Produktion

Liza Stutzky & Patrick Dreikauss über das Casting von "Die Discounter": "Mit ganz viel Energie und Bauchgefühl"

Die Casting Directors Liza Stutzky und Patrick Dreikauss sprechen über den Besetzungsprozess beim Comedy-Hit "Die Discounter", für den sie jüngst beim Deutschen Schauspielpreis den Ensemblepreis gewonnen haben. Am 11. November startet die zweite Staffel des Prime-Originals.

23.09.2022 07:34 • von Barbara Schuster
Patrick Dreikauss & Liza Stutzky (Bild: Bernd Kusber, Elsa van Damke)

Die Casting Directors Liza Stutzky und Patrick Dreikauss sprechen über den Besetzungsprozess beim Comedy-Hit "Die Discounter", für den sie jüngst beim Deutschen Schauspielpreis den Ensemblepreis gewonnen haben. Am 11. November startet die zweite Staffel des Prime-Originals.

Für Ihre Leistung als Casting Directors von "Die Discounter" haben Sie - mit dem Ensemble - den Ensemblepreis beim Deutschen Schauspielpreis gewonnen. Gibt es für Ihren Beruf eigentlich genug Anerkennung in Deutschland?

Liza Stutzky: Es kommt Bewegung in die Sache. Es gab 2012 den wunderbaren Dokumentarfilm "Casting By" von Tom Donahue, der denke ich innerhalb der Branche zu einer veränderten Wahrnehmung geführt und den Blick auf unseren Beruf geschärft hat. Beim Casting ist es ähnlich wie beim Schnitt. Wir sind ganz am Anfang eines Projekts, die Editoren ganz am Ende. Uns kriegen am meisten die Regisseur:innen und die Produktionsfirma mit. Dann gehen sie auf die Reise in den Dreh, viele wissen nicht wirklich viel über unseren Beruf. Es gibt einfach eine Wissenslücke über den Beruf des Casting Directors, wodurch die Arbeit häufig falsch eingeschätzt wird. Unsere Kolleg:innen kämpfen seit Jahren um mehr Sichtbarkeit und Anerkennung. Es ist eben kein Sekretär:innenjob, sondern wirklich ein ganz kreativer Beruf ist, in dem man verantwortlich etwas mitgestaltet.

Patrick Dreikauss: Die Diskussion, ob der Casting Director ein künstlerischer Beruf ist, gibt es schon ewig. Die Künstlersozialkasse hat uns erst vor etwa zehn Jahren akzeptiert. Es ist immer die Frage, sind wir weisungsgebunden, ja oder nein; wo fängt eine Idee an, wer entscheidet. Ist derjenige, der entscheidet, auch derjenige, der die Leistung gebracht hat? Ich habe mich vor Jahren davon freigemacht, denn am Ende des Tages trifft jemand die Entscheidung, aber wir sind es nicht. Es gibt Projekte, bei denen ich besetzt habe, wo dann aber aus welchen Gründen auch immer anders entschieden wurde. Manchmal war es gut, manchmal naja...

Liza Stutzky: Sind wir beim Film nicht irgendwie alle weisungsgebunden? Film ist Team, eine gemeinschaftliche Arbeit. Auf irgendwen muss immer irgendwer hören. Das dreht sich ja im Kreis. Es kommt immer darauf an, von wem die Anweisungen kommen. Ich habe aber wirklich positive Erfahrungswerte gesammelt, wo ich gemeinsam mit der Regie maßgebliche Besetzungsentscheidungen machen durfte.

Patrick Dreikauss: Beim Casting ist es wie beim Schnitt: Am Ende sagt der Regisseur, wo der Hase langläuft. Gleichwohl war der Schnitt immer schon eine Oscarkategorie. Bei den Castern hält man sich zurück. Aber wie Liza sagte: Unser Beruf hat durchaus in den letzten Jahren eine höhere Anerkennung erhalten innerhalb der Branche. Menschen, die mit uns arbeiten, honorieren uns total, Regie und Produktion auf alle Fälle, bei Redaktionen ist es hin und wieder schwierig. Sie suchen weniger das Gespräch mit uns.

Liza Stutzky: Das stimmt, das passiert nur sehr selten. Leider.

