Festival

Halbzeit in Venedig: Was ist top, was ist Flop?

Die halbe Strecke ist auf der 79. Mostra schon wieder zurückgelegt. Unsere Redakteure Barbara Schuster und Thomas Schultze unterhalten sich über die bisherigen Seherlebnisse und potenzielle Löwenkandidaten.

05.09.2022 13:35 • von Thomas Schultze
Wie ein Rockstar: Timothee Chalamet auf dem roten Teppich (Bild: La Biennale di Venezia)

Die halbe Strecke ist auf der 79. Mostra schon wieder zurückgelegt. Unsere Redakteure Barbara Schuster und Thomas Schultze unterhalten sich über die bisherigen Seherlebnisse und potenzielle Löwenkandidaten.

THOMAS SCHULTZE: Puh, das ging schnell... Venedig schon wieder fast vorbei... Naja, nicht ganz, aber ein gutes Stück Weg haben wir schon hinter uns gebracht. Und man darf nicht vergessen, dass das Festival für Journalisten schon drei Tage früher anfing, weil man, wie im Vorjahr, wieder drei Tage im Voraus seine Tickets buchen muss. Nach der Katastrophe im letzten Jahr hat man diesmal mit einem anderen System gearbeitet. Das noch schlimmer und problematischer war als zuvor. Es hat eine Weile gedauert, bis sich das eingependelt hat. Und ich muss zugeben: Du bist schneller durchstiegen als ich, wie man tatsächlich schnell und sicher buchen kann...

BARBARA SCHUSTER: Das stimmt. Aber dafür konntest Du den Eröffnungsfilm sehen - da war ich noch auf dem Weg nach Venedig.

THOMAS SCHULTZE: Wirklich richtig viel verpasst hat man nicht, wenn man Noah Baumbachs Verfilmung von Don DeLillos Weißes Rauschen" nicht gesehen hat. Ich meine, es war keine Qual. Der Film hat seine Qualitäten und ein paar starke Momente. Aber eine Woche später sind Baumbachs Bilder längst überlagert. Nur an die Tanzchoreographie im Supermarkt ganz am Schluss, zu den Klängen von LCD Soundsystem, kann ich mich noch richtig gut erinnern. Und dass ich verblüfft war, wie gut Baumbach Action inszeniert. Aber es gelingt ihm nicht so recht, die disparaten Einzelteile zu einem funktionierenden Ganzen zusammenzufügen. Außerdem hat "Weißes Rauschen" das gleiche Problem wie schon Baumbachs vorangegangene, allerdings insgesamt gelungenere Netflix-Produktion, Marriage Story", die vor drei Jahren in Venedig gefeiert wurde: Beide Filme sind zu lange. Schön und gut, dass Netflix die Projekte in die Hände ihrer Schöpfer legt, weil man auf diese Weise die ungefilterte Vision der Filmemacher erleben kann. Aber hin und wieder würde man sich schon wünschen, dass ein Produzent einschreitet und dem Regisseur nahelegt: Du bist auf einem guten Weg, aber feil doch noch einmal, werde präziser, mehr auf den Punkt. Vielleicht hat man "Weißes Rauschen" aber auch schon wieder verdrängt, weil direkt danach TÁR" gezeigt wurde. Ohne jede Frage bisher der Film des Festivals, oder?

BARBARA SCHUSTER: Der erste Film, den ich in diesem Jahr in Venedig gesehen habe. Und was für ein Film! Ich habe "TÁR" geliebt. Cate Blanchett spielt Lydia Tar, die genialische Dirigentin der Berliner Philharmoniker, mit solch einer Wucht, dass mir die Spucke wegblieb. Wo andere ihr Herz haben, hört sie nur Sinfonieklänge, sie ist voller Ignoranz für ihre Mitmenschen, lebt für ihre Kunst. Es ist unmöglich, menschlich mit ihr warm zu werden. Genauso unmöglich ist es aber auch, ihre Genialität abzustreiten. Ihr wird überall der Rote Teppich ausgerollt, wo sie auftaucht, bleibt für andere keine Luft zum Atmen. Sie ist umgeben von vielen devot Ergebenen wie ihrer Assistentin Francesca, gespielt von Noémie Merlant, nimmt es mit der Treue in ihrer Beziehung mit Sharon, gespielt von der tollen Nina Hoss, die die Erste Geige in ihrem Orchester spielt und Mutter ihrer Tochter Petra ist, nicht so ernst, weil sie die Flamme ihrer künstlerischen Inspiration stets mit jungen Talenten am Lodern hält. Die Karriereleiter kletterte sie ohne Rücksicht auf Verluste nach oben. Und jetzt zerschmettert sie, auf dem Höhepunkt, an einer Gesellschaft, in der Grenzüberschreitungen nicht mehr geduldet werden.

