Produktion

Aron Lehmann zu "Jagdsaison": "Ich sehe mich eher als neugieriger Begleiter"

Der Komödienspezialist feierte mit "Jagdsaison" Premiere beim Filmfest München. Nächste Woche startet der Film um ein Damentrio bundesweit. Wir sprachen mit Regisseur Aaron Lehmann über die Lust an der Komödie und weitere Projekte.

12.08.2022 07:19 • von Heike Angermaier
Aron Lehmann (mit Almila Bagriacik und Rosalie Thomass) (Bild: Tobis)

Der Komödienspezialist feierte mit Jagdsaison" Premiere beim Filmfest München. Nächste Woche startet der Film um ein Damentrio bundesweit. Wir sprachen mit Regisseur Aron Lehmann über die Lust an der Komödie und weitere Projekte.

Sie bespielen ein hierzulande seltenes Genre, eine deftige, erwachsene Komödie mit drei weiblichen Protagonistinnen.

ARON LEHMANN: Für Frauen muss es doch genauso wie für Männer erlaubt sein, albern und derb zu sein, über die Stränge zu schlagen, ohne dass die Komödie, die Geschichte ihr Herz verliert. Wir haben so viele witzige Schauspielerinnen im Land wie Karoline Herfurth, Alicia von Rittberg, Sonja Gerhardt, Maryam Zaree, Jördis Triebel, Katja Riemann, Sandra Hüller, Anna Schudt, Hannah Herzsprung und das ist jetzt nur eine spontane Aufzählung. Warum gibt es für Frauen hier so wenige gute, komische Stoffe, in denen sie Hauptrollen haben? In den USA ist die weibliche Komödie ein eigenes Genre, in dem Amy Schumer, Rebel Wilson, Melissa McCarthy, Tina Fey usw. erfolgreich unterwegs sind. Auch in Deutschland gibt es eine Nachfrage nach albernen weiblichen Komödien. Davon bin ich fest überzeugt.

Wie sind Sie zum Projekt gekommen?

ARON LEHMANN: Sebastian Zühr von Tobis, mit dem ich schon bei Das schönste Mädchen der Welt" eine tolle Erfahrung gemacht habe, schlug mir das Projekt an Weihnachten 2020 vor. Ich wusste, dass es Potenzial hat, aber noch nicht ausgereift war. Meine Frau Rosalie Thomass, die zu einem früheren Zeitpunkt bereits dafür vorgesprochen hatte, erzählte mir davon. Ich sagte Sebastian, dass ich mir das Projekt nur gemeinsam mit Rosalie vorstellen könne und es mir mit ihr ansehen würde, und dass es außerdem schnell umgesetzt werden müsse, da ich im Herbst den nächsten Dreh geplant hatte. Wir wurden uns einig und Rosalie übernahm kurzerhand die Drehbucharbeit. Anfang März hatten wir dann tatsächlich schon Drehstart.

Wie sind Sie an die Regie herangegangen und wie haben Sie die zwei weiteren Hauptdarstellerinnen Almila Bagriacik und Marie Burchard gefunden? Die Chemie zwischen den drei ist hervorragend.

ARON LEHMANN: Als Regisseur sehe ich meine Aufgabe nicht darin, den drei Ansagen zu machen, was sie zu tun haben, sondern ich sehe mich eher als neugieriger Begleiter, der ihnen die größtmögliche Bühne bereitet, auf der sie sich austoben können. Es hat irrsinnig viel Spaß gemacht! Die drei hatten bereits beim Casting so eine Energie und Chemie, dass sofort klar war, dass diese Drei es sein werden. Alles was ich gesagt habe ist: "Wenn ihr vor der Kamera genauso lustig seid wie hinter der Kamera, dann kann eigentlich nicht mehr viel schief gehen." Rosalie, Almila und Marie haben den Film zu ihrem gemacht nach der von Rosalie im Drehbuch vorgegebenen Linie.

Der Film basiert auf einem dänischen Filmerfolg, "Jagtsæson". Wie haben Sie ihn verändert?

ARON LEHMANN: Rosalie hat das Drehbuch in kürzester Zeit umgeschrieben. Der Schlüssel zum Erfolg war, dass sie "Jagdsaison" nicht, wie in der Vorlage, als Geschichte einer Midlife-Crisis und einer Konkurrenz erzählte, sondern als die einer Freundschaft. Ich finde, dass unser Film dadurch stimmiger ist als das Original. Das war eher eine One-Woman-Show für die tolle Hauptdarstellerin Mille Dinesen. Wir haben dafür gesorgt, dass die anderen beiden Figuren nicht nur Stichwortgeberinnen sind, sondern eigene Charaktere, die ebenfalls eine Entwicklung durchmachen. Und uns war wichtig, dass der Film trotz allem vulgären Humor nicht sein Herz verliert. Ich mag skandinavische Filme, weil sie sich viel mehr trauen, etwa auch makaber und schwarzhumorig zu sein. Das haben wir übernommen.