Patrick Dreikauss: Die internationalen Streamer geben sich da mehr Mühe. Sie holen uns mit rein, hören an, was wir zu sagen haben und vorschlagen. Aber auch hier: Am Ende treffen nicht wir die Entscheidung. Gebessert hat sich, dass das Casting im Abspann genannt wird. Wobei man im Bereich Casting von Nachwuchs, in dem ich sehr intensiv arbeite, froh sein muss, wenn man hinter den Fahrern genannt wird.

Liza Stutzky: Bei der Wertschätzung ist auf jeden Fall Luft nach oben. Die muss sich nicht unbedingt in mehr Preisen widerspiegeln. Mir geht es vielmehr um die Anerkennung unserer Expertise. Redakteur:innen greifen viel zu wenig darauf zurück, unsere Meinung anzuhören. Es fehlt das Verständnis, dass wir extrem viel über Schauspieler:innen, über Spielweisen, über Besetzung wissen. Dieses Wissen abzurufen, als Unterstützung, scheint manchmal noch nicht ganz angekommen.

Was war denn das Reizvolle an der Besetzung von "Die Discounter"?

Patrick Dreikauss: Wir laden meist zu Live-Castings. Sicherlich kann man auch über Castingvideos Entscheidungen treffen. Aber live vor Ort hat noch mal eine ganz andere Wirkung, erzeugt einen anderen Vibe. Bei "Die Discounter" war es so, dass der Vibe, den das Kreativtrio um Bruno Alexander, Emil und Oskar Belton auf die Darsteller, die wir eingeladen hatten, ausübte, ganz entscheidend war. Die drei muss man nämlich auch als Darsteller aushalten. Wenn die Zwillingsbrüder auf dich zukommen, ist da ganz viel Energie, ganz viel Bauchgefühl, sie entscheiden im Moment. Die Videos, die wir bei den Castings herstellten, waren teilweise verwackelt, weil die sich kaputtgelacht haben. Als Außenstehender muss man da auf jemanden hören, der dabei war. Es ist ein zutiefst persönlicher Prozess.

Liza Stutzky: Gerade bei Impro-Arbeiten wie "Die Discounter" geht es um die Chemie und die Frage, wie man sich die Bälle in den Szenen zuspielen kann und auch, dass man intensiv über einen längeren Zeitraum miteinander arbeiten kann. In den Live-Castings hat man sofort gespürt, wo es Klick gemacht hat, wo nicht.

Das Kreativteam ist gerade Mal Anfang 20 und hatte mit der Webserie "Intimate" auf sich aufmerksam gemacht. Ist der Spirit bei der Zusammenarbeit von Haus aus ein anderer?

Patrick Dreikauss: Oskar, Emil und Bruno wussten, auf was sie sich mit "Die Discounter" einlassen, weil sie mit ihrer selbst entwickelten Serie "Intimate" genug Erfahrung, auch bezogen auf den Castingprozess, gesammelt haben. Bei Projekten, in denen sie als Schauspieler mitwirkten, haben sie stets die Gelegenheit ergriffen und Kollegen angequatscht, ob sie nicht Lust hätten, bei ihrer Webserie mitzumachen. So haben sie tolle Namen vor die Kamera gekriegt wie Til Schweiger, Milan Peschel oder Jan Josef Liefers. Sie sind in ihrer kreativen Art und Weise und als Menschen wahnsinnig energiegeladen. Mir macht das großen Spaß - es ist aber auch nicht ganz unanstrengend.

Liza Stutzky: Sie sind einfach richtige Firecracker und das macht mega viel Freude!

Patrick Dreikauss: Am Ende eines Arbeitstages freut man sich auf den Spaziergang mit Hund. Sie fordern einen extrem, weil sie sehr schnell sind. Schnell ist nicht unbedingt besser, aber sie befeuern einen mit Inspirationen, nicht wissend, ob es eine gute oder schlechte Idee ist. Sie wollen alles ausprobieren. Das macht Spaß, denn manchmal ist das Business recht träge. Man schickt seine Ideen, hört 14 Tage nichts, erhält irgendwann Rückmeldung, und dann ist es meist eh zu spät. Die drei sind das absolute Gegenteil. Die wollen am liebsten sofort in den Zug steigen und die vorgeschlagenen Menschen treffen. Oder sie zumindest gleich anrufen. Das machen sie dann auch. Sie sind positiv unruhig und begeistert, was auch immer wir ihnen an die Hand geben. Dass der konventionelle Weg dann doch auch Vorteile hat, haben Sie mittlerweile gelernt. Über die Agenten gehen, dass man Castings vielleicht nicht im Treppenhaus macht, sondern sich ein Studio mietet etc.