THOMAS SCHULTZE: Der Film ist atemberaubend gut. Und Cate Blanchett spielt auf einem völlig neuen Level. Wie sie ziemlich zu Beginn des Films eine Mitschülerin ihrer Tochter vor der Schule bedroht: "Ich bin Petras Vater, hör mir gut zu: Der Liebe Gott hört alles. Und dir wird keiner glauben, weil ich der Erwachsene bin." Killer. Ich muss gestehen, dass ich Virginie Efira in Les enfants des autres" aber noch lieber zugesehen habe. Rebecca Zlotowski ist ein tolles Porträt einer Frau Anfang 40 gelungen, die spürt, dass ihre Uhr tickt und jetzt nur noch ein kleines Fenster hat, ihr Leben in die entsprechende Richtung zu rücken. Gleichzeitig hat sie eine neue Beziehung mit einem Mann, der sich gerade wieder ins Leben zurückkämpft, nachdem er von seiner Frau verlassen wurde - er hat eine vierjährige Tochter, um die sich Efira zu kümmern beginnt. Und dann kommt unentwegt das Leben dazwischen. Die Kamera liebt Virginie Efira, die so verschwenderisch umgeht mit ihrem Talent und ihrem Körper. Man kann den Blick nicht von ihr nehmen. Ganz klassisches französisches Kino, aber eben mit einem betont weiblichen Blick - wobei ich Zlotowskis kämpferische Statements nicht in Einklang bringe mit diesem wunderbar beobachteten Film, der von seinen kleinen Momenten lebt, den Blicken, den Andeutungen, kleinen Kommentaren.

BARBARA SCHUSTER: Ich habe mich in Virginie Efira verliebt. Stimmt, die Kamera liebt sie genauso in dieser erwachsenen Geschichte. Man ist immer an der Seite dieser Frau, die damit konfrontiert wird, dass in ihrem Leben nicht alles so verläuft, wie sie sich das vielleicht vorgestellt hat oder erträumt. Und dann tritt Ali in ihr Leben, und auf einmal scheint wieder alles möglich. Wunderbar beobachtet ist der erste gemeinsame Abend, die erste gemeinsame Nacht, die aufrichtige Liebe zueinander, die sich peu à peu in eine feste Beziehung gießt. Ali lebt getrennt von seiner Frau und teilt sich das Sorgerecht um die vierjährige Tochter Leila. Leila weckt bei Rachel den Wunsch nach einem eigenen Kind. Doch viel Zeit bleibt ihr in ihrem Alter nicht mehr. Rebecca Zlotowski erzählt mit großem Feingefühl von der aufkeimenden inneren Zerrissenheit einer Frau, die nicht nur einen Mann aufrichtig liebt, sondern auch ein inniges Verhältnis zu dem vierjährigen Mädchen aufbaut, dabei stets ihren eigenen Kinderwunsch spürt und gleichzeitig immer wieder vor Augen gehalten bekommt, doch nicht zur Familie zu gehören. Stark ist, dass sich Rachel, die ihren Job als Lehrerin liebt, nicht unterkriegen lässt, dass sie das Leben so nimmt, wie es kommt und am Ende die aufrichtigste und wichtigste Anerkennung von einem ihrer ehemaligen Schüler bekommt.

THOMAS SCHULTZE: Lustig ist der Film auch noch. Zumindest musste ich sehr schmunzeln, als Rachel zum Frauenarzt geht - und er von Frederick Wiseman gespielt wird, der legendäre Dokumentarfilmemacher, 92 Jahre jung...

