Produktion

Aelrun Goette: "Ich wollte die Schablone vom Bild der DDR durchbrechen"

Die renommierte Regisseurin und Drehbuchautorin legt mit "In einem Land, das es nicht mehr gibt" ihren ersten großen Kinofilm vor. Er feiert beim Filmfest Hamburg am Sonntag Premiere bevor er am 6. Oktober bundesweit in den Kinos startet. Wir sprachen vorab mit ihr.

30.09.2022 09:41 • von Heike Angermaier
Aelrun Goette (Bild: Tobis/Peter Hartwig)

Aelrun Goette legt mit In einem Land, das es nicht mehr gibt" ihren ersten großen Kinofilm vor. Er feiert am Sonntag beim Filmfest Hamburg Premiere bevor er am 6. Oktober bundesweit in den Kinos startet. Wir sprachen vorab mit der renommierten Regisseurin und Drehbuchautorin.

Wie war es für Sie, einen so stark autobiografisch inspirierten Film anzugehen über eine junge Frau, die als Model entdeckt wird und in der Modebranche landet?

AELRUN GOETTE: Die erste Idee dazu hatte ich vor 14 Jahren. Ich wollte die Schablone vom Bild der DDR, in dem hinter jeder Laterne ein Stasioffizier lauert, durchbrechen, denn meine Vergangenheit passt nicht in dieses Bild. Ich wollte eine andere Facette des Lebens dort zeigen und meine eigene Geschichte erzählen. Ich kenne die Details erhält der Film seine Glaubwürdigkeit. Ob es die Gitarre an der Tür oder das hochherrschaftliche Gebäude der Mode ist: so hat sich das Leben damals auch ausgedrückt. Neben der Protagonistin Suzie basiert die Figur des von Sabin Tambrea gespielten Rudi übrigens als einzige auf einer realen Persönlichkeit: Frank Schäfer, der damals Netzstrümpfe und High Heels trug, uns Models geschminkt hat und auch selbst als Model aufgetreten ist. Als ich meinen Freunden aus dem Westen von der Idee erzählte, fanden sie es spannend, diese Seite des Ostens in ihren Ambivalenzen kennenzulernen.

Sie erzählen u.a. eine Coming-of-Age- und Aufsteigergeschichte, und vom Widerstand. Was war hnen das Wichtigste?

AELRUN GOETTE: Ich erzähle eine Geschichte, die konkret im Gestern spielt, aber den Bogen bis ins Heute spannt, weil sie Fragen in den Mittelpunkt stellt, die heute relevant sind: Welchen Preis bin ich bereit zu zahlen für das Leben, das ich führen will? Wo hört Selbstverwirklichung auf und fängt Selbstverrat an? Was ist Heimat und wie wollen wir miteinander leben - als Männer und Frauen und als Frauen und Frauen? Das sind für mich als Filmemacherin zentrale Fragen. In dem Film stecken Leitsätze, die mich schon mein ganzes Leben begleiten, wie zum Beispiel "Niemand hat das Recht zu entscheiden, wer wir sind" Wenn mich jemand in eine Schublade stecken will, dann arbeite ich mich eben wieder heraus. Um davon zu erzählen, habe ich die Welt der Mode in der untergehenden DDR gewählt.

War es schwierig, die erwähnten Details für Kostüme und Ausstattung, zu finden bzw. herzustellen?

AELRUN GOETTE: Ich habe bei der Umsetzung mit Menschen zusammengearbeitet, die ich schon lange künstlerisch schätze: mit %Anja Dihrberg5 als Casting Directorin arbeite ich bereits zum zweiten Mal, %Benedict Neuenfels% an der Kamera, der gerne groß oder lukullisch, wie er es nennt, erzählt. Mit der Szenenbildnerin %Silke Buhr%, einer klugen Meisterin filmischer Räume, Annett Schulze, die mit ihrem Team ein Maskenbild von internationalem Niveau schafft, sowie mit %Regina Tiedecken%, die ein Modelabel hat und die ich bei dieser Arbeit neu kennenlernen durfte. Im Drehbuch habe ich sehr viele wesentliche Details notiert, so dass es sehr dick war. Gemeinsam mit meinen Heads of Department haben wir es auf die filmische Ebene gehoben. Die künstlerische Herstellung war für uns alle eine große Freude. Dabei kam uns entgegen, dass wir in Zeiten leben, in denen wir nicht nur gerne zurückblicken, sondern auch Style und Mode wiederkommen. Zum Beispiel schleppen meine Töchter aus Vintage-Läden Klamotten an, die ich in ihrem Alter so ähnlich auch getragen habe. Im Film nutzen wir eine Mischung aus originalen Props und Dingen, die wir selbst angefertigt haben, tatsächlich auch Originalkleidung von Exquisit. Ich würde gerne ein Ratespiel machen, wer sie erkennt.

War Ihre Idee von Anfang an, eine larger than life Erzählung fürs Kino zu machen?

AELRUN GOETTE: Ja. Ich knüpfe mit meinem Film an die Arbeit meiner geschätzten Kollegen Andreas Dresen oder Andreas Kleinert an, die schon lange Spielfilme über die DDR machen. "In einem Land, das es nicht mehr gibt" soll den Gesprächsfaden weiterspinnen und ein Fest fürs Kino werden. Es ist eine Geschichte über die Jugend; es geht um Mode und erwachsen werden mit der ganzen Energie und dem Spaß, die dem Alter innewohnt. Ich wollte von Anfang an einen Film fürs Publikum machen, bei dem die Menschen in eine andere Welt eintauchen, den Alltag vergessen, mal durchatmen können und dabei vielleicht etwas mitnehmen, das sie inspiriert. Wir haben nach einem Begriff für den Stil des Filmes gesucht und wir sind auf 'Futurismo' gekommen, weil er einerseits Distanz zum dokumentarischen Stil bedeutet, eine dem Osten zugrunde liegende Idee aufgreift und gleichzeitig in die Zukunft reicht. In unserem Kreativteam haben wir sehr großen Wert darauf gelegt, sachlich richtig zu erzählen, auf der Grundlage, dass es so oder so ähnlich in der DDR hätte stattfinden können. Trotzdem wollten wir den Film larger than life, in kraftvollen Farben, mit wunderschönen Menschen und mit Leichtigkeit erzählen. Gerade weil ich aus einer ganz anderen Ecke des filmischen Erzählens komme, hat es mir eine riesen Freude gemacht. Ich hoffe, dass wir zum Kinostart die entsprechenden Bedingungen haben, damit die Menschen gerne ins Kino gehen.

