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Fernsehpreis 22 - Zeit ist Geld - Zur Situation in der Comedy

In der Krise schlägt erfahrungsgemäß die große Stunde der Comedy. Aber warum entwickelt der deutsche Markt so wenig Unterhaltungskonzepte von internationalem Format? Comedy-Experten aus der Produktionsbranche geben Antworten.

12.09.2022 14:04 • von Frank Heine
Herausragender Erfolg und dreifach nominiert: "Wer stiehlt mir die Show", hier mit Nilam Farooq als Showdiebin und Joko Winterscheidt (Bild: ProSieben/Timmy Hargesheimer)

In der Krise schlägt erfahrungsgemäß die große Stunde der Comedy. Aber warum entwickelt der deutsche Markt so wenig Unterhaltungskonzepte von internationalem Format? Comedy-Experten aus der Produktionsbranche geben Antworten.

Zehn Komödiantinnen und Komödianten versuchen, sich gegenseitig zum Lachen zu bringen, dürfen dabei aber keine Miene verziehen: Das Konzept ist von ergreifender Schlichtheit. Trotzdem kommen Ideen für internationale Erfolge wie das japanische Amazon-Format "LOL: Last One Laughing" so gut wie nie aus Deutschland. Medienwissenschaftler Gerd Hallenberger findet die Antwort in der Kulturgeschichte: "Wer sich mit Humor beschäftigt, galt hierzulande lange automatisch als unseriös. Daher ist die Zahl der Menschen, die sich ohne Not ins humoristische Gewerbe stürzt, deutlich kleiner als zum Beispiel in Großbritannien, wo Humor als Ausweis von Intelligenz betrachtet wird." Originelle Formatideen wären demnach eine Frage der Wahrscheinlichkeit: Je mehr Leute sich mit einer Sache beschäftigen, desto besser werden die Ergebnisse; je weniger, desto schlechter. Der Geistesblitz wäre jedoch nur der erste Schritt. Otto Steiner, Geschäftsführer von "LOL"-Produzent Constantin Entertainment, ist überzeugt, dass die deutschen Kreativen durchaus gute Ideen hätten, aber oft würden diese Einfälle "in internen und externen Prozessen so lange zerredet, bis nicht mehr viel übrig bleibt."

Auch für dieses Phänomen hat Hallenberger eine einleuchtende Erklärung: "Der deutsche Fernsehmarkt ist ängstlich. Auf jeden Formaterfinder kommen hundert Bedenkenträger, weil in den Redaktionen eine Kultur der Risikovermeidung herrscht." Steiner widerspricht zwar der Form halber ("tolle Leute in den Redaktionen"), aber im Grunde gibt er dem Unterhaltungsexperten recht: "Bei allen Beteiligten wird die Angst vor einem Flop immer größer." Wenn es wie in den letzten Monaten diverse Misserfolge gegeben habe, "werden auf dem Weg zu einem fertigen Format sowohl beim Produzenten wie auch beim Sender häufig zu viele vermeintliche Vorsichtsmaßnahmen ergriffen und Kompromisse eingegangen." Auf diese Weise könne es passieren, dass die individuellen Merkmale eines Konzepts auf der Strecke blieben; "dabei sind es oft genau diese Aspekte, die die Besonderheit eines Formats ausmachen würden." Am Ende seien dann alle enttäuscht: "der Produzent, weil er seine ursprüngliche Idee nicht umgesetzt hat; die Redaktion, weil das Format nicht dem Konzept entspricht, das ihnen angepriesen worden ist; und der Sender, weil die Quote nicht stimmt."

Letztlich lässt sich die Misere auf einen einfachen Nenner bringen: Zeit ist Geld. Hinter den Erfolgen von Jan Böhmermann, Carolin Kebekus oder der "heute show", sagt Steiner, steckten "die sehr gezielte Zusammenstellung eines starken Kreativteams sowie ausreichend Zeit zur Entwicklung von neuen Inhalten und Figuren. Aber Entwicklungszeit kostet Geld, das die Sender oft nicht zur Verfügung stellen wollen oder können. Es wird erwartet, dass ein neues Format nach maximal fünf Monaten auf Sendung geht und dann umgehend erfolgreich ist." In dieser Zeit lasse sich zwar ein Gerüst erstellen, "doch das inhaltliche Feintuning erfolgt erst, während die ersten Ausgaben ausgestrahlt werden. Besser wäre es, ein Kreativteam ein halbes Jahr lang arbeiten zu lassen und vielleicht auch zwei oder drei Piloten zu produzieren, bevor die Premiere ins Fernsehen kommt."