Die Improvisation spielt die ausschlaggebende Rolle. Wie wurde das Talent diesbezüglich abgeklopft?

Patrick Dreikauss: Der Impro-Aspekt war für mich recht neu, weil ich für diesen Bereich noch nicht so viel gecastet habe. Bemerkenswert fand ich, was die Darsteller von vornherein mitgegeben haben. Alle haben sich auf das Abenteuer Impro eingelassen. Ich war anfangs skeptisch, weil Impro auch schwierig ist. Das kann nicht jeder. Und es gibt doch viele Schauspieler, die sich klassischerweise lieber mit Text vorbereiten. Aber es war neu und frisch - und mir schien es, als hätten die Bewerber nur darauf gewartet.

In "Die Discounter" gibt es ein festes Ensemble von zehn Leuten. Wie schafft man denn da eine so tolle Durchkonfektionierung? Gab es eine Aufteilung zwischen Ihnen beiden?

Liza Stutzky: Es gab schon eine Aufteilung, aber letztendlich wurde alles durcheinandervermischt. Die Person, die es am Ende am besten gemacht hat, hat die Rolle bekommen. Da war es egal, ob sie über Patrick, mich oder "Die kleinen Brüder" kam. Der Castingprozess hat Spaß gemacht, weil, wie Patrick schon erzählte, die Zwillinge einen mit ihrer Art total unter Strom setzen und wachrütteln. Bei der Besetzung ging einfach viel über probieren, probieren, probieren. Ob jemand Improvisation kann oder nicht, lässt sich schwer über ein Videoband herausfinden. Sobald jemand als spannend für den "Discounter"-Cosmos befunden und das Spiel gemocht wurde, wurde die Person zum Casting eingeladen.

Wo haben Sie nach den geeigneten Darstellern gesucht?

Liza Stutzky: Einfach überall. Sowohl an den Schauspielschulen, extrem viel am Theater. Es ging bei diesem Projekt darum, outside the box zu denken. So war ja auch Rapperin Nura Habib Omer von Beginn an mit auf der Liste. Emil, Oskar und Bruno waren total offen.

Patrick Dreikauss: Das Schöne bei ihnen ist, dass sie eine klare Vision haben, ohne genau zu wissen, ob das alles so funktioniert und aufgehen wird, und deshalb immer offen für Vorschläge sind. Sie müssen für sich die Dinge immer erst herausfinden. Das ist eine tolle kreative Basis. Diese Art finde ich charmanter, als mit jemand zu arbeiten, der behauptet, alles immer zu wissen. Die Charaktere waren in der Spielvorlage schon sehr gut beschrieben. Die Prämisse für das Ensemble war simpel: Es galt Leute zu finden, die genauso viel Spaß an dem Projekt haben wie die Macher selbst und sich auf ihre Art von Drehen einlassen.

War klar, dass Emil, Oskar und Bruno auch vor der Kamera stehen werden?

Patrick Dreikauss: Nein. Sie konnten es sich vorstellen, aber es war nicht von vornherein gesetzt. Bruno ist beim Teaser-Dreh für das Projekt eingesprungen, weil sie niemanden anderen hatten, um Dinge auszuprobieren. Wir haben die Rolle von Bruno also zunächst mitgesucht, bis klar war, dass Titus doch von Bruno gespielt wird.

Gibt es den Moment, wo der Stein ins Rollen kommt?

Patrick Dreikauss: Als klar war, dass Nura dabei sein wird. Den Kontakt legte uns Christian Ulmen. Bei Ensembles ist es oft so: Steht ein Baustein, geht es Schlag auf Schlag. Wobei, für die Rolle von Thorsten haben wir viel gecastet.

Liza Stutzky: Das stimmt. Wir haben extrem lange geschaut. Marc Hosemann war einer der ersten, der da war. Dann haben wir lange weitergecastet - und dann ist es doch Marc geworden.

"Die Discounter" produzierte Pyjama Pictures als Prime-Original. Sie beide haben in der Vergangenheit bereits für einen Streamer gearbeitet. Bringen die Plattformen frischen Wind in die Branche, können Sie dank ihnen freier besetzen?

