Produktion

Michael Bully Herbig zu "Tausend Zeilen": Ein Film mit Cojones

Wenn Michael Bully Herbig einen Film dreht, kommt etwas Besonderes heraus. Das trifft auch auf seine neue Arbeit, "Tausend Zeilen", zu, der in der kommenden Woche endlich in die deutschen Kinos kommt. Anlässlich der heutigen Premiere haben wir uns mit Michael Bully Herbig über den Film, seine Traumprojekte und das allgemeine Branchenklima unterhalten.

21.09.2022 15:01 • von Thomas Schultze
Michael Bully Herbig hatte bei "Tausend Zeilen" viel Spaß damit, mit dem Thema Lüge zu spielen (Bild: Warner Bros.)

Wenn Michael Bully Herbig einen Film dreht, kommt etwas Besonderes heraus. Das trifft auch auf seine neue Arbeit, Tausend Zeilen" mit Elyas M'Barek und Jonas Nay in den Hauptrollen, zu, der in der kommenden Woche endlich in die deutschen Kinos kommt. Anlässlich der heutigen Premiere haben wir uns mit Michael Bully Herbig über den Film, seine Traumprojekte und das allgemeine Branchenklima unterhalten.

Bei "Tausend Zeilen" sind Sie nur Regisseur, weder Koautor noch Koproduzent. Wann sind Sie zu dem Projekt gestoßen, was hat Sie daran fasziniert?

MICHAEL BULLY HERBIG: Als ich von dem Skandal gehört habe, hatte ich gleich Bilder und einen gewissen Erzählstil im Kopf. Hochstaplergeschichten faszinieren mich irgendwie. Nicht, dass ich es erstrebenswert finde, einem Hochstapler nachzueifern. Ich bin auch noch nie persönlich einem begegnet oder auf einen hereingefallen. Aber für einen Film sind Charaktere dieser Art extrem interessant, man schaut ihnen fasziniert zu. Wenn ich von einer Geschichte höre, reicht manchmal ein Satz und ich hab' eine Vorstellung von dem Film. In dem Fall von "Tausend Zeilen" ist die Lüge das große Thema. Also darf man im Film lügen, was das Zeug hält. Wie ein Hochstapler die Zuschauer an der Nase herumführen. Es hat mich ein wenig gewurmt, als sich die UFA die Rechte an diesem Stoff gesichert hatte, an Juan Morenos Buch "Tausend Zeilen Lüge", das zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht geschrieben war.

Wie kamen Sie dann doch an Bord?

MICHAEL BULLY HERBIG: Ich erhielt eine Mail von Sebastian Werninger, den ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht persönlich kannte. Er habe sich mit Hermann Florin darüber unterhalten, wer als Regisseur für das Projekt in Frage käme. Zum Glück stand mein Name ziemlich weit oben auf der Liste. So schnell habe ich noch nie zurückgerufen! Sebastian Werninger und Hermann Florin kamen dann nach München. Weder eine Idee, ein Treatment noch ein Skript lagen damals vor. Ich habe ihnen vom Stil des Films erzählt, der mir so vorschwebte. Beide grinsten und nickten auffallend oft. Das war ein gutes Zeichen! Ich hätte das Drehbuch auch sehr gerne selbst geschrieben, war aber mit einem anderen Projekt beschäftigt. Das Treatment entwickelten Hermann und ich aber gemeinsam. Uns schwebte eine freie Interpretation von Morenos Vorlage vor, das heißt, die Menschen, die es gelesen haben, sollten es wiedererkennen und trotzdem mit Momenten überrascht werden, die man nicht erwartet. Das Schöne war, dass man stilistisch machen konnte, was man wollte. Wir mussten nur immer wieder die richtige Ausfahrt finden. Das Drehbuch war bei Hermann Florin in guten Händen und die Entwicklung hat sehr großen Spaß gemacht.

Warum wollten Sie nicht auch als Produzent einsteigen?

MICHAEL BULLY HERBIG: Wäre sicher eine Option gewesen, ich mach das aber nicht zur Bedingung. Im Prozess macht das für mich keinen Unterschied. Ich hab' genauso gearbeitet wie immer. Ich würde auch behaupten, dass ich ein sehr produzentenfreundlicher Regisseur bin.

Wie haben Sie mit Hermann Florins Drehbuch gearbeitet?

