Produktion

Die HaRiBos zu ihrer Arbeit als Showrunner an "Kleo": "Wer klug ist, hört dem Team zu"

Die Netflix-Serie "Kleo" ist die deutsche Antwort auf "Nikita" und "Wer ist Hanna", ein wilder Ritt durch das Deutschland nach dem Mauerfall. Morgen geht die Serie bei Netflix auf Sendung. Wir sprachen mit den Showrunnern Hanno Hackfort, Richard Kropf und Bob Konrad.

18.08.2022 11:38 • von Thomas Schultze
"Kleo" ist eine neue Paraderolle für Jella Haase, die erstmals Star einer Serie ist (Bild: Netflix)

Die Netflix-Serie Kleo" mit Jella Haase in der Hauptrolle ist die deutsche Antwort auf "Nikita" und "Wer ist Hanna", ein wilder Ritt durch das Deutschland nach dem Mauerfall. Morgen geht die Serie bei Netflix auf Sendung. Wir sprachen mit den Showrunnern Hanno Hackfort, Richard Kropf und Bob Konrad, auch bekannt als HaRiBo.

Erstmals haben Sie als Showrunner einer Serie gearbeitet. Ist "Kleo" denn die Serie geworden, wie sie von Ihnen erdacht und konzipiert wurde?

HANNO HACKFORT: Genau so, wie man es sich gedacht hat, wird es nie. Aber ich denke, ich spreche auch für Richard und Bob, wenn ich sage, dass es schon sehr nah an unserer ursprünglichen Idee ist.

RICHARD KROPF: Sehr früh schon war uns die Tonalität klar, der grundsätzliche Sound der Show. Das ist schon bei den ersten Ideensammlungen so notiert, wie es schließlich umgesetzt wurde und wie die Serie jetzt auch geworden ist. Das macht uns sehr zufrieden, nicht zuletzt, weil wir wissen, dass das nicht die Regel ist.

BOB KONRAD: Bei uns als Showrunner liefen die Fäden zusammen. Aber Film- und Serienarbeit ist Teamarbeit. Deshalb haben Viviane Andereggen und Jano Ben Chaabane ebenso viel Anteil am Gelingen von "Kleo", weil sie für die Inszenierung zuständig waren. Es war eine sehr enge Zusammenarbeit. Wir haben im Vorfeld lange darüber gesprochen, wie die Serie aussehen soll, welche Tonalität die Erzählung haben soll. Es war eine Freude zuzusehen, wie das Projekt in dieser Gemeinsamkeit Form annahm.

Das sind andere Erfahrungen als noch vor ein paar Jahren bei einer anderen Highend-Serie, die aus ihrer Kreativschmiede stammte. Haben sich die Dinge für Sie als Autorenteam verbessert, weil Sie jetzt als Showrunner mehr Kontrolle und Einfluss haben?

HANNO HACKFORT: Wenn man den Einfluss hat und schlau nutzt, also nicht immer so tut, als wüsste man alles besser und müsste anderen erzählen, wie sie ihre Arbeit zu machen haben, sondern auf die Expertise der weiteren Mitstreiter vertraut und miteinander etwas erarbeitet, dann ist das ein zusätzlicher Vorteil. Bei "Para" beispielsweise waren wir längst nicht so involviert wie hier, waren auch keine Showrunner. Da waren wir am Ende auch sehr zufrieden - und es war sehr nah dran an unserer Vorstellung, wie wir uns die Serie ausgedacht hatten. Aber stimmt, bei "Kleo" ist das noch einmal deutlicher unsere Vision.

BOB KONRAD: Es ist ein Learning aus der Vergangenheit, dass man vor dem Loslegen erst einmal klären sollte, ob denn wirklich auch alle in die gleiche Richtung fahren. Sonst ist es ein sehr schmerzhafter Prozess. Und es geht auf Kosten der Qualität: Das Ergebnis ist dann nicht so gut, wie es eigentlich sein könnte. Mittlerweile begeben wir uns nur dann auf die Reise, wenn wir wissen, dass wir das Gleiche im Kopf haben wie die anderen Mitstreiter und Entscheidungsträger. Man muss nicht unbedingt jeden Tag mit am Set stehen und Showrunner sein, dass trotzdem etwas Wunderbares herauskommt.

Dazu kommt, dass Sie die Stoffe ja auch intern erst einmal abstimmen müssen. Jeder, der einmal in einer Band gespielt hat, weiß, wie schwierig es ist, über so lange Zeit an einem Strang zu ziehen.

