Kino

Heike-Melba Fendel über das Kiezkino am Mehringplatz: "Eine Einladung zur Begegnung"

Heike-Melba Fendel hat mit ihrer Barbarella Entertainment ein Open-Air-Kino am Mehringplatz initiiert. Darüber, wie Kino(kultur) den gemeinsamen Austausch mit den Menschen im Kiez und untereinander fördern kann, schreibt sie hier.

21.07.2022 12:42 • von Barbara Schuster
Heike-Melba Fendel ist Gründerin und Ko-Geschäftsführerin von Barbarella Entertainment (Bild: Jennifer Fey)

Heike-Melba Fendel hat mit ihrer Barbarella Entertainment ein Open-Air-Kino am Mehringplatz initiiert. Darüber, wie Kino(kultur) den gemeinsamen Austausch mit den Menschen im Kiez und untereinander fördern kann, schreibt sie hier.

Berlin war und ist ein Kristallisationspunkt deutscher Geschichte(n). Und kaum ein Ort ist so sehr Berlin wie der Mehringplatz. Er liegt im Herzen der Stadt, hat bereits als Belle-Alliance-Platz im 18. Jahrhundert Geschichte geschrieben, wurde im Zweiten Weltkrieg nahezu vollständig zerstört und in den Sechizgerjahren von Star-Architekt Werner Düttmann unter Auflagen für den sozialen Wohnungsbau neu gestaltet. Am Mehringplatz beginnt und endet die Friedrichstraße, seine U-Bahn-Haltestelle Hallesches Tor ist Knotenpunkt für Bahn- und Buslinien. Er ist umringt von Institutionen wie der Zentrale der Agentur für Arbeit, der Polizeizentrale und der Amerika-Gedenkbibliothek. Auch das nahegelegene Sterne-Restaurant Nobelhart und Schmutzig, die Hipsterbetriebe rund um das Jüdische Museum und die Medienhäuser von taz und WELT sind stadtbekannt...

Nur kennt den Platz kaum noch jemand. "Mehringplatz - wo ist das gleich wieder?", fragen nicht wenige eingefleischte Berliner. Dabei ist er so unbekannt wie emblematisch. Knapp 7000 Menschen leben hier in Berlins zweitärmsten Kiez. Der Platz mit seiner hohen Kriminalitätsrate, den leerstehenden Gewerbeeinheiten und den vielen Menschen mit Migrationshintergrund, verkörpert den Berlin-Komplex in einer Nussschale. In dieser Nussschale sammeln sich Probleme aber es braut sich auch Aufbruchswille zusammen. Die Bewohner am Platz kennen Krisen so viel länger und genauer als alle, die jetzt erst Teil einer kollektiven Unruhe und Verlustangst werden. Was sie dagegen kaum oder gar nicht mehr kennen ist - Kino. Oder, wie es eine Mitarbeiterin des Quartiersmanagements vor Ort beschrieb: Große Ferien heißt für die Kids am Mehringplatz 16 statt 8 Stunden Handynutzung am Tag.

Auch ich kannte den Mehringplatz nur als Baustelle, die man - zu Fuß oder mit dem Fahrrad - knapp 12 Jahre genervt von außen umrunden musste. Dann zog ich an den Checkpoint Charly und das Barbarella Büro in die benachbarte Zimmerstraße. Als Nachbarin erlebte ich einen Mehringplatz auch jenseits von Dauerbaustelle, unvermieteten Ladenlokalen und sozialem Brennpunkt. So frustriert die Anwohner über das Desinteresse nahezu aller politischen und gentrifizierten Institutionen um sie herum waren, darüber im toten Winkel öffentlicher Relevanz und Wahrnehmung zu liegen, so haben sie sich eigene Dämme gegen die Gleichgültigkeit gebaut: Liebevoll gepflegte Gemeinschaftsgärten, Kiez-Cafés, eine Edeka-Filiale, in der auffällig gewordene Jugendliche eine Chance bekommen.

Bei Preisverleihungen und Festivals verliert unsere Branche viele Worte über die Bedeutung von Kino als gemeinsamem Erfahrungsraum und Film als verbindendem Medium. Währenddessen verliert das Kino seine Strahlkraft an die - auch - pandemiebedingten Fliehkräfte Streaming, Trägheit und Kinogötter-Dämmerung. Man mag das als Zeichen der Zeit sehen, ich erlebe es als tiefen Verlust.

