Kino

"Dagegen war Corona nur ein laues Lüftchen"

Wenn es bei der Filmkunstmesse nicht um Filme ging - was es trotz aller Probleme in erfreulichem Ausmaß tat - ging es vor allem um eines: Die Frage, wie Kinos die Energiekrise überstehen sollen. Nicht umsonst war das erste große Panel genau dieser Frage gewidmet. Dessen Kernbotschaft lässt sich im Prinzip auf einen Satz kondensieren.

22.09.2022 12:56 • von Marc Mensch
Der Austausch zur Energiekrise stand am Anfang des Leipziger Panel-Reigens: Konrad Nickel, Matthias Damm, Christian Pfeil, Felix Bruder, Daniel Wuschansky und Peter Dinges (Bild: Rainer Justen)

Sind wir ehrlich: Der Hauptfokus der meisten Besucher der Filmkunstmesse liegt traditionell eher bei den Screenings als bei den Paneldiskussionen - und das gilt naturgemäß umso mehr in einem Jahr mit einem so breiten (und vielversprechenden) Filmprogramm wie diesmal. Wie überschaubar der Zuspruch für die erste große Runde in der Alten Handelsbörse ausfiel war dennoch auffällig - und man muss wohl hoffen, dass dies vor allem darauf zurückzuführen war, dass die zentrale Erkenntnis längst in den Köpfen verankert ist: Loten Sie alle Möglichkeiten zum Energiesparen aus, nutzen Sie die Informationsfülle des Grünen Kinohandbuchs der FFA; holen Sie sich Beratung. Jetzt. Sofern Sie aktuell überhaupt noch einen Termin bekommen...

Denn jetzt geht es nicht mehr darum, neue gesetzliche Vorgaben umzusetzen oder sich im Idealfall als Vorreiter in Sachen Nachhaltigkeit zu platzieren. Es geht nicht um Engagement oder Imagepflege, nicht darum, Erwartungen eines zunehmend für das Thema sensibilisierten Publikums zu erfüllen. Sondern schlicht und ergreifend darum, bei den Betriebskosten zu retten, was zu retten ist. An jeder nur möglichen Stelle.

Darum gleich an dieser Stelle wichtige Anlaufstellen für Fragen für die (mit bis zu 80 Prozent geförderte) Beratung: www.energie-effizienz-experten.de; www.bafa.de und www.energiewechsel.de. Und nicht zu vergessen www.kinonatürlich.de.

Und um es mit den Worten von Christian Pfeil zu sagen: "Wir dürfen nichts auf die lange Bank schieben, wir dürfen nicht glauben, es werde schon irgendwie werden!"

Damit wäre der mit Abstand wichtigste Punkt dieses Panels im Prinzip auch schon zusammengefasst - wobei der enorm praxisnahe Austausch (von einer "Diskussion" im eigentlichen Sinne konnte man nicht reden) schon für sich genommen wertvolle Hinweise zum konkreten Vorgehen beinhaltete - insbesondere konnte Daniel Wuschansky als Projektkoordinator von Kino:Natürlich wertvolle Fingerzeige geben. Er warnte (natürlich) davor, selbst laufende Energieverträge zu kündigen, mahnte zur Vorsicht bei Laufzeiten neuer Verträge, insbesondere vor dem Hintergrund der nach wie vor im Raum stehenden Möglichkeit, dass der Strom- vom Gaspreis abgekoppelt werden könnte. Für den Falle eines Falles riet er dazu, die Möglichkeiten der Ersatzversorgung auszuloten, die zwar nur über drei Monate laufen könne - aber möglicherweise "die entscheidenden drei Monate". In jedem Fall solle man seinen Versorger kontaktieren - und sei es nur, um sich darüber zu informieren, was bei Anschlussverträgen blühe.

Die Energiekrise jedenfalls treffe die Arthouse-Branche zu einer Zeit, in der man das Gefühl gehabt habe, dass es "gerade wieder aufwärts" gehe, so Matthias Damm vom Casablanca in Nürnberg. Er wisse für sein Haus aktuell nur, dass sich die Strompreis zum 1. Januar verdoppeln würden, zum Gaspreis lägen noch keine Informationen vor. Jetzt, an dem Punkt, an dem man eigentlich wieder da sei, müsse man darum kämpfen, ohne eigene Schließzeiten, ohne eigene deutliche Preiserhöhungen auszukommen. "Die Stimmung ist nicht gut", schilderte Damm - und sein Fazit lautete: "Augen zu und durch! Anders geht es nicht." Womit beileibe nicht Untätigkeit gemeint war, tatsächlich ist das Casablanca als eines der Referenzkinos von KIno: Natürlich in der noch vergleichsweise guten Situation, dass dort vor nicht allzu langer Zeit Investitionen getätigt wurden, mit denen nicht zuletzt der Energieverbrauch gesenkt wurde.

Nicht nur die angesprochenen "Schließzeiten", die tatsächlich eine Reaktion auf drastisch steigende Betriebskosten sein könnten, machen Christian Pfeil Sorgen. Er fürchte, dass eine Abwärtsspirale in Gang gesetzt werden könnte, bezeichnete sich selbst gar als "derzeit nicht übermäßig zuversichtlich". Der von ihm unterstrichene Punkt ist dabei natürlich auch: Dass die Kinostruktur über mehr als zwei Jahre Corona-Krise im Prinzip Bestand hatte, sei der Förderung geschuldet - der neuen, riesigen Herausforderung stehe man nun dennoch in vielen Fällen ohne nennenswerter Eigenkapitaldecke gegenüber.

