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Hans-Christian Schmid zu "Wir sind dann wohl die Angehörigen"

Heute wird die 30. Ausgabe des Filmfest Hamburg mit Hans-Christian Schmids "Wir sind dann wohl die Angehörigen" eröffnet, Vorab sprachen wir mit dem preisgekrönten Filmemacher über sein Drama, mit dem er nach zehn Jahren ins Kino zurückkehrt.

29.09.2022 08:02 • von Heike Angermaier
Hans-Christian Schmid (Bild: Gerald von Foris)

Heute wird die 30. Ausgabe des Filmfest Hamburg mit Hans-Christian SchmidsWir sind dann wohl die Angehörigen" eröffnet, Vorab sprachen wir mit dem preisgekrönten Filmemacher über sein Drama, mit dem er nach zehn Jahren ins Kino zurückkehrt.Es erzählt aus der Perspektive des Sohnes von der Entführung Jan Philipp Reemtsmas und startet am 3. November über Pandora bundesweit in den Kinos.

Wie sehen Sie das Filmfest Hamburg als Plattform für Ihren Film?

HANS-CHRISTIAN SCHMID: Das Filmfest Hamburg an sich ist eine sehr gute Plattform und besonders für diesen Film, der in Hamburg spielt. Es ist auch etwas ganz Besonderes für mich, "Wir sind dann wohl die Angehörigen" als Eröffnungsfilm zeigen zu dürfen. Ich denke, er wird für Gesprächsstoff sorgen beim Publikum, das die dem Film zugrundeliegenden Geschehnisse und das titelgebende Buch von Johann Scheerer zu einem großen Teil kennen wird.

Wie authentisch wollten Sie erzählen?

HANS-CHRISTIAN SCHMID: Uns war wichtig, den Ton von Johanns Buch zu bewahren. Um mit filmischen Mitteln zu erzählen, mussten wir uns Freiheiten nehmen. Dabei war uns bewusst, dass wir gleichzeitig Verantwortung gegenüber den Menschen haben, die wir porträtieren. Wir wollten ihnen gerecht werden und uns nicht über Erkenntnisse, Tatsachen hinwegsetzen, nur weil es der Dramaturgie dient. Wir versuchen den Spagat, der literarischen Vorlage, den realen Personen und unserer filmischen Vision gerecht zu werden.

Was war Ihre Motivation, diesen Film zu machen, ihn als Drama zu erzählen?

HANS-CHRISTIAN SCHMID: Drehbuchautor Michael Gutmann und mich hat interessiert, aus der Perspektive eines Jungen zu erzählen. Sonst wäre ich nicht auf die Idee gekommen, den Entführungsfall Reemtsma zu bearbeiten. Da wir uns beide für Familienkonstellationen interessieren, wollten wir die Geschichte über die Beziehung Mutter und Sohn bzw. das Dreieck zwischen den beiden und dem abwesenden Vater erzählen. Das war auch Teil des Konzepts, mit dem wir Johann überzeugen konnten. Wir wollten eine Geschichte über eine Familie in einer Ausnahmesituation erzählen und nicht in die unerträgliche Situation des Entführten im Keller schneiden.

Wie haben Sie den Stoff weiter entwickelt?

HANS-CHRISTIAN SCHMID: Die Figur Johann ist wenig in die Entscheidungen involviert, die im Haus in den geschilderten vier Wochen getroffen werden. Er ist ein Beobachter. So haben wir uns schon zu Beginn der Drehbuchentwicklung entschieden, seine Perspektive durch die der Mutter zu erweitern, die im Laufe des Filmes immer aktiver wird und die Dinge selbst in die Hand nimmt. Um dem Publikum dennoch zu ermöglichen, die Dinge aus Johanns Perspektive zu erleben, haben wir die Mutter ihren Kenntnisstand bzw. ihr Erleben an ihn weitergeben lassen, etwa in dem zentralen Monolog.

Es gibt auch Krimielemente im Film.

