbeit von Anfang an unglaublich fruchtbar und intensiv. Dank an dieser Stelle an unsere tolle Casterin Daniela Tollkien, die uns ausgehalten hat! Katrin und ich wollten beide jemanden, der nicht nur das kapriziöse und schwierige Persönchen ist, als das Elisabeth häufig in den Biografien beschrieben wurde. Wir wollten aber auch nicht die rotbäckige Unschuld, wie Elisabeth es bei Romy Schneider war. Die Figur, die ich geschrieben hatte und die wir auch mit der unglaublichen Devrim Lingnau zum Leben erwecken konnten, hat eine impulsive, sinnliche Kraft und Intelligenz und kämpft aber gleichzeitig mit ihrer dunklen Seite. Eine junge Frau, die uns mitreißt und trotzdem auch einen Abgrund in sich trägt: Bei Frauenfiguren vermisse ich das oft. Devrim Lingnau hatte von Anfang an auch eine innere Verletzlichkeit, ein Geheimnis im Blick. Sie ist unglaublich liebenswert und strahlend, aber sie besitzt eben auch einen Widerstand. So habe ich mir Elisabeth vorgestellt.

Hinsichtlich der dunkleren Seite ist dann auch die Wahl von Katrin Gebbe passend, die für extremere und vor allem auch sehr körperliche Filme bekannt ist. Hatten Sie einen Einfluss darauf, wer Regie führt?

KATHARINA EYSSEN: Ja natürlich. Ich habe Katrin Gebbe selbst ausgesucht, nachdem ich "Pelikanblut" gesehen habe. Ich habe den Anfang des Films gesehen, wo die Pferde im Morgenlicht umher traben, und gespürt: Sie könnte es sein. Das war eine sehr intuitive Bauch-Entscheidung. "Tore tanzt" hatte ich schon zwei Jahre zuvor gesehen. In beiden Filmen hat mich vor allem die kompromisslose Arbeit mit den Schauspieler*innen beeindruckt. Diese Mischung aus Naturalismus und Poesie. Katrin und ich waren uns von Anfang an sehr einig, wie die Atmosphäre, der Ton und der Look der Show sein sollte. Katrin, Florian Cossen und ich haben jetzt fast zwei Jahre sehr intensiv zusammengearbeitet. Mit allen Höhen und Tiefen und auch allen kreativen Reibungen, die so eine Arbeit und das Showrunner-Set-Up mit sich bringt. Ich bin beiden unglaublich dankbar, dass sie das mitgemacht haben und für ihre Leidenschaft und die Kraft.

Inwiefern schauten Sie denn dann auch auf andere aktuelle Elisabeth-Werke wie "Corsage" oder "Sisi" - oder blendeten Sie das alles völlig aus?

KATHARINA EYSSEN: Ich würde lügen, wenn ich sage, dass die anderen Projekte spurlos an mir vorbeigegangen wären. Als Kreative ist man ja permanent in diesem ewigen Kontrast aus "Ich bin die Tollste" und "Ich kann leider gar nichts" gefangen. Natürlich fragt man sich da immer mal wieder, wie die anderen das selbe Thema wohl umsetzen werden. Ich hatte Momente, Tage, da hat mich das sehr beschäftigt, ob die Kolleg*innen es vor allem besser erzählen. Als Autorin ist mir die Erzählung ja immer am wichtigsten. Dann habe ich es aber auch wieder erfolgreich verdrängt. Das muss man auch. Aber jedem, der erzählt, dass er sich da nicht nachts wälzt, glaube ich das nicht. Ich bin sehr gespannt auf "Corsage". Mit Jonas Dornbach von Komplizen Film verbindet mich eine lange Freundschaft und ich habe großen Respekt vor Marie Kreutzer und ihrer Arbeit. Ich werde mir den Film ansehen, wenn wir fertig sind.

Es war auch ein gewisses Wettrennen, weil die Projekte teilweise fast zeitgleich angekündigt wurden. Wie sah es da hinsichtlich des Zeitdrucks etwa von Netflix aus?

KATHARINA EYSSEN: Von dem RTL+-Projekt wusste ich, dass sie zeitgleich mit uns mit der Entwicklung anfingen. Wir haben sehr bald - und das muss ich Netflix hoch anrechnen - gemerkt, dass ein Wettrennen auf Kosten der Qualität der Bücher gehen würde. Wir wollten unsere Serie so gut machen, wie wir nur können. Daher hat Netflix schon in der Entwicklung den Druck, als erster rauskommen zu wollen, rausgenommen. Gute Bücher, guter Schnitt, gute Musik - das alles braucht eine gewisse Zeit. Auch wenn das Wettrennen damit verloren ging. Die Hauptsache für mich ist jetzt: Es ist so gut geworden, wie ich es nur machen konnte und ich habe - wie man in Bayern sagt - nicht gehudelt.

Das ist Ihr zweites fertiggestelltes Netflix-Projekt. Sind Sie im Umgang selbstbewusster geworden?

KATHARINA EYSSEN: Das müssen Sie Netflix fragen... Mit Eva van Leeuwen, Director Local Language Series DACH Netflix, arbeite ich inzwischen seit fünf Jahren zusammen und wir sind uns eng verbunden. Ein großes Fundament dieser Show ist diese Zusammenarbeit und trotzdem haben wir natürlich auch bei diesem Projekt viel diskutiert. Man reibt sich eben, ob bei den Büchern, im Casting oder im Schneideraum. Das ist der normale Prozess zwischen Kreativen und Auftraggebern. Aber ich schätze Eva sehr. Die Arbeit war immer konstruktiv und fruchtbar.

Glauben Sie, dass die mehr als 200 Netflix-Länder auf eine neue Sisi warten? Was erwarten Sie sich vom weltweiten Start?

KATHARINA EYSSEN: Ich kann überhaupt nicht einschätzen, ob und wen auf der Welt Sisi als IP interessiert. Darüber weiß Netflix mehr. Ich hoffe, dass jenseits von Elisabeth diese sehr intensive und abgründige Familiengeschichte Menschen überall auf der Welt erreichen kann. Franz, Maximilian und Sophie sind für mich fast gleichwertige Hauptfiguren neben Elisabeth. Selbst wenn einen Sisi nicht großartig interessiert, interessiert einen hoffentlich trotzdem diese Show, weil es eine starke Familiengeschichte ist, die bis heute Einfluss auf unsere europäische Geschichte hat.

Das Interview führte Michael Müller