Kino

KOMMENTAR: Große Erwartungen

Erleichterung allenthalben! Das Kinofest hat sich als schöner Erfolg erwiesen. Viele lokale Angebote haben den Besuch am letzten Wochenende deutlich belebt. Die Erwartungen an das Comeback des Kinos steigen. Aber es werden auch andere Stimmen laut.

15.09.2022 07:32 • von Jochen Müller
Ulrich Höcherl, Herausgeber und Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

Erleichterung allenthalben! Das Kinofest hat sich als schöner Erfolg erwiesen. Viele lokale Angebote haben den Besuch am letzten Wochenende deutlich belebt. Die Erwartungen an das Comeback des Kinos steigen. Aber es werden auch andere Stimmen laut. Der HDF ruft gleich das besucherstärkste Wochenende des Jahres aus, nimmt dabei aber nur die beiden Tage des Kinofests in die Rechnung auf. So wie die Branche sonst auf ein Wochenende blickt, gab es 2022 schon stärkere. Und würde man das Boxoffice als Maß nehmen, ergäbe sich ein ganz anderes Bild. Das aber liegt in der Natur der Sache, schließlich war der niedrige Ticketpreis der Clou.

1,1 Mio. Besucher am kalendarischen Wochenende sind in jedem Fall ein voller Erfolg, bedenkt man, dass kein Blockbuster gestartet wurde, sondern das interessierte Publikum auf die Dauerbrenner der letzten Wochen traf. Natürlich hoffen jetzt alle, dass der Erfolg des Kinofests auch ein Zeichen dafür ist, dass der Besuch vor der großen Leinwand im "relevant set" des Freizeitverhaltens wieder weiter nach oben rutscht und das Boxoffice absehbar das Niveau von vor der Pandemie erreicht.

In verschiedenen Umfragen, die Blickpunkt:Film in den letzten Tagen gemacht hat, tauchen aber auch sorgenvolle Stimmen auf. Die Umsätze im Kino liegen immer noch mehr als 30 Prozent unter dem Durchschnitt der Vorpandemiejahre. Arthousekinobetreiber, die sich nun in Leipzig treffen, um neue Hoffnungsträger aus Cannes und Venedig zu sichten und über die Situation zu diskutieren, klagen über einen noch größeren Rückstand. Steigende Energiekosten, Inflation, Arbeitskräftemangel sind immer drängendere Probleme, die dabei noch zusätzlich wirken. Aus den USA war dazu zuletzt von Bob Iger, einer der großen Visionäre des Entertainment-Business und langjähriger Disney-Chef, zu hören, dass sich das Filmgeschäft dauerhaft verändert habe. Die Pandemie, das Leben im Lockdown, die allgemeine Verunsicherung, all das habe dazu geführt, dass sich die Leute an die vielfältigen Streamingangebote gewöhnt hätten. Die Transformation im Nutzungsverhalten ließe sich nicht rückgängig machen.

Gleichzeitig bewiesen Serien wie House of the Dragon", The Mandalorian" oder "Der Herr der Ringe: Die Ringe der Macht", dass kein roter Teppich oder Kinostart nötig ist, um kulturelle Marken zu prägen. Der Ansturm bei der D23 unterstreicht die neue Generierung weltweiter Aufmerksamkeit. Für lineares Fernsehen sieht er schwarz, Kino werde auch weiter großen Zuspruch finden, aber nicht mehr wie vor der Pandemie. Natürlich sind seine Prognosen nicht in Stein gemeißelt, aber nachdenklich müssen sie doch stimmen. Umso mehr bedarf es gemeinsamer Anstrengungen der Branche und der Verbände, diesen Herausforderungen zu begegnen und dafür politische Unterstützung zu organisieren. Damit sich vielleicht einige große Erwartungen erfüllen.

Ulrich Höcherl, Herausgeber und Chefredakteur