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Albert Wiederspiel und Kathrin Kohlstedde zum 30. Filmfest Hamburg: "Gewaltige Lust auf Begegnung"

Festivalleiter Albert Wiederspiel und Programmchefin Kathrin Kohlstedde über 30 Jahre Filmfest Hamburg, das diesjährige Filmangebot, ein Festival im Festival und das neue Programm Atelier 22.

28.09.2022 14:30 • von Barbara Schuster
Albert Wiederspiel & Kathrin Kohlstedde (Bild: Heike Blenk, Filmfest Hamburg)

Festivalleiter Albert Wiederspiel und Programmchefin Kathrin Kohlstedde über 30 Jahre Filmfest Hamburg, das diesjährige Filmangebot, ein Festival im Festival und das neue Programm Atelier 22.

Können Sie sich nach den Corona-Jahren nun, pünktlich zum 30. Jubiläum, auf ein Festival ohne Einschränkungen freuen?

Albert Wiederspiel: Das 30. Jubiläum mit halb leeren Sälen feiern zu müssen, wäre richtig traurig. Aber wir hoffen auf präpandemische Zeiten mit voll ausgelasteten Kinos, einer Eröffnungsfeier und vielen Begegnungen. Wir haben dafür eine neue Location: In den Kasematten unter der Bahn-Brücke am Dammtor, also gleich beim Festival-Kino Cinemaxx um die Ecke, richten wir unsere neue Filmfest-Bar ein. Da werden wir jeden Abend nach dem Kino zu später Stunde eine Feier haben, geöffnet für jeden.

Wie sieht denn die Bilanz von 30 Jahren Filmfest und 20 Jahren Albert Wiederspiel als Filmfest-Chef aus?

Albert Wiederspiel: Wir haben es geschafft, größer zu werden. Abgesehen von dem Einbruch während der Pandemie haben wir kontinuierlich mehr Zuschauer verzeichnet. Und wir haben über die Jahre immer wieder den Spagat zwischen Unterhaltung und sehr ernsten Filmen geschafft. Inzwischen kennt unser Publikum unsere Handschrift und erwartet diese Mischung. Für die nächsten dreißig Jahre wünschen wir uns fürs Filmfest, dass neue Publikumsschichten hinzukommen. In diesem Jahr haben wir erstaunlich viele Weltpremieren. Insgesamt 22 Kino- und Fernsehfilme, das freut uns wirklich sehr.

Mit einer eröffnet das Festival, mit Hans-Christian Schmids Film "Wir sind dann wohl die Angehörigen", entstanden nach dem Buch von Johann Scheerer, der aus seiner Erinnerung als Dreizehnjähriger von der Entführung seines Vaters Jan Philipp Reemtsma erzählt.

Albert Wiederspiel: Ich bin froh, dass wir das 30. Filmfest Hamburg mit einem deutschen Film eröffnen, in dem es zudem um eine hamburgische Geschichte geht. Hans-Christian Schmid, der ja lange keinen Kinofilm mehr gemacht hat, erzählt sehr nüchtern und die Schauspieler sind großartig. Claude Heinrich spielt Johann, Adina Vetter die Mutter, Justus von Dohnányi den Anwalt. Dann sind noch Hans Löw und York Dippe dabei, die man in Hamburg auch gut kennt. Die Familie Reemtsma ist mit dem Film vollkommen einverstanden, möchten aber nicht an so einem Event teilnehmen. Schließlich soll der Film alle Aufmerksamkeit bekommen.

Wie war das Filmangebot, aus dem Sie in diesem Jahr das Programm zusammenstellen konnten?

Albert Wiederspiel: Alles in allem war das Filmangebot gut. Filmfest Hamburg soll auch in diesem Jahr wieder zu einer Entdeckungsreise einladen, vor allem von noch unbekannten, interessanten Filmschaffenden wie Regisseurin Maryam Touzani aus Marokko. Mit ihrem märchenhaften Film "Der blaue Kaftan" beenden wir unser Festival. So jemand hat ja erst einmal nur auf Festivals eine Chance. Und zum Glück sind solche Filme bei uns gut besucht, das Hamburger Publikum hat daran großes Interesse.

