Produktion

Showrunner Will Graham zu "Eine Klasse für sich": "Eine Verbeugung"

Seit letzter Woche läuft auf Prime Video die Serie "Eine Klasse für sich", die auf Penny Marshalls gleichnamigem Film von 1992 beruht. Wir sprachen mit Will Graham, zusammen mit Abby Jacobson einer der Showrunner.

17.08.2022 15:25 • von Thomas Schultze
"Eine Klasse für sich" huldigt mit viel Schwung und Esprit dem Kino-Original von 1992 (Bild: Prime Video)

Seit letzter Woche läuft auf Prime Video die Serie "Eine Klasse für sich", die auf Penny Marshalls gleichnamigem Film von 1992 beruht. Wir sprachen mit Will Graham, zusammen mit Abbi Jacobson einer der Showrunner.

"Eine Klasse für sich" von Penny Marshall war ein Boxoffice-Erfolg im Sommer 1992. Warum wollten Sie die Geschichte als Serie noch einmal neu aufsetzen?

WILL GRAHAM: Wir lieben den Film! Wenn das nicht so wäre, hätten wir die Serie nicht gemacht. Ich bin dankbar, dass wir Penny Marshall vor ihrem Tod im Jahr 2018 noch treffen und uns über unser Vorhaben unterhalten konnten. Sie erzählte uns, dass ihre erste Schnittfassung viereinhalb Stunden lang war und sie ganze Handlungsblöcke hatte schneiden müssen, um den Film auf eine akzeptable Laufzeit zu bringen. Dazu kommen noch weitere Geschichten, die im Film ganz leise angerissen, aber nicht weiterverfolgt werden. Der Ton und die Atmosphäre des Films bildet die Grundlage für unsere Serie, die Freude, der Humor, das Herz, die Wärme, davon wollten wir uns nicht entfernen. Allerdings wollten wir die Geschichte auf einer größeren Leinwand ausbreiten, wir wollten gleichzeitig in die Tiefe und in die Breite gehen. Es geht um uns nicht um einzelne Figuren, sondern eine ganze Generation von Frauen, die damals Baseball spielen wollten und mit dem Sport in Berührung kamen.

Wie sind Sie vorgegangen? Wie haben Sie entschieden, welche Inhalte der Films sie übernehmen und wo Sie in eine neue Richtung gehen wollen?

WILL GRAHAM: Wir sind nicht sehr didaktisch vorgegangen. Für uns stand nur fest, dass wir zwar mit der Konstellation des Films arbeiten wollten, nicht aber mit seinen ikonischen Figuren. Das hätte sich falsch angefühlt. Aber sehen Sie: Es gab mehr als 800 Frauen, die damals in dieser Frauenliga gespielt haben, und dann noch hunderte mehr, denen man das Spielen untersagte. Da steckten viele Geschichten drin. Wir wollten immer rüberbringen, dass unsere Show eine Liebeserklärung an den Film ist, deshalb auch die Referenzen und Easter-Eggs. Aber gleichzeitig wollten wir doch auch etwas weitergehen, wollten klar aussprechen, was im Film manchmal nur angedeutet wird. Unsere Serie ist kein Remake, sondern ein Blick aus einer anderen Perspektive. Und dabei stehen wir auf den Schultern von Penny und ihren Mitstreitern von damals.

Als der Film 1992 herauskam, herrschte Skepsis: Wen sollte diese Geschichte aus den Vierzigerjahren angehen? Diese Frage stellt sich heute, 30 Jahre später, doch gewiss ebenso, wenn nicht sogar noch mehr.

WILL GRAHAM: Man muss sich nur ansehen, warum die Geschichte dem Publikum damals gefiel: Man fühlte sich direkt angesprochen, es ist eine ganz universelle Geschichte. Es geht um eine Gruppe von Menschen, die zueinander finden. Damit kann grundsätzlich jeder etwas anfangen. Wir wollten das mit Esprit und Freude erzählen, die Serie soll Spaß machen. Es geht auch darum, sein richtiges Team zu finden. Das kann viele verschiedene Dinge bedeuten, vielleicht die Sportmannschaft, aber auch die Gemeinde und Gemeinschaft, in der man sich wohlfühlt und aufblühen kann. Deshalb geht es weniger um die Menschen auf dem Feld als um die Menschen, die einem dabei helfen können, seinen Platz auf dem Feld zu finden. Für uns kann ich jedenfalls sagen, dass es eine aufregende Reise war, die Serie zu machen. Wenn sich nur ein bisschen von dieser Freude auf das Publikum überträgt, haben wir alles richtig gemacht.

