Kino

VENEDIG Tag 0: Eine Welt im Kriegszustand

31.08.2022 06:35 • von Thomas Schultze
"Weißes Rauschen" eröffnet die 79. Mostra in Venedig (Bild: Netflix)

Ab heute gilt's wieder in Venedig, wenn am Abend die 79. Mostra von Weißes Rauschen" eröffnet wird. Wir haben zum Start einen Blick auf alle Filme im Löwen-Rennen geworfen. Und freuen uns, dass wir in den kommenden Tagen vom Lido berichten dürfen.

31. August

Eröffnungsfilm

Weißes Rauschen

USA 2022; Regie: Noah Baumbach; Plattform: Netflix

Drei Jahre nach seinem gefeierten Marriage Story" kehrt Noah Baumbach mit seiner dritten Regiearbeit für Netflix in den Wettbewerb von Venedig zurück, sein bislang wohl ambitioniertester Film, eine Adaption von Don DeLillos Kultroman aus den Achtzigerjahren über eine amerikanische Akademikerfamilie in einer Kleinstadt, die sich inmitten einer Katastrophe klarwerden muss, was ihre Existenz lebenswert macht. Adam Driver und Greta Gerwig führend das namhafte Ensemble an, der beißende Ton der satirischen Vorlage fügt sich wunderbar in Baumbachs lebensnahen Inszenierungsstil.

1. September

Tár

USA 2022; Regie: Todd Field; Dt. Verleih: Universal

16 Jahre sind vergangen, seitdem Todd Field Little Children" auf dem Toronto International Film Festival. Nun kehrt der ehemalige Schauspieler (Eyes Wide Shut") zurück mit seiner dritten Regiearbeit und landet mit der Geschichte der fiktiven Dirigentin Lydia Tár, die ihr Leben radikal ihrem Streben unterordnet, dem besten Orchester der Welt vorzustehen, erstmals im Wettbewerb eines A-Festival. Dieses rauschhafte Porträt einer obsessiven und radikalen Persönlichkeit ist ein Showcase für Cate Blanchett, die ihr ganzes Können einfließen lässt. Nina Hoss ist in einer der tragenden Nebenrollen zu sehen.

Bardo, die erfundene Chronik einer Handvoll Wahrheiten

Mexiko 2022; Regie: Alejandro González Iñárritu; Plattform: Netflix

Sechs Jahre ließ der mexikanische Filmemacher Alejandro G. Iñárritu verstreichen, um seinem Oscartriumph The Revenant" endlich einen neuen Spielfilm folgen zu lassen. Iñárritu wäre nicht Iñárritu, wenn er nicht wieder alles auf eine Karte setzen würde, diesmal mit einer erstmals seit Babel" wieder in seiner mexikanischen Heimat gedrehten dreistündigen Komödie über die Sinnsuche eines Mannes, der sich mit seinem Leben arrangieren muss.

2. September

Bones and All

Italien 2022; Regie: Luca Guadagnino; Dt. Verleih: Warner Bros.

Erstmals seit seinem großartigen Call Me By Your Name" arbeitet der italienische Meisterregisseur Luca Guadagnino bei seiner Adaption des Romans von Camille DeAngelis wieder mit seiner damaligen Entdeckung Timothee Chalamet zusammen, der hier an der Seite der großartigen Taylor Russell aus Waves" zu sehen ist. Stilistisch erinnert dieser radikale und ernüchternde Blick auf den Amerika von ganz unten eher an Guadagninos Serie "We Are Who We Are", abermals mit dem Fokus auf Jugendlichen, die zum Überleben am Rand der Gesellschaft zum Äußersten bereit sind.

Un Couple

Frankreich, USA 2022; Regie: Frederick Wiseman

Der 92-jährige Frederick Wiseman gilt als genialer Dokumentarfilmer, als kluger Chronist öffentlicher Plätze - mit "Ex Libris - The New York Public Library" war er 2017 erstmals in den Wettbewerb von Venedig eingeladen worden. Nun stellt er mit einer simplen Liebesgeschichte zwischen Mann und Frau, bei denen es sich um Tolstoi und seine Lebensgefährtin Sophia handelt, einen seiner seltenen Ausflüge in die Welt des Spielfilms vor, entstanden in intimem Rahmen während der Corona-Lockdowns und mit 64 Minuten der kürzeste Beitrag im Löwenrennen 2022.