Kathrin Kohlstedde: In diesem Jahr besteht die große Herausforderung darin, die Leute zu motivieren, wieder ins Kino zu gehen. Viele haben eine große Lethargie entwickelt und bleiben lieber zu Hause. Wenn sie sich dann doch zu einem Kinobesuch aufgerafft haben, finden sie es am Ende schön. Deshalb braucht das Programm vor allem Filme, die Menschen motivieren, ins Kino zu gehen.

Welche Filme des Festivals eignen sich besonders für so einen Motivationsschub?

Kathrin Kohlstedde: "Triangle of Sadness" von Ruben Östlund ist bestimmt so ein Megaimpuls und lässt spüren, warum es toll ist, ins Kino zu gehen. Wenn der Film am ersten Filmfesttag im großen Cinemaxx läuft, wird er das Publikum ganz sicherlich anregen, zu weiteren Filmen in den nächsten acht Tagen zu kommen.

Albert Wiederspiel: Das gilt auch für "Rheingold". Fatih Akin ist ein Lokalmatador. Da warten die Filmfans auf jeden neuen Film. Bei uns erleben sie die Weltpremiere. Übrigens auch von Aelrun Goettes "In einem Land, das es nicht mehr gibt". Sie hat einen Film über die Modezeitschrift Sibylle gemacht, bei der sie selbst einmal als Modell gearbeitet hat. Der Film geht auf ihre eigene Geschichte zurück und wirft einen Blick auf die DDR im Sommer 1989. Und Kilian Riedhofs "Meinen Hass bekommt ihr nicht". Das ist ein deutscher Film über ein französisches Thema, über einen Mann, der seine Frau bei dem Anschlag auf Bataclan in Paris verloren hat. Riedhof hat ihn bis auf ein paar Außenaufnahmen in Paris in einem deutschen Studio mit französischen Darstellern auf Französisch gedreht. Ich habe nicht eine Sekunde gedacht, dass das nicht in Paris sei. Es ist ein sehr emotionaler Film über die Folgen der Attacke. Und parallel dazu zeigen wir den Film von Cédric Jimenez "November", eine Krimithriller-Version, wie die Polizei mit viel Action nach den Terroristen sucht, die diesen Anschlag verübt haben.

Gibt es thematische Linien, die häufiger auftreten?

Albert Wiederspiel: Biopics sind gerade ein beliebtes Sujet. Wir haben einige im Programm: Reiner Holzemers "Lars Eidinger - Sein oder nicht sein" oder "Jane Campion, the Cinema Woman" von Julie Bertuccelli. Bei "Douglas Sirk - Hope as in Dispair" schildert Roman Hüben das melodramatische Leben des Regisseurs der Melodramen. Und schließlich ist da noch die Weltpremiere von "FCK 2020 - Zweieinhalb Jahre mit Scooter" über die Technoband Scooter und ihren Frontman HP Baxxter von Cordula Kablitz-Post, die auch den Film über "Die Toten Hosen" gemacht hat, ein großartiges Porträt. Die Pandemie dagegen, die unser Leben drei Jahre lang so bestimmt hat, ist erstaunlicherweise überhaupt kein Thema.

Kathrin Kohlstedde: Die Suche nach Identität und der Wechsel von Identitäten bei fließenden Grenzen, dazu haben wir mehrere Filme im Programm. Ein Beispiel dafür ist "Aus meiner Haut" von Alex Schaad, sein Debüt nach dem Studentenoscar. Da experimentieren Paare damit, dass jeder in den Körper eines anderen schlüpfen und seinen eigenen Körper dafür zur Verfügung stellen kann. Ein interessantes Spiel und eine große Herausforderung für die Schauspieler. Dann gibt es gerade viele Arthouse-Filme, die mit Genres experimentieren. Der Kostümfilm "The Last Queen" aus Algerien spielt im 16. Jahrhundert und erzählt mit vielen Genre-Elementen vom letzten König von Algier und seiner Frau.

Für eine filmische Beschäftigung mit dem Ukraine-Krieg ist es ja noch viel zu früh. Aber die Ukraine ist mit einem eigenständigen Festival bei Filmfest Hamburg vertreten.