Gesellt sich zur Risikovermeidung noch ein gewisser Mangel an Fantasie, haben es neue Ideen doppelt schwer. Selbstverständlich hätte sich auch ein deutscher Formatentwickler so etwas wie "LOL" ausdenken können, sagt Hallenberger, "aber wenn ein Produzent auf einen Auslandserfolg verweisen kann, hat ein Vorschlag automatisch größere Chancen." Ute Biernat, Geschäftsführerin der UFA-Tochter UFA Show & Factual, bestätigt die Einschätzung, zumal ein Konzept wie "LOL" nur als High-Class-Format funktioniere: "Die Produktion an sich ist preiswert; was wirklich teuer ist, sind die Köpfe. Aber wer kann es sich leisten, derart ins Risiko zu gehen? Wäre 'LOL' eine deutsche Idee, würde der Sender fragen: Ist die A-Klasse der deutschen Comedians denn überhaupt bereit, da mitzuwirken?" Wenn man den Geldgebern zeigen könne, wie das fertige Produkt aussehen würde, weil es bereits ausländische Umsetzungen gibt, seien sie viel eher bereit mitzumachen; erst recht, wenn das Format bereits international erfolgreich sei. Hinzu komme, dass Deutschland kein klassisches Entwicklungsland sei, anders als etwa die Niederlande: "Für einen kleinen Fernsehmarkt wären die Lizenzen viel zu teuer, also stecken sie das Geld lieber in eigene Formatentwicklungen. Natürlich wird bei uns auch entwickelt, aber nach drei Flops reden alle darüber, und der Sender wird es sich gut überlegen, ob er einen vierten riskieren will. Die Redaktionsmitglieder wären bestimmt gern mutiger, haben aber keinen Entscheidungsfreiraum mehr. Das Problem sind die Strukturen, es ist systemimmanent." Matthias Murmann, gemeinsam mit Philipp Käßbohrer Geschäftsführer der bilduntonfabrik (btf), die unter anderem die "Carolin Kebekus Show" produziert, spricht von einer "Squeeze"-Situation: "Von unten kommt Druck durch teurere Dienstleistungen, die die Herstellungskosten insgesamt stark erhöhen, und von oben kommt Druck, weil sich die Konzerne mit Blick auf die heranrollende Rezession vorsichtiger verhalten und erwarten, dass wir günstiger produzieren." btf sieht sich dennoch gut gewappnet: "Wir sind sehr agil und arbeiten mit tollen Talenten zusammen, die mit uns sehr flexibel denken und handeln."

Es gibt noch weitere gute Nachrichten, selbst wenn die im Grunde doch eher schlecht sind. Steiner drückt es so aus: "Angesichts der Dauerkrise in den letzten zweieinhalb Jahren suchen die Menschen wieder verstärkt nach heiterer Ablenkung von ihrem schwierigen Alltag, und dafür ist Comedy natürlich bestens geeignet." Das Publikum, bestätigt Biernat, "wünscht sich eine gewisse Leichtigkeit, und die gibt es am ehesten durch eine Prise Comedy". Exemplarisch für diesen Trend sei "Wer stiehlt mir die Show?" (ProSieben), ebenso die UFA-Show-Formate "Take Me Out" (RTL) und "Wer weiß denn sowas?" (ARD). Einschränkend verweist die Erfolgsproduzentin ("DSDS", "Das Supertalent") auf die diversen Anforderungen, die derzeit auch bei der Herstellung von Unterhaltungsformaten berücksichtigt werden müssten, allen voran die Forderung nach klimaneutraler Produktionsweise, die Energiekrise und die Inflation. Corona könne demnächst auch noch mal ein Thema werden. Immerhin habe ihr Branchenbereich einen entscheidenden Vorteil: "Wenn bei einem Film oder einer Serie die Hauptrolle ausfällt, stockt eine Produktion, auf die alle Beteiligten in der Regel zwei Jahre hingearbeitet haben. Das bringt zwangsläufig herbe Verluste mit sich. Da wir viel kurzfristiger und kleinteiliger produzieren, können wir leichter ausweichen." Trotzdem wäre es verkehrt, so zu tun, als sei nun alles wie vor der Pandemie. Das Tempo zum Beispiel habe sich deutlich verändert: "Die Sender kochen erst mal alles auf kleiner Flamme und wollen möglichst viele Bälle gleichzeitig in der Luft halten. Es dauert länger als früher, bis es zu einer Entscheidung kommt, weil die Zahl der Verantwortlichen deutlich zugenommen hat, was den Prozess nicht gerade beschleunigt. Ist dann eine Entscheidung gefallen, soll das Produkt bereits nach drei Monaten fertig sein. Wenn wir ein Konzept für ein Unterhaltungsformat vorstellen, dann am besten auch schon mit ein paar Namen. Die müssen wir natürlich bezahlen, ohne zu wissen, ob das Format überhaupt zustande kommt."

