Produktion

Die Macher von "Memorial Hospital": "Was wir zeigen, ist echt"

"Memorial Hospital" ist eine aufwändige Apple-Serie über einen besonders erschütternden Aspekt der Hurricane-Katrina-Katastrophe im Jahr 2005. Seriengigant Carlton Cuse holte sich Drehbuch-Oscargewinner John Ridley an Bord. Wir sprachen mit den beiden über die Herausforderungen bei der Umsetzung.

17.08.2022 14:02 • von Thomas Schultze
Chronologie einer Tragödie, Chronik eines Versagens: "Memorial Hospital" (Bild: Apple)

"Memorial Hospital" ist eine aufwändige Apple-Serie über einen besonders erschütternden Aspekt der Hurricane-Katrina-Katastrophe im Jahr 2005 - aktuell wurden die ersten drei Folgen freigeschaltet. Seriengigant Carlton Cuse, bekannt für Lost" oder "Jack Ryan", holte sich Drehbuch-Oscargewinner John Ridley (12 Years a Slave") an Bord. Wir sprachen mit den beiden über die Herausforderungen bei der Umsetzung.

Hurricane Katrina schockierte 2005 die Welt. Was sind Ihre spezifischen Erinnerungen?

JOHN RIDLEY: In Amerika haben sich vor allem die Bilder von verzweifelten Menschen, die ihr Zuhause verloren hatten und im Superdome Zuflucht suchten, eingebrannt. Es war entsetzlich, schrecklich, ohne Worte. Und doch waren die Hintergründe wohl niemandem richtig bewusst. Die eigentliche Katastrophe war nicht der Hurricane, sondern das marode und völlig falsch entworfene Deichsystem. Als sie gebrochen waren, ergab sich eine Kettenreaktion. Was schief gehen konnte, ging schief. Eine Naturkatastrophe ist eine Naturkatastrophe. Dagegen ist man nicht gefeit. Aber eine Vielzahl falscher menschlicher Entscheidungen ist der eigentliche Grund, dass Katrina eine Katastrophe dieses Ausmaßes werden konnte. Und das Schlimmste: Wir haben nichts daraus gelernt.

CARLTON CUSE: Ich habe damals die Nachrichten verfolgt und war schockiert. Wie groß die Auswirkungen der Katastrophe wirklich waren, wurde mir erst bewusst, als ich Sheri Finks Tatsachenbuch "Five Days at the Memorial" las. Es ist ein großartiges Buch. Wie es den Leser mitnimmt in dieses Krankenhaus mit seinen 2000 Patienten und ganz nüchtern eine menschliche Tragödie aufblättert, vom Stromausfall über die Überflutung hin zur absoluten Hilflosigkeit der erschöpften Menschen in dem brütend heißen Gebäude, die immer nur hingehalten wurden und nicht wussten, ob und wann Hilfe kommen würde, lässt den Atem stocken. Für mich war die Lektüre eine Offenbarung. Ich wusste sofort, dass ich daraus eine Serie machen musste.

War das einfach?

CARLTON CUSE: Es war kompliziert. Zunächst. Scott Rudin und Ryan Murphy hatten das Buch bereits optioniert, aber ich ließ nicht locker und konnte mir die Rechte schließlich sichern. Mein großes Glück war, John als Mitstreiter gewinnen zu können, ein großes Geschenk. Ich bin ein Riesenfan von "American Crime"; Johns Beitrag ist intelligent, prägnant, sein Beitrag dabei immer geprägt von einem tiefst humanistischen Blick.

Ihre Stimmen als Autoren sind unverwechselbar. Wie sind Sie kreativ zusammengekommen?

JOHN RIDLEY: Erst einmal will ich das Kompliment an Carlton zurückgeben - und dann ist auch Schluss mit der gegenseitigen Lobhudelei: Er ist ein toller Anführer, ein wunderbarer Mitstreiter. Das war von elementarer Bedeutung. Man muss sich vor Augen führen: "Memorial Hospital" ist eine riesige Show, unfassbar aufwändig. Carlton ist furchtlos, egal wie groß und kompliziert die Herausforderung. Sehen Sie sich "Jack Ryan" an, "Lost". Die Tatsache, dass ihm die Rechte an einem Stoff zugesprochen wurden, hinter denen die größten Namen im amerikanischen Fernsehen her waren, spricht Bände. Mit ihm an der Seite hatte ich nie den Eindruck, dass wir die Aufgabe nicht meistern würden. Wir konnten unsere Energien immer genau auf das fokussieren, was gerade für die Geschichte am wichtigsten war, den richtigen Rahmen für sie finden, und blieben dabei immer im Zeitplan und Budgetrahmen. Es war so groß wie nötig, ohne dass es einen überwältigt, und so klein wie nötig, ohne dass man sich langweilt.

Wie sah Ihr Arbeitsprozess aus?

JOHN RIDLEY: Gute Frage, wie war das noch einmal?

CARLTON CUSE: John schrieb den Pilot. Es nervt ein bisschen, weil er nicht nur sehr talentiert, sondern auch noch blitzschnell ist. Wir hatten uns gerade erst unterhalten und er meinte, er würde versuchen, das Besprochene in einem Pilotdrehbuch festzuhalten, da lag das Ding schon auf meinem Schreibtisch. Es war nur ein Testballon, aber er hatte in diesem Drehbuch bereits ein paar der größten Probleme gelöst, die uns in unseren Meetings die meisten Kopfschmerzen bereitet hatten. Daraus ergab sich die gesamte Struktur, auch für unsere Arbeit, wer was schreiben würde.

Da haben Sie auch festgelegt, wer bei welcher Episode Regie führen würde?

CARLTON CUSE: Es stand immer fest, dass John die erste Folge inszenieren sollte. Und danach wurden unsere Entscheidungen eher von äußeren Einflüssen beeinflusst. Wir haben in Kanada gedreht, und immer wenn man das Land verließ, wurde man in eine zweiwöchige Quarantäne geschickt. Die Ironie, dass wir eine Serie über einen medizinischen Notfall machten und bei der Produktion mit einem medizinischen Notfall konfrontiert waren, war uns sehr bewusst. Also machte John den Pilotfilm, dann übernahm ich für zwei Folgen, dann wieder er, und schließlich drehte unsere wunderbare Kollegin Wendey Stanzler die letzten drei Episoden, weil es uns wichtig war, dass die aus einem Guss waren und zusätzlich eine unverkennbar eigene Handschrift hatten - es sind die Folgen nach den fünf katastrophalen Tagen im Krankenhaus, die in den ersten fünf Folgen thematisiert werden. Klingt kompliziert, machte aber immer Sinn.

Wie wichtig war es Ihnen, faktisch nah an dem zu bleiben, was sich wirklich abgespielt hat?

JOHN RIDLEY: Es war einfach, weil die Fakten in Sheri Finks Buch klar und unwiderlegbar auf dem Tisch gelegt werden. Wir mussten uns einfach nur daranhalten. Die Vorlage war wie eine riesige Regieanweisung, alles wird erklärt, alles wird aufgelistet, bin hin zu den Schuhen, die die einzelnen Charaktere tragen. Uns war klar, dass man nicht willkürlich vorgehen durfte. Es ist eine wahre Geschichte, sehr viele Menschen sind gestorben. "Memorial Hospital" ist kein Actionthriller, es ist kein hochbudgetiertes Theaterstück. Was wir zeigen, ist echt. Man trägt eine moralische Verantwortung. Da hat man die Aufgabe, sich eng an die Fakten zu halten. Es war eine absolute Notwendigkeit!

Das Gespräch führte Thomas Schultze.