Produktion

"Mittagsstunde"-Duo: "Beitrag zur Diskussion, wie wir leben wollen"

"Mittagsstunde", die Adaption von Dörte Hansens Besteller, startet diese Woche in den Kinos. Wir sprachen mit der Romanautorin und Regisseur Lars Jessen über ihre "idealtypische kollegiale Zusammenarbeit" und das Drehen auf plattdeutsch.

19.09.2022 13:10 • von Heike Angermaier
Dörte Hansen und Lars Jessen (Bild: Majestic/Heike Blenk/Sven Jaax )

Mittagsstunde", die Adaption von Dörte Hansens Besteller, startet diese Woche in den Kinos. Wir sprachen mit der Romanautorin und Regisseur Lars Jessen über ihre "idealtypische kollegiale Zusammenarbeit" und das Drehen auf plattdeutsch.

Wie sind Sie beide zusammen und zum Projekt gekommen?

DÖRTE HANSEN: Tatsächlich gab es mehrere Produktionsfirmen, die unbedingt "Mittagsstunde" verfilmen wollten und sich an meine Agentur gewandt haben. Als Lars und ich uns zum ersten Mal zum Essen in Hamburg trafen, haben wir dasselbe bestellt und spätestens nach einer Stunde war für mich klar, dass er die Verfilmung übernimmt. Wie war es aus deiner Sicht, Lars?

LARS JESSEN: Die Redakteurin Barbara Denz vom NDR, mit der ich bei der Kompilation "16 x Deutschland" zusammenarbeitete, für die ich einen Kurzfilm über das Aussterben von Landgasthöfen beisteuerte, schlug mir den Roman vor und sagte zu mir: "Du musst den Stoff verfilmen. Es gibt keine andere Lösung." Und sie hatte recht.

Sie mussten sich erst die Buchrechte sichern.

LARS JESSEN: Wir haben bestimmt nicht das meiste Geld geboten, aber ich habe den Mund sehr voll genommen und versprochen, einen Film zu machen, der den Ton und die Idee des Buches so in die Filmsprache übersetzt, dass Film und Buch wie Geschwister nebeneinander stehen.

War es von Anfang an klar, dass "Mittagsstunde" ein Kinofilm werden sollte, Herr Jessen? Es ist der erste mit Florida Film.

LARS JESSEN: Dass es ein Kinofilm werden soll, war ein wichtiges Argument bei unserem ersten Gespräch. Ich habe sogar gesagt, dass "Mittagsstunde" mein 1900" werden soll und der Stoff allein fürs Fernsehen verschenkt ist. Mir war es wichtig, einen epischen Film zu machen, der aber nicht drei Stunden lang ist. Er ist jetzt 96 Minuten mit Abspann. Ich wollte ein konzentriertes Kinoerlebnis, auf das man sich freuen kann und das nicht alltäglich ist, mit großen Bildern, die einem ermöglichen, einzutauchen und die Reise des Helden mitzugehen, gerade bei dieser eauf den ersten Blick undramatischen Geschichte. Die Leinwand war für mich das Entscheidende, den Film überhaupt zu machen.

Der Film streift sehr viele Themen. Welches davon ist Ihnen besonders wichtig?

DÖRTE HANSEN: Für mich sind zwei Themen besonders wichtig, das eine ist der Verlust. Warum erkennen wir die Dörfer nicht wieder? Was ist in 50 Jahren passiert? Modernisierung ist gut, aber dabei ist so viel auf der Strecke geblieben. Das andere mir besonders wichtige Thema ist die Entwicklung des Jungen, der sich aufmacht aus dem Dorf in die Welt, der die an ihn gestellten Erwartungen nicht erfüllen und den väterlichen Gasthof nicht übernehmen will, sondern als Erster in der Familie seinen eigenen Weg sucht. Diese beiden Stränge stehen im Buch wie im Film im Vordergrund.

LARS JESSEN: Als wir die Szene gedreht haben, in der der Junge vom LKW überfahren wird, und wir die Straße abgesperrt und sie in das Jahr 1965 zurückversetzt haben, sind die Anwohner aus ihren Häusern gekommen und haben sich dann erinnert, wie schön es war, als man früher auf der Straße miteinander sprach, eine Gemeinschaft war. Genau dieses Gefühl wollte ich vermitteln. Wir müssen wieder mehr miteinander sein. Wir dürfen nicht alles mit dem Wachstum des Bruttoinlandsprodukt messen, sondern mit der Menge an Glück, an Zufriedenheit. Der Film ist idealerweise genau wie der Roman ein Beitrag zur Diskussion, wie wir leben wollen, wie wir den Erfolg unserer Gesellschaft definieren wollen.

Wie gestaltete sich Ihre Zusammenarbeit?