Gemessen an solchen Einschätzungen wirkt Florida Entertainment wie eine Insel der Seligen. Es gebe aktuell keinen Grund zur Klage, versichert Arne Kreutzfeldt, der sich die Geschäftsführung mit Thomas Schmitt teilt: "Wir sind in der glücklichen Situation, Projekte umzusetzen, die uns großen Spaß machen, und haben es mit Menschen zu tun, mit denen wir sehr gern zusammenarbeiten. Was die Nachfrage angeht, können wir uns ebenfalls nicht beschweren." Für Schmitt liegt das Erfolgsgeheimnis des von Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf gegründeten Unternehmens in der Selbstkritik: "Wir halten uns keineswegs für unfehlbar und bewerten unsere Produktionen im Zweifelsfall kritischer als Außenstehende. Wir hinterfragen dauernd alles und sind uns stets der Tatsache bewusst, dass ein Projekt auch mal scheitern kann oder dass wir die Gunst des Publikums verlieren könnten. Solche Dinge beschäftigen uns viel mehr als eine gute Quote."

Jüngstes Kapitel in der Florida-Erfolgsgeschichte ist "Wer stiehlt mir die Show?". Die Konzeptgenese bestätigt Steiners Forderung nach mehr Zeit: Die Formatentwicklung hat sich über zwei Jahre hingezogen. Nach dem Ende von Circus HalliGalli", erzählt Schmitt, habe Winterscheidt sie darum gebeten, eine Show für ihn zu entwickeln. "Wir haben alle nur denkbaren Unterhaltungsformate durchprobiert: Talkshow, Spielshow, Late Night." An ein Quiz hätten sie erst ganz am Schluss gedacht, "aber Joko konnte sich das gut vorstellen, also haben wir uns gefragt: Welche Bedingungen müsste so ein Konzept erfüllen, um uns selbst Spaß zu machen und uns auch als Kreative herauszufordern? Die zündende Idee war: Lasst uns eine Show entwickeln, in der der Moderator nicht die neutrale Instanz, sondern parteiisch ist." Da sich die Firma keine Million Euro Preisgeld leisten konnte, blieb die Frage: "Was könnte ein möglicher Gewinn sein, der sowohl Ansporn für die Kandidaten als auch Spaßfaktor ist?" Die Antwort: Die Mitwirkenden spielen um die Moderation der nächsten Ausgabe. Das Konzept entspricht somit perfekt der Florida-Philosophie, die zudem maßgeblich dazu beiträgt, dass Schmitts Antwort auf die Frage nach dem Fachkräftemangel entspannt ausfällt: "Es ist bekannt, dass man seiner Kreativität bei uns freien Lauf lassen kann, weil wir keine Katalogformate umsetzen, sondern uns mit Ideen befassen, die gern auch mal ein bisschen abseitig sein dürfen. Für Menschen, die so etwas schätzen, sind wir die perfekte Anlaufstelle." Im Unterschied zu vielen Konkurrenzfirmen, ergänzt Kreutzfeldt, "arbeiten wir abgesehen von Studio- und Technikpersonal fast ausschließlich mit Festangestellten. Das kreative und produktionelle Personal ist bei uns also fest verankert." Das Unternehmen ist zudem in der glücklichen Lage, bei ProSieben stets ein offenes Ohr für neue Vorschläge zu finden. Einen Exklusivvertrag gibt es allerdings nicht. Kreutzfeldt sieht in dieser Abhängigkeit trotzdem kein Risiko, zumal es mit "Duell um die Welt", "Joko und Klaas gegen ProSieben" "15 Minuten" sowie "Wer stiehlt mir die Show?" derzeit vier langlaufende Formate gebe: "Es müsste schon viel passieren, damit die plötzlich alle nicht mehr funktionieren."