HANS-CHRISTIAN SCHMID: Wir wollten mit dem Vorgehen der Polizei, zu dem wir über Johanns Buch hinaus recherchiert hatten, eine weitere Ebene einbringen. Wir hatten uns bei der Lektüre von Johanns Buch über die vielen Pannen der Polizei gewundert. Nach Interviews mit Polizeimitarbeitern, u.a. den zwei Betreuern, die damals bei den Scheerers wohnten, wurde uns bewusst, dass manch vermeintliche Panne der Taktik geschuldet war, die auf das Fassen der Täter fokussiert war. Die eigentliche Ermittlungsarbeit der Polizei sparen wir uns aber komplett. Unser Film ist kein Krimi und von der Struktur her eher ein Antithriller.

Wie eng hielten Sie sich an die Originaltexte, etwa die der Briefe des entführten Jan Philipp Reemtsma an seine Frau Ann-Kathrin Scheerer und seinen Sohn?

HANS-CHRISTIAN SCHMID: Wir nutzten die echten Brieftexte, da sie Johann auch in seinem Buch verwendet. Für das Voiceover seiner Figur am Anfang und am Ende des Filmes schrieben wir eigene Texte. In Johanns Buch geht es sehr viel mehr um Musik, etwa um die der Ärzte, oder um seinen Versuch, wieder zur Schule zu gehen. Bei uns im Film wird das nur angerissen. Unser Film entwickelte eine eigene Dynamik, in die beides nicht gepasst hat.

Wie eng haben Sie mit den Scheerers zusammengearbeitet?

HANS-CHRISTIAN SCHMID: Wir hatten Johanns Vertrauen. Er hat uns und unser Konzept aus den Bewerbungen für die Verfilmungsrechte ausgewählt. Wir hatten mit ihm vereinbart, dass er bis zur zweiten Treatmentfassung ein Vetorecht hat und uns danach freie Hand lässt. Wir haben zwei Mal mit seiner Mutter Ann-Kathrin Scheerer gesprochen und auch mit ihrem Bruder. Mit Jan Philipp Reemtsma, der der Verfilmung von Anfang an kritisch gegenüberstand und mir Fragen dazu stellte, hatte ich einen längeren Schriftwechsel. Wir haben uns darüber ausgetauscht, welcher Gedanke der Verfilmung zu Grunde liegt, ob wir realitätsnah oder frei erzählen wollen, und warum es für den Film wichtig ist, seine Eigenständigkeit zu bewahren.

Haben Sie den Film bereits der Familie gezeigt?

HANS-CHRISTIAN SCHMID: Wir haben Johann und Ann-Kathrin Scheerer den Film vorab gezeigt und sie mochten ihn.

Die Handlung findet fast ausschließlich im Haus statt. Wie haben Sie gedreht?

HANS-CHRISTIAN SCHMID: Wir haben ein passendes Haus in Hamburg gefunden, in dem wir die Szenen im Erdgeschoss gedreht haben. Da wir auch Förderung aus NRW erhielten, haben wir den ersten Stock des Hauses von Mutter und Sohn in Köln im Studio nachgebaut. In einer ersten Treatmentfassung hatten wir überlegt, den Film ausschließlich im Haus spielen zu lassen. Das verwarfen wir früh zugunsten der erweiterten Perspektive.

Wie haben Sie die Besetzung gefunden vor allem Ihren jungen Hauptdarsteller?

HANS-CHRISTIAN SCHMID: %Claude Heinrich% ist für sein junges Alter ein bereits erfahrener Schauspieler. Wegen der Pandemie hatten wir keine Chance an Schulen zu suchen. So hat uns Jacqueline Rietz aus ihrem Archiv Kandidaten herausgesucht. Adina Vetter als Mutter hatten wir zuerst gecastet. Sie kam dann mehrmals zum Anspielen, so dass wir sehen konnten, wie gut sie zusammen mit möglichen Besetzungen der Figur Johann als Mutter und Sohn funktioniert. Ich fand Claude überzeugend in seiner Zurückhaltung. Ich habe mir vorgestellt, dass sich Johann damals ähnlich verhalten hat. So habe ich nicht viel mit ihm an seinem Spiel gearbeitet, sondern ihn eher in seiner Natürlichkeit bestärkt.