Nur ein Grund, weshalb Energieberater Konrad Nickel vom GIH Bundesverband die Aufmerksamkeit gerade auch auf geringinvestive Maßnahmen lenkte, die zudem den Vorteil hätten, unmittelbar umgesetzt werden zu können. Nun mögen Punkte wie das nicht durchgehende Offenhalten von Eingangstüren ebenso offensichtlich erscheinen, wie die Absenkung der Saaltemperatur - gerade hierzu hatte Nickel aber wertvolle Hinweise parat. So könne jedes Grad weniger zu einer Heizkosteneinsparung von sechs Prozent führen; verbunden damit kam von Felix Bruder der Tipp, das Foyer um einige Grad kühler zu halten, um die "gefühlte" Wärme in den Sälen zu erhöhen. Eine tageweise Schließung sei im Sinne der Energiekosten laut Nickel hingegen "nicht zielführend", sei der Effekt auf die Heizkosten dabei doch zu gering. Überlegen könne man auch, in den Toiletten das Warmwasser abzustellen.

Bei den Investitionen hob Nickel den Wechsel auf LED-Beleuchtung hervor, der bei gleicher Lichtleistung Einsparungen von 50 bis 60 Prozent verspreche. Eine enorm wichtige Maßnahme sei auch die Wärmerückgewinnung in Abluftanlagen. Wer sehr umfangreiche und komplexe Vorhaben nicht scheue bzw. überhaupt die Möglichkeit habe, sie umzusetzen (hier kamen nicht zuletzt die begrenzten Möglichkeiten von Mietern zur Sprache, die oft nicht einmal Einfluss auf grundlegende Heizungseinstellungen hätten), für den könne auch eine Wärmepumpe ein interessantes Vorhaben sein. Unter dem Strich sei es (je nach Ausgangslage) mit den richtigen Maßnahmen durchaus möglich, Energieverbrauch um bis zu 50 Prozent und mehr zu reduzieren. Letztlich müsse es darum gehen, was in welchem Zeitraum mit welchem Nutzen umsetzbar sei - was uns zum Anfang zurückbringt: Beratung tut not, ist gefördert - und schon jetzt mitunter schwierig zu bekommen, da die Anfragen durch die Decke gehen. Das wird sich in absehbarer Zeit nicht bessern, im Gegenteil.

Zum Thema "schnelle, geringinvestive Maßnahmen" plädierte Pfeil ergänzend dafür, den Input der MItarbeitenden zu nutzen und wertzuschätzen - dies habe sich in einem seiner Häuser bereits klar bezahlt gemacht, da so fehlende Isolierung einer Leitung zum Heizregister aufgefallen sei. Eine vermeintliche Kleinigkeit, deren Behebung rund zehn Prozent Energie einspare. Zugleich appellierte Pfeil - der die Wärmerückgewinnung als "wahnsinnig effektive Maßnahme" hervorhob, an die Politik, Druck auf Vermieter zu machen und diese so davon zu "überzeugen", Maßnahmen wie Photovoltaik-Installationen zu ermöglichen bzw. umzusetzen.

Nicht, dass Photovoltaik ein "Heilsbringer" sei, wie Pfeil einschränkte - zumindest nicht unter den aktuellen Rahmenbedingungen, mit denen die Politik die Margen der Stromversorger sichern wolle. Dass eine eigene Anlage sich Mittags zwangsweise wegen einer angeblich drohenden Netzüberlastung herunterregle - obwohl der Strom in einer eigenen Batterie gspeichert werde - bezeichnete Pfeil rundheraus als "Quatsch". Auch dass er elf Cent für die Einspeisung erhalte, für Fremdstorm aber 60 Cent zahle, sei ein politisch gesteuertes Unding.

Die Politik brachte auch FFA-Vorstand Peter Dinges zur Sprache. Auch wenn man derzeit nicht sagen können, was genau an Unterstützung komme, was aus Gesprächen über eine neue Kulturmilliarde werde oder mit welcher Förderintensität man künftig rechnen könne: Er sei sich sicher, dass die Branche nicht im Stich gelassen werde.

Eine entsprechende Ankündigung seitens der BKM kam tatsächlich schon am Folgetag, abwarten wird man aber müssen, welches Gewicht diese Maßnahme entfalten kann und welche ihr folgen. Denn um zu illustrieren, wie enorm die Herausforderung ist, können Schätzungen dienen, die die AG Kino-Gilde auf Basis einer Umfrage erstellt hat. Selbst wenn sich die durchschnittlichen Energiekosten pro Sitzplatz gegenüber dem Niveau von 80 Euro aus 2019 "nur" auf 300 Euro knapp vervierfachen würden, lägen die prognostizierten Mehrkosten alleine für die für das Zukunftsprogramm I antragsberechtigten 975 Kinos bei fast 74 Mio. Euro. Bei einer Steigerung auf 480 Euro wären es 134 Mio. Euro.

Kein Wunder also, dass Felix Bruder kein Blatt vor den Mund nahm, wenn es darum ging, das Ausmaß der Herausforderung zu beschreiben: "Dagegen war Corona nur ein laues Lüftchen, das macht uns echte Sorgen!" Umso mehr könne auch er nur appellieren, aktiv zu werden. Jetzt.