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KOMMENTAR: So schnell kann's gehen

Es rumort im deutschen Fernsehen. Zwei Personalien werfen ein Schlaglicht auf die angespannte Situation, sowohl im üppig alimentierten öffentlich-rechtlichen Fernsehen wie auch bei der dringend auf mehr Werbung angewiesenen größten privaten Konkurrenz.

18.08.2022 07:28 • von Jochen Müller
Ulrich Höcherl, Herausgeber und Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

Es rumort im deutschen Fernsehen. Zwei Personalien werfen ein Schlaglicht auf die angespannte Situation, sowohl im üppig alimentierten öffentlich-rechtlichen Fernsehen wie auch bei der dringend auf mehr Werbung angewiesenen größten privaten Konkurrenz. Während Co-CEO Stephan Schäfer seinen Posten bei RTL Deutschland Knall auf Fall räumen musste, wo er erst vor einem Jahr im Zuge des schwierigen Zusammenschlusses der Sendergruppe mit dem schwächelnden Verlagsriesen Gruner + Jahr geräuschvoll installiert worden war, kündigte sich der Eklat um Patricia Schlesinger, die Intendantin des rbb und Vorsitzende der ARD, über Wochen und immer neu lancierte Indiskretionen zu Bonuszahlungen, Spesenabrechnungen oder der Ausstattung ihres Büros und Dienstwagens lange an.

So wie die einvernehmliche Verquickung privater Interessen mit dem öffentlich-rechtlichen Senderauftrag und die reibungslose Vergabe von lukrativen Aufträgen an ziemlich beste Freunde nun am Ruf des gesamten öffentlich-rechtlichen Rundfunks kratzt, zeigt die hektische Selbstberufung des Bertelsmann-CEOs in Gütersloh zum Vorsitzenden der Geschäftsführung von RTL Deutschland in Köln, dass auch das Geschäft des Senderriesen schweren Prüfungen ausgesetzt ist. Und während man sich in der ARD um Schadensbegrenzung bemüht, dabei aber die üppige Ausstattung anderer Intendanten, ihre hilfreiche lokale Vernetzung und den Umgang mit den jährlichen Gebühren-Milliarden für mehr Transparenz lieber nicht zu sehr ins Licht der Öffentlichkeit zerrt, zeigen der geplante Kurswechsel samt Neuausrichtung der erfolgsgewohnten Free-TV-Sender, dass sich die rapiden Veränderungen im Nutzungsverhalten durch die neuen nonlinearen Angebote inzwischen auch schmerzhaft auf die Verteilung der Werbebudgets auswirken.

Den öffentlichen Unmut über die angebliche Verschwendungssucht und den maßlosen Gebührenhunger der öffentlich-rechtlichen Bezahlsender schürt der ARD und ZDF in herzlicher Abneigung zugetane Springer Verlag immer aufs Neue. Schon kursieren wieder erste Papiere einschlägig vorbelasteter Politiker oder Parteien, die öffentlich-rechtliche Sender zusammenlegen oder die Gebührenpflicht drastisch reformieren wollen. Auf die Kreativwirtschaft und die gesamte Programmproduktion kämen damit tektonische Verschiebungen zu. Die Privatsender brauchen dagegen neue Argumentationslinien, um die werbungtreibende Wirtschaft mit zusätzlichen Reichweiten zu begeistern, vor allem im nonlinearen Bereich, gerade bei den jungen Zielgruppen. Deren Fernsehabstinenz drückt auch Bertelsmann-Chef Thomas Rabe aufs Gemüt. Nicht nur gesamtgesellschaftlich stehen unruhige Zeiten bevor, auch die bundesdeutsche Senderlandschaft steht vor gravierenden Herausforderungen. Noch lassen sie sich steuern, aber so schnell kann's gehen.

Ulrich Höcherl, Herausgeber und Chefredakteur