BARBARA SCHUSTER: Er ist mein Held. Auch wenn ich mit seinem eigenen Wettbewerbsbeitrag hier in Venedig nicht soooo viel anfangen konnte, dem 64-minütigen "Un couple". Dabei fand ich die inhaltlichen Parallelen zu "TÁR" interessant, denn die von Nathalie Boutefeu meist direkt in die Kamera gesprochenen Rezitationen der Briefe von Sophie Tolstoi an ihren berühmten Mann Leo machen deutlich, wie sehr eine Frau an der Seite eines begnadeten Künstlers zu leiden hat, kleingehalten als jemand, der den Haushalt mit vielen Kindern schmeißt und gleichzeitig stets ihm zu Diensten ist als Lektorin, engste Vertraute, Geliebte. Unterbrochen werden Boutefeus Monologe nur von Naturaufnahmen, der rauen See, die an Felsen gischt, einem Teich mit Fröschen, Blumen und Bäume, die sich im Wind bewegen...

THOMAS SCHULTZE: Man sitzt ein bisschen verrätselt vor der Leinwand. Aber dann dachte ich mir: 92 Jahre alt ist Wiseman - wie toll, dass er immer noch Filme macht, dass er mit uns teilt, wie er die Welt sieht, woran er denkt. In "Les enfants des autres" sagt Virginie Efira zu ihm "Das Leben ist lang und kurz" und bringt damit auf den Punkt, wie sie sich gerade in ihrer Situation fühlt. Und er antwortet verschmitzt: "Das Leben ist lang". Und hat genauso Recht. Das ist ja das Problem: Je nach eigener Erfahrung ist die Empfindung des Lebens anders, und daraus entstehen Konflikte. Den ganz großen Fragen des Lebens stellt sich ja auch Bardo" von Alejandro González Iñárritu, an dem sich die Geister scheiden. Ich kann die Kritik verstehen, zu selbstverliebt, prätentiös, all over the place. Und doch hat man Tage später noch Lust, über den Film zu reden und nachzudenken. So falsch kann er also nicht sein. Einen Löwen kann ich mir aber nicht vorstellen.

BARBARA SCHUSTER: Anders als bei The Whale", oder? Eine Figur wie Brendan Fraser als 300-Kilo-Mann, der in seinem Leben viel einstecken musste und nun in seinem Apartment sitzt und auf den Tod wartet, hat man noch nicht gesehen. Es ist ein sehr trauriger Film, den Darren Aronofsky da inszeniert hat über einen schwulen Mann, der nach einer kurzen Ehe mit einer Frau, aus der eine Tochter hervorging, die Liebe seines Lebens gefunden und wieder verloren hat. Mit dem Verlust seines Freundes hat er auch die Kontrolle über seinen Körper vollkommen verloren. Dennoch ist Charlie jemand, der seinen Optimismus nicht verloren hat, der die Seelen der paar wenigen Menschen durchdringt, die ihn noch umgeben, von Liz, die ihn pflegt, von seiner Tochter, in deren Direktheit viele nur gezielte Gemeinheit und böse Absicht sehen, von seiner Ex-Frau, die das gemeinsame Kind alleine großgezogen hat und glaubt, als Mutter versagt zu haben. Es geht um Aufrichtigkeit, um das, was wirklich zählt im Leben.

THOMAS SCHULTZE: Für Brendan Fraser ist es sicherlich ein Comeback, mit dem er nicht rechnen konnte. Man steckt ja nicht drin in der Jury und weiß nicht, worüber sie sprechen, was ihr gefällt. Aber es würde schon mit dem Teufel zugehen, wenn Fraser die Coppa volpi nicht verliehen kriegen sollte. Überhaupt ist es ein gutes Festival für das, was man gemeinhin als "Starturn" bezeichnet. Ich denke an Ricardo Darin in Argentina, 1985" oder Trace Lysette in "Monica". Die sind beide toll.

