Kino

KOMMENTAR: Und jetzt?

Abgesehen von denen, die mit dabei waren, weiß niemand, was am Set von "Sparta" passiert ist. Vermutlich werden wir es auch niemals wissen. Wie auch? Aussage steht gegen Aussage.

22.09.2022 07:29 • von Jochen Müller
Thomas Schultze, Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

Abgesehen von denen, die mit dabei waren, weiß niemand, was am Set von Sparta" passiert ist. Vermutlich werden wir es auch niemals wissen. Wie auch? Aussage steht gegen Aussage. Der Spiegel steht zu seinen Recherchen; Ulrich Seidl und seine Heads of Department geben den Sachverhalt anders wieder. Die eigene Gefühlslage ist ein schlechter Berater, wem man nun Glauben schenken soll. Es spielt im Grunde auch keine Rolle. Für die Lehre, die es aus dieser unguten Situation zu ziehen gilt, ist es unerheblich. Die Konsequenz kann jedenfalls nicht sein, den Film nicht zu zeigen oder verbieten zu wollen. Wem wäre damit geholfen? Ein mündiges Publikum muss die Gelegenheit haben, sich seine Meinung bilden zu dürfen. Wer "Sparta" nicht ansehen will, der wird sicherlich nicht dazu gezwungen. Das ist eine individuelle Entscheidung, die jeder als erwachsener, mündiger Bürger selbst treffen können soll. Niemand muss "Sparta" toll finden. Aber jeder sollte es tun dürfen, wenn er ihn gesehen hat.

Das Publikum in San Sebastián, wo "Sparta" am vergangenen Sonntag Weltpremiere feiern konnte, nachdem Toronto den Film kurzerhand aus seinem Programm gestrichen hatte, reagierte mit viel Beifall. Es hätte aber auch genauso gut Buh rufen dürfen. Immerhin hatte es die Gelegenheit, sich den Film ansehen zu können. Weshalb es wichtig und richtig ist, den Film auch auf dem Filmfest Hamburg zu zeigen. Und später regulär in den Kinos auszuwerten. Eine freie Gesellschaft bemisst sich nicht zuletzt daran, Kunst nicht verbieten zu wollen.

Eine Lehre aus der Causa Sparta kann indes sein, mehr als bisher noch Grundlagen zu schaffen, dass Situationen beim Dreh, wie sie der Produktion angekreidet werden, gar nicht erst entstehen können.

Heikel dürfen gerne die Themen sein, die in Filmen verhandelt werden. Heikel sollten indes nicht die Bedingungen sein, unter denen die Filme entstehen. Zugegeben, das ist ein frommer Wunsch. Welche Produktion hätte jemals den Luxus gehabt, über ausreichend Geld und besonders Zeit zu verfügen, dass nicht das komplette Team ohnehin unter Strom steht? Film ist Ausnahmezustand. Immer. Produktionen sind Spitz auf Kopf kalkuliert, damit das nötige Pensum absolviert werden kann, Stress und Anspannung sind Programm. Umso wichtiger ist es, von vornherein die nötigen Kontrollmechanismen einzuziehen, die Filmdrehs ermöglichen, in denen Grenzüberschreitungen sich auf die Inhalte auf der Leinwand beschränken. Da wurde in den letzten Jahren bereits viel angestoßen. Vermutlich muss noch viel mehr passieren.

Thomas Schultze, Chefredakteur