All the Beauty and the Bloodshed

USA 2022; Regie: Laura Poitras

Mit Citizenfour" oder "The Oath" hat sich Oscargewinnerin Laura Poitras als eine der bedeutendsten Dokumentarfilmerinnen unserer Zeit etabliert. Mit ihrem Porträt der amerikanischen Fotografin und Aktivistin Nan Goldin reist Poitras erstmals zum Wettbewerb in Venedig. Der Film folgt zwei Strängen. Einerseits erzählt er die Geschichte von Goldin als Chronistin der Schattenseiten der amerikanischen Gesellschaft, andererseits thematisiert er ihren engagierten Kampf gegen die Sackler-Dynastie, die als Hersteller von Oxycodon mit verantwortlich ist für die Opiod-Krise in den USA.

Athena

Frankreich 2022; Regie: Romain Gavras; Plattform: Netflix

Die Banlieues brennen wieder in dem neuen Film von Romain Gavras, wie zuletzt in Ladj Lys "Les misérables" - der Cannes-Gewinner war hier auch am Drehbuch mitbeteiligt. Arrangiert im Stil einer griechischen Tragödie, stellen Gavras und Ly einen jungen französischen Soldaten in den Mittelpunkt der Geschichte, der von der Front wieder nach Hause geschickt wird, als sein jüngster Bruder bei einer Konfrontation mit der Polizei getötet wird. Dort gerät er in den Mittelpunkt der Spannungen. Ein höchst intensiver Film, erzählt weitgehend in Realzeit in langen, sehr komplexen Takes.

3. September

Monica

Italien 2022; Regie: Andrea Pallaoro

Nachdem er vor fünf zwei Jahren mit seiner zweiten Regiearbeit, Hannah" mit Charlotte Rampling, bereits im Wettbewerb vertreten war, meldet sich der italienische Filmemacher Andrea Pallaoro nun mit seinem bislang ambitioniertesten Projekt zurück: "Monica" ist zwar eine italienische Produktion, entstand aber komplett in englischer Sprache in den USA und erzählt von einer Transfrau, die nach Jahren in ihre Heimatgemeinde im Mittleren Westen zurückkehrt und sich dort ihrer verdrängten Vergangenheit stellen will. Trace Lysette, bekannt aus "Transparent" und Hustlers" spielt die Hauptrolle.

Argentina, 1985

Argentinien, USA 2022; Regie: Santiago Mitre; Plattform: Prime Video

In Cannes war Santiago Mitre bereits mehrere Male in Nebenreihen vertreten, nun reist er mit seiner siebten Regiearbeit erstmals nach Venedig und in den Wettbewerb eines der großen A-Festivals mit einem epischen Justizdrama, das von den argentinischen Staatsanwälten Strassera und Moreno Ocampo erzählt, die 1985 für die Ermittlungen und die Anklage gegen die Verantwortlichen der blutigen Militärdiktatur ihres Heimatlandes verantwortlich waren. Der Film ist das erste argentinische Amazon Original und erzählt laut Mitre von der "Idee von Justiz als ein Akt der Heilung".

4. September

The Whale

USA 2022; Regie: Darren Aronofsky; Dt. Verleih: Plaion

Nach seinem von Publikum wie Kritik abgelehnten Mother!" musste Darren Aronofsky erst einmal fünf Jahre Wunden lecken. Und kehrt nun, wie er es schon nach dem Flop seines ambitionierten The Fountain" mit The Wrestler" getan hatte, mit einem kleineren Charakterdrama zurück, in dem er seinem Hauptdarsteller, in diesem Fall "Die Mumie"-Star Brendan Fraser, die Gelegenheit gibt, sich in die Herzen des Publikums zurückzuspielen. Dem Schauspieler gebührt Applaus für seine mutige Darstellung eines hoffnungslos übergewichtigen Mannes, der Aronofsky einen würdigen Rahmen gab.

L'immensita

Italien / Frankreich 2022; Regie: Emanuele Crialese

Elf Jahre hat sich Emanuele Crialese Zeit gelassen, Terraferma", der 2011 im Wettbewerb der Mostra gezeigt wurde, seine nunmehr fünfte Regiearbeit folgen zu lassen. Nachdem er zuletzt die Flüchtlingsproblematik auf Lampedusa thematisiert hatte, blickt der italienische Filmemacher nun ins Rom der Siebzigerjahre und erzählt von einer Mittelklassefamilie, in der die Eltern mit Eheproblemen zu kämpfen haben und die älteste Tochter ihre Identität als Mädchen ablegt. Penélope Cruz, eine erklärte Bewunderin der Arbeit Crialeses, konnte für die Hauptrolle gewonnen werden.

