Festival

Heimat Europa-Kurator Lukas M. Dominik: "Wir sehen die Filmfestspiele als kollektives Projekt"

Heute starten die Heimat Europa Filmfestspiele in Simmern im Hunsrück. Wir sprachen mit Programmkurator Lukas M. Dominik über die Veränderungen und Neuerungen beim jungen Festival unter der Schirmherrschaft von Edgar Reitz.

19.08.2022 07:29 • von Heike Angermaier
Lukas M. Dominik, Programmkurator bei den Heimat Europa Filmfestspielen (Bild: Roman Polanski)

Heute starten die Heimat Europa Filmfestspiele in Simmern im Hunsrück. Wir sprachen mit Programmkurator Lukas M. Dominik über die Veränderungen und Neuerungen beim jungen Festival unter der Schirmherrschaft von Edgar Reitz.

Die Heimat Europa Filmfestspiele sind ein sehr junges Festival. Inwieweit hat es sich etablieren können?

LUKAS M. DOMINIK: Als Publikumsfestival ist uns das Publikum am wichtigsten, das uns seit Jahren treu ist. Insbesondere die regionale Verwurzelung durch das Pro-Winzkino, als langjährigem kulturellen Impulsgeber ist dabei ein wichtiger Faktor, der uns auch dabei geholfen hat, langjährige Partner zu finden, denen die Filmfestspiele mindestens genauso am Herzen liegen wie uns.

Herzstück des Festivals ist der Wettbewerb um den besten Heimatfilm. Was sind die Themen, die den Filmemachern in diesem Jahr aktuell ganz besonders auf den Nägeln brennen?

LUKAS M. DOMINIK: Unter den deutschsprachigen Wettbewerbsbeiträgen sind es einerseits die klassischen Themen des 'modernen Heimatfilms', der idealisierte Heimatvorstellungen der 1950er aufgreift, kritisch unterläuft und umkehrt. Auf der anderen Seite findet eine Auseinandersetzung mit vielseitigen ostdeutschen Lebensrealitäten statt, bestimmt von Fragen nach Identität und Biographie vor dem Hintergrund der Wende, Rassismus- und Klassismuserfahrung und Entwurzelung.

Die eingangs erwähnte kritische Auseinandersetzung mit einem verklärten Heimatbild lässt sich auch bei einigen der osteuropäischen Filme im Wettbewerb wiederfinden, so wie auch die Verhandlung der Unterschiede zwischen dem Leben auf dem Land und in der Stadt. Aber auch historische Stoffe werden erzählt, die Einblick in die Geschichte Osteuropas geben und vor dem Hintergrund des Krieges in der Ukraine nochmal an Aktualität gewonnen haben.

Außer einem Länderschwerpunkt haben Sie in diesem Jahr einen weiteren gesetzt mit der DDR im Film, keine übliche Retrospektive. Könnten Sie ausführen?

LUKAS M. DOMINIK: Der westdeutsche, filmische Blick auf den Osten Deutschlands ist häufig von Klischees und Ostalgie geprägt: Die Überwacher und die Überwachten, Trabis, Spreewaldgurken etc. Diesen Filmen wollte ich zunächst aktuelle Arbeiten in DDR sozialisierter Filmschaffender über die DDR gegenüberstellen. Und schließlich auch Filme, die in der DDR entstanden sind - im Spannungsfeld zwischen staatlicher Kontrolle und dem Anspruch, das Leben der Bürger:innen so authentisch wie möglich darzustellen. Von denen einige diesem Anliegen auch so weit gefolgt sind, dass sie verboten bzw. bewusst nicht eingesetzt wurden.

Was sind die weiteren Neuerungen beim Festival?

LUKAS M. DOMINIK: Eine Premiere bei der diesjährigen Ausgabe der Filmfestspiele feiert das Kinder- und Jugendfilmprogramm. Hier laden wir insbesondere das junge Publikum ein, stilistisch wie inhaltlich vielfältigen Auseinandersetzungen mit dem Thema "Heimat" zu begegnen. Außerdem zeigen wir mit "Heimat 3" erstmals einen Teil von Edgar Reitz' Heimat-Tetralogie in Gänze.

Auch die Organisationsstruktur hat sich verändert. Es gibt keine Festivalleitung.

LUKAS M. DOMINIK: Wir sehen die Filmfestspiele als kollektives Projekt, an dem verschiedene Kulturträger und Akteure mit verschiedenen Kompetenzen - federführend die Veranstalter der Filmfestspiele, das Pro-Winzkino Hunsrück e.V. und die Stadt Simmern selbst - mitwirken. Anknüpfend an das filmische Werk von Edgar Reitz - Ehrenbürger der Stadt Simmern und Schirmherr der Filmfestspiele - schaffen wir es, uns adäquat und authentisch mit dem Thema "Heimat" auseinanderzusetzen. Ziel ist es, die Heimat Europa Filmfestspiele als überregionales Angebot zu etablieren.

Wie sehen Sie das Festival für die Zukunft aufgestellt?

LUKAS M. DOMINIK: Bis 2025 haben wir konkrete Perspektiven, inhaltlich wie wirtschaftlich gekoppelt an die gute Zusammenarbeit des Pro-Winzkinos mit der Stadt Simmern und die Unterstützung durch den Kultursommer Rheinland-Pfalz. Wir haben tolle Sponsoren und blicken zuversichtlich in die Zukunft. Darüber hinaus haben wir mit dem Edgar einen attraktiven Hauptpreis für den Gewinnerfilm.

Gibt es schon Pläne für die nächste Ausgabe?

LUKAS M. DOMINIK: Die Kompassnadel dreht sich weiter. Im nächsten Jahr nehmen wir uns den Westen vor - eine Richtung, die ob ihrer Offenheit mindestens genauso herausforderernd kuratiert werden will, wie der Osten, aber auch viele Chancen für Entdeckungen birgt.

Die Fragen stellte Heike Angermaier