Ohne mein Leben in und mit dem Kino wäre ich eine ziemlich uninteressante Person. Ich habe mein Denken, mein Erinnern und mein Lieben am Kino geschult. Seit meiner Schulzeit in der - dem Mehringplatz nicht unähnlichen - Trabantenstadt Köln-Chorweiler haben mir Filme erzählt, wer ich sein kann - und will. Bis heute mache ich keine Ferien, sondern fahre auf Filmfestivals von Sarajevo bis Marrakesch, wenn ich etwas erleben möchte. Und nein, ich halte mich nicht für Teil einer aussterbende Species, sondern möchte mich als Teil eines Teams von Brückenbauerinnen betätigen. Gegen den Bedeutungsverlust des Kinos als Ort der Begegnung und natürlichem Lebensraum des Filmes lässt sich nämlich nicht anreden und nicht anschreiben. Sondern Kino muss man machen. Und zwar dort, wo es keiner mehr kennt - warum also nicht gleich am Mehringplatz. Naiv? Natürlich. Aber wo, wenn nicht im Kino ließ sich lernen, dass Naivität eine wirksame Waffe gegen das Dogma der Unmöglichkeit sein kann.

Okay, den bereits erwähnten, von der Schließung bedrohten Edeka zum Kino umbauen zu lassen, hat bis auf sehr viel Weiteres nicht geklappt. Aber wir - meine Mitarbeiterinnen waren in- zwischen auch bei der Sache - liefen weiter herum und erzählten jedem, der es nicht wissen wollte, wie toll doch ein Kino am Platz wäre.

Am 15. Mai diesen Jahres wurde das Ende der 12 Jahre sinnlos verschleppten Bauarbeiten vor Ort mit einem großen Straßenfest gefeiert. Und wir starteten, gleichsam als Prolog, unser vom Quartiersmanagement unterstütztes Open-Air-Kino in der einbrechenden Dunkelheit. Wochen zuvor hatten wir an den Markttagen die Anwohner und Passantinnen gefragt, welche Filme und Stars sie mögen und sehen möchten. Und von Kida Khodr Ramadan über Anke Engelke bis Checker Tobi war viel Erwartbares - The Fast and the Furious! - und genau so viel Unerwartetes - Berlin - Symphonie einer Großstadt - dabei.

Wir haben sortiert und unser Programm entlang der Wünsche vorbereitet. Und timen die Abende entlang der Verfügbarkeiten der prominenten Gäste und Moderatorinnen. Kostenlos Filme zu gucken ist das eine, was die Besucher anzieht. Zu sehen, dass berühmte Menschen zu ihnen, den hier lebenden, vielfach übersehenen Menschen an einen vergessenen Ort kommen, berührt und begeistert sie. Und das immer wieder aufs Neue. Neben den Anwohnerinnen laden wir auch Barbarella friends&family ein, um ihnen den Ort und die Menschen zu zeigen und wie sie auf die Filme reagieren. Durchaus auch mit Weglaufen übrigens. Und zwischendurch dann wiederkommen. Oder mit am-Handy-hängen. Oder mit Weggucken und lautem Kreischen, wenn, wie im Auftaktfilm "Ein nasser Hund" von Damir Lukacevic eine keusche Liebesszene auf der Leinwand stattfindet. Und auch eine Schlägerei sollte nicht unerwähnt bleiben. Die Cineastin in mir ist empört, die Gastgeberin weiß, dass Kinoliebe ihre Zeit braucht.

Meine Firma, Barbarella Entertainment, ist gut 30 Jahre im so genannten Showgeschäft. Und wie für nicht wenige Kollegen in den unterschiedlichen Gewerken dieser Branche, stellt sich die Frage nach unternehmerischer Verantwortung noch einmal ganz neu oder in neuer Unausweichlichkeit. Engagement abseits von Hashtag-Gewese aber auch jenseits der Leinwand und allem, was dort zu bezaubern und verstören mag, ist so zwingend wie vielgestaltig. Wir machen Kino am Mehringplatz. Übrigens nicht nur für, sondern auch mit den Menschen dort. Das türkische Café gleich neben der Leinwand schließt um 18 Uhr. Die uns zuvor unbekannten Betreiberinnen haben uns sofort umstandslos die Schlüssel für die abendliche Nutzung überlassen. Edeka spendiert Getränke, das Kiez-Café Bänke.

Das mag nach Sozpäz-Folklore klingen, aber falls dem so wäre, ist mir das total egal. Kitsch ist nicht das Gegenteil, sondern Bestandteil jeder Wahrheit. Und wenn, wie am 9. Juli nach der Vorführung von York-Fabian Raabes "Borga", die anwesenden Gäste aus der Ukraine sich mit dem Regisseur noch Stunden später über den Film und ihre eigene Geschichte aus- tauschen, dann zeigt das Kino einmal mehr, was es vielleicht mehr als alles andere ist: eine Einladung zur Begegnung.