Kino

Comscore-Prognose: Das ist für 2022 noch drin

Zur Filmkunstmesse Leipzig beleuchtete Comscore den aktuellen Status Quo des deutschen Kinomarkts, zog Vergleiche zu anderen europäischen Ländern - und gab einen Ausblick darauf, wohin sich der Markt nach einer abzusehenden "Oktober-Delle" bis Ende des Jahres noch bewegen könne.

22.09.2022 15:17 • von Marc Mensch
Bernd Zickert präsentierte aktuelle Markteinschätzungen (Bild: BF)

Minus 34 Prozent gegenüber 2019 bei den Besuchen, minus 30 Prozent beim Umsatz - das war nach Comscore Zählung der Stand im deutschen Kinomarkt unmittelbar vor Beginn der Filmkunstmesse Leipzig. Zahlen, die hinlänglich bekannt sein sollten, die belegen, dass die Erholung langsamer voranschritt, als von vielen gehofft - die aber auch Ausdruck einer Entwicklung sind, die sich nach dem ersten Quartal sehr deutlich verbesserte. Das zu Beginn des Jahres noch sehr große Delta - der Abstand zwischen den Wochenergebnissen 2019 und 2020 - ist zuletzt deutlich geschrumpft. Und das gilt laut Bernd Zickert nicht nur für den Gesamtmarkt, sondern auch den Arthouse-Markt, wenngleich dieser naturgemäß die Blockbuster-Peaks vermissen lässt - und damit noch deutlich weiter hinter seinem einstigen Niveau hinterher hinkt als der Rest der Branche.

Doch wo geht es noch hin, wie weit kann sich die Lücke angesichts einer abzusehenden Delle (auch) im Oktober bis Dezember noch schließen? Aktuell geht Comscore davon aus, dass nicht mehr allzu viel Boden gut gemacht wird. 75 Mio. Jahresbesucher laute die nach wie vor aktuelle Prognose für das Gesamtjahr, die allerdings nur dann Bestand haben werde, wenn sich keine erheblichen Störfaktoren realisierten, neben etwaigen Corona-Maßnahmen wäre dies natürlich vor allem ein Versorgungsnotstand bei der Energie. Mit anderen Worten: Selbst bei einer eher optimistischen Beurteilung der Lage kommen die eng mit Gower Street kooperierenden Zahlenexperten in ihrer aktuellen Schätzung nur auf eine geringfügige Verringerung des Abstands zu 2019; auf 32 Prozent Rückstand werde man sich nach Besuchen noch heranarbeiten. Was positive Überraschungen nicht ausschließt, so hat das Kinofest gerade für unbestreitbar positive Impulse gesorgt.

Steht Deutschland damit im europäischen Vergleich besonders schlecht da, wie es gerne kolportiert wird? Sagen wir es so: Von einem Vorzeigemarkt kann man sicherlich nicht sprechen - allerdings fällt der Unterschied etwa zu Frankreich deutlich geringer aus, als mitunter vielleicht angenommen wird. Dort lag man nach Besuchen Mitte September noch um 31 Prozent gegenüber 2019 zurück, bis Jahresende soll sich das Minus auf 29 Prozent verringern können. Interessant ist dabei aber auch: 2021 war uns Frankreich deutlich voraus; mit einem Minus von "nur" 54 Prozent statt der hiesigen 63 Prozent. Woran kann es liegen, dass 2022 auch dort nicht mehr drin war? Nun, auch wenn (und das durchaus zurecht) immer wieder von einer "Filmschwemme" oder ähnlichem die Rede ist, ging die Zahl der Neustarts gegenüber 2019 deutlich zurück. In Deutschland nach Comscore-Zählung um 17, in Frankreich um 13 Prozent.

Und auch wenn weniger Neustarts durchaus erstrebenswert sein mögen - dass sich der Rückgang gerade im Segment der Tentpoles abspielte, ist natürlich das Gegenteil von dem, was man meint, wenn man ein Überangebot beklagt.

Dass die These "mehr Filme bedeuten nicht mehr Erfolg" natürlich weiterhin Bestand hat, unterstreicht das Beispiel Spanien, wo es noch weniger rund läuft, als hierzulande. Dort lag man gegenüber 2019 zuletzt um 38 Prozent zurück, bis Ende des Jahres ist nach aktueller Schätzung nur noch eine Verbesserung um einen Prozentpunkt zu erwarten. Hier sank die Zahl der Neustarts im laufenden Jahr bislang nicht, vielmehr erhöhte sie sich um 13 Prozent.

Zwölf Prozent weniger waren es hingegen im aktuellen europäischen Vorzeigemarkt: UK & Irland. Auch dort war man schon 2021 bei einem Minus von "nur" 55 Prozent angelangt, obwohl der Einbruch 2020 bei 75 Prozent (Deutschland: 69 Prozent) gelegen hatte; Mitte September war man bei einem Rückstand von 23 Prozent angelangt. In einem Markt, dessen besondere Blockbuster-Affinität jedoch zur schnelleren Erholung beitrug, macht sich der aktuelle Tentpole-Mangel den Prognosen zufolge besonders stark bemerkbar - hier sehen Comscore/Gower Street tatsächlich eine Vergrößerung des Abstands bis Ende des Jahres. Mit 25 Prozent stünde man dennoch überdurchschnittlich gut da. Keine Zahlen hatte Zickert aus Italien mitgebracht, für die Situation dort reichte aber auch ein Wort: Dramatisch. In Österreich wiederum entwickle sich der Markt ähnlich wie in Deutschland, allerdings mit leichten Vorteilen für die Nachbarn.

Was auch daran liegen mag, dass das Ausmaß der Fokussierung auf die Toptitel zwar auch dort stieg, aber nur leichter als in Deutschland, wozu auch beitrug, dass der Top-Ten-Anteil an den Gesamtbesuchen schon vor der Krise dort zuletzt ein wenig höher war als hierzulande. Um den enormen Fokus auf wenige Filme auch kurz mit Zahlen zu illustrieren: Bislang gingen in Deutschland 53 Prozent der Besuche auf das Konto von zehn Filmen, rund ein Drittel der Gesamtbesuche entfiel nur auf die Top Fünf. So etwas gab es 2015 zwar auch schon, damals erreichte aber auch jeder einzelne der Top-Fünf-Filme mehr als sechs Mio. Besucher.

Wertvoll seien natürlich nicht zuletzt auch Impulse durch den lokalen Film, wie sie zuletzt erfreulicherweise durch Guglhupfgeschwader" ausgelöst worden seien, bei Die Schule der magischen Tiere 2" gehe GowerStreet davon aus, dass sich der (Millionen-)Erfolg des Erstlings wiederholen lasse. Für Cannes-Gewinner Triangle of Sadness" würden sich derzeitige Schätzungen auf rund eine Viertelmillion Besucher belaufen.