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Holger Karsten Schmidt zur Verfilmung von "Lost in Fuseta": "Frei von Eitelkeit und Ego"

Der vielfach ausgezeichnete Drehbuchautor Holger Karsten Schmidt sprach mit Blickpunkt:Film über die zweiteilige Verfilmung seines Romans "Lost in Fuseta" (ARD, 10. September), das Miteinander am Set, das Standing seines Berufsstandes und seine Erfahrungen mit Streamern. Schmidt kündigte auch die Fortsetzung der Miniserie "Die Toten von Marnow" an.

09.09.2022 11:14 • von Frank Heine
Holger Karsten Schmidt (Bild: privat)

Der vielfach ausgezeichnete Drehbuchautor Holger Karsten Schmidt sprach mit Blickpunkt:Film über die zweiteilige Verfilmung seines Romans Lost in Fuseta" (ARD, 10. September, Produktion: FFP New Media), das Miteinander am Set, das Standing seines Berufsstandes und seine Erfahrungen mit Streamern. Schmidt kündigte auch die Fortsetzung der Miniserie Die Toten von Marnow" an.

"Lost in Fuseta" ist nicht Ihr erster Roman, aber der erste, der nicht im Zusammenhang mit einer Verfilmung bzw. schon lange vorher entstand. Nimmt er insofern eine Sonderstellung ein?

HOLGER KARSTEN SCHMIDT: Ja. Seinen Ursprung hatte er aber darin, dass die Produzentin Simone Höller 2014 auf mich zukam und fragte, ob ich nicht Lust hätte, eine Geschichte über einen Asperger-Autisten zu entwickeln. Das habe ich getan, das Konzept ist in einer Nacht nur so aus mir herausgesprudelt. Aber das deutsche Fernsehen war damals noch nicht bereit für so eine Geschichte. Ich wollte sie aber trotzdem unbedingt erzählen und bin damit zu meinem Hausverlag Kiepenheuer & Witsch gegangen. Dort hat man das Potential sofort erkannt und sie ist als Roman entstanden.

Hatten Sie beim Schreiben dennoch stets eine Verfilmung im Hinterkopf?

HOLGER KARSTEN SCHMIDT: Überhaupt nicht. Ich habe das nur als Romanreihe gesehen. Deshalb habe ich jetzt bei der Verfilmung auch darauf geachtet, dass "Lost in Fuseta" nur als Zweiteiler verfilmt werden kann. Bei anderen Adaptionen habe ich gesehen, wie Verdichtungsvorgänge oft dazu führen, dass Wesentliches verloren geht und bei vielen Zuschauern, die die Romane kennen, eine Enttäuschung eintritt, wenn sie den Film sehen. Das sollte bei "Lost in Fuseta" nicht passieren.

Wie ist es sonst, wenn Sie einen Roman schreiben, schwirren da dem Drehbuchautoren immer mal wieder potentielle Filmbilder durch den Kopf?

HOLGER KARSTEN SCHMIDT: Nein. Das ist komplett voneinander losgelöst. Anders als im Fernsehgeschäft habe ich hier jederzeit die komplette Hoheit über meine Figuren - und den Etat. Und ganz andere Erzählmöglichkeiten: Gedanken, Gefühle, die nicht in Dialoge gegossen werden müssen.

Was fällt Ihnen leichter, einen eigenen oder einen fremden Roman als Drehbuch zu adaptieren?

HOLGER KARSTEN SCHMIDT: Das ist ein zweischneidiges Schwert. An fremde Romane gehe ich fast wie ein Chirurg heran: analytisch, mit dramaturgischer Logik, versuche dabei aber, die Seele des Romans zu erhalten. Sein Wesen. Beim eigenen Roman besteht der hauptsächliche Vorteil darin, dass ich alles komplett im Kopf habe, auch das, was über die Figuren nicht im Roman steht. Insofern habe ich als allwissender Erzähler den Geist des Romans viel mehr verinnerlicht. Das Zweischneidige daran offenbart sich, wenn es Lieblingsszenen gibt, an denen der Romanautor in mir hängt, bei denen es aber zum Widerstreit mit dem Dramaturgen in mir kommen kann, weil der andere für wichtiger hält.

Welcher Verzicht fiel Ihnen bei "Lost in Fuseta" am schwersten?