Dieser Film ist der leichteste in ihrer Filmografie.

AELRUN GOETTE: Das Leichte, was nicht so leicht herzustellen ist: es motiviert mich, meine erzählerischen Fähigkeiten zu erweitern und in anderen Bereichen auszuprobieren. Und da mir niemand so eine Geschichte angeboten hat, musste ich sie mir eben selber schreiben. Aber vielleicht ändert sich das ja jetzt.

Sie mussten erst Überzeugungsarbeit bei Produktions- und Finanzierungspartner leisten. Am Ende ging es dann doch schnell?

AELRUN GOETTE: Es war in den ersten Jahren verflixt: Wenn ich den Menschen davon erzählt habe, war das Interesse groß, aber die meisten Finanzierungspartner konnten sich nicht vorstellen, dass DDR und Mode zusammenpassen und in einem Kinofilm funktionieren. Als der RBB als federführender Sender einstieg, ging es dann sehr schnell. Die Redaktionsleiterin Cooky Ziesche, mit der ich auf dramaturgischer Ebene zusammengearbeitetet habe, schlug mir Tanja Ziegler als Produzentin vor. Gemeinsam mit Susa Kusche, die als ausführende Prodzentin verantwortlich zeichnet, Magnus Vortmeyer aus dem Team vom Koproduktionspartner und Verleih Tobis Film, mochten alle meine Art des Erzählens und haben sie unterstützt. Ich musste mich von nichts trennen, was ich für relevant hielt. Dafür bin ich dankbar. Wenn Corona nicht dazwischengekommen wäre, hätten wir bereits ein Jahr zuvor gedreht. Wir standen kurz vor Drehbeginn, als wir plötzlich stoppen mussten. Mein Herz blieb stehen - so viel Kampf und Arbeit stand auf dem Spiel - ich war in Panik, ob wir alle wieder zusammenkommen werden und ob es überhaupt weitergeht. Aber alle, von Cast, Crew und die Finanzierungspartnerinnen und Partner sind an Bord geblieben. Wir konnten sogar noch zusätzliche Unterstützung bekommen. Ich denke, die Besonderheit unseres Projekts hat sie zusammengehalten.

Auch die Postproduktion war aufwändiger als bei ihren vorherigen Projekten. Wie lief sie?

AELRUN GOETTE: Ich finde, es geht immer darum, den Geist, der im Drehbuch begeistert hat und auf den sich alle Partner geeinigt haben, über den Dreh und den Schnitt hinweg lebendig zu halten. Dabei muss man sich manchmal von Elementen lösen oder sie anders angehen. Der Postproduktionsprozess war natürlich aufwändiger, weil es ein großer Film ist, aber bei jedem Film ringt man letztendlich um jede Szene, jedes Bild und jeden Ton. Mit dem Komponisten Boris Bojadzhiev ist es meine zweite Zusammenarbeit. Ich denke, dass man sein großes Engagement ebenso wie das von der Editorin Julia Karg und all den anderen, wunderbaren Kreativ-Partnern und Partnerinnen im Film auch spürt.

Fotografie spielt eine große Rolle. Sie wird auch in den Credits aufgeführt.

AELRUN GOETTE: Die Modefotografie aus der Zeitschrift Sibylle spielte in der DDR eine besondere Rolle: 'Eine Schule in Ästhetik', hat Annet Gröschner sie mal zutreffend genannt. Diese Welt wollte ich für das Publikum spürbar machen. Dazu brauchten wir die passenden Fotos aus der Zeit, deren Rechte mussten geklärt werden, und wir brauchten neue Fotos, die zum zeitlosen Stil der DDR Modefotografie passten. Die Ostkreuz Fotografen sind ja schon lange Ikonen ihres Fachs und ich bin sehr glücklich, dass wir Ute Mahler, die richtungsweisend in der ostdeutschen Modefotografie und Mitbegründerin der bekannten Fotografieschule Ostkreuz ist, für unseren Film gewinnen konnten. Von ihr stammen nicht nur viele Bilder aus der damaligen Zeit, sondern auch die Fotos, die der Fotograf Coyote, gespielt von David Schütter, an der Ostsee macht und die in seiner Dunkelkammer zu sehen sind. Peter Hartwig, der sich ebenso durch einen besonderen Stil auszeichnet und ein Bewunderer von Ute Mahler ist, konnten wir für die Setfotografie gewinnen.

Welche Art von Film wollen Sie als nächstes ausprobieren?

AELRUN GOETTE: Ich arbeite schon an einer neuen, tollen Idee. Und ich freue mich, wenn durch diesen Film interessante Angebote auf mich zukommen. Was als nächstes vor mir liegt, ist wunderbar: ich kann diesen Film, an dem ich schon so lange arbeite, in ganz Deutschland endlich auch perönlich in den Kinos dem Publikum vorstellen. Er ist schon jetzt ein Meilenstein in meiner Filmografie.

Das Interview führte Heike Angermaier