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Zurich Film Festival eröffnet: "Wir canceln keine Filme. Wir zeigen sie!"

Im Kongresshaus am Ufer des Zurich Sees war wieder großes Schaulaufen angesagt zur gestrigen Eröffnung des 18. Zurich Film Festivals mit dem Netflix-Film "Die Schwimmerinnen". Artistic Director Christian Jungen hielt ein flammendes Plädoyer auf die Meinungs- und Kunstfreiheit.

23.09.2022 07:45 • von Barbara Schuster
Christian Jungen (l.) und Elke Mayer (r.) vom ZFF mit Cast & Crew von "Die Schwimmerinnen" (Bild: Tim Hughes for ZFF)

Im Kongresshaus am Ufer des Zurich Sees war wieder großes Schaulaufen angesagt zur gestrigen Eröffnung des 18. Zurich Film Festivals. Über den grünen Teppich schritt lokale Prominenz in glitzernden Roben und Smoking, Branchengäste aus dem In- und Ausland sowie - auch die Politik darf nicht fehlen - Bundesratspräsident Ignazio Cassis und die Zürcher Stadtpräsidentin Corine Mauch.

Artistic Director Christian Jungen betonte bei seiner Eröffnungsrede, dass das Festival nun, in seiner 18. Edition, erwachsen geworden sei, sich vom New Kid on the Block zum respektierten Player in der europäischen Festivallandschaft gewandelt habe. Obwohl das Zürcher Publikum, die Festivalgäste allgemein und vor allem die internationalen Filmschaffenden gerne auf das ZFF kommen, wo Film in allen Facetten gefeiert wird, hätte er dieses Jahr auch etwas zu kämpfen gehabt, so Jungen: "Es herrscht in der Kulturszene eine merkwürdige Angst, weil man ständig mit der Frage konfrontiert wird: Darf man das überhaupt noch machen?", so Jungen.

Damit spielte er auf die Kontroverse um Filme wie "Der junge Häuptling Winnetou" an. Jungen hat dazu eine klare Meinung (die übrigens mit viel Beifall bedacht wurde). Mehrfach sei er in den letzten Tagen gefragt worden, ob das Festival bestimmte Filme aus dem Programm nehme, weil sie eventuell die Gefühle von jemandem verletzen könnten. "Ich sage es sehr klar: Solange ich hier die Verantwortung tragen darf, bleibt das ZFF ein Ort der Meinungsfreiheit, ein Ort der Debatte. Mein Team und ich stehen auf Seiten der Filmschaffenden, deren Werke wir eingeladen haben. Und erst recht, wenn diese mal in den Gegenwind geraten." Das ZFF bleibe ein Ort der Kunstfreiheit. Nicht jeder Film muss allen gefallen. Man kann auch geteilter Meinung sein. Um das aber sein zu können, muss man einen Film erst einmal zeigen. "Wir canceln keine Filme. Wir zeigen sie!", so Jungen.

Humorvoll fielen die Eröffnungsgrußworte von Corine Mauch und Ignazio Cassis aus. Während Mauch sich augenzwinkernd entschuldigte, dass die Gäste sie immer noch bei der Opening Night ertragen müssten - 2022 hielt sie ihre 14. Rede beim ZFF - und auf ihre jüngste Wiederwahl verwies, mit der sie dem ZFF auch die nächsten Jahre erhalten bleibe - "I'll be back" -, schlug sich der gebürtige Tessiner Cassis erst einmal auf die Seite des Locarno Film Festival, indem er auf italienisch fragte, wo "seine Piazza Grande" eigentlich sei, schließlich befänden sie sich auf einem wichtigen Schweizer Filmfestival mit internationalen Gästen. Dem kleinen Scherz schob er auf Deutsch hinterher, dass es ihm als Tessiner natürlich bewusst sei, dass filmliebende Zürcher neben dem Locarno Filmfestival seit Jahren auch das ZFF in ihre Jahresplanung einbauen. "Die beiden Festivals mögen sich unterscheiden und bisweilen auch in Konkurrenz zueinanderstehen", so der Bundesratspräsident und fügte schmunzelnd hinzu: "Als Freund des Wettbewerbs freut mich das!" Ganz diplomatisch sagte er zum Schluss. "Aber wichtiger ist, dass beide Anlässe unser Land bereichern." Auf Französisch stimmte Cassis schließlich noch das Hohelied auf das Kino als gemeinschaftliches Erlebnis an. "Nichts ersetzt das gemeinsame Erlebnis des Kinosaals!"

Als Eröffnungsfilm wurde "Die Schwimmerinnen" als Europapremiere gezeigt, nachdem der Film von Sally El Hosaini in Toronto Weltpremiere feierte. Nach der Vorführung ließen sich Cast und Crew - darunter Matthias Schweighöfer, Hauptdarstellerin Nathalie Issa und Ysra Mardini - minutenlang mit Standing Ovations feiern. Der Film basiert auf wahren Begebenheiten und erzählt von den syrischen Schwestern Yasra und Sara Mardini, die talentierte Schwimmerinnen sind und von ihrem Vater trainiert werden. Als der Krieg sie aus ihrer Heimat drängt, brechen sie auf Richtung Europa und helfen bei der gefährlichen Überfahrt auf dem Mittelmeer von der Türkei nach Griechenland zahlreichen anderen Mitmenschen. Ihr Traum, bei den Olympischen Spielen in Rio teilzunehmen, erwacht wieder, als sie in Berlin eine neue Heimat gefunden haben.