Les enfants des autres

Frankreich 2022; Regie: Rebecca Zlotowski

Mit ihrer fünften Regiearbeit liefert Rebecca Zlotowski ein starkes Porträt einer Frau um die 40 ab, die in einer neuen Beziehung wichtige Entscheidungen für ihre private Lebensgestaltung machen muss, als sie eine enge Bindung mit der kleinen Tochter ihres Partners aufbaut - eine Paraderolle für Virginie Efira, die sich offenkundig aus eigenen Erfahrungen Zlotowskis mit ihrer Beziehung mit Jacques Audiard speist. Nachdem sie mit Ein leichtes Mädchen" vor drei Jahren in der Quinzaine in Cannes vertreten war, wurde sie nun erstmals in den Wettbewerb eines A-Festivals eingeladen.

5. September

The Banshees of Inisherin

USA, Großbritannien 2022; Regie: Martin McDonagh; Dt. Verleih: Disney

Nachdem er von Jahren die Herzen (und Venedig) im Sturm eroberte mit seinem später mit drei Oscars prämierten "Three Buildings outside Ebbing, Missouri" kehrt der britische Dramatiker Martin McDonagh zurück auf die große Leinwand. The Banshees of Inisherin" ist, auch der Pandemie geschuldet, bewusst kleiner und intimer geraten, ein im Grunde Zwei-Personen-Stück, das durchaus gezielt an Beckett erinnert. McDonagh-Fans werden sich freuden, dass es ihm gelungen ist, die Stars seines kultisch verehrten Regiedebüts "Brügge sehen... und sterben" wieder vor der Kamera zu vereinen: Brendan Gleeson und %Colin Farrell% spielen zwei Männer, deren lebenslange Freundschaft ein abruptes Ende erfährt.

Love Life

Japan, Frankreich 2022; Regie: Kôji Fukada

Mit seinem achten Spielfilm reist der japanische Filmemacher Kôji Fukada erstmals nach Venedig und in den Wettbewerb eines der großen A-Festivals, nachdem er 2016 im Un Certain Regard von Cannes vertreten war. Inspiriert von dem gleichnamigen Popsong Akiko Yano, den er als junger Mann erstmals gehört hatte, arbeitete der Regisseur fast 20 Jahre an der Ausarbeitung einer passenden Filmgeschichte: Jetzt erzählt er sehr persönlich und anrührend von einer harmonischen Ehe, die auf eine Probe gestellt wird, als der ehemalige, lange Jahre verschwundene Partner der Ehefrau als geistig verwirrter Obdachloser wieder auftaucht.

6. September

The Eternal Daughter

Großbritannien 2022; Regie: Joanna Hogg

Mit ihren beiden The Souvenir"-Filmen aus den Jahren 2019 und 2021 - beide von der Kritik überschwänglich gefeiert - findet die britische Filmemacherin Joanna Hogg erstmals den Weg in den Wettbewerb eines A-Festival. Überfällig! Ihr Film über eine schwierige Mutter-Tochter-Beziehung in einem unheimlichen Hotel ist ein Tribut an Hoggs Mutter und ihrer eigenen Schwierigkeit, jemals einen Zugang der verschlossenen Frau gefunden zu haben. Nachdem Tilda Swinton in "The Souvenir Part II" eine Nebenrolle übernommen hatte, ist sie hier der Star der vielschichtigen Erzählung.

Il signore delle formiche

Italien 2022; Regie: Gianni Amelio

Von 1982 bis 2013 war Gianni Amelio sechsmal im Wettbewerb von Venedig vertreten, als Höhepunkt gewann er 1998 den Goldenen Löwen für So haben wir gelacht". Nun kehrt der italienische Regiemeister zurück zu seinem Heimatfestival mit einem packenden Drama, das inhaltlich an Große Freiheit" erinnert und in dem es um den Dichter und Regisseur Aldo Braibanti geht, der 1968 vom Vater seines Partners angeschwärzt und wegen homosexueller Aktivitäten in Haft genommen wird. Die Schauspielasse %Luigi Lo Cascio% und Elio Germano werden gefordert.

7. September

The Son

Frankreich 2022; Regie: Florian Zeller; Dt. Verleih: Leonine

Nachdem er mit der Verfilmung seines eigenen Theaterstücks The Father" einen zweifach oscarnominierten Sensationserfolg erzielte, legt der gefeierte französische Dramatiker Florian Zeller nun seine zweite Adaption einer eigenen Bühnenarbeit vor - und landet damit erstmals im Wettbewerb von Venedig. Mit Hugh Jackman, Vanessa Kirby, Laura Dern und - in einem Gastauftritt - Anthony Hopkins phänomenal besetzt, erzählt auch "The Son" ein schonungsloses und intensives Drama, mit dem das männliche Selbstverständnis in seinen Grundfesten erschüttert wird.

