Kino

Checkliste für die Kino-Zukunft

Auch wenn die Energiekrise der Filmkunstmesse einen mächtigen Stempel aufdrückte - für positive Visionen war natürlich auch in diesem Jahr viel Raum. So wurde im Zuge der kontinuierlichen Aufbereitung der Cinema Vision 2030 nicht nur eine Agenda formuliert, sondern ein sehr konkreter Katalog möglicher Maßnahmen erarbeitet.

23.09.2022 12:07 • von Marc Mensch
Visionäres Panel: David Sprinz, Petra Rockenfeller, Thilo Pickartz, Ophelia Hertel, Christopher Bausch, Oliver Flothkötter, Daniela Zuklic, Ringo Rösener und Deborah Shirley Cohrs (Bild: Rainer Justen)

Menschen, die mit Überzeugung zu Werk gehen, die für das Kino brennen. Die Dinge einfach angepackt und damit tatsächlich etwas bewegt haben. Das zeichnete laut Christian Bräuer die Innovationskonferenz CinemaVision 2030 in besonderer Weise aus. Das - und die Tatsache, dass es sich nicht um einen isolierten Aufschlag handelte. Sondern ein Event, das im wahrsten Sinne des Wortes Impulsgeber war, dessen eigentlicher Wert erst in einer Nachbereitung zutage tritt, die kein vordefiniertes Ende hat. Ausdruck dessen ist, was Bräuer mit den Worten "Die Zukunft des Kinos ist ein dynamischer Prozess, an dem die Arbeit nie aufhört" auf den Punkt brachte.

Ergänzend zu den in Berlin gegebenen Anregungen wurden in bislang drei, von Deborah Shirley Cohrs und Thilo Pickartz (Zurück ins Kino) zentral begleiteten, Online-Workshops Ideen gesammelt, ausgewertet, strukturiert - und auf dieser Basis zwei zentrale Dokumente erstellt. Zum einen eine "Agenda für das Kino der Zukunft", die anhand von sechs größeren Themenfeldern grob skizziert, in welchen Bereichen sich Kinos profilieren können, sollen und wollen. Diese Agenda ist - wie Christopher Bausch als eine der zentralen Figuren der Konferenz betonte - gerade auch als Handreichung für die Politik gedacht, soll sie doch nicht zuletzt auf einen Blick klar machen, auf wie vielen Gebieten das Kino in der Lage ist, sich als Kulturort und sozialer Raum weiter zu profilieren, Trends zu setzen, Vorreiter (wie bei den Themen Diversität, Inklusion und Nachhaltigkeit) zu sein.

Ein extrem wichtiger Teil der Arbeit - denn was auch bei einer Panelveranstaltung zur Filmkunstmesse wiederholt betont wurde: An Ideen mangelt es keinesfalls. Vielmehr am Geld. Nicht umsonst heißt es am Ende der Agenda: "...Diesem Beitrag zur Cinema Vision 2030 liegt ein konkreter Maßnahmenplan für Kinos zu Grunde, der nur mit den notwendigen Ressourcen, Fördermitteln und entsprechender Aufmerksamkeit umgesetzt werden kann. Kinos bleiben damit zukunftsfähig und werden auf dem Weg mit wachsenden Möglichkeiten das Kino fest und nachhaltig in der Kulturwirtschaft verankern."

Petra Rockenfeller, die ebenfalls zentral an der Konferenz gearbeitet hatte und nun auch die Nachbereitung federführend mit begleitet, zeigte sich mit Blick auf notwendige Unterstützung jedenfalls optimistisch: "Die Politik war in der Krise bislang an unserer Seite. Auch als wir wieder geöffnet hatten."

Zur "Agenda für das Kino der Zukunft"

Wo dieser Pfeiler der Nachbearbeitung in Teilen noch etwas abstrakt gehalten sein mag, wird schon beim ersten Blick auf den zweiten Pfeiler glasklar, warum das so sein muss: Denn die tatsächliche Fülle aus der Branche selbst heraus entwickelter Anregungen ist enorm - und die Frage, was man gerne umsetzen würde, wenn Geld erst einmal kein Hindernis wäre, gehörte laut Thilo Pickartz dabei ausdrücklich ergänzend dazu. Was schon für die Konferenz selbst galt, gilt für diesen Katalog umso mehr: In der "Checkliste für Kinos" sollte sich für Häuser jeder Art und Größe auch abseits der durch die Krise zu absoluten Notwendigkeiten gewordenen Maßnahmen im Bereich der Nachhaltigkeit etwas finden, das man anpacken will - und auch etwas, dass man selbst mit eingeschränkten Ressourcen schon einmal anpacken kann, bevor es an größere Vorhaben geht.

Zur Checkliste für Kinos

Dass ein 90-minütiges Panel nicht den Raum geben konnte, um diese Fülle an Ideen auch nur bruchstückhaft zu skizzieren, versteht sich von selbst. Vielmehr wählte man den Weg, Grundpfeiler kurz und mit eigenen Erfahrungen garniert von Beteiligten der Workshops vorstellen zu lassen.

Ophelia Hertel, Theaterleitungsassistentin im Broadway Filmtheater Trier, etwa hob nicht zuletzt die Wichtigkeit der Medienpräsenz hervor, die Definition und Kommunikation von Werten - und die Vermittlung dieser auch über ein eigenes Branding. So hat das Broadway die Liebe zum Film, zur Kultur und zu seinem Publikum auch optisch in seinen Namen geholt. Dabei geht es aber beileibe nicht nur um Kommunikation nach Außen - gerade jene mit den Gästen vor Ort, jene, die durch ein tolles Team erfolge, wolle man intensivieren; nicht zuletzt durch den Ausbau begleitender Angebote wie Filmgespräche. Selbstverständlich eine Frage der Ressourcen, schließlich wollen entsprechende Mitarbeitende auch qualifiziert werden. Idee sei es auch, "Kinobotschafter" zu gewinnen, im Team wie beim Publikum. Dazu, die Kinoerfahrung zu teilen, lade man Gäste u.a. über QR-Codes ein.