Zum Beispiel wird bei der Jagd ein Hund erschossen und im See entsorgt.

ARON LEHMANN: Diese Szene ist konsequent und ich finde auch ein Statement. Frauen sind nicht immer süß, sondern eben auch derb, makaber und geschmacklos.

Was faszinierte Sie an dem Stoff?

ARON LEHMANN: Als Regisseur bin ich immer auf der Suche nach einem Projekt, bei dem ich für mich etwas Neues ausprobieren kann bzw. Dinge aus einer neuen Perspektive betrachten kann. Ich hatte große Lust, eine dreckige, schnelle Komödie aus weiblicher Perspektive zu erzählen, was hierzulande auch außerhalb des Kinos nur selten gemacht wurde und wird. Und mich faszinierte das hohe Tempo der Dialoge. Ich liebe alberne Komödien, wenn sie ihre Figuren ernst nehmen. Und bei unseren drei überragenden Hauptdarstellerinnen musste ich mir nie Sorgen machen, dass sie es nicht tun. Außerdem faszinierte mich die Freundschaft zwischen Frauen, die mir enger und inniger erscheint als ich es bisher in männlichen Freundschaften erlebt habe. Es ist fast eine Liebe. Klingt das zu schwülstig? So erschien es mir jedenfalls.

Wie haben Sie und ihr Ensemble das komische Timing hinbekommen?

ARON LEHMANN: Worauf ich besonders achte, ist, dass sich die Figuren auf Augenhöhe begegnen, mit gleichen Kräften kämpfen. Dann ist es immer spannender. Beim im Film zentralen Duell zwischen Almilas Bella und Rosalies Eva musste ich an Komödienduos wie Walter Matthau und Jack Lemmon oder Pierre Richard und Gerard Depardieu denken, so schnell haben sich die beiden die Bälle zugespielt. Sie haben auch während des Takes noch improvisiert und lieben es einfach, sich gegenseitig herauszufordern. Maries Marlene ist die Liebe in der Mitte, die Ausgleichende - und Leidtragende. Ich ermutige meine SchauspielerInnen immer, sich Raum zu nehmen und Dinge auszuprobieren und dabei lieber mehr zu wagen als zu wenig. Das Timing hatten die Drei in sich.

Wie war es, so intensiv mit Ihrer Frau zusammen zu arbeiten? Planen Sie ein weiteres gemeinsames Projekt?

ARON LEHMANN: In dieser Konstellation mit Rosalie zu arbeiten, sie als federführende Autorin und Hauptdarstellerin und ich als Regisseur, war großartig. Es ist vielleicht nicht Jedermanns Sache, aber wir haben es geliebt und würden es sehr gerne wieder tun. Wir schätzen uns künstlerisch gegenseitig sehr und auch für uns als Familie hat es super funktioniert. Wir haben unsere Kinder mitgenommen und gemeinsam ein großes Abenteuer erlebt. Und das würden wir gerne wiederholen. Wenn "Jagdsaison" gut läuft, würden wir unheimlich gerne gemeinsam ein weiteres Abenteuer für unsere drei Heldinnnen entwickeln. Es gibt auch schon Ideen dafür. Außerdem haben Rosalie und ich ein gemeinsames Serienprojekt im Auge.

"Jagdsaison" feierte beim Filmfest in München Weltpremiere wie auch einige ihrer vorherigen Filme . Was bedeutet es für Sie?

ARON LEHMANN: Das Filmfest München ist mein Heimatfestival. Mein erster Langfilm Kohlhaas oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel" und Die letzte Sau" liefen hier. Und "Das schönste Mädchen der Welt" feierte hier 2018 seine Erstaufführung. München hat mit bisher immer Glück gebracht. Und Christoph Gröner vom Filmfest ist ein großer Förderer von mir, der damals schon Kohlhaas" eingeladen hat und immer darüber Bescheid weiß, an was ich gerade arbeite. Ich liebe es mich mit ihm über Filme zu unterhalten, weil er Filme liebt.

Mit Was man von hier aus sehen kann" haben Sie als Regisseur wieder etwas Neues entdeckt. Wie haben Sie die sehr besondere Sprache von Mariana Lekys Roman auf den Film übertragen?

ARON LEHMANN: Ich habe vor allem versucht, das Gefühl dieses Romans auf den Film zu übertragen. Der Roman ist zu lang, um ihn in eineinhalb, zwei Stunden zu erzählen und der Stoff gehorcht keiner klassischen Dramaturgie. Er ist so eigen, dass er, wenn das Buch nicht ein Bestseller wäre, womöglich nie verfilmt worden wäre. Als Drehbuchautor und Regisseur ist das Projekt für mich künstlerisch eine der schönsten Herausforderungen meiner Karriere. Für mich erzählt der Roman ein Märchen über Liebe, über alle möglichen Formen von Liebe, von der Liebe zum Kind, zu den Großeltern, von unerfüllter und verlorener Liebe und auch von freundschaftlicher Liebe wie bei "Jagdsaison".

 Das Interview führte Heike Angermaier