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VENEDIG Tag 6 & 7: Irland sehen... und vielleicht sterben

Die einen Meisterregisseure legen ausufernde, größenwahnsinnige neue Filme vor, Martin McDonagh wird immer präziser und reduzierter: Sein "The Banshees of Inisherin" ist ein kleines Wunder. Einstweilen spricht man am Lido über Olivia Wilde und "Don't Worry Darling" - vor allem aber, was wohl hinter den Kulissen geschah.

06.09.2022 14:01 • von Thomas Schultze
Martin McDonagh und seine Stars (Bild: La Biennale di Venezia)

Eine Woche Venedig haben wir mittlerweile fast hinter uns, eine Verschnaufpause legt die 79. Mostra, so perfekt programmiert von Alberto Barbera und seinem Team, (noch) nicht ein. Im Gegenteil: Mit The Banshees of Inisherin" von Martin McDonagh meldet sich der nächste heiße Löwenkandidat - so gut war nicht einmal Three Billboards outside Ebbing, Missouri"! Da ja die emsigen Kollegen von den amerikanischen Trades immer so brav mitstoppen: 15 Minuten Standing-Ovations wollen sie nach der Premiere gemessen haben. Bisheriger Mostra-Rekord in diesem Jahr! Die Öffentlichkeit kam ihrerseits auf ihre Kosten: Für die Premiere von Don't Worry Darling" von Olivia Wilde sorgte Popsuperstar Harry Styles für kreischende junge Menschen vor dem Palazzo del Cinema. Der in der Presse ausgetretene vermeintliche Streit zwischen der Regisseurin und ihrer Hauptdarstellerin Florence Pugh interessierte sie nicht die Bohne. Warum auch? Alles geboten hier, könnte man sagen.

Ich mag dich nicht mehr. Fünf Worte. Sie reichen aus, um die Welt des leutseligen Padraic auf der kleinen irischen Insel Inisherin im Frühjahr 1923 aus den Angeln zu heben. Eben noch konnte er mit seinem besten Freund, dem bulligen, aber kulturell bewanderten Colm, ein "Denker", wie sie sagen im Dorf, im Pub bei ein paar Pints Bier über Gott und die Welt reden, ihm ausführlich von der Beschaffenheit der Scheiße seines Pferdes erzählen, jetzt will der beste Kumpel nicht mehr mit ihm befreundet sein. Von einem Moment auf den anderen, ohne ersichtlichen Grund. Ich mag dich nicht mehr. Colm will, wie sich herausstellt, seine Ruhe haben, eine Gewissenskrise macht ihm zu schaffen, nicht mehr viel Zeit zu haben auf dem Planeten. Die will er nicht mehr mit dem Geplapper des einfältigen Padraic vergeuden, sondern mit Kontemplation und dem Komponieren eines Musikstücks von bleibender Bedeutung, "The Banshees of Inisherin". Du bist langweilig, sagt Colm zu Padraic. Und setzt damit die Handlung des ersten Films von Drehbuchoscargewinner Martin McDonagh seit "Three Billboards outside Ebbing, Missouri" in Bewegung, in dem er %Colin Farrell% und Brendan Gleeson wiedervereint, die Stars von McDonaghs kultisch verehrtem Debüt "Brügge sehen... und sterben", die nie besser waren als hier. Schon in "Three Buildings" hatte McDonagh einen ganz simplen Impuls genommen - Frau mietet drei Werbetafeln, um den Polizeichef daran zu erinnern, dass der Mörder ihrer Tochter noch nicht ermittelt wurde -, um daraus auf genialische Weise eine anspielungsreiche, immer weiter ausufernde Geschichte zu entwickeln. Hier gilt das Gleiche: Ein Mann kündigt einem anderen Mann die Freundschaft auf. Und dann sieht man zu, was passiert.

Man muss kein Prophet sein, um zu erahnen, dass die Situation eskalieren wird. Wer die Todesfee, die Banshee, im Titel trägt, erzählt selbstverständlich eine Geschichte, in der es um Leben und Tod geht. Aber wer und wie viele sterben werden und was auf dem Weg dahin passiert, wie es passiert, was der Film dabei erzählt und zeigt, das ist entscheidend. In jeder Szene merkt man McDonagh den versierten Dramatiker an: Während andere Regisseure in diesem Jahr auf dem Lido alles in die Waagschale werfen, Bilder und Mittel regelrecht verschwenden, um die Leinwand bis an den Rand zu füllen mit Ereignis, ist "The Banshees of Inisherin" sparsam in seiner Erzählung, konzentriert im Einsatz seiner Mittel, reduziert immer auf das Wesentliche - zwei Hauptfiguren, die vier oder fünf Menschen in ihrem unmittelbaren Umfeld, was sie einander sagen, wie sie sich ansehen und was der Welleneffekt ihrer Handlungen anrichtet. Padraics Zweifel an seinen Handlungen, Colms radikale Drohung, er werde sich selbst einen Finger nach dem anderen abschneiden, wenn der ehemalige Freund ihn nicht in Ruhe ließe, Padraics besonnene Schwester, der bemitleidenswerte Dorfnarr, der mitleidslose Dorfpolizist, die böse Alte, der kleine Esel. Mit jeder Handlung, jedem Satz wird die Eskalation vorangetrieben, während drüben auf dem Festland die Bomben explodieren im sich dem Ende zuneigenden Bürgerkrieg. Martin McDonagh ist eine irre Komödie gelungen, eine endlos traurige Tragödie, eine Meditation über das Wesen des Menschen, Freundschaft und Krieg. Jede Pointe sitzt, jede Bewegung hat eine Wirkung, dazu spielen todesverliebte deutsche Lieder der Romantik. Man sieht zu und ist begeistert.

