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VENEDIG Tag 4: Gerechtigkeit für Alle!

Schlappmachen gilt nicht in Venedig. Neben den großen Highlights lassen sich auf der 79. Mostra schöne Entdeckungen machen. Und die eine oder andere Enttäuschung gibt es auch.

04.09.2022 15:24 • von Thomas Schultze
Venedig feiert Ricardo Darin und Santiago Mitre (Bild: La Biennale di Venezia)

Die Erfahrung lehrt den emsigen Filmfestivalbesucher, dass man für die großen Namen anreist, aber wenn man dann das Festival wieder verlässt die Filme ins Herz geschlossen hat, die man erst einmal nicht auf der Rechnung hatte. Wie im vergangenen Jahr in Venedig. Da wollte ich Villeneuve sehen, Campion, Sorrentino und Almodóvar. Als sich der Staub gelegt hatte, waren es Das Ereignis" oder Der Beste Film aller Zeiten", die ich wirklich liebte. Ob das in diesem Jahr auch wieder so sein wird, ist unklar. Aber auch nur deshalb, weil TÁR" nach den ersten Tagen der Monolith ist, so meilenweit herausragt aus den gezeigten Titeln - und die Regiearbeit von Todd Field eben von Anfang an (spätestens seit den ersten Bildern, die auf der CinemaCon gezeigt wurden) ganz oben auch bei den Must-Sees vermerkt war. Auch Luca Guadagnino war aufregend und wild mit seinem Bones and All", und Darren Aronofsky ist - auch wenn eine Besprechung aktuell noch unter Embargo steht - mit The Whale" ein außergewöhnliches Kinoerlebnis gelungen. Und während sich die Geister scheiden an Bardo" (den Rest des prätentiösen Titels kann ich mir nicht merken, aber Sie wissen schon...), konnte ich dem wahnwitzigen Ritt von Alejandro G. Iñárritu bei allem Bläh und Blah auch viel abgewinnen: Es ist ein Filmerlebnis, das bei einem bleibt.

Aber klar, es gab sie trotzdem jetzt schon, die Entdeckungen. Allen voran Argentina, 1985", die bisher größte Filmproduktion aus Argentinien für die Amazon Studios, die Santiago Mitre zwar sehr konventionell geraten ist, aber dafür genau weiß, wie man alle Knöpfe richtig drückt: Kein Film erhielt bei den Pressevorführungen bisher herzlicheren Applaus, sicherlich auch, weil die Geschichte den anwesenden Journalisten aus dem Herzen sprach - ein Feelgood-Movie nach einer wahren Geschichte, das vom aufrechten Kampf eines Davids gegen einen vermeintlich übermächtigen Goliath erzählt, bei dem dann Wahrheit und Gerechtigkeit aller Widrigkeiten zum Trotz siegen. Das braucht man vielleicht auch ganz dringend, ein Kino, das sein Publikum abholt und ihm emphatisch versichert, dass alles (oder zumindest vieles) gut werden wird. Hier geht es um den Jahrhundertprozess in Argentinien, mit dem die einstige Militärjunta in der jungen Demokratie des Landes zur Rechenschaft gezogen werden sollte für ihre Gräueltaten gegen die Opposition - für systemischen Mord, Folter, Entführung. Staatsanwalt Julio Strasser, der nicht von ungefähr den Spitznamen "Loco" (verrückt) trägt, erhält den Auftrag, die einstigen Diktatoren mit Hilfe eines Teams junger Juristen zur Strecke zu bringen, obwohl sie in der gehobeneren Gesellschaft nach wie vor großen Rückhalt besitzen und das Militär selbst immer noch viele Fäden in der Hand hält.

Der Film hat Tempo und Witz, geschliffene Dialoge und gewinnende Figuren; er ist nie mühseliges Gerichtssaaldrama, sondern ein klug konstruierter Thriller, der weiß, wie man effektreich erzählt - und auf was es ankommt: Als nämlich die Zeugen aufgerufen werden und Zeugnis ablegen von den grauenvollen Verbrechen, die man an ihnen verübt hat, ruht "Argentina, 1985" dann ganz in sich und lässt sich die nötige Zeit, die Worte wirken zu lassen. Ricardo Darin ist großartig in der Hauptrolle als rechtschaffener Mann, der sich nicht einschüchtern lässt und schließlich bei seinem Gary-Cooper/Jimmy-Stewart-Moment über sich hinauswächst: Sein abschließendes Plädoyer über die Notwendigkeit, die Verbrechen der Junta nicht ungesühnt zu lassen, um der frischen Demokratie des Landes einen fruchtbaren Boden zu bereiten, ist das Tüpfelchen auf dem I: Auch wenn danach nicht alle neun Angeklagten zur Rechenschaft gezogen wurden - auch das ein Preis, den man für Rechtsstaatlichkeit und das Vertrauen in die Institutionen zahlt -, kommt die Botschaft doch an, weil der Film in diesem Moment direkt zu seinem Publikum spricht: Wehret den Anfängen!