Albert Wiederspiel: Das Molodist Festival ist bei uns zu Gast, weil es in diesem September in Kiew nicht stattfinden konnte. Wir zeigen einen Teil des Programms, den nationalen Wettbewerb mit Kurz- und Langfilmen samt Jury und Preisen im Hamburger Alabama Kino. Dazu haben wir die Filmemacher eingeladen. Für Regisseure ist es extrem kompliziert, die Ausreise zu beantragen, für Regisseurinnen ist es etwas leichter. Sie werden 18 Stunden mit dem Zug nach Warschau reisen und von dort nach Hamburg fliegen. Ich freue mich über jede und jeden, der kommen kann. Die Kiewer hoffen, Ende Oktober den internationalen Teil des Festivals dort mit Gästen zeigen zu können. Wir drücken ihnen die Daumen.

Welche politischen Auseinandersetzungen spielen in diesem Jahr im Festival-Programm außerdem eine Rolle?

Albert Wiederspiel: Was mich sehr umtreibt, ist die Situation der iranischen Filmemacher. Es gibt eine regelrechte Jagd auf Filmschaffende. Zunächst wurden fünf Filmemacherinnen verhaftet, die auf Kaution allerdings schnell wieder freikamen, dann wurde Mohammad Rasoulof mit einem Kollegen inhaftiert. Als Jafar Panahi dagegen protestierte, haben sie auch ihn eingesperrt. Seinen Film "No Bears" können wir zeigen. Wir haben mit "World War III", "Beyond the Wall" und "Holy Spider" noch drei weitere iranische Filme im Programm. "Holy Spider" von Ali Abbasi, einem Iraner, der schon lange in Schweden und Dänemark lebt, erzählt die wahre Geschichte von einem Frauenmörder, der Prostituierte in der heiligen Stadt Mashhad umbringt, um sie zu "säubern". Gegen alle am Film Beteiligten wurde nun eine Fatwa ausgesprochen. Der Hauptdarsteller, der bis zu den Dreharbeiten in Iran lebte, ist nicht in seine Heimat zurückgekehrt, aber viele der Crew-Mitglieder. Die sind nun besonders bedroht.

Zu den bewährten Sektionen ist ein neues Programm hinzugekommen, das Atelier 22.

Kathrin Kohlstedde: Wenn man sich internationale Festivals anschaut, vermisst man den deutschen Film. So haben wir uns gedacht, wir könnten den Horizont da vielleicht etwas öffnen. Wir haben die drei Filmschaffenden, Simon Rieth aus Frankreich, Emmanuelle Nicot aus Belgien und Mikko Myllylahti aus Finnland, die mit ihren Debütfilmen in der Semaine de la Critique in Cannes vertreten waren, zu einem Austausch mit sechzehn Studierenden von acht deutschen Hochschulen eingeladen. Deren Filme, die beim Filmfest als deutsche Erstaufführungen laufen, werden die Teilnehmenden im Rahmen von dreitägigen Werkstattgesprächen gemeinsam ansehen und sich austauschen. Zudem gibt eine Delegierte der Semaine de la Critique Einblicke in deren Arbeit und spricht über die Ansprüche von sogenannten A-Festivals mit den Studierenden. Außerdem zeigen wir ein Kurzfilmprogramm von europäischen Nachwuchsregisseuren, die an dem von dem Hamburger Netzwerk European Film Promotion organisierten Programm Future Frames teilgenommen haben und nach den Premieren ihrer Filme beim Filmfestival in Karlovy Vary nach Hamburg kommen, um sich hier mit der Branche zu vernetzen. Dies alles findet im Rahmen der "Filmfest Hamburg Industry Days" statt, bei denen wir in diesem Jahr an drei Tagen konzentriert Veranstaltungen für die Branche anbieten und die von Studio Hamburg unterstützt werden.

Welche Angebote wird es da geben?