HOLGER KARSTEN SCHMIDT: Es gibt eine Szene zwischen Leander und Soraia, die ich sehr schön finde und die auch gedreht wurde. Aus dem, was sie sagt "Ich könnte heute Nacht hier bleiben", ist für alle ersichtlich, dass aus den beiden ein Paar werden könnte. Lost sieht den Subtext nicht: "Gerne, das wäre sehr schön. Leider ist das Besucherhäuschen schon belegt - aber danke für das Angebot." Das bringt die Tragik dieses Mannes meines Erachtens ziemlich auf den Punkt. Aus Rhythmusgründen wurde sie dann herausgenommen. Und das war aus diesen Gründen auch richtig so. Den Romanautoren schmerzt es aber immer noch.

Ein Asperger-Autist als Hauptfigur zu wählen, ist vermutlich eine Gratwanderung: einerseits die Krankheit ernst nehmen, anderseits bietet sie ein Füllhorn an dramaturgischen Möglichkeiten...

HOLGER KARSTEN SCHMIDT: Anfangs hatte ich davor auch eine gesunde Ehrfurcht. Ich habe mich durch die ganze Fachliteratur gepflügt und lange mit einer Erzieherin gesprochen, die mit Kindern, die diese Entwicklungsstörung haben, arbeitet. Ich war aus dramaturgischer Sicht sehr dankbar, denn ich konnte mir schließlich meine Wunschfigur zusammensetzen, weil es Asperger-Autisten in verschiedensten individuellen Ausformungen gibt. Ich versuche grundsätzlich, die Figuren in meinen Drehbüchern zu behüten - hier aber nochmal in besonderem Maße. Das bedeutet etwa, Leander Lost niemals vorzuführen oder bloßzustellen. Wenn man mit diesem Filter im Kopf arbeitet, ihn zu schützen, ist das für einen respektvollen Umgang mit dieser Störung hilfreich. Eine Ärztin schrieb mir, dass sie den Eltern von Kindern, bei denen die Entwicklungsstörung diagnostiziert worden ist, "Lost in Fuseta" als Lektüre empfiehlt, um ihnen die Sorge zu nehmen. So was erleichtert mich natürlich.

Wie sind Sie mit der Umsetzung von Leander Losts Eigenheiten, von seinen Angstzuständen oder Visionen zufrieden? Die fallen ja durchaus aus dem Rahmen.

HOLGER KARSTEN SCHMIDT: Sehr. Ich bin Florian Baxmeyer wirklich dankbar dafür, wie toll er das inszeniert hat. Und vor Jan Krauter kann ich mich nur ganz tief verneigen. Wie er mit einer fast eingefrorenen Mimik dennoch diese Sensibilität der Figur, ihre Gefühle vermittelt, finde ich extrem berührend. Der Witz ist: Als ich die Castingbänder mit meiner Frau angeschaut habe - das war während Corona, geschah also digital -, da war Jan in der Reihenfolge der Castingbänder die Nummer zwei. Und auf seiner Datei war so ein kleines Avatar von ihm und das entsprach so gar nicht meiner Vorstellung von Leander Lost. Ich kannte Jan Krauter auch gar nicht, und meine erste Reaktion war, was hat der denn da verloren, muss ich mir das überhaupt anschauen? Das haben wir dann zum Glück getan, und ich hatte echt Gänsehaut. Da war sofort klar, Jan Krauter ist Leander Lost.

Stark an "Lost in Fuseta" ist trotz der schillernden Hauptfigur die Stärke des weiteren Ensembles. Die Figuren wirken sehr emphatisch gerade in Bezug auf Lost und sie entwickeln alle ein eigenes Profil. Das erinnert an Harter Brocken" und besonders "Nord bei Nordwest". Ist das ein Wesenszug ihrer Reihenformate?

HOLGER KARSTEN SCHMIDT: Das weiß ich nicht, es geschieht nicht absichtlich. Ich weiß schon, wie man Figuren so und so anlegt, damit sie nachher so und so rüberkommen und den und den Entwicklungsbogen haben. Aber ich mache das seit vielen Jahren nur noch intuitiv. Ich muss sie mögen, sie müssen mir nahe sein. Mich überraschen und mich berühren. Ich habe ein Bauchgefühl für sie entwickelt. Aber sie sind nie zu Ende gedacht - sonst könnten sie mich nicht mehr überraschen. Sie haben immer noch ein paar Geheimnisse vor mir. Das Ensemble spiegelt die Hauptfigur und ihre Wirkung auf die Außenwelt. Aber sie sind natürlich kein bloßer Spiegel - Leanders Ankunft in Fuseta ist ein Impuls, der auch sie verändert, als Einzelpersonen und in ihrem Gefüge zueinander, sie treten in eine Wechselwirkung miteinander. Bei "Lost in Fuseta" geht es im Grunde um Inklusion. Es geht darum, wie Andersdenkende aufgenommen werden, man ihre Schwächen toleriert und ihre Stärken nutzt und sie Teil einer Gruppe werden lässt.

