Produktion

Natalia Sinelnikova: "Filme, die Genregrenzen sprengen"

Das Debüt von Natalia Sinelnikova, "Wir könnten genauso gut tot sein", ist bei den First Steps Awards, die am kommenden Montag verliehen werden, nominiert und startet am 29. September nach erfolgreicher Festivaltour im Kino. Wir sprachen mit ihr über die besondere Erzählweise ihres Dramas und ihre Pläne.

23.09.2022 11:34 • von Heike Angermaier
Natalia Sinelnikova (Bild: Eksystent)

Das hochgelobte Debüt von Natalia Sinelnikova, Wir könnten genauso gut tot sein", ist bei den First Steps Awards, die am kommenden Montag verleihen werden, nominiert und startet am 29. September nach erfolgreicher Festivaltour im Kino. Wir sprachen mit ihr über die besondere Erzählweise ihres Dramas und ihre Pläne.

Sie wählten eine interessante Erzählweise für ihren Film über gesellschaftliche, psychologische Mechanismen. Wie kamen Sie darauf?

NATALIA SINELNIKOVA: Für mich und meinen Koautor Viktor Gallandi war von Anfang an klar, dass wir unsere Geschichte in einer verschobenen Welt erzählen, die auf den ersten Blick weit weg scheint und dann umso mehr das Publikum auf sich selbst zurückwirft. Für uns liegt in dem Mittel der Überhöhung, des schwarzen Humors eine ganz große Wahrhaftigkeit und für uns ist es der einzige Weg, um auf eine ehrliche Art von dem Leid unserer Figuren zu erzählen.

Die Hauptrollen besetzten Sie mit Schauspielerinnen, deren Muttersprache nicht deutsch ist. Warum? Wie fanden Sie sie?

NATALIA SINELNIKOVA: Mir war es wichtig, dass die beiden Schauspielerinnen, die Anna und Iris spielen, wissen, wie es sich anfühlt, gleichzeitig zugehörig und fremd zu sein in Deutschland, dass sie beide eine andere Muttersprache haben und damit eine eigene Welt im Rücken. Mit Karl Schirnhofer, dem Casting Director, haben wir lange gesucht und schließlich Ioana Iacob und Pola Geiger gefunden. Als ich sie beide getroffen habe, wusste ich sehr schnell, dass sie es sind.

Die Kameraarbeit wurde in Tribeca ausgezeichnet. Wie entwickelten Sie das besondere visuelle Konzept?

NATALIA SINELNIKOVA: Das besondere visuelle Konzept haben wir zusammen mit Kameramann Jan Mayntz, der Szenografin Elisabeth Kozerski, der Kostümbildnerin Marilyn Rammert, der Maskenbildnerin Franziska Mayntz und der Editorin Evelyn Rack entwickelt - wir schauten uns viele Filme an, die uns inspirierten und sprachen ganz viel darüber, wie sich die Welt anfühlen muss und wie die verschiedenen Gewerke ineinander greifen, um diese utopische und doch verschobene und beklemmende Welt einzufangen. Das Ziel war immer, dass die Welt sich so anfühlen muss, wie sie sich für die Hauptfigur Anna anfühlt. Ganz bewusst haben wir mit dem Thrillergenre gespielt, das nicht nur auf visueller Ebene wichtig war, sondern auch auf der Soundebene und in der Musik, erarbeitet von der Musik-Supervisorin Billie Jagodzinksa, der Filmkomponistin Maxi Menot und dem Sounddesigner Michael Kondaurow. Da wir in unserem Film die Macht der Angst untersuchten, war es naheliegend, mit Elementen des Thrillers zu spielen, einem Genre, das in sich eine filmische Verschwörungstheorie darstellt: Mit verschiedenen filmischen Mitteln wird im Thriller suggeriert, dass etwas mit der Welt und ihren Figuren nicht stimmt, dass eine Gefahr, eine Bedrohung in der Luft liegt, vor der man Angst haben sollte. Und sehr früh war es klar, dass es in dem audiovisuellen Konzept darum gehen wird, diese Angst herzustellen. Auch unser VFX-Artist Johannes Blech und unsere Graderin Marina Starke haben eine wichtige Rolle dabei gespielt, an der visuellen Vision mitzuarbeiten.

Wie schwierig war es, "Wir könnten genauso gut tot sein" auf die Beine zu stellen?

NATALIA SINELNIKOVA: Es war eine große Herausforderung von Anfang an. Wir haben in Mitten des zweiten Lockdowns im November 2020 in Berlin und Brandenburg gedreht. Es war eine unglaublich mutige Entscheidung von unserer Produzentin Julia Wagner von Heartwake Films, unseren Producerinnen Lina Mareike Zopfs und Charlene Gürntke und unserer Koproduzentin Magdalena Wolff von Kojoten Filmproduktion den Dreh stattfinden zu lassen. Die Pandemie hat alle Stufen der Produktion unweigerlich durchdrungen. Auf einmal waren wir auch hinter der Kamera mit der Angst konfrontiert, einem Zustand, mit dem wir uns auf der Leinwand auseinandersetzen. Wir alle mussten uns trauen, immer wieder ja zu sagen, mutig zu sein und die Angst abzulegen. Der Film ist in Koproduktion mit der Filmuniversität Babelsberg entstanden und ist somit auch ein Abschlussfilm für viele von unseren Heads of Departement so auch für Lina Mareike und Charlene. Ich freue mich wahnsinnig, dass die beiden für den No Fear Award nominiert sind. Uns ist es als Team gelungen, mit einem kleinen Budget und einem Team, das durch die Bank noch jung an Erfahrungen ist, einen hochwertigen Spielfilm inmitten einer globalen Pandemie auf die Beine zu stellen und dafür sind wir sehr dankbar.

Welche Art von Filmen wollen Sie in Zukunft machen? 

NATALIA SINELNIKOVA: Was mich interessiert, ist, meine Filmsprache weiter zu vertiefen und Filme zu machen, die aus der Komfortzone herauslocken und Genregrenzen sprengen: Ich glaube, dass in der Kombination des Genre- und des Arthouse-Kinos eine unglaubliche Kraft liegt, Geschichten zu erzählen - Genrefilme mit Arthouse-Herzen wenn man so will, die unterhalten und herausfordern, zum Brüllen komisch sein können und gleichzeitig auch verstören. Am Ende geht es darum, die Geschichten und ihre Figuren zu erzählen, ohne sie zu verraten und ihnen den gebührenden filmischen Ausdruck zu geben.

An welchen Projekten arbeiten Sie konkret?

NATALIA SINELNIKOVA: Viktor Gallandi, mit dem ich gemeinsam "Wir könnten genauso gut tot sein" geschrieben habe, arbeitet gerade am nächsten Langspielfilmdrehbuch, für das er BKM-Drehbuchförderung erhalten hat und das ich inszenieren werde. Es ist eine Geschichte, die mir unter den Nägeln brennt und mich nicht mehr loslässt. Schon seit Viktors erstem Entwurf geht mir die Lebendigkeit der beiden Hauptfiguren, die in der erbarmungslosen und gleichzeitig schrillen und absurden Welt versuchen, einen Ausweg aus ihrer hoffnungslosen Lage zu finden, unendlich nahe. Es wird eine raue, poppige, düstere Geschichte über Freundschaft und das Bewahren der eigenen Würde, basierend auf realen Ereignissen. Außerdem bin ich gerade dabei, mit Viktor und meiner Schwester, der Schauspielerin Alexandra Sinelnikova, eine Miniserie zu entwickeln. Mehr kann ich dazu aber noch nicht verraten.

Die Fragen stellte Heike Angermaier