Albert Wiederspiel: Zum dritten Mal findet die Explorer Konferenz statt, die digitale Entwicklungen als Impuls für die Film- und Fernsehbranche thematisieren wird. Wir organisieren die die Veranstaltung in Zusammenarbeit mit dem Produzentenverband und mit Unterstützung der Moin Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein. Die richtet zusammen mit der deutschen Filmakademie auch eine Veranstaltung mit Iris Berben aus, die unter anderem über ihre Rolle in "Triangle of Sadness" berichtet. Zusammen mit WIFT laden wir zu einer Diskussion ein über den Vormarsch von Regisseurinnen aus islamisch geprägten Ländern. Wir haben die Filme von Regisseurinnen aus Marokko im Programm, aus Aserbaidschan und den einer Co-Regisseurin aus Algerien. Ein Phänomen, das ich so nicht erwartet hätte. Allerdings hat sich die Situation für Regisseurinnen allgemein sehr verbessert. Während wir vor zwanzig Jahren Filme von Frauen nur vereinzelt im Programm hatten, haben heute nahezu 50 Prozent der Filme, die wir zeigen, Regisseurinnen realisiert. Übrigens bieten wir Interessierten, die zum Filmfest nicht nach Hamburg kommen können, unsere Fachveranstaltungen auch in diesem Jahr per Streaming an.

Einen Überblick über den Produktionsstandort Hamburg bekommt man ja in der Hamburger Filmschau. Welche Filme kann das Publikum da erwarten?

Kathrin Kohlstedde: Die Hamburger Filmschau ist diesmal extrem jung. Wir haben den Film "Kiezjargon - Leonidas" von Il Kang, einem Studenten von der Hochschule für Bildende Künste, eine Art Klaus Lemke 2.0, der auf St. Pauli spielt. Ebenfalls in Hamburg lebt die Absolventin der Filmakademie Baden-Württemberg, Anja Gurres, und zeigt ihren ersten Langfilm "Balconies". Und dann ist da der mittellange Film von Nicolaas Schmidt, der auf dem Festival in Locarno lief. Da geht es um eine Fahrt mit der Hamburger U3, die überwiegend oberirdisch fährt und sich zur Stadtbesichtigung eignet. Der Film geht in eine Art Installation über und die Decke des Kinosaals verwandelt sich in einen Sternenhimmel. Und schließlich zeigen wir mit "The Social Experiment" von Produzent Andreas Schlieter und Regisseur Pascal Schröder den ersten Film mit Virtual-Produktion-Technik aus Hamburg.

Albert Wiederspiel: Es ist aber auch Janek Riekes Film "Beule" dabei. Rieke hat vor 25 Jahren einmal Regie geführt, dann war er als Regisseur verschwunden, hat aber immer wieder als Schauspieler gearbeitet. Stilistisch erinnert sein neuer Film sehr an sein Debüt "Härtetest". Er ist sich also treu geblieben. "Beule" ist eine richtige Hamburgensie. Der Film spielt im Hafen, auf der Veddel, in Wilhelmsburg. Das werden die Leute sehr mögen. Die Einnahmen von einer Vorstellung spenden wir an das Obdachlosen-Magazin Hinz & Kunz.

Mit dem größten Star-Aufgebot ist die Sektion Television immer ein Glamour-Faktor beim Filmfest. Mit fünf Serien ist dieser Bereich in diesem Jahr noch einmal gewachsen.

Albert Wiederspiel: Der Wettbewerb bei den Serien ist diesmal mit 10.000 Euro auch doppelt so hoch dotiert als im vergangenen Jahr. Darüber freuen wir uns sehr und danken Johannes Kreile von der Verwertungsgesellschaft der Film- und Fernsehproduzenten (VFF) für die zusätzliche Unterstützung. Für Fernsehschaffende ist dieses Festival ja einige der wenigen Möglichkeiten, wo sie einmal auf ihr Publikum treffen können.

Zum 30. Filmfest-Geburtstag wird es also ein Festival der Begegnungen geben?

Albert Wiederspiel: Wir erleben in diesem Jahr einen wirklich großen Ansturm von Gästen und auch ungewöhnlichen Besuchern. So freue ich mich auf Beate und Serge Klarsfeld. Der Film "Klarsfeld: A Love Story", übrigens noch ein Biopic, erzählt die Geschichte des berühmten Paars, das etliche nationalsozialistische Täter aufgespürt hat. Bei achtzig Prozent der Filme werden wir Gäste im Kino haben. Die Lust auf Begegnung mit dem Publikum ist wirklich gewaltig.

Das Gespräch führte Herdis Pabst