Hatten Sie Bedenken, portugiesische Hauptfiguren deutsch zu besetzen?

HOLGER KARSTEN SCHMIDT: Hatte ich. Aber mir wurde klar gemacht, dass das Nachsynchronisieren bei der Rezeption sehr deutlich zu merken sein würde, wenn es auch andere Figuren gibt, die original sprechen. Außerdem gab es auch Befürchtungen, in Portugal nicht genügend gute Schauspieler zu finden. Was sich als Trugschluss herausstellte: Letztlich war es so, dass für die kleinsten Rollen portugiesische Schauspieler vorgesprochen haben, die sonst in internationalen Kinoproduktionen spielen. Die Rolle von Soraia zum Beispiel war eigentlich auch deutsch besetzt worden, aber 14 Tage vorher sprang uns die Darstellerin dafür ab - zum Glück. Filipa Areosa, eine portugiesische Schauspielerin, die jetzt die Rolle spielt, war eigentlich für einen kleineren Part vorgesehen. Die hat sich dann in 14 Tagen diese viel größere Rolle draufgeschafft und verkörpert sie für uns alle viel überzeugender als die zunächst angedachte Besetzung.

Sie haben schon angedeutet, dass Sie auf die Besetzung von Jan Krauter ein Auge hatten. Wie stark waren Sie in die Auswahl von Cast, Regie eventuell auch anderer Gewerke eingebunden?

HOLGER KARSTEN SCHMIDT: Ich wollte nicht bis ins Kleinste eingebunden sein. Die Leute auf den verschiedenen Positionen, die das entscheiden, sind in meinen Augen Experten auf ihrem Gebiet. Ich wollte das Projekt einfach begleiten, da sein, wenn Fragen zu dieser oder jener Figur auftauchen. Oft ist es so, dass ein Schauspieler den Regisseur fragt und dieser dann antwortet, was er sich denkt, was der Autor sich vielleicht gedacht hat. Das ist wie stille Post: so findet schon eine erste Unschärfe statt. In dem Sinne war es mein Wunsch, beim Hauptcast mitzureden. Was die Regie betrifft, gab es die Vereinbarung, dass man sie nicht über meinen Kopf hinweg besetzen kann.

Sie haben Florian Baxmeyer für seine Regiearbeit schon gelobt. Flogen zwischen Ihnen trotzdem auch mal die Fetzen?

HOLGER KARSTEN SCHMIDT: Wir haben schon mal bei "Harter Brocken: Die Kronzeugin" und bei "Der Auftrag" zusammengearbeitet. Aufgrund dieser Erfahrungen hatte ich bei ihm ein sehr gutes Gefühl und ihn empfohlen. Fetzen flogen keine. Ich glaube, es fällt extrem schwer, sich mit Florian zu streiten. Ich bin da schon eher jemand, mit dem man Reibung haben kann, wenn man sie sucht. Florian ist ein kluger, konstruktiver Regisseur. Er hat den Stoff behutsam aber durchaus kritisch angefasst und sich extrem viele Gedanken gemacht. Und viele, viele Fragen gestellt, die mich wiederum gezwungen haben, meine Entscheidungen zu begründen, zu reflektieren und auch zu ändern. Es ging uns immer um den bestmöglichen Stoff, das war frei von Eitelkeit und Ego. Ich schätze das sehr an ihm, bei Florian war "Lost" in den richtigen Händen. Beim Cast gab es eine Figur, die Rolle von Daniel Christensen, bei der die Vorstellungen aller Beteiligter weit auseinander gingen. In der Situation war es glaube ich hilfreich, dass ich in diesen Prozess noch mit eingebunden war und nochmal nachschärfen konnte. Das meine ich mit "begleiten".

Woher rührt Ihr Faible für Fuseta, für Portugal?