Saint Omer

Frankreich 2022; Regie: Alice Diop

Für ihren ersten Spielfilm griff die Dokumentarfilmerin Alice Diop auf einen wahren Vorfall im Jahr 2016 zurück, als eine Mutter ihr Baby tötete, indem es das Kind in die steigende Flut des Meeres legte. Darum strickt die Regisseurin die Geschichte einer Schriftstellerin, die den Prozess besucht, um eine Variation des Medea-Mythos schreiben zu können. Ein mit Spannung erwarteter Film, der tradierte Vorstellungen über das Mutter-Sein auf den Prüfstand stellt und hinterfragt.

8. September

Blonde

USA, Australien 2022; Regie: Andrew Dominik; Plattform: Netflix

Schon vor seiner Premiere hat Andrew Dominiks Verfilmung des 1000-seitigen Romans von Joyce Carol Oates über das Leben von Marilyn Monroe mächtig für Wirbel gesorgt: Wegen des sexuell expliziten Inhalts legte sich der Regisseur mit Netflix an; Ana De Armas wurde als Hauptdarstellerin kritisiert, weil sie es wagte, als Kubanerin eine amerikanische Koryphäe zu spielen. Dabei ist das Teil des Konzepts des atemberaubend virtuos realisierten Dramas, der die Biographie von MM als Abziehbild nutzt, um über amerikanische Geschichte, Machtverhältnisse und Missbrauch zu erzählen.

Beyond the Wall

Iran 2022; Regie: Vahid Javilvand

Schon wieder ein kämpferischer Film aus Iran, der seine kritische Botschaft in einer Art Filmtraum verbirgt. Vahid Javilvand, der bereits seine beiden ersten Film in Venedig vorgestellt hat und mit Eine moralische Entscheidung" 2017 im Wettbewerb angetreten war, erzählt von einem blinden Mann, der von seinem geplanten Selbstmord abgelenkt wird, weil eine von der Polizei gesuchte Frau sich in seiner Wohnung versteckt hat. Von einer langsamen Annäherung und dem sicheren Abtauchen in der eigenen Fantasie erzählt "Beyond the Wall" in eindringlichen Bildern.

9. September

Chiara

Italien, Belgien 2022; Regie: Susanna Nicchiarelli

Nachdem sie in ihren vorangegangenen Filmen die Sängerin Nico (in "Nico, 1988) und die Tochter von Karl Marx (in "Miss Marx") thematisiert hatte (und damit bereits jeweils im Wettbewerb von Venedig vertreten war), beschließt die italienische Filmemacherin Susanna Nicchiarelli ihre Trilogie über reale Frauenfiguren nun mit "Chiara", ein ungewöhnliches Biopic über die Heilige Klara von Assisi, die sich im 13. Jahrhundert Franz anschließt und ihr bisheriges Leben hinter sich lässt, um in Armut eine neue Freiheit und Selbstbestimmung zu finden. Margherita Mazzucco spielt die Titelfigur.

Les miens

Frankreich 2022; Regie: Roschdy Zem

Als Schauspieler ist Roschdy Zem bislang ein größerer Name als als Filmemacher (im diesjährigen Wettbewerb von Venedig sieht man ihn in Rebecca Zlotowskis "Les enfants des autres"), das könnte sich nun ändern mit seiner sechsten Regiearbeit, die nach eigenen Angaben erste französische Produktion über eine bürgerliche Maghreb-Familie ist. Mit einem Drehbuch, das Zem gemeinsam mit Maïwenn verfasste, erzählt er die Geschichte zweier sehr unterschiedlicher Brüder, die aller Widrigkeiten zum Trotz zueinander halten.

No Bears

Iran 2022; Regie: Jafar Panahi

Höchst autobiographisch ist der neunte Spielfilm von Jafar Panahi, sein erster seit "Drei Gesichter" von 2018: Der Filmemacher, der im Juli verhaftet wurde und eine sechsjährige Haftstrafe antreten musste, spielt sich selbst, wie er an der Grenze zur Türkei einen Film über ein Liebespaar dreht und sich jeden Tag die Szenen zuspielen lässt - während er gleichzeitig in die Angelegenheiten des Dorfes verstrickt wird, in dem er sich aufhält. Es ist ein höchst symbolhaftes Drama, in dessen Geschichte sich zahlreiche kritische Anspielungen befinden.