RICHARD KROPF: Wir fühlen uns in dieser Dreierkonstellation sehr wohl, und das mittlerweile seit zwölf Jahren. Das hat sich bewährt. Wir sind sehr gut aufeinander eingespielt und haben es gelernt, gemeinsam das Bild einer Serie zu entwerfen und zu formen. Es geht uns darum, Serien komplett zu designen. Es hilft, dass wir unterschiedliche Typen mit unterschiedlichen Stärken und Schwächen sind. Jeder von uns weiß, was er zum Gelingen beitragen kann. Die Arbeit zu dritt macht obendrein so viel Spaß, dass wir als HaRiBo unbedingt weitermachen wollen. Spaß ist für uns ein wichtiger Faktor bei der Arbeit. Wenn wir als Showrunner arbeiten, dann suchen wir uns unsere Mitstreiter auch nach dem Gesichtspunkt aus, dass sie einerseits unsere Vision, andererseits aber auch unsere Begeisterung und Freude teilen. Wir wollen gute Arbeit leisten, aber auch eine gute Zeit haben. Und ich denke, diese beiden Dinge sind untrennbar miteinander verbunden.

HANNO HACKFORT: Das Bild von der Band empfinde ich als sehr treffend. Ich benutze das selbst sehr gerne. Bands funktionieren lange sehr gut. Schwierig wird es dann, wenn unterschiedliche Bandmitglieder unterschiedliche Meinungen darüber haben, welche musikalische Richtung sie einschlagen wollen. Oder wenn der Bassist plötzlich einfordert, auch singen zu wollen, obwohl die anderen wissen, dass er das gar nicht so gut kann. Man muss sich immer bewusst sein: Wo liegen die Stärken! Dafür muss man dann eine Form bringen, in der die Summe mehr ist als die Fähigkeiten der Einzelnen, dann ist Musik drin und entsteht Spaß. Und wie eine Band dann noch ein vernünftiges Label braucht, brauchen wir eben auch eine vernünftige Plattform - sprich: ein Sender, einen Streaminganbieter -, die etwas mit unserem Sound anfangen kann und uns dabei unterstützt, ihn so gut anklingen zu lassen, wie uns das möglich ist. Die uns nach Unterzeichnung des Vertrags dann auch nicht in eine Richtung drängen, die uns nicht liegt.

BOB KONRAD: Wichtig wäre noch hinzuzufügen, dass wir kein geschlossenes Dreierteam sind. Je nach Projekt arbeiten wir auch mit anderen Autoren zusammen, im Fall von "Kleo" war das Elena Senft. Und um ebenfalls das Motiv mit der Band zu bemühen: Für jeden neuen Stoff stellen wir eine neue Band zusammen. Die Stimmen, die dazukommen, sind uns ungemein wichtig. Wie bereits erwähnt, pflügen wir als Showrunner nicht durch. Wir wollen von allen Leuten was haben. Bei "Kleo" war das nicht nur Elena Senft und die Regie, sondern auch die Kamera, das Szenenbild, das Kostümbild, der Komponist, die Editor:innen. Es kamen so wunderbare Sachen, die dann auch uns inspiriert haben. Das Augenmerk liegt auf dem gemeinsamen Spaß. Und bei "Kleo" waren wir am Ende ein richtig tolles Orchester.

Und Sie werden mittlerweile auch als HaRiBo stark wahrgenommen. Können Sie sagen, wann Sie als Marke in der Branche ankamen?

RICHARD KROPF: Wir wussten im Winter 2009 in Babelsberg, dass es funktioniert, als wir bei unserer gemeinsamen Arbeit an der Telenovela Anna und die Liebe" Spaziergänge unternahmen und dachten, dass wir uns einmal um andere Dinge den Kopf zerbrechen sollten als das schüchternste Mädchen der Welt. Da haben wir erstmals Ideen entworfen für Serien, wie es sie damals nicht gab in Deutschland, die zwar produzierbar, aber nicht finanzierbar gewesen wären. Wir haben uns damals schon auf die Fahne geschrieben, dass wir, wenn diese Welle einmal nach Deutschland schwappt, unbedingt ganz mit vorne dabei sein wollen. Dafür haben wir eine Menge, Menge Arbeit investiert. Und natürlich auch ein bisschen Glück gehabt. Etablieren konnten wir uns schließlich, als im selben Jahr You Are Wanted" und 4 Blocks" an den Start gingen. Das war 2017.