DÖRTE HANSEN: Zuerst ging es darum, Vertrauen aufzubauen. Lars und ich haben einen ähnlichen Hintergrund und ich kenne und schätze Lars' Filme und seine Handschrift, was es sehr leicht gemacht hat. Ich wusste nicht genau, wie viel ich mich als Autorin der Romanvorlage in den Entstehungsprozess des Filmes einbringen darf und ich musste mich darauf einlassen, dass Film eine andere Art von Erzählen ist. Man muss vertrauen und loslassen können.

Als Autor einer Vorlage hat man drei Möglichkeiten. Man kann dem Agenturenleitspruch "take the money and rund" folgen, sich in alles einmischen und versuchen die Kontrolle zu übernehmen oder man kann sich für einen Kompromiss entscheiden und im Team für das Produkt arbeiten. Das haben wir getan.

LARS JESSEN: Für uns war die Zusammenarbeit ein Geschenk. Wir konnten Dörte fragen, wie sie etwas gemeint hat, wie sie sich ein Motiv vorstellt. Als wir das Hauptmotiv, eine Dorfgaststätte, gesucht haben, sind wir zusammen zur vorgeschlagenen Location gefahren, haben dort mit der Wirtin ein Bier getrunken und danach beide gesagt, die ist es! Natürlich musste ich auch mal Überzeugungsarbeit leisten, aber ich konnte für die Genauigkeit der Erzählung immer auf Dörtes Rat zurückgreifen. Es war eine idealtypische kollegiale Zusammenarbeit.

DÖRTE HANSEN: Wir waren mit Drehbuchautorin Catharina Junk und Dramaturg Bernhard Gleim zu viert im Team und hatten alle Respekt vor dem Knowhow der Anderen. Es gab Entscheidungen, die für mich als Romanautorin nicht optimal erschienen, aber für den Film waren sie es. Ich habe gelernt, warum man Szenen ergänzen, Dialoge ausformulieren muss.

Das Thema Flurbereinigung wurde dafür in nur wenigen Bildern eindrücklich geschildert.

DÖRTE HANSEN: Genau, das ist die Kunst, was ich über zig Seiten im Buch beschrieben habe, so verdichtet zu zeigen! Wie lange dauert die Szene im Film, Lars?

LARS JESSEN: Vielleicht 17 Sekunden. Gleichzeitig muss der Film manchmal deutlicher werden als der Roman und Markierungen setzen bei den Wendepunkten. Die dramaturgische Besonderheit ist, dass das auslösende Moment, warum der Protagonist seine Reise in die Vergangenheit antritt vor dem Einsetzen der Handlung liegt. Dass man ihm dennoch folgt, obwohl man vielleicht erst am Ende versteht, was er will, ist die Qualität des Romans und hoffentlich auch des Filmes. Hier haben wir uns nach langer Diskussion entschieden, der Struktur des Romans zu folgen und gleichzeitig stärker aus der ersten Person Singular zu erzählen. Also mit Ingwer, gespielt von Charly Hübner, als Hauptfigur, die uns durch die Geschichte führt.

So gibt es z.B. auch eine Szene, in der die Kieler WG ins Dorf kommt, die nicht im Roman steht. Hier erzählen wir eine klare Haltungsänderung des Protagonisten, die sich bei Dörte viel innerlicher und weniger pointiert vollzogen hat.

DÖRTE HANSEN: Ähnlich war es auch bei der Friedhofsszene, die stark vom Buch abweicht.

LARS JESSEN: Du hattest Bedenken, dass sie zu pathetisch werden könnte. Für mich ist es sehr wichtig, emotional zu erzählen, aber ohne überflüssiges Beiwerk. Dafür braucht es Schauspieler wie Charly Hübner oder Hildegard Schmahl, die diese Szene so trocken spielen und so unpathetisch wie nur möglich wirken lassen können, dass echte Emotion entsteht.

DÖRTE HANSEN: Genau wegen solcher Dinge, ist es wichtig, sich kennenzulernen und zu wissen, dass man bei der Art des Erzählens auf einer Wellenlänge ist. Zu pathetisch, zu romantisch oder auch zu humoristisch zu erzählen, wäre fatal gewesen. Es kommt auf die genaue Dosierung an.

Sie haben entschieden, die Figuren plattdeutsch sprechen zu lassen.

DÖRTE HANSEN: Wir haben von Anfang gedacht, dass es reizvoll wäre, die Dialoge in Brinkebüll auf plattdeutsch sprechen zu lassen. Ich habe sie fürs Drehbuch übersetzt und ihr habt tatsächlich alle Szenen zwei mal gedreht, auch wenn ihr am Anfang gar nicht wusstet, ob ihr es finanziert bekommt.