BARBARA SCHUSTER: Es hat eine Weile gebraucht, bis ich mit Andrea Pallaoros Wettbewerbsbeitrag etwas anfangen konnte. Lysette spielt die Titelheldin, eine Transfrau, die als Teenager von der Mutter verstoßen wurde, weil ihr die Kapriolen ihres Sohnes zu viel wurden. Der Anfang hat mich regelrecht genervt, man folgt einer in Lethargie versunkenen Frau, die permanent nur die Mailbox ihres Ex vollquatscht. Als sie die Nachricht von der schweren Krebserkrankung ihrer Mutter erhält, beschließt Monica, in ihr Elternhaus zurückzukehren, in das sie seit ihrem Rauswurf keinen Fuß mehr gesetzt hatte. Pallaoro hat einen sehr ruhigen Film inszeniert, viel passiert nicht. Vieles bleibt unausgesprochen. Und das ist genau richtig. Monica ist, wer sie ist. Mal sieht sie unglaublich sexy aus, mal befremdet sie, in Momenten, in denen man allzu deutlich ein operiertes Gesicht sieht. Wie sich Monica um ihre Mutter kümmert - gespielt von Patricia Clarkson - rührt sehr. Seine Stärke zieht der Film aus dem stillen, unaufgeregten Zusammensein der Familie.

THOMAS SCHULTZE: "Argentina, 1985" hat das Publikum richtig begeistert. Ich war hin- und hergerissen, muss ich gestehen, weil ich immer gleich skeptisch bin, wenn ein Film so perfekt funktioniert. Da muss doch ein Haken sein? Gleichzeitig bewundere ich, wie Santiago Mitre die Lektionen des amerikanischen Kinos verinnerlicht hat und nun einsetzt, um sich mit einem kritischen Abschnitt der Geschichte seines Heimatlandes auseinanderzusetzen, das Publikum dabei immer im Blick.

BARBARA SCHUSTER: Wenn Du mich fragst: ein spannender Politthriller, der in zweieinhalb Stunden von Argentiniens wichtigstem Zivilprozess Mitte der 1980er Jahre erzählt, in dem die Staatsanwälte Julio Strassera und Luis Moreno Ocampo die Verantwortlichen der blutigsten Militärdiktatur in der Geschichte des Landes anklagen. Kurzweilig und toll inszeniert, keine Frage. Und in Zeiten wie diesen kann man das Lied auf den Erhalt von Demokratien vielleicht nicht oft genug singen. Aber irgendwie verpufft er auch schnell - fast so schnell, wie die vielen Zigaretten, die im Film gebraucht werden.

THOMAS SCHULTZE: Ganz intensiv bei mir bleibt dagegen der neue Film von Luca Guadagnino, ein völlig verrücktes Teil, das der alten Lovers-on-the-Run-Geschichte Seiten abgewinnt, die man nicht erwarten würde. Es ist aber auch der erste Film, an den ich mich erinnern kann, in dem Kannibalismus nicht als Turn-off gezeigt wird. In Bones and All" ist der Drang, Menschenfleisch zu essen, ein lebensnotwendiger Impuls. Ich fand's irre, was Guadagnino aus der Prämisse herausholt - als würde Lynch Natural Born Killers" erzählen.

BARBARA SCHUSTER: Und Timothee Chalamet ist wieder zum Niederknien. Mit dem roten Jumpsuit, den er zur Premiere trug, konnte ich nicht viel anfangen. Aber sonst oute ich mich einfach mal als Fan. Toll, was er sich als Schauspieler alles traut.

THOMAS SCHULTZE: Und wenn wir die Löwen jetzt vergeben müssten, hättest Du ihn auf der Rechnung?

BARBARA SCHUSTER: Selbst wenn er an Brendan Fraser vorbeikäme, stünde ihm immer noch Ricardo Darin im Weg. Ich drücke also lieber Virginie Efira die Daumen.

THOMAS SCHULTZE: Dafür müsste sie aber Cate Blanchett schlagen. Das geht nur, wenn "TÁR" einen anderen Löwen bekommt. Also Gold für "Tár"? Könnte ich mit leben. Beste Regie? Iñárritu kommt in Frage. Dann Virginie Efira und Brendan Fraser. Aber es kommen ja noch ein paar Schwergewichte: The Banshees of Inisherin", The Eternal Daughter", "The Son". Und natürlich "Blonde", den ich leider nicht mehr sehen werde, weil ich da schon wieder unterwegs sein werde. Und dann darf man die iranischen Beiträge, die ganz zum Schluss kommen, auch nicht unterschätzen.

Aus Venedig berichten Barbara Schuster und Thomas Schultze.