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FFA-Halbjahresbilanz: "Es gibt Hoffnung"

Was Kinobesuch und -umsätze in Deutschland anbelangt, zeigt die offizielle FFA-Bilanz das erwartete Bild einer erheblichen Lücke zu 2019 bei zuletzt stark positiver Tendenz. Überraschend fallen hingegen die Daten zum Kinobestand aus - bei denen fraglich ist, ob sie von Dauer sein können.

25.08.2022 08:30 • von Marc Mensch
"Phantastische Tierwesen: Dumbledores Geheimnisse" war der mit Abstand erfolgreichste Neustart im ersten Halbjahr - mittlerweile haben ihn zwei Blockbuster überholt (Bild: Warner)

Ernsthafte Überraschungen bei den Kernzahlen des deutschen Kinomarktes bietet die offizielle FFA-Bilanz abseits der üblichen Abweichungen zu den (nicht am Kalenderjahr orientierten) Comscore-Zahlen in der Regel eher nicht; diesmal könnte man das durchaus anders sehen. Denn um diesen zentralen Punkt gleich vorwegzunehmen: Der Kinobestand hat sich im ersten Halbjahr 2022 positiver entwickelt, als dies allgemein erwartet worden war.

Die gesamte FFA-Halbjahresbilanz zum Download

Sowohl gegenüber dem ersten Halbjahr 2021 wie auch den ersten sechs Monaten 2019 weist die FFA demnach Zuwächse bei der Zahl der Kinounternehmen, Standorte, Spielstätten und Leinwände aus. Nur bei den Sitzplätzen war gegenüber 2019 ein Minus zu verzeichnen, das aber absolut zu erwarten war und nicht zuletzt Folge von Modernisierungen ist, in deren Zuge Platzkapazitäten reduziert wurden, um Sitzkonzepte mit insgesamt mehr persönlichem Freiraum zu installieren.

Der flüchtige Blick auf die Zahlen reicht in diesem Fall allerdings nicht ganz aus, um ein belastbares Bild zu zeigen, denn in den vergangenen Jahren haben sich mehrere Sonderfaktoren auf die Bestandsbilanz ausgewirkt. Generell können Kinos bei entsprechend langer Schließung (etwa für Umbauten oder Erweiterungen) vorübergehend aus der Zählung gerutscht sein, theoretisch ist es auch denkbar, dass dauerhafte Schließungen im Einzelfall nur verzögert Eingang in die Statistik finden. Vor allem aber hinkt der Vergleich der ersten Halbjahre 2022 und 2019 dadurch, dass im zweiten Halbjahr 2019 eine - von der FFA im Rahmen der Bilanz noch einmal ausführlich dargelegte - neue Zuordnung im Bereich zweier Wanderkinos stattfand, durch welche die Bestandskennzahlen stiegen.

Insofern ist der verlässlichste Indikator der (von der FFA auch explizit angestellte) Vergleich des ersten Halbjahres 2022 mit dem Gesamtjahr 2019 - der allerdings seinerseits Zuwächse erkennen lässt, wenn auch nicht in allen Bereichen. Gegenüber dem Stand zum Ende des Jahres 2019 sank demnach die Zahl der Leinwände bis zum Halbjahr 2022 von 4961 auf 4947 und jene der Standorte von 946 auf 943, was jeweils eine Veränderung von gerade einmal 0,3 Prozent bedeutete. Die Zahl der Kinounternehmen nahm in diesem Zeitraum jedoch von 1227 auf 1232 um 0,4 Prozent zu - was auch darauf zurückzuführen sein dürfte, dass einzelne, von größeren Gruppen aufgegebene Kinos von "Quereinsteigern" übernommen wurden. Vor allem aber stieg die Zahl der Spielstätten um 0,5 Prozent von 1734 auf 1743.