MICHAEL BULLY HERBIG: Wie mit jedem anderen Drehbuch auch. Es gibt auch mal Szenen, die sind zwar fantastisch geschrieben, aber erst am Set merkt man, dass irgendwas nicht stimmt. Manchmal hat es was mit Länge zu tun, manchmal mit Dialogen oder Timing. Dann wird eben so lange getüfftelt, bis es sich gut anfühlt. Ein Film ist immer in Bewegung, bis zum Schluss. Selbst in der Tonbearbeitung oder im Grading verändern sich noch Dinge. Hermann war da komplett entspannt und immer für alles offen.

Aus Deutschland hat man einen Film wie "Tausend Zeilen" noch nicht oft gesehen. Über schnelle Schnitte, über Splitscreen, Aufschriften, Anschlüsse lösen Sie immer neue Assoziationsketten aus.

MICHAEL BULLY HERBIG: In der Vorbereitung habe ich zu Kameramann Torsten Breuer und Production Designer Bernd Lepel gesagt: Der Film muss wie ein Magazin aussehen. Wenn man ein Magazin durchblättert, findet sich hier eine Schlagzeile, dort ein paar bunte Bildchen, da Text. Diese Assoziation wollte ich durchziehen mit Texteinblendungen sowie der ein oder anderen Grafik. Anfangs wollte ich das Ganze sogar noch wilder gestalten, bis es mir dann aber ein bisschen zu überambitioniert vorkam. Im Schneideraum mit Alexander Dittner ging der Spaß weiter, weil wir endlich Sachen machen konnten, die wir uns noch nie erlauben durften.

Haben Sie sich auch mit Juan Moreno ins Benehmen gesetzt?

MICHAEL BULLY HERBIG: Als die Anfrage bei mir reinschneite, gab es sein Buch noch gar nicht. Es existierte eine Fahne, die ich lesen durfte. Mir war von Anfang an wichtig, dass Juan Moreno mit im Boot ist und er mit mir als Regisseur leben kann. Also habe ich mich mit ihm getroffen. Glücklicherweise verstanden wir uns auf Anhieb. Nachdem er den ersten Rohschnitt gesehen hat, sagte er etwas sehr Schönes: Der Film hat echt Cojones. Der traut sich was. Der Film macht, was er will. Das hat mir gefallen.

Trotzdem sind alle Namen verändert.

MICHAEL BULLY HERBIG: Ja. Wenn man Teile der ursprünglichen Geschichte ein stückweit verändert, gehört sich das auch so. "Tausend Zeilen" ist keine Doku, keine Eins-zu-Eins-Übersetzung des Buches von Juan Moreno. Wir haben uns letztendlich von dem Buch inspirieren lassen. Und die Satire gestattet es uns, ein paar Dinge zu verdrehen. Aber so zu verdrehen, dass es hinten raus wieder stimmt.

Gab es auch Kontakt zu Claas Relotius?

MICHAEL BULLY HERBIG: Nein. Juan Morenos Buch war die Basis. Es war nicht so wie bei Ballon", wo es wichtig war, die Geschichte so authentisch wie möglich zu erzählen und mit allen damals Involvierten Kontakt aufzunehmen. Aber selbst in diesem Fall haben wir ein paar Eingriffe vorgenommen, um das Genre des Thrillers zu bedienen. Bei "Tausend Zeilen" war klar: Es gibt die Buchvorlage und die UFA hat die Rechte daran erworben.

Sie sind ein Filmemacher, der gerne Kontrolle über alles haben möchte. Fühlten Sie sich bei "Tausend Zeilen" wohl in einer Rolle, bei der Sie vielleicht eben nicht alles kontrollieren mussten?

MICHAEL BULLY HERBIG: Bitte nicht falsch verstehen, aber ich habe noch nie ein Drehbuch auf den Tisch bekommen, bei dem ich gesagt hätte: Geil, drehe ich genauso! Klar ist das immer Geschmackssache. Aber ich muss ein Drehbuch immer zu meinem machen. Wenn jemand käme, mir ein Drehbuch hinlegt und sagt: Du verfilmst das jetzt genauso, wie es da steht, dann bin ich vermutlich der Falsche.

Aber hätten Sie dann nicht auch als Produzent mit dabei sein müssen?

MICHAEL BULLY HERBIG: Ich hatte alle Freiheiten und konnte den Film machen, den ich machen wollte. Gut, wenn ich selber produziere, sind die Entscheidungsprozesse manchmal kürzer, weil ich Dinge dann einfach mit mir selbst ausmache. Aber ich habe bei "Tausend Zeilen" nicht gespürt, dass ich nicht produziere. Es fühlte sich an wie immer. Ich hatte ja auch wieder mein Team, mit dem ich sehr gut eingespielt bin. Darüber hinaus ist Sebastian Werninger auch ein extrem angenehmer Produzent.

