Festival

KOMMENTAR: Wenn die Gondeln keine Trauer tragen

Hat Sie "Wenn die Gondeln Trauer tragen" in Ihrer Jugend auch ähnlich verstört, Nicolas Roegs entfesselter, rätselhafter Psychothriller aus dem Jahr 1972 mit Donald Sutherland und Julie Christie, mit dem Mädchen mit dem roten Lackanorak? Nächte lang nicht mehr richtig geschlafen. Nicht wegen der Sexszene, wohlgemerkt, sondern dem Schluss, der einem auch heute noch die Füße wegzieht.

08.09.2022 08:35 • von Jochen Müller
Thomas Schultze, Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

Hat Sie Wenn die Gondeln Trauer tragen" in Ihrer Jugend auch ähnlich verstört, Nicolas Roegs entfesselter, rätselhafter Psychothriller aus dem Jahr 1972 mit Donald Sutherland und Julie Christie, mit dem Mädchen mit dem roten Lackanorak? Nächte lang nicht mehr richtig geschlafen. Nicht wegen der Sexszene, wohlgemerkt, sondern dem Schluss, der einem auch heute noch die Füße wegzieht. Musste ich natürlich wieder dran denken, in meiner Woche auf der Mostra, wenn man abseits des Lido durch die Gassen geht. An "Tod in Venedig" denkt man auch. Und an Der Trost von Fremden. All das morbide Zeug, das man untrennbar mit der Stadt verbindet.

Untergang, Vergänglichkeit, Fäulnis. Auf dem Lido dann auch fast immer Tristesse und starker Tobak, wenn das Licht ausging und das Festivalintro abgeklungen war. Er selbst hätte erwartet, dass ihm mehr Komödien vorgelegt worden wären, sagte Festivalleiter Alberto Barbera im Gespräch. Nach zweieinhalb Jahren Corona hätte den Filmemachern doch der Sinn nach Leichtem stehen müssen.

Pustekuchen. Nur das heftige Register. Missbrauch, gestorbene Kinder, gestorbene Eltern, Justizirrtümer. Und ein kleiner Esel, der an einem abgeschnittenen Mittelfinger erstickt. Warum man sich nach diesem Wettbewerb der Mostra nicht die Pulsadern öffnen möchte, sondern im Gegenteil beschwingt und inspiriert nach vorne blickt, mag mit der besonderen Atmosphäre des Festivals zu tun haben, das so gar nicht neblig und trüb sein will, und mit der Qualität der Filme. Barbera spricht davon, dass 2022 ganz im Zeichen der "Rückkehr" steht, und ich will ihm nicht widersprechen. Es liegt in der Luft. Wenn man den Berichten aus Telluride Glauben schenken mag, dann herrschte auch dort Lust auf Aufbruch. Und in den nächsten Wochen wird es wohl auch in Toronto, San Sebastian, Zürich und Hamburg nicht anders sein.

Warum es so schwer ist, diesen besondern Filmfestivalenthusiasmus auf den alttäglichen Kinobetrieb zu übertragen, darüber habe ich an dieser Stelle schon mehrfach gerätselt. Und schenke es mir diesmal. Aber vielleicht ein anderer Gedanke: Gönnen Sie sich doch selbst einmal eines dieser großen Festivals. Und lassen sich selbst mitreißen und inspirieren und erleben Sie mit, wie man auch nicht ganz so einfache Filme zum Fest macht. So anstrengend der Festivalalltag ist (schreibe ich jetzt um 22 Uhr 30, nachdem es auch heute wie stets um 6 Uhr morgens losgegangen war), so sehr beseelt es eben auch, die neuen Werke der großen Autorenfilmer mit Gleichgesinnten zu erleben und im Anschluss zu diskutieren. Bringt einen auf andere Gedanken. Und gibt einem Energie für all dieHerausforderungen, die uns in den kommenden Wochen erwarten.

Thomas Schultze, Chefredakteur