Gibt es auch einen Bezug zur Gesellschaft von heute?

WILL GRAHAM: Wir leben in einer sehr anstrengenden, fordernden Zeit, in der man nichts mehr als gegeben ansehen kann. Unsere Geschichte spielt in einer der anstrengendsten, am meisten fordernden Zeiten der Menschheit, mitten im Zweiten Weltkrieg. Wir wollen zeigen, dass es Momente des Lichts gibt, auch wenn es gerade am finstersten erscheint, dass es Hoffnung geben kann, auch wenn Chaos und Unsicherheit dominieren. Und außerdem wollen wir gut unterhalten. Das ist unser Job.

Wie wichtig war Ihnen Authentizität?

WILL GRAHAM: Sehr wichtig. Wir haben mit dutzenden von Frauen gesprochen, die damals mit dabei waren, haben alles über diese Liga gelesen, was uns in die Hände kam, haben uns intensiv mit den menschlichen Schicksalen auseinandergesetzt. Wir haben uns aber auch immer daran erinnert, was Penny Marshall uns gesagt hatte: Wenn die Spielerinnen miteinander Zeit verbringen, sollte es sich nicht wie ein antiquiertes Historienstück anfühlen, sondern direkt und unmittelbar, immer Jetzt! Das war eine wichtige Inspiration. Wir wollten eine ebenso moderne Anmutung finden.

Dieser "Eine Klasse für sich" ist in besonderem Maße Abbi Jacobsons Show - sie spielte die Hauptrolle, sie ist einer der Showrunner. Wie haben Sie einander gefunden?

WILL GRAHAM: Abbi und ich haben einen gemeinsamen guten Freund, also kannten wir uns bereits. Aber so richtig viel miteinander zu tun bekamen wir erst, als die Show richtig losging. Abby halte ich für einen der entschlossensten, witzigsten, emotional ehrlichsten Menschen, den man sich vorstellen kann. Außerdem ist sie ein Genie, eine großartige Darstellerin. Einen besseren Mitstreiter könnte man sich nicht wünschen.

Jamie Babitt hat bei den Schlüsselepisoden Regie geführt. Welche Rolle spielt sie für den Erfolg der Serie?

WILL GRAHAM: Sie ist sehr wichtig. Sie fühlte sich persönlich stark angesprochen von der Geschichte: Ihre Großmutter war eine lesbische Frau in der Zeit, in der "Eine Klasse für sich" spielt. Sie ist eine Kämpferin und setzte sich vehement dafür ein, dass wir die Geschichten unverblümt und direkt erzählen konnten. Obendrein ist es eine aufwändige Produktion, da brauchte es eine Regisseurin, die weiß, was sie tut.

Vor 30 Jahren wäre es wohl nicht möglich gewesen, diese Version von "Eine Klasse für sich" zu erzählen. Haben sich die Zeiten wirklich zum Besseren gewandt?

WILL GRAHAM: Gewiss ist es heute möglich, Geschichten über historisch marginalisierte Gruppen wie queere Menschen, Frauen, People of Color zu erzählen, ohne etwas zu verheimlichen oder hinter Andeutungen zu verstecken. Das ist Fortschritt. Für uns war aber entscheidend: Dies sind universelle Geschichten, sie gehen jeden etwas an. Dass es obendrein ziemlich queere Geschichten sind, die den Raum öffnen für unterrepräsentierte Gruppen, ist ein angenehmer Nebeneffekt. Es ist höchste Zeit, dass deren Schicksale auch als universelle Geschichten erzählt werden. Wir hoffen, dass die Serie von Familien gesehen wird, dass Eltern sie mit ihren Kindern sehen. Und mit den Figuren mitfiebern.

Das Gespräch führte Thomas Schultze.