LARS JESSEN: Ich habe niemanden gefragt, weil ich mir intuitiv sicher war, dass es der richtige Weg ist. Alle SchauspielerInnen mussten ihren Text auf hochdeutsch und nordfriesisch plattdeutsch lernen, das anders ist als das, was die Leute in Dithmarschen sprechen, wo ich aufgewachsen bin. Meistens haben wir mit dem plattdeutschen Take angefangen. Die Sprache wirkt sich auch auf Mimik und Gestik aus. So haben wir tatsächlich zwei Filme gedreht und nicht einfach nur synchronisiert.

DÖRTE HANSEN: Ich bin beeindruckt, wie es die Schauspieler und Schauspielerinnen hingekriegt haben. Das ist sensationell. Überhaupt, einen Spielfilm auf platt zu machen. Das soll mal jemand nachmachen!

Was war das Schwierigste für Sie beim Dreh, Herr Jessen?

LARS JESSEN: Wir waren finanziell nicht auf Rosen gebettet. Der Film war ein wahnsinnig harter Ritt. Bei den vollen Drehtagen wurde jeder an die Grenze des arbeitsrechtlich Möglichen, ja des Realistischen getrieben. Wir alle vom Team haben unsere Erfahrung der letzten 25 Jahre gebraucht und das Beste gegeben. Es war logistisch eine enorme Herausforderung, ein Dorf aus sieben verschiedenen Orten, die über 60 km voneinander entfernt sind, zusammen zu puzzeln und bei begrenzten Ressourcen auch das Timing mit dem Wetter hinzukriegen. Wir haben teils wie Orson Welles die Gegenschüsse erst drei Wochen später und an einer anderen Location gedreht. Als Regisseur und Produzent hier den Überblick zu behalten, war das Schwierigste. Das Anspruchsvollste für mich war, die Figuren durch kleine Gesten, die Haltung so zu gestalten, dass sie in ihren verschiedenen Altersstufen erkennbar bleiben. Hildegard Schmahl und Gabriele Maria Schmeide etwa unterscheiden sich vom Typ und der Spielweise sehr.

Auch bei der Besetzung umgaben Sie sich mit bewährtem Personal.

LARS JESSEN: Für mich ist der Film eine Art Best of, was die Leute vor wie hinter der Kamera betrifft. Mit fast allen verbindet mich eine lange gemeinsame Arbeitsgeschichte. Mit Gaby Schmeide habe ich meinen ersten Kinofilm "Am Tag als Bobby Ewing starb" gemacht und mit Charly Hübner verbindet mich eine fast 20 Jahre lange, gewachsene, von Vertrauen geprägte Arbeitsbeziehung. Aber es sind auch neue Leute dabei, wie Gro Swantje Kohlhof, die mich umgehauen hat, oder auch Rainer Bock, ein großer schleswig-holsteinischer Charakterdarsteller.

DÖRTE HANSEN: Ich fand es interessant, dass du beim Casting darauf geachtet hast, dass ein Bezug zu Norddeutschland besteht, dass es einen norddeutschen Sound gibt.

Frau Hansen, was gefällt Ihnen am Film am Besten? Was fehlt Ihnen vielleicht?

DÖRTE HANSEN: Ich fand es schade, dass wir nicht die Musik von Neil Young bekommen haben, aber es war schnell verschmerzt. Ich bin ungemein fasziniert wie organisch sich die Szenen, die ich nicht geschrieben habe, in meine Geschichte fügen, so dass ich manchmal sogar überlegen muss, ob sie nicht auch schon in meinem Buch waren.

Hätten Sie nach zwei verfilmten Büchern nicht mal Lust, selbst ein Drehbuch zu schreiben?

DÖRTE HANSEN: Wenn ich eines gelernt habe, dann, dass ich das nicht kann, Drehbuchschreiben ist ein vollkommen anderes Gewerk. Bei mir spielen sich die Sachen in den Köpfen der Leute ab.

Sie beide könnten aber trotzdem noch einmal zusammenarbeiten?

DÖRTE HANSEN: Ich müsste wahrscheinlich nur einen Landgasthof in den Roman schreiben, oder, Lars?

LARS JESSEN: Das ist auf jeden Fall wichtig.

Was wird das nächste Kinoprojekt von Florida Film, Herr Jessen?

LARS JESSEN: Es wird wieder eine Romanverfilmung, basierend auf Friedrich Christian Delius' "Spaziergang von Rostock nach Syrakus". Heide Schwochow und Rainer Schwochow schreiben das Drehbuch. Es erzählt von einem Mann, der sich in den Achtzigern auf die Reise macht. Wir beginnen mit der Finanzierung. Wir können es uns als Klein- bzw. Kleinstproduzenten schlicht nicht leisten, mehr Kinofilme zu machen als alle paar Jahre einen.

Wahrscheinlich gibt es wieder eine Rolle für Charly Hübner und Jan Georg Schütte.

LARS JESSEN: Ich würde mich wundern, wenn sie diesmal nicht dabei sein sollten.

 Das Interview führte Heike Angermaier