Kino

KOMMENTAR: Ex und hopp, Flop oder Top

Legendäre Geschichten gibt es zu berichten über die verschollenen Filme der Filmhistorie - Produktionen, die nie das Tageslicht erblickt haben.

11.08.2022 07:40 • von Jochen Müller
Thomas Schultze, Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

Legendäre Geschichten gibt es zu berichten über die verschollenen Filme der Filmhistorie - Produktionen, die nie das Tageslicht erblickt haben. Der für eine Mio. Dollar von Roger Corman im Auftrag von Bernd Eichinger produzierte "Fantastic Four" zum Beispiel, damit die Option auf die Verfilmungsrechte an der Marke verlängert wurde (visionär, wie wir heute wissen). Jerry Lewis' in Schweden mit eigenem Geld gedrehte Holocaust-Komödie The Day the Clown Cried", für die er sich nach verheerenden Previews so sehr schämte, dass die einzige Kopie in seinen Tresor wanderte. Ein paar Clips gibt es bei YouTube, das Drehbuch lässt sich ohne große Mühe im Internet finden (längst nicht so schlecht, wie man befürchten könnte). Oder aus Deutschland Nick Knatterton" von Niki List und Marcus O Rosenmüller, der bei seiner einzigen Vorführung bei der Münchner Filmwoche 2001 so verheerend aufgenommen wurde, dass die Helkon-Produktion bis heute unveröffentlicht bleibt. Und nicht zu vergessen Mr Boogie" von Vesna Jovanoska mit dem "Big Brother"-Star Zlatko als "der etwas andere Privatdetektiv". Es gab Pressevorführungen, eine kommerziele Auswertung indes nicht. Das Produktionsjahr 2000 war kein gutes Jahr für deutsche Privatdetektive, will man meinen. Die Liste der irgendwie verschollenen Filme ließe sich beliebig fortsetzen.

Aber keiner will ein wirklich guter Vergleich sein für Batgirl, eine immerhin mindestens 70, vielleicht aber sogar mehr als 100 Mio. Dollar teure Studioproduktion mit einer eingeführten Marke, die vom Studiochef kurz vor der Fertigstellung ins Bardo geschickt wurde, die Zwischenwelt zwischen Leben und Tod.

Mein Kollege Marc Mensch hat den Vorgang in einem lesenswerten Artikel in der aktuellen Ausgaben von Blickpunkt:Film zusammengefasst. Und musste seinen Text wiederholt anpassen, weil neue Informationen und Entwicklungen bis zum Redaktionsschluss fortwährend für andere Einblicke sorgten und Perspektivwechsel zuließen. Was auch immer die tatsächlichen Gründe für die Entscheidung von David Zaslav gewesen sein mögen, eines hat der Warner-Bros.-Discovery-Chef klargemacht: Die Ära Jason Kilar ist ausradiert, seine Ägide wird anders aussehen. Wie Zaslavs radikaler Kurswechsel inklusive aller beinharter, unbequemer und in vielen Kreisen wohl auch unpopulärer Entscheidungen letztendlich gewertet wird, hängt davon ab, wie erfolgreich seine Strategie sein wird. Hat er Erfolg, wird man ihn als Visionär feiern, der wichtige, unbequeme Entscheidungen getroffen hat. Scheitert er, wird man ihn als Schaumschläger in Erinnerung behalten, der gleich zu Beginn seiner Amtszeit die kreative Community gegen sich aufbrachte.

Es sind keine einfachen Zeiten. Wo gehobelt wird, fallen Späne. Und vielleicht taucht Batgirl" doch noch irgendwie irgendwo auf, und wir werden sagen: Eigentlich hatte er Recht, der Zaslav.

Thomas Schultze, Chefredakteur