Haben sich mit dem Erfolg dieser Serien auch die Bedingungen für Sie verbessert?

BOB KONRAD: Ich denke, das kann man bejahen. "4 Blocks" war aber auch eine harte Arbeit. Alles in allem haben wir sechs Jahre an dieser Serie gearbeitet. Da haben wir gezeigt, dass wir eine Serie nicht nur konzipieren und etablieren, sondern auch über drei Staffeln hinweg erzählen und zu einem zufriedenstellenden Ende führen können. Das wurde sehr stark wahrgenommen. Man nahm uns spürbar als Autorenteam ernst, wir wurden erstmals richtig gehört, weil wir gezeigt hatten, dass wir die nötige Expertise mitbringen.

HANNO HACKFORT: Die Zeit hat auch für uns gespielt. Das Klima für Autoren änderte sich damals generell, was auch dem vehementen Auftreten von Kontrakt 18 zu verdanken ist, die etwas später angefangen haben, die Trommel für Drehbuchautoren zu rühren. Das hat die ganze Branche für Autoren und Kreatoren verändert. Die Situation, wie sie sich uns heute darstellt, ist grundlegend anders als noch vor "4 Blocks". Es gibt immer noch viel zu tun, keine Frage, aber es wurde auch viel angestoßen in den letzten fünf Jahren.

BOB KONRAD: Wir müssen hier auch Netflix nennen, die das Ihre getan haben, dass die Wertschätzung der Arbeit von Autoren heute anders ist. Sie lassen Autoren ganz extrem eine herausragende Rolle in der Serienentwicklung einnehmen. In dieser Konsequenz ist das in Deutschland nach wie vor einzigartig.

HANNO HACKFORT: Die Erfahrung, die wir bei Netflix hatten, haben wir anderswo in dieser Form noch nicht gemacht. Das soll nicht heißen, dass es woanders schlecht wäre, es ist einfach anders. Bei Netflix ist die Haltung ganz klar: Ihr hattet die Vision, ihr habt jetzt auch die Verantwortung, dass eure Vision nach euren Wünschen umgesetzt wird. In ihren Augen sind wir nicht einfach Typen, die Texte in den Computer hacken, und dann sehen wir mal, was der Regisseur oder die Regisseurin draus macht. Wir fanden es toll mit Netflix.

Was aber auch heißt, dass Ihr Aufgabengebiet als Showrunner anderes war, als wenn Sie einfach nur als Autoren an "Kleo" gearbeitet hätten.

HANNO HACKFORT: Wir waren tatsächlich in alle Entscheidungen involviert, bis hin zu Requisitenbesprechungen. Was aber auf keinen Fall heißen soll, dass wir immer lautstark den Ton angegeben hätten. Man kann es nicht oft genug betonen: Film ist Teamarbeit. Die Mitstreiter verstehen allesamt ihr Handwerk. Wer klug ist, hört ihnen zu und vertraut ihnen. Aber es ist natürlich etwas anderes, ob man das Drehbuch abgegeben hat und dann ist man raus, oder ob man immer mit dabei und involviert ist und sich auf einer Augenhöhe mit den anderen befindet. Wir besaßen Vetorecht. Was aber nicht heißt, dass wir davon Gebrauch gemacht hätten.

RICHARD KROPF: Es lag in unserer Verantwortung, dass unsere Vision, ausgehend von unserer Grundidee, umgesetzt wird. Es gab einen Korridor, wo man rechts und links neue Ideen aufnehmen konnte, die das Projekt zusätzlich erweiterten. Aber unsere Aufgabe war es, "Kleo" umzusetzen, was eben auch dadurch gelingt, dass man die richtigen Leute mit an Bord holt. Das hat sehr gut funktioniert. Die Gewerke waren durch die Bank toll.

HANNO HACKFORT: Natürlich hatten wir alle möglichen Geschichten von Showrunnern gelesen, die erzählen, wie unfassbar stressig und kräftezehrend es ist, in dieser Funktion zu arbeiten. Da haben wir immer ein bisschen gelächelt und mit den Schultern gezuckt. Jetzt wissen wir: Es stimmt. Es ist Stress und Dauerbelastung pur, es kann einem schnell über den Kopf wachsen. Sollte es eine zweite Staffel von "Kleo" geben oder sollten wir an einem anderen Projekt wieder als Showrunner arbeiten, würden wir uns als Erstes einen Assistenten oder Assistentin holen, um sicherzustellen, dass wir den Überblick nicht verlieren. Aber ich muss auch sagen: Es ist Stress, aber es ist positiver Stress. Das Ergebnis wiegt die Mühen auf. Nach 90 Drehtagen hätte es von mir aus auch noch weitergehen können.