HOLGER KARSTEN SCHMIDT: Ich bin dort 1988 als Interrailer zufällig gelandet und hatte keine Ahnung von dem Land. Ich fand es großartig, die Landschaft, die Gastfreundschaft, die Küche. Daraufhin bin ich immer wieder zurückgekommen und habe die ganze Algarve kennengelernt. Ich bin Christoph Pellander von der Degeto sehr dankbar, dass er dem Projekt eine Reiseproduktion ermöglicht hat: dadurch konnten wir komplette zwei Monate an all den Originalschauplätzen in Portugal drehen. Das wertet den Film enorm auf und ist natürlich auch eine Wertschätzung für "Lost in Fuseta".

Haben Sie Lust mit Lost als Filmfigur weiterzumachen?

HOLGER KARSTEN SCHMIDT: Ja. Ich sitze hier gerade an den Drehbüchern für Teil zwei, "Spur der Schatten". Bei der Degeto war man vom Ergebnis so überzeugt, dass man uns gleich mit dem zweiten Teil beauftragt hat. Ich hoffe, wir werden wieder so gut ausgestattet.

Könnten Sie sich vorstellen, auch mal einen anderen Drehbuchautoren ran zu lassen?

HOLGER KARSTEN SCHMIDT: Ich könnte mir das schon vorstellen. Schon bei Teil eins war das so. Aber Simone Höller sagte, Du kennst die Figuren am allerbesten, wir wären ja schlecht beraten, wenn wir jemanden anderes nehmen, der sich erst in den Plot und die Figuren einlesen und zurechtfinden muss. Und Du müsstest am Ende trotzdem über die Drehbücher gehen. Das hat mich überzeugt.

Sie zählten 2018 zu den Unterzeichnern von Kontrakt 18. Wie schätzen Sie grundsätzlich die Situation für Autoren im Jahr 2022 ein? Hat sich das Standing verbessert?

HOLGER KARSTEN SCHMIDT: Ja. Die Bewegung von Kontrakt 18 hat dazu geführt, dass die Belange von Autoren auf Regie-, Produktions- und Senderseite vielerorts mehr Berücksichtigung und Verständnis finden, auch dazu dass übergriffige Regisseure, die Drehbücher "übernehmen", heute nicht mehr so selbstverständlich agieren können. Und auch nicht mehr so selbstverständlich die Verbündeten in Produktionsfirmen und Sendern für so ein Vorgehen finden - das darf man ja nicht vergessen: Regisseure konnten und können nur so handeln, wenn Produktion und Sender so etwas zulassen und flankieren. Die öffentliche Wahrnehmung hat sich verbessert. Auch durch die Streamer, die sich gezielt an die Schöpfer der Geschichte und der Figuren wenden und an deren Vision interessiert sind. Auch das hat offenbar zu einem gewissen Umdenken geführt. Ich bin aus Kontrakt 18 aber 2019 wieder ausgestiegen, weil ich auf der einen Seite erfahren habe, dass nicht wenige Mitglieder relativ lax mit ihrer Selbstverpflichtung umgehen und mir auf der anderen Seite die Planung konkreter Maßnahmen zur Durchsetzung unserer Interessen nicht weit genug gingen.

Ein anderes Thema: Erstaunlicherweise haben Sie noch nie für einen der neuen Player gearbeitet. Gibt es dafür einen Grund?

HOLGER KARSTEN SCHMIDT: Bisher hat es noch nicht gepasst, denke ich. Ich war dreimal mit Netflix im Gespräch. Einmal scheiterte es daran, dass ich nicht als Showrunner dabei sein wollte, das andere Mal war ihnen der Stoff zu politisch, das dritte Mal gab es eine interne Direktive, nach der Stoffe, die so endeten wie meiner, grundsätzlich abzulehnen seien. Bei Disney+ war ein Stoffvorschlag meinerseits den deutschen Entscheidern zu universell und nicht "deutsch" genug. Mit Warner bereite ich gerade einen Fantasy-Stoff als Family Entertainment vor, der ohne die finanziellen Möglichkeiten eines Streamers nicht realisierbar wäre. Vielleicht ergibt sich ja dort eine Schnittmenge.

Woran arbeiten Sie über der Fortsetzung von "Lost in Fuseta" hinaus noch? Gibt es was Neues bei Ihren Reihen?

HOLGER KARSTEN SCHMIDT: Tatsächlich arbeite ich wieder an "Nord bei Nordwest" und einem neuen Reihenpiloten für die Degeto. Dann hat sich der NDR ein Jahr nach Ausstrahlung für eine Fortsetzung von "Die Toten von Marnow" entschieden, da plotte ich gerade 6 x 45 Minuten. Außerdem steht der sechste Band von "Lost in Fuseta" an.

Das Interview führte Frank Heine