Liza Stutzky: Mir macht mein Beruf in Zusammenarbeit mit einem Streamer schon mehr Spaß, weil man nicht unbedingt bekannt besetzen muss. Sowohl mit Amazon, als auch mit Disney+ und Netflix habe ich diese Erfahrung machen dürfen. Die lassen sich darauf ein, wenn sie sehen, wie gut und qualitativ hochwertig die Person spielt, auch wenn sie keinen Namen hat. Das ist mit Redaktionen oft eine andere Diskussionsgrundlage. Da hört man hin und wieder, man müsse auf Nummer sicher gehen, das sei nun mal ein Publikumsliebling - und auch die haben sich die Positionen hart erarbeitet, aber ich finde, dieses Herumwühlen dürfen, Suchen dürfen, ist so wichtig. Gerade haben wir für ein Mediathekenprojekt 2000 Jugendliche gecastet, die sich von überall bewerben durften. Da stößt man auf Rohdiamanten, die man über ein strukturiertes Büroarbeiten nicht finden könnte.

Patrick Dreikauss: Die Idee, dass es darum geht, das beste Talent für die Rolle zu finden, egal, wer es ist, hat sich durch die Streamer manifestiert. Sie geben uns mehr Möglichkeiten, Dinge auszuprobieren und planen auch wesentlich mehr Vorbereitungszeit für den Besetzungsprozess ein. Das eröffnet Chancen, auch mal in Richtungen zu gehen, bei denen man gar nicht weiß, ob sie funktionieren. Marc Hosemann ist das beste Beispiel: Viele Menschen haben ihn in der Rolle des Thorsten neu für sich entdeckt! Er ist ein wahnsinnig guter Schauspieler und sehr sehr lustig - das hat man beim Teaser-Dreh eigentlich schon sehen können.

Wie sieht es beim Thema diversere Besetzung aus?

Liza Stutzky: Ich versuche seit Karrierebeginn darauf zu achten, weil ich es wichtig finde, eine richtige Repräsentation zu schaffen. Aktuell muss man nur aufpassen, dass das Bemühen nicht komplett in Tokenism kippt, weil die Schauspieler:innen einfach nur dazu genutzt werden, um zu zeigen, wie divers man doch vor der Kamera ist. Es sollte um die Beschäftigung mit den Inhalten, den Themen gehen, die marginalisierte Gruppen umtreiben. Als unlängst der Trailer von "The Little Mermaid" veröffentlicht wurde, gingen Clips viral, die die Reaktionen von Schwarzen Mädchen einfingen. Die jungen Girls haben so krass und heftig darauf reagiert, dass Arielle jetzt Schwarz ist. Das sollte einem zu denken geben und zeigt: Wir sind noch lange nicht da, wo wir hinmüssten. Es müsste für die Kids normal sein. Es ist noch nicht alles getan, aber dass Bewegung in die Sache kommt, ist schön!

Patrick Dreikauss: Ich weiß noch, dass ich vor zehn Jahren Diskussionen führen musste, wenn man jemand Türkischen für eine Rolle vorgeschlagen hat, weil oft gekontert wurde, das müssen wir dann ja erklären! Das ist Unsinn. Man wusste, man macht den Vorschlag und kaum einer geht drauf ein. Jetzt ist es so, dass es manchmal extrem in die andere Richtung schwingt, dass man gebeten wird, unbedingt divers zu besetzen. Es kann doch auch ohne Zwang passieren. Lasst uns doch einfach das beste Talent für diese Rolle finden, völlig egal, was die Person glaubt, wen sie liebt oder welche Hautfarbe die Person hat.

Liza Stutzky: Das geht ja nicht, weil diese Talente nicht die besten Talente sein können, weil sie nicht stattgefunden haben und keine Möglichkeit hatten, die Erfahrungswerte zu sammeln, wie die weiße blonde Kollegin. Deshalb muss es erst mal in die andere Richtung kippen, damit alle auch die Erfahrungswerte sammeln können und wir endlich eine Chancengleichheit im Film schaffen können. Dann wird es sich einpendeln. Dann kann man sagen: Wir nehmen den besten Spieler bzw. die beste Spielerin.

Das Gespräch führte Barbara Schuster