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VENEDIG-Analyse: Fest in Frauenhand

Ein toller Jahrgang, veredelt von der klugen und weisen Preisvergabe der Jury um Präsidentin Julianne Moore - auch wenn wohl niemand den Goldene-Löwe-Gewinner auf dem Zettel gehabt hatte. Ein paar Gedanken zur 79. Mostra.

11.09.2022 05:46 • von Thomas Schultze
Laura Poitras freut sich über ihren Goldenen Löwen (Bild: La Biennale di Venezia)

Zum dritten Mal in Folge gewinnt eine Frau die Mostra. Überhaupt erst zum zweiten Mal wird der Goldene Löwe einem Dokumentarfilm überreicht. Die Jury um Präsidentin Julianne Moore hat gesprochen. Und sie hat gut gesprochen, sie hat laut gesprochen. Sie hat klare Akzente gesetzt und eindeutige Ansagen gemacht zum Abschluss der 79. Mostra in Venedig, die in elf dicht gedrängten Tagen von Höhepunkt zu Höhepunkt eilte. Die eigene Erfahrung muss sich da gar nicht mit der der Jury decken. Aber die Preisvergabe ist dann doch noch einmal ein weiteres Narrativ, wie man das Festival am Lido, das 1932 erstmals stattfand und deshalb seinen 90. Geburtstag feierte, erleben und sehen konnte. Sogar die Dramaturgie stimmte: Erst gingen die Preise an die großen Namen, an das traditionelle Erzählkino: zwei Preise für The Banshees of Inisherin", der große Publikumsliebling von Martin McDonagh; zwei Preise für Bones and All", der konsequent extreme und immer mitreißende Kannibalen-Schrägstrich-Coming-of-Age-Film von Luca Guadagnino, der endlich auf einem großen Festival mit dem Regiepreis bedacht wurde. Die doppelte Auszeichnung unterstreicht, wie sehr die Jury auch diese Filme liebte, die Hauptpreise dann doch aber lieber für besondere Titel aufhob, die die Aufmerksamkeit brauchen, um in der Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden.

Und dann natürlich der Darstellerinnenpreis für Cate Blanchett, die gleich zu Beginn der Mostra in Tár" zu sehen war und eine so überragende Performance bot, dass überhaupt kein Weg an ihr vorbeiführte, auch wenn Trace Lysette für "Monica" oder Ana De Armas für "Blond" zumindest Außenseiterchancen eingeräumt worden waren. Es ist die zweite Coppa Volpi für Blanchett, nachdem sie bereits 2007 für ihren Auftritt als Bob Dylan in I'm Not There" ausgezeichnet worden war. Sie ist die erst vierte Schauspielerin, die zweimal ausgezeichnet wurde, und tritt damit in die Fußstapfen von Shirley MacLaine, Isabelle Huppert und Valeria Golino - die aber, anders als Blanchett, nicht auch schon zwei Oscars ihr Eigen nennen. Natürlich hatten schon diese ersten Preise einen politischen Dreh: "Tár" befasst sich mit Machtmissbrauch; "The Banshees of Inisherin" zieht im Zwist zweier Freunde auf einer ausgedachten irischen Insel im 1923 klare Parallelen zu den Auseinandersetzungen auf dem Festland im Irischen Bürgerkrieg; und "Bones and All" ist unverkennbar eine große Parabel auf ein Amerika, das sich selbst auffrisst.

Noch deutlicher wurde die Jury dann aber bei den weiteren Preisen. Nun kann man etwas zynisch sagen, dass der Spezialpreis der Jury für Jafar Panahi gesetzt war. Und doch geht ein wichtiges Signal von dieser Auszeichnung aus: Panahi, der eine sechsjährige Haftstrafe in seiner Heimat Iran absitzt, darf nicht vergessen werden; man muss auf das Unrechtsregime aufmerksam machen, so oft und so gut man kann. Saint Omer", der erste Spielfilm von Alice Diop, erhielt danach den Großen Preis der Jury - insgeheim hatte dieser höchst ungewöhnliche Film, der von einem Prozess gegen eine senegalesische Französin erzählt, die 2015 ihr Baby getötet hatte und Hexenwerk als Grund für ihre Tat angegeben hatte, auch als Anwärter für Gold gegolten. Es ist bezeichnend, dass Diop eigentlich eine Dokumentarfilmerin ist und auch ihr unbestechlicher und doch so mitfühlender Blick in "Saint Omer" der einer Dokumentaristin ist, was den Bogen zum Goldener-Löwe-Gewinner schlägt, Laura Poitras' All the Beauty and the Bloodshed". Es ist das Porträt der Underground-Fotografin Nan Goldin, die in den letzten Jahren als vehemente Aktivistin gegen die mächtige Sackler-Familie vorgegangen ist, die mit ihren Medikamenten die Opioid-Epidemie in den USA sehenden Auges ausgelöst haben. Von der Presse war der Film eher lauwarm aufgenommen worden, mit Respekt und Wohlwollen, aber nicht mit großem Enthusiasmus. Aber die Jury war offenkundig begeistert. Und hatte Lust darauf, ein Zeichen zu setzen. Das ist auch gut so.

Eine Geschichte wird ja auch erzählt, wer nicht mit einem Preis bedacht wurde. Brendan Fraser hatte mit seiner engagierten Comebackleistung in The Whale" definitiv als Favorit für die Coppa Volpi gegolten. Aber mitColin Farrell traf es schließlich auf jeden Fall nicht den Falschen. Eine so zärtliche und zurückhaltende Darstellung hätte man dem eher für sein markiges Auftreten bekannten Iren nicht zugetraut. Das italienische Kino war mit fünf Filmen im Wettbewerb stark vertreten - auch eine schöne Tradition in Venedig -, preiswürdig war dann aber doch nur der amerikanischste unter ihnen, Guadagninos "Bones and All". Leer gingen auch "Blond", Bardo", Weißes Rauschen" und Athena" aus - keiner der vier Netflix-Titel wurde wohl in Betracht gezogen. Wie dann auch "Argentina 1985" nicht, einer der großen Publikumslieblinge des Festivals, aber eben für Amazon entstanden, einen Streamingdienst. Der Jury stand der Sinn offenkundig nach Kino, nach Filmen, die nicht nur auf Festivals die große Leinwand erblicken. Auch dazu kann man nur sagen: Respekt, werte Venedig-Jury. Ihr habt Rückgrat, ihr habt eine Linie, ihr habt Integrität.

Den Hut ziehen muss man auch vor Alberto Barbera. Wie er die Mostra in seiner nunmehr zehnjährigen Amtszeit von einem abgehalfterten Dino wieder zum wichtigsten Festivalevent im Herbst gemacht hat, das hat schon auch Applaus verdient. Es ist ihm hoch anzurechnen, dass er keine Berührungsängste kennt und vor allem ein sehr genaues Gespür hat, was die großen Filmemacher gerade beschäftigt. So viele Filme über Eltern und Kinder, in allen erdenklichen Kombinationen. Während der Pandemie hat sich das Weltkino darauf besonnen, was wirklich wichtig ist - hat den Blick nach innen gerichtet. Und ist damit noch politischer geworden. Und relevanter. Wenn Barbera von 2022 als Jahr der "Rückkehr" schwärmt, will man ihm unbedingt zustimmen. Gut gemacht.

Thomas Schultze