BOB KONRAD: Und wir hatten Glück, dass wir zu Dritt sind und die Aufgaben auf drei Schultern verteilen konnten. Es ist mir absolut unverständlich, wie man das als Einzelperson schaffen kann. Da muss man sich vierteilen, anders geht es nicht.

RICHARD KROPF: Wir ergänzen uns einfach sehr gut. Hanno fühlt sich wohl am Set, Bob blüht in der Recherche auf, ich sitze gerne am Schreibtisch und schreibe. Aber es ist definitiv nicht so, dass wir künftig nur noch als Showrunner arbeiten wollen. Das hängt vom jeweiligen Stoff ab. Manchmal ist es auch schön, das Drehbuch bei der Regie abzuliefern und zusagen: Jetzt seid ihr dran, ich bin raus.

Sie haben sich Michael Souvignier und Till Derenbach von Zeitsprung Pictures als ausführende Produzenten dazu geholt - starke Produzenten mit ausgeprägtem Gestaltungswillen. Werden die glücklich in einem solchen Konstrukt?

RICHARD KROPF: Das müssen Sie die beiden selbst fragen. Ich kann nur sagen, dass es eine fantastische Zusammenarbeit mit Michael und Till war. Sie haben uns alle nötige Freiheit bei der Realisierung gegeben, aber auch immer den Rücken gestärkt und waren da, wenn wir sie gebraucht haben.

HANNO HACKFORT: Mit Michael Souvignier hatten wir uns schon seit längerem in Gesprächen befunden, unbedingt einmal etwas zusammen zu machen. "Kleo" haben wir als Pitch zunächst zu Netflix gebracht. Und als klar war, dass die Serie tatsächlich unser nächstes Projekt werden würde, haben wir bei Zeitsprung angefragt, ob sie Lust darauf hätten. Die Aufgabenverteilung war immer klar. Und war zu keinem Zeitpunkt ein Problem.

Sie haben Elena Senft als zusätzliche Autorin angesprochen. Fällt es anderen Autoren schwer, in Ihrem Team eine gleichberechtigte Stimme zu finden?

HANNO HACKFORT: Wir kennen Elena schon sehr lange, sie arbeitet auch im selben Büro, in dem auch wir sitzen. Sie gehört ohnehin zu unserem Kreis. Deshalb erschien es uns logisch, sie bei "Kleo" dazu zu holen.

BOB KONRAD: Wir sind die Zusammenarbeit mit anderen Autoren gewohnt. Wir kommen ursprünglich aus einem Writers Room, damals für eine Telenovela, wo ein ständig wechselndes Team war und man sich fortwährend auf andere Autorenkonstellationen einstellen musste. Das klappt mal besser und mal schlechter. Aber auf jeden Fall ist es ein gutes Training, in einem Team eine Geschichte zu entwickeln, wobei man sehr gut lernt, hinter der eigenen Meinung auch einmal zurückzutreten. Wir lassen gerne laufen. Deshalb glaube ich, dass es nicht schwer ist, in unseren Writers Rooms Gehör zu finden und Spaß zu haben.

RICHARD KROPF: Ich bin kritisch gegenüber von außen zusammengestellten Writers Rooms. Ich glaube nicht, dass das funktioniert. Das ist wie eine Castingband, hat keine Seele. Wir haben im Lauf der Jahre viele Autoren kennengelernt und auch ein gutes Gefühl entwickelt, wer gut miteinander arbeiten kann, wer welche Qualitäten und Tonalitäten mitbringt. Wir versuchen passgenau zu besetzen. Und lernen aus den Situationen, wenn es mal nicht funktioniert hat. Die Stimmung im Writers Room ist immens wichtig. Da muss eine gute Stimmung sein, eine gute Energie, es dürfen keine Blocker drin sein, die ihre Zeit absitzen und nichts beitragen. Aus guter Stimmung entstehen gute Drehbücher. Punkt.

Das Gespräch führte Thomas Schultze.