Eigentlich könnte man auch bei den anderen Unterhaltungsunternehmen Gelassenheit demonstrieren, zumal derzeit sogar von einem Comedy-Boom die Rede ist, aber Biernat relativiert diese Einschätzung umgehend: "Es gibt zwar viel mehr potenzielle Auftraggeber als früher, doch der Kuchen ist nicht größer geworden." Der wirklich große Boom hat laut Steiner vor zehn bis fünfzehn Jahren stattgefunden, als alle Comedians enorme Erfolge mit ihren Stand-up-Bühnenprogrammen gefeiert hätten: "Das Fernsehen hat diesen Trend damals aufgenommen, es gab eine Vielzahl von Comedy-Sendungen. Gerade RTL hat aus den Bühnenprogrammen hochwertige Sendungen gemacht, viele Comedians haben zudem eigene Shows bekommen. Das führte schließlich zu einer Inflation, zumal sich alle gegenseitig besucht haben; irgendwann gab es ein Überangebot." Im Unterschied zu damals sei das Publikum heute jedoch wählerischer. So erklärt der Constantin-Entertainment-GF auch die Comedy-Flops der vergangenen Monate: "Die Sendungen hatten nichts Neues zu bieten; die Zuschauer wollen aber überrascht werden." Außerdem habe das Fernsehen in den letzten zehn Jahren einen großen Teil der jungen Zielgruppe verloren: "Menschen unter 25 haben das Medium ihrer Eltern weitgehend hinter sich gelassen." Ausnahmen machten sie auch im Comedy-Bereich nur für Entertainer wie etwa Joko und Klaas, Tedros "Teddy" Teclebrhan oder Jan Böhmermann.

Die aktuelle Retro-Welle hält Steiner für ein rein temporäres Phänomen, "das ohnehin nur funktionieren kann, wenn man einen Event draus macht, wie RTL demnächst mit 'RTL Samstag Nacht'; oder wenn man neue Rahmenbedingungen schafft, wie ProSieben mit 'TV total' und Sebastian Pufpaff." Das Beispiel "7 Tage, 7 Köpfe" (RTL) habe gezeigt, "dass es nicht genügt, ein altes Format einfach mit neuen Gesichtern zu füllen und es ansonsten eins zu eins in die Gegenwart zu übertragen. Gerade junge Leute sind besonders kritisch und fragen sich, ob es sich tatsächlich um eine Sendung handelt, die man gesehen haben muss, weil im Freundeskreis garantiert darüber gesprochen wird. Vor zehn Jahren hatte man bei RTL automatisch ein Grundrauschen von drei Millionen Stammzuschauern, auch wegen der vielen Jüngeren; heute muss man kämpfen, um überhaupt auf eine Million zu kommen."

Umso besser, wenn eine Firma auf mehreren Hochzeiten tanzt. btf produziert neben Shows und preisgekrönten Serien wie "How to Sell Drugs Online (Fast)" (Netflix) auch Videogames und Dokumentationen. "Wir haben unsere Fähigkeiten in den letzten Jahren ganz bewusst und intensiv ausgebaut", erläutert Murmann die Strategie: "Gerade angesichts einer ungewissen Zukunft ist es umso wichtiger, nicht bloß auf ein Genre oder Medium zu setzen, sondern anpassungsfähig zu bleiben. Wir standen schon immer mit einem Bein in der klassischen Fernsehindustrie und mit dem anderen im Internet." Aktuell seien zwei neue Games in Arbeit; auch in diesem Bereich habe man "einen sehr großen Drang, mit Innovation aufzufallen. Wir wissen, dass der Bedarf an Inhalten nicht abnehmen wird. Die Menschen werden eher noch mehr Zeit mit Medien verbringen. Content wird also wichtig bleiben, nur die Plattformen ändern sich."

Ein Sorgenkind gibt es allerdings doch. Comedy, sagt Biernat, "war schon immer ein Geschäft der Namen. Wenn ein Streamingdienst ein Comedy-Format bestellt, will er keine Anfänger, sondern etablierte Prominenz." Es fehlten jedoch die Sendeplätze, auf denen sich neue Talente ausprobieren könnten. Ganz früher haben einige ARD-Sender ihre dritten Programme als Testgelände genutzt, um künftige Tops-Stars wie Harald Schmidt und Hape Kerkeling ihre ersten Schritte machen zu lassen. Später stellten die Privatsender Sendeplätze in der Late Night als Teststrecke zur Verfügung; auch das ist vorbei. Eins der letzten Sprungbretter war der von RTL 2018 eingestellte "Comedy Grand Prix" (Constantin Entertainment). Deshalb bleibt dem Nachwuchs gar nichts anderes übrig, als sein Glück im Netz zu suchen, und das auch durchaus mit Erfolg, wie die TV-Karriere von Teddy Teclebrhan zeigt. Der Schwabe mit den eritreischen Wurzeln gilt derzeit als heißester deutscher Comedian, war aber bei Jugendlichen schon längst eine Kultfigur, bevor ihn die Älteren im Fernsehen entdeckten. Gut möglich, dass solche Stars demnächst keine Veranlassung mehr sehen, einen Transfer ins Pantoffelkino anzustreben: Warum sollten sie in ein Medium wollen, von dem sich ihre Zielgruppe weitgehend verabschiedet hat?

Tilmann P. Gangloff