Von "Monica" von Andrea Pallaoro, der mit seinem Debüt "Medeas" 2013 in der Nebenreihe Orizzonti vertreten war und 2017 mit Hannah" schon einmal auf Bärenjagd ging, muss man erst nach und nach überzeugt werden. Erst einmal kann es schon auch sein, dass man etwas genervt ist von dem nach "Bones and All" zweiten italienischen Film auf der diesjährigen Mostra, der in Amerika auf Englisch gedreht wurde. Zwar wird es nicht weiter thematisiert, aber weil die bekannte Trans-Schauspielerin Trace Lysette, die in der Amazon-Serie "Transparent" auf sich aufmerksam machte, die Titelfigur spielt, ahnt man, was der Streitpunkt sein könnte, wenn Monica nach vielen Jahren wieder zu ihrer Familie in die Provinz zurückkehrt, wo ihre Mutter, gespielt von Patricia Clarkson, im Sterben liegt. Am Anfang muss Monica viel telefonieren mit ihrem lausigen Boyfriend, der nie zurückruft, schmollen oder gedankenverloren in die Leere blicken. Aber als sie sich noch einmal umentscheidet, nachdem sie eigentlich wieder den Abgang gemacht hat, zu den Klängen von "Common People" von Pulp mit ihrem Wagen umdreht und doch wieder in ihr Elternhaus zurückkehrt, nimmt der Film deutlich an Fahrt auf. Es ist toll, wie Pallaoro all die offensichtlichen Konflikte gerade eben nicht durchspielt, sondern einfach nur bei den Figuren ist, ihnen zusieht und man sie immer besser kennenlernen darf, obwohl man all die Konfliktpunkte allemal ahnt. Immer wieder gelingen dem Regisseur tolle Bilder im alten Academy-Format, aber keines ist so toll wie das eine, wenn Monica im See baden geht und die Sonne sich zwischen ihren roten Haaren im Wasser spiegelt. Monica ist keine Heilige. Außer in diesem Moment.

Hochstart ist eine Untertreibung: Wie Athena", der neue Film von Romain Gavras, den er zusammen mit "Les misérables"-Regisseur Ladj Ly geschrieben hat, aus den Startblöcken schnellt, lässt sich nur mit "Explosion" angemessen beschreiben. In einem etwa zehnminütigen One-Shot entfaltet sich nicht nur die komplette Exposition des Films, sondern auch eine ungeschnittene Actionsequenz, die einem den Atem stocken lässt. Ein 13-Jähriger aus der fiktiven Banlieue Athena ist bei einer Polizeikontrolle ums Leben gekommen, die schwelende aggressive Stimmung lässt sich nicht länger kontrollieren, nachdem der erste Molotowcocktail fliegt. Die drei älteren Brüder des gestorbenen Jungen stehen im Zentrum. Einer ist ein hochdekorierter Kriegsheld, der vermitteln will, der zweite ein Drogendealer, der seine Pfründe im allgemeinen Chaos sichern will, der jüngste Bruder ist der Anführer des Aufstands, der aus Athena eine Festung und bald schon das Schlachtfeld eines Bürgerkriegs werden lässt. Der ganze Film ist Ausnahmezustand, fast ausschließlich in langen Einstellungen gedreht, bei denen man sich immer wieder fragt, wie die das gemacht haben. Aber bald schon schleicht sich auch Ernüchterung ein, weil man immer mehr zur Überzeugung kommt, dass der vermeintliche gesellschaftliche Zündstoff der Geschichte nur vorgeschoben ist, um die vielen inszenatorischen Stunts und Gimmicks abzufeiern: Viel Pose, wenig Substanz. Und dann die Musik: Was ein tolles Szenario sein könnte, das mit irre viel Energie auf Vorbilder verweist wie Die Warriors", Assault - Anschlag bei Nacht" und Die vier Söhne der Katie Elder", ist dann doch viel weniger Schlacht um Algier", als es die Filmemacher glauben mögen, wenn die Action von Engelschorälen und Bombast begleitet wird: Immer auf die Zwölf macht schnell müde in diesem Szenario, in dem jungen Männern unweigerlich die Tränen kommen, wenn sie auf Fotos ihres verstorbenen Bruders blicken, und Mütter immer weinen. Vielleicht, weil ihnen der Männermief des Films nach einer halben Stunde einfach zu viel ist.

Paul Schrader ist nur ein Jahr nach seinem The Card Counter" wieder zurück in Venedig, der 76-jährige Filmemacher wird mit einem Preis für sein Lebenswerk belohnt. Und er hat Master Gardener" im Gepäck, eine Art Abschluss seiner mit First Reformed" begonnenen Einsame-Männer-Trilogie, leider der schwächste der drei Filme. Das Drehbuch wirkt zusammengestückelt, an den Haaren herbeigezogen, ist viel zu schlampig, als dass die Geschichte die intendierte Wucht entfalten könnte, all das, was die beiden Vorgänger so aufregend gemacht hatte. Bisweilen bewegt sich Schrader am Rande zur Selbstparodie. Nach Ethan Hawke als Priester im Glaubenszweifel und Oscar Isaac als ehemaliger Elitesoldat ist nun Joel Edgerton der nächste von Schraders god's lonely men, wie sie der Mann seit 50 Jahren schreibt und seit 45 Jahren auch selbst inszeniert - ein ehemaliger Neonazi mit entsprechenden Tätowierungen auf Brust und Rücken, der vor zehn Jahren ausgestiegen ist, seine damaligen Kumpels ans Messer geliefert hatte und seither unter neuer Identität für eine verbiesterte Millionärin den riesigen Garten und bisweilen auch die Arbeitgeberin selbst pflegt. Alles geht vor die Hunde, als er sich um eine Nichte seiner Chefin kümmern soll, die vom rechten Weg abgekommen ist - ein schwarzes Mädchen, das mit Drogendealern abhängt und in das sich der Meistergärtner unweigerlich verliebt. Wie "First Reformed" und "The Card Counter" steuert auch "Master Gardener" schnurstracks auf die Katastrophe, ein Entladen bestialischer Gewalt zu. Nur dass Schrader diesmal milde ist, ausnahmsweise die Liebe siegen lässt, weil sein Antiheld tatsächlich Abbitte geleistet hat und ein besserer Mensch geworden ist. Das ist schön, man gönnt es ihm. Und bedauert, dass der Plot so lieblos abgespult wird.

Aus Venedig berichten Barbara Schuster und Thomas Schultze.