Was einer der Gründe sein mag, dass man den Trubel um die ganz große Premiere des Tages eher distanziert und bestenfalls belustigt mitverfolgt. Warner Bros. hat "Don't Worry Darling" nach Venedig gebracht, außer Konkurrenz, aber mit großer Gala, die zweite Regiearbeit der Schauspielerin Olivia Wilde. Aber niemand, so will man meinen, redet so richtig über den Film, sondern das Drama drumherum, das sich in den letzten Wochen immer weiter verschärft hat. Dass es keine leichten Dreharbeiten waren, hörte man schon vor Monaten: Der eigentliche Star Shia LaBeouf stieg aus und wurde von der Popsensation Harry Styles ersetzt, der beim Dreh eine Affäre mit der Regisseurin begonnen haben soll, was die Spannungen mit Hauptdarstellerin Florence Pugh forcierte und die Ehe Wildes mit Jason Sudeikis ruinierte. Weil man immer mehr mitgerissen wird von dieser Seifenoper in Realzeit, fast täglich neue Nicklichkeiten und Sticheleien bekannt werden, ist der Film in den Hintergrund gerückt, so sehr Wilde im April bei ihrer Präsentation des Projekts auf der CinemaCon auch betont haben mochte, wie viel Herzblut durch diesen Film fließt - dort wurden ihr auf der Bühne die Scheidungspapiere zugestellt. Also Schnitt. Kein weiteres Wort über das alberne Spektakel, Florence Pugh könne nicht an der Pressekonferenz und Interviews teilhaben, weil sie in Budapest für "Dune II" vor der Kamera steht - Timothee Chalamet ist der Star dieses Films, hatte aber keine Probleme, am Freitag für Bones and All" die komplette Ochsentour am Lido auf sich zu nehmen.

"Don't Worry Darling" also, übrigens auch der Eröffnungsfilm des diesjährigen Fantasy Film Festivals (ein Shoutout und viel Erfolg von hier aus!). Reißt keine Bäume aus, ist aber sehr kompetent gemacht und spannend erzählt und kann sich immer dann, wenn die Story in Leerlauf schaltet oder die eine oder andere Wendung mal nicht so richtig Sinn zu machen scheint, auf die Bilder von Kameramann Matthew Libatique verlassen, langjähriger Kameramann von Darren Aronofsky und in dieser Funktion auch noch mit The Whale" am Lido vertreten: Allein seine Kompositionen lohnen den Kinobesuch, diese lichtdurchfluteten Gemälde eines perfekten Vorstadtamerika der Fünfzigerjahre, eine ewige Cocktailparty mit schicken Anzügen und der Musik von Perry Como und Perez Prado: So hell, so grell, und doch so hintergründig, dass man noch vor der von Florence Pugh klug gespielten Alice ahnt, dass etwas nicht stimmen kann bei so viel vermeintlicher Space-Age-Harmonie. Nach und nach werden Brüche deutlicher erkennbar, verstörende Bilder blitzen auf, ganz kurz erst, dann immer häufiger: Was steckt hinter dieser Versuchsanordnung, in der die Männer jeden Tag zur Arbeit fahren und die Frauen daheim brav dafür sorgen, dass alles sauber ist und das Essen am Abend auf dem Tisch steht. So viele shiny happy people, so viel Zahnpastalachen, soviel beschwingtes einander Zuprosten. Die Frage ist nur, welche Art von Die Truman Show"/Pleasantville"/Wizard of Oz" hinter dem Vorhang wartet, hinter dem sich Chris Pine als womöglich maliziöser Drahtzieher verbirgt. Dass die Matrix" hier ein betont feministischer Spin erwartet, das ahnt man. Wie passgenau sie sich in moderne gesellschaftliche Schlachtfelder fügt, das ist die eigentliche Überraschung in diesem Film, in dem Pugh ihre Starpower ausspielen kann und Pop-Superstar Harry Styles als ihr Ehemann einen sehr effektiv-maskulinen Frank Sinatra abgeben darf: Life could be a dream, life could be a dream.

Aus Venedig berichten Barbara Schuster und Thomas Schultze.