Sie haben tolle Schauspieler für die Rollen gefunden. Hatten Sie die bereits im Kopf als das Projekt entstand?

MICHAEL BULLY HERBIG: Es gab verschiedene Gedanken dazu, aber nichts Konkretes. Auch bei diesem Film stand mir Daniela Tolkien für das Casting zur Seite und wir haben ganz unterschiedliche Konstellationen durchgesponnen. Sobald man seine Hauptdarsteller gefunden hat, hat das Auswirkungen auf den Rest der Besetzung. Am Ende muss das gesamte Ensemble stimmen. Elyas M'Barek ist zur Zeit der größte Kinostar, den wir in Deutschland haben. In diesem Fall fand ich es aber extrem wichtig, dass er hinter der Figur Romero verschwindet. Elyas war sehr offen für alles, auch was die Typveränderungen betraf. Ich empfinde es als großes Kompliment, wenn die Leute nach dem Film sagen, so gut haben sie ihn noch nie gesehen.

Und Jonas Nay?

MICHAEL BULLY HERBIG: Ich kannte ihn vorher nicht persönlich. Ich habe einfach mal bei Google "Deutsche Schauspieler, blond" eingegeben. Er war einer der vielen Vorschläge. Pandemiebedingt konnten wir leider kein Casting machen. Ich will Schauspieler aber richtig kennenlernen, will sehen, ob sie einen verstehen und wie sich das alles so anfühlt. Ich bin wirklich kein Fan von E-Castings, aber in diesem Fall blieb uns nichts anderes übrig. Wir haben ihm zwei Szenen geschickt, die er für uns aufnehmen sollte. Als ich seine Clips gesehen habe, war ich echt platt! Das war's, Volltreffer! Auch der weitere Cast hat sich hervorragend eingefädelt, Jörg Hartmann, Michael Maertens, Marie Burchard, Sara Fazilat und natürlich Michael Ostrowski.

Waren die Erfahrungen bei "Tausend Zeilen" so gut, dass Sie künftig weiter Filme für die UFA machen?

MICHAEL BULLY HERBIG: Mit Sebastian Werninger jederzeit. Er ist, wie Hermann Florin, ein sehr feiner Produzent. Wie er auf Dinge eingeht, zuhört, Vertrauen schenkt, ist grandios. Aber letztendlich kommt es immer auf den Stoff an.

Arbeiten Sie mit Siegfried & Roy" nicht ohnehin schon an einem weiteren UFA-Projekt?

MICHAEL BULLY HERBIG: Das ist eine sehr, sehr lange Geschichte. Es gibt ein Drehbuch. Ich habe monatelang, eigentlich die ganze Pandemie hindurch, daran geschrieben. Während des Entstehungsprozesses ist Roy Horn leider verstorben und acht Monate später Siegfried Fischbacher. Kurz vor seinem Tod hat uns Siegfried noch einen zauberhaften Brief geschrieben und dem Drehbuch seinen Segen gegeben. Nicht nur, dass dieser Film mein absolutes Traumprojekt wäre, die Entstehungsgeschichte macht es auch noch sehr emotional für alle Beteiligten. Es ist unheimlich schwer, ein Projekt dieser Größenordnung zu finanzieren, aber es wird nach wie vor dafür gekämpft.

Sind Sie im Kopf nach wie vor bei "Tausend Zeilen" oder haben Sie das Projekt nun in die Hände von UFA und Warner gelegt, die sich um die Herausbringung kümmern?

MICHAEL BULLY HERBIG: Unlängst haben wir die letzten Shots noch gegradet. Der Film ist fertig. Jetzt läuft die Promotion, der übliche Wahnsinn. Eine Woche vor Kinostart ist Premiere. Dann muss man schauen, was passiert. Ich kann mir frühestens im Oktober Gedanken machen, was als Nächstes kommt. Ende des Jahres steht ja noch der Start von Hui Buh und das Hexenschloss" an, der bereits vor einem Jahr hätte ins Kino kommen sollen! Es ist schwierig, wenn Filme so lange liegen. Man kann nur hoffen, dass sie keine Patina bekommen.

Sind Sie nach wie vor kinoversessen oder auch schon mit Streamern im Gespräch?