Um das noch einmal explizit auf den Punkt zu bringen: Seit Beginn der Pandemie ist die Zahl der Kinos in Deutschland laut FFA bis zum Ende des vergangenen Halbjahres gewachsen.

Die große Frage, die sich angesichts bekannter Herausforderungen (und auch vor dem Hintergrund der einen oder anderen bereits für 2023 angekündigten Schließung) stellt: Kann das wirklich mehr als eine Momentaufnahme sein, hat diese Entwicklung Bestand? Peter Dinges gibt sich diesbezüglich betont nüchtern: "Vorerst erleichtert können wir feststellen, dass die Kinobranche die Pandemie bis jetzt ganz gut überstanden hat", so der FFA-Vorstand. "Wie 2020 und 2021 ist auch im ersten Halbjahr 2022 die Zahl der Kinos, der Standorte und der Leinwände weitestgehend konstant geblieben. Den staatlichen Hilfen sei Dank, die haben in dieser Hinsicht gut funktioniert. Wie es nach dem Auslaufen der Hilfen weitergeht, muss sich zeigen; schmerzliche Entwicklungen im zweiten Halbjahr 2022 können realistischerweise leider nicht ausgeschlossen werden. Nach dem Trend, den wir im ersten Halbjahr 2022 gesehen haben, bin ich allerdings vorsichtig optimistisch."

Damit zu den Besucherzahlen - und zunächst einmal jenen des deutschen Films. Denn an dieser Stelle war (wie bereits mehrfach betont) abzusehen gewesen, dass die Analysen von Comscore und der FFA recht deutlich voneinander abweichen werden. Anfang Juli hatte Comscore einen miserablen deutschen Marktanteil von unter 15 Prozent ausgewiesen, die FFA-Zählung sattelt nun gute sechs Prozentpunkte obendrauf. Der Besucheranteil von 21,2 liegt zumindest nahezu auf dem Gesamtjahresniveau von 2019 - und nur relativ knapp unter den Werten der Jahre 2016 bis 2018. Betrachtet man nur die Zahlen der ersten sechs Monate, handelt es sich dennoch um den zweitschlechtesten Wert der vergangenen zehn Jahre, nur 2017 stand der deutsche Film mit 18 Prozent Besucheranteil zum Sommeranfang noch schwächer da.

Zurückzuführen ist die Diskrepanz zu Comscore auf die Berücksichtigung minoritär deutscher Koproduktionen, so bessert vor allem die (ausnahmsweise gelungene) Videospieladaption Uncharted" mit über 1,5 Mio. Besuchern die deutsche Bilanz deutlich auf. Für das Gesamtjahr sieht die FFA - auch angesichts des aktuellen Erfolgs von Guglhupfgeschwader", der demnächst die Besuchermillion erreichen wird und weiterhin vor sämtlichen anderen Teilen der Erfolgsreihe rangiert - noch Luft nach oben.

"Nach dem pandemiebedingten deutschen Marktanteil von 35,1 Prozent im Jahr 2020, als deutlich weniger Hollywood-Blockbuster gestartet sind, sehen wir nun, wie sich der deutsche Marktanteil erwartungsgemäß wieder auf dem Vor-Pandemieniveau von gut 20 Prozent einpendelt", erläutert dazu Peter Dinges. "Angesichts des Erfolgs von 'Guglhupfgeschwader', der ja erst im August in die Kinos gekommen ist, und zahlreichen weiteren erfolgversprechenden deutschen Filmen im weiteren Verlauf des Jahres dürften 21,2 Prozent aber nicht das letzte Wort sein."