Das Herz von Oliver Flothkötter, Theaterleitungsassistent bei den Essener Filmkunsttheatern, schlägt nicht zuletzt für die Filmgeschichte. Diese erfahrbar zu machen, Hintergründe anzubieten und zu kontextualisieren, biete einen enormen Mehrwert. Als ein erfolgreiches Beispiel nannte er eine 2018 gestartete Reihe, die sich seither Jahr für Jahr Klassikern zu ihrem 50. Geburtstag widmete (Dementsprechend heißt die als Kino68 ins Leben gerufene Idee in diesem Jahr Kino72). Hier hole man sich auch gezielt Input von Mitarbeitenden und vor allem dem Publikum, das Gelegenheit bekomme, auch Wünsche zu äußern. Er adressierte auch die Preisfrage: Darüber gehe viel, allerdings wolle man selbstverständlich kein Dumping betreiben. Kinder bis 14 Jahre zahlten fünf Euro (was man, so seine Erfahrung, womöglich noch stärker kommunizieren müsse), auch für Senioren schaffe man niedrigschwellige Angebote; letztlich gehe es darum, Teilhabe gerade auch im einkommensschwächeren Bereich zu ermöglichen. Abomodelle - wie sie bei dieser Filmkunstmesse an vielen Stellen sehr proaktiv diskutiert wurden - hält er für eine potenziell "sehr hilfreiche" Maßnahme, gerade um der aktuell auch im Arthouse-Sektor massiv zu beobachtenden Event-Fokussierung zu begegnen. "Abomodelle sind ein ganz großes Thema", sekundierte auch Bausch.

Die Ironie, dass es in Deutschland zwar sogar eigene Studiengänge für Weinwirtschaft, aber keinerlei staatliche Ausbildungsangebote für die Kinowirtschaft (im Kontext der Kulturwirtschaft komme das Kino noch nicht vor) gebe, brachte David Sprinz, Ko-Geschäftsführer des Scala Lüneburg, auf den Punkt. Er selbst (im Hauptberuf zunächst Grafiker) kam als Quereinsteiger ins Kino, in seine nunmehr leitende Rolle von Betreibenden "hineingeschubst", die ihn auch als Teilzeitbeschäftigten in jeder erdenklichen Weise motiviert und gefördert hätten. Ein Engagement, das sich auf breiter Basis kaum leisten lässt, das enorm Ressourcen (Zeit wie Geld) verschlingt. Den Aufwand nimmt das Scala weiterhin auf sich, mit derzeit einer Auszubildenden - der man aber alles, was mit Kino zu tun habe, selbst vermitteln müsse; in der Berufsschule sei das kein Thema. Für ihn ist eine offizielle staatliche Ausbildung unabdingbar - und vor allem auch eine staatlich geförderte Weiterbildung, um Quereinsteiger in die Branche zu holen. Selbstverständlich sei die immer wichtigere Work-Life-Balance in einem Tätigkeitsumfeld mit den typischen Arbeitszeiten eines Kinos eine Herausforderung, der man damit begegnen müsse, ein "besserer Arbeitgeber" als andere zu sein. Gestaltungsspielräume zu gewähren, sei da noch die einfachste Maßnahme, für andere Dinge sei schlicht Geld notwendig.

Das gilt gerade auch für Maßnahmen im Bereich der Nachhaltigkeit, nicht umsonst verwies Daniela Zuklic, Geschäftsführerin des Thalia Potsdam auf die Notwendigkeit externer Expertise, gerade bei der Finanzplanung. Und darauf, die Vorreiterrolle, die die Kulturbranche gerade in diesem Bereich einnähme, stärker nach Außen zu kommunizieren. das Problem läge nicht an der Stelle, dass man keine weitreichenden Konzepte hätte, aber sie sehe nicht, wo man aktuell die dafür nötigen Mittel herbekommen könne - von der Schwierigkeit aktuell überhaupt Berater oder Handwerker zu finden, einmal ganz abgesehen. Umso wichtiger sei der Austausch, sei die Nutzung von Anregungen wie der vorgelegten Checkliste. Denn auch manche vermeintlich kleine Maßnahme könne einen erheblichen (auch finanziellen) Benefit haben, als Beispiel nannte Zuklic die vom Thalia selbst vorgenommene Mülltrennung, mit der man tatsächlich nennenswert Kosten spare.

Abschließend noch ein positiver Aspekt, den man durchaus auch der verstärkten Kommunikation im Zuge der Corona-Krise zuschreiben kann. Denn auch wenn an dieser Stelle noch Luft nach oben ist - dass das Kino mittlerweile etwas stärker als Kulturort per se wahrgenommen wird, davon legte die Tatsache Zeugnis ab, dass man im Zuge der Nachbereitung auch Kulturwissenschaftler in den Austausch holen konnte, konkret berichtete Ringo Rösener, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kulturwissenschaften der Universität Leipzig von neuen Diskussionsebenen, die sich dadurch eröffneten.

So bleibt als grundsätzliche Erkenntnis: Die unmittelbare Zukunft mag hart werden. Aber es gibt echte, greifbare Chancen, dass das Kino gestärkt aus den völlig unverschuldeten Krisen hervorgehen kann. Um Unterstützung jedenfalls lässt sich in der Tat mit konkreten Visionen werben.