MICHAEL BULLY HERBIG: Ich habe mit Streamern noch nicht viel zu tun gehabt, außer bei der Comedyshow "LOL - Last One Laughing". Liegt wahrscheinlich an meiner Einstellung, die ich schon immer hatte. Auch mit Fernsehsendern waren es bis dato immer nur Shows. Wenn ich Filme mache, möchte ich sie auf der Kinoleinwand sehen. Für Fernsehen/Streaming mache ich sehr gerne Shows. "LOL" kam genau zum richtigen Zeitpunkt, nicht nur für mich. Ich hatte den Eindruck, dass die Menschen unheimlich dankbar waren, in diesen schwierigen Zeiten auch mal ein bisschen lachen zu dürfen. Ich habe noch nie so viele Dankesschreiben erhalten. Die Show hat die Leute wirklich glücklich gemacht. Zu Fernsehfilmen oder Serien hat es mich noch nie so richtig hingezogen. Ich liebe einfach das Kino zu sehr, zuletzt "Elvis", den ich sensationell fand - ich habe ihn viermal gesehen. Dieser Rhythmus, diese Energie! Drei Wochen später dann Top Gun Maverick"! Der nächste Knaller. Das ist Entertainment! Das ist genau das, was ich will: Die Leute unterhalten!

Aber ist "Tausend Zeilen" nicht auch der richtige Film zur richtigen Zeit, weil er das bietet, was "Elvis" und "Maverick" auf jeweils ihre Weise bieten - nämlich pures Kino, das die Leute abholt?

MICHAEL BULLY HERBIG: Sehr schmeichelhaft, dass sie "Tausend Zeilen" in einem Atemzug mit diesen Filmen nennen. Ich bin einfach glücklich, wenn die Leute eine gute Zeit im Kino haben. Auch wenn mein Film ein wichtiges Thema verhandelt, kommt er nicht moralisch belehrend daher. Ich suche mir immer einen Überbegriff für jeden Film. Bei "Ballon" war es die Paranoia, bei "Tausend Zeilen" die Lüge. Ich habe mich bei jeder entsprechenden Szene gefragt: Schummeln wir auch genug, bedienen wir das Thema ausreichend?

Die Glaubwürdigkeit der Charaktere steht dabei immer im Mittelpunkt.

MICHAEL BULLY HERBIG: Vor allem für das Spiel von Jonas Nay. Wenn man ihm nicht glaubt, stehen alle anderen wie Idioten da. Man muss ihn mögen, auf ihn reinfallen. Wenn das funktioniert, funktionieren auch alle anderen Figuren.

Mit "Ballon" haben Sie eine Marke gesetzt, mit "Tausend Zeilen" gehen Sie wieder in eine andere Richtung. Was fasziniert Sie, wohin geht die Reise als nächstes?

MICHAEL BULLY HERBIG: Wie gesagt, das größte Traumprojekt ist "Siegfried & Roy". Ich habe die beiden zum ersten Mal 2014 getroffen. Diesem Projekt renne ich seit acht Jahre hinterher. In dem Drehbuch steckt wahnsinnig viel Liebe und Leidenschaft, diese Geschichte ist einzigartig, bigger than life. Sowas kann man sich nicht ausdenken, es ist historisch, emotional, dramatisch, magisch. Alles, was Kino eben braucht.

Sie arbeiteten auch an "Die Soldatin". Was ist aus diesem Projekt geworden?

MICHAEL BULLY HERBIG: Das waren alles Gedanken und Planspiele vor der Pandemie, vor dem Ukraine-Krieg. Da hat uns die Zeit eingeholt. Es ist nicht einfach, sich in diesen Zeiten mit so einem Thema zu befassen. In einer solchen Gefühlsmelange ist ein Film wie "Die Soldatin" schwer realisierbar.

Aber auch das Witzemachen ist heute nicht mehr einfach...

MICHAEL BULLY HERBIG: Humor hat immer schon polarisiert. Den perfekten Witz gibt es nicht. Wenn Du versuchst eine Komödie zu machen, die allen gefällt, wirst du krachend scheitern. Keiner will einen weichgespülten Film sehen, der auf Alles und Jeden Rücksicht nimmt. Humor ist aber auch immer in Bewegung. In den Fünfzigern sahen die Komödien anders aus als in den Neunzigern. Und ich finde heute auch nicht mehr jeden Gag gut, den ich vor 20 Jahren gemacht habe. Wir entwickeln uns alle weiter, und natürlich sollte man auch immer offen für Kritik sein und Dinge hinterfragen. Mit einem Regelwerk für Comedy kommen wir aber auch nicht weiter.

Das Gespräch führten Ulrich Höcherl und Thomas Schultze.