Etwas schlechter als bei Comscore, deren Zählung nach Auswertungswochen auch die komplette erste Woche des mittlerweile besucherstärksten Neustarts Minions - Auf der Suche nach dem Mini-Boss" umfasste, fällt anhand der FFA-Zahlen der Vergleich zum letzten Jahr vor der Pandemie aus. Bei insgesamt 33,2 Mio. verkauften Tickets und 305,7 Mio. Euro Umsatz (die absoluten Zahlen liegen wie üblich u.a. dank Nachmeldungen höher als bei Comscore) errechnet sich eine Lücke von 38,1 Prozent nach Besuchen und 33,8 Prozent nach Umsatz zum Vergleichszeitraum 2019. Geprägt wird dieser erhebliche Rückstand natürlich nicht zuletzt von teils strikten Zugangsbeschränkungen, die sich bis in den April hinein zogen.

Immerhin: Auch die FFA-Zahlen zeigen die klare Aufwärtsbewegung, die sich vor allem gegen Ende des ersten Halbjahres einstellte. Zwar relativiert die nun vorgenommene Orientierung an Kalenderwochen die Comscore-Zählung erwartungsgemäß sehr deutlich - schließlich hatte letztere ausschließlich aufgrund der Besonderheiten der Zählung (wie schon damals explizit angemerkt) dafür gesorgt, dem Juni 2021 ein massives Plus von 61,5 Prozent gegenüber dem Vergleichsmonat 2019 zu unterstellen. Allerdings glänzte der Juni 2022 auch nach FFA-Zählung noch mit einem Plus von 2,3 Prozent gegenüber dem letzten Jahr vor der Pandemie - wobei man allerdings noch ergänzen muss, dass die Juni-Ergebnisse 2019, 2018 (und 2016) klar unter den sehr guten Werten aus 2015 und 2017 gelegen hatten.

Massiv fiel hingegen das Umsatzplus im Juni aus, das bei 14,2 Prozent lag. Der überproportionale Anstieg ist dabei (selbstverständlich) auf höhere Ticketpreise zurückzuführen, gegenüber dem ersten Halbjahr verteuerte sich ein Kinobesuch im Schnitt um 7,1 Prozent auf 9,21 Euro. An dieser Stelle dürften sich unter anderem auch schon Preisanpassungen niederschlagen, die nicht zuletzt mit Blick auf steigende Energiepreise und Personalkosten vorgenommen wurde, so zumindest der Eindruck, den man aus Gesprächen am Rande der Filmmesse gewinnen konnte (und der durch den überproportional hohen Ticketpreisanstieg im Juni auch gestützt wird).

Was die Zahlen natürlich noch einmal überdeutlich machen, ist der enorm starke Fokus des Publikums auf die großen Toptitel. Standen die zehn besucherstärksten Filme 2019 noch für 38,8 Prozent der verkauften Tickets, lag ihr Anteil im abgelaufenen Halbjahr bei enormen 55,8 Prozent.

Unter dem Strich spricht die FFA von auf den ersten Blick "schlechten Zahlen", betont aber nicht zuletzt: "Es gibt Hoffnung." Diese resultiert natürlich vorrangig aus der Entwicklung nach Aufhebung der Restriktionen. Denn negativ schlägt sich natürlich vor allem das erste Quartal auf die Halbjahreszahlen nieder: Im Januar betrug das Minus gegenüber 2019 noch satte 52,4 Prozent, im Februar knapp 47 und im März noch einmal fast 50 Prozent.

Besonders interessant ist die Aufschlüsselung der Besucher- und Umsatzzahlen nach Kinogröße, liefert diese doch ein weiteres Indiz für die allseits beklagte Schwäche des Arthouse-Marktes. Denn während Multiplexe mit einem Besucherrückstand von gut 34 Prozent auf 2019 noch am besten dastanden, fehlten in Ein-Saal-Häusern über 53 Prozent. Überdurchschnittlich hoch sind die Lücken auch bei Häusern mit zwei und drei Sälen. In Drei-Saal-Häusern stiegen die Durchschnittspreise unterdessen am stärksten (8,6 Prozent) an, ähnlich verhielt es sich in den Ein-Saal-Häusern (8,2 Prozent). Multiplexe stehen mit plus 5,6 Prozent hier am Ende der Skala.