Wie sahen die Proben aus?

HANS-CHRISTIAN SCHMID: Die große Leseprobe mit allen konnte nicht stattfinden. Wir haben uns nur in kleine Gruppen zusammengesetzt. Claude Heinrich und Hans Löw, der einen Freund der Familie spielt, haben sich via Zoom kennengelernt. Die Ergebnisse aus den Proben flossen wie sonst auch bei mir in die Dialoge der Drehfassung ein. Wir hatten Glück, dass wir all unsere Schauspieler angesichts der unklaren Situation an den Theatern behalten konnten. Viele hatten feste Engagements dort.

Sie mussten wegen der Pandemie auch den Dreh verschieben.

HANS-CHRISTIAN SCHMID: Schon das Casting musste wir abbrechen. Am 13. März 2020 fand noch ein Casting statt, am Tag darauf waren keine Anreisen mehr möglich. Wir mussten verschieben und gerieten leider in die nächste Welle 2021 hinein. Ich hatte Bedenken, dass man die Sorge, angesteckt zu werden, den Schauspielerinnen und Schauspielern im Film ansehen würde. Damals war noch keiner im Team geimpft. Ich versuchte, die Quarantäne-ähnliche Situation so gut wie möglich für den Film zu nutzen. Wir blieben unter uns, verließen das Haus kaum. So erging es ja auch unseren Figuren. Einziger Vorteil der Verschiebung war, dass wir zur Zeit des realen Geschehens im März, April drehten.

Im Anschluss an den Dreh von "Wir sind dann wohl die Angehörigen" starteten für ihre Firma bereits die nächsten Dreharbeiten zur Koproduktion "Prinzessin".

HANS-CHRISTIAN SCHMID: Das ging Schlag auf Schlag, aber die Leipziger Departures Film hat das Projekt in erster Linie produziert, wir waren nur minoritär beteiligt. Schon komplizierter für uns war der Drehstopp wegen Coronafällen bei "Wir sind dann wohl die Angehörigen". Auch das Drehen unter Coronabedingungen hat seine Eigenheiten: Nach 21 Uhr konnten wir wegen der Ausgangssperre nur mit Passierschein unterwegs sein. Wir pendelten überwiegend mit Fahrrädern zwischen dem Drehort, der Basis für Team und Schauspieler und unseren Apartments hin und her. Im Zelt, in dem gegessen wurde, trennten Plexiglasbarrieren jeden einzelnen Sitzplatz ab, auch nach Drehschluss gab es kaum Austausch. Ich habe versucht, das positiv zu sehen: Wenn es keinerlei Ablenkung gibt, lässt sich um so konzentrierter arbeiten.

Was war Ihnen bei der besonderen Filmmusik wichtig?

HANS-CHRISTIAN SCHMID: Ich arbeite seit 2003 mit The Notwist zusammen. Sie haben ihr eigenes Klanguniversum und einen anderen Zugang als typische Filmmusiker. Sie umkreisen zunächst den Stoff, statt Stücke passgenau auf eine ganz bestimmte Szene hin zu schreiben. Das lässt Raum für einen Dialog, in dem wir unsere Vorstellungen aufeinander abstimmen können. Manchmal stellt sich für mich gar nicht die Frage, welche Filmmusik ich brauche, sondern ob ich sie brauche. Bei "Requiem" zum Beispiel haben wir komplett auf den Score verzichtet und nur mit Source-Stücken gearbeitet.

Haben Sie schon eine Idee, was das nächste Projekt werden könnte?

HANS-CHRISTIAN SCHMID: Ich habe zwei, drei Ideen im Kopf, die ich beginne zu entwickeln, aber keine, die spruchreif wäre. Bei mir dauert das immer eine Weile.

Die Fragen stellte Heike Angermaier