Kino

KOMMENTAR: Ground Control to Major Tom

In Zeiten aus dem Zusammenhang gerissener Soundbites war Mickey Rourkes markige Anmerkung, Tom Cruise sei irrelevant, natürlich besonders reizvoll. Und mindestens ebenso besonders dämlich.

21.07.2022 07:37 • von Jochen Müller
Thomas Schultze, Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

In Zeiten aus dem Zusammenhang gerissener Soundbites war Mickey Rourkes markige Anmerkung, Tom Cruise sei irrelevant, natürlich besonders reizvoll. Und mindestens ebenso besonders dämlich. Außer man zimmert natürlich mit bei den zahllosen Diskussionen in den sozialen Medien darüber, warum der Schauspieler, dem es gelungen ist, seit mehr als 40 Jahren ein Superstar zu sein, und der im 42. Jahr seiner Filmkarriere im Alter von 60 Jahren den größten Triumph seiner Laufbahn feiert, vom rechten Weg abgekommen ist. Abgesehen davon, dass es Tom Cruise wahrscheinlich ebenso komplett egal sein wird, was Mickey Rourke über ihn sagt, wie was irgendwelche Schlaumeier vom heimischen Sofa aus über ihn philosophieren, um sich den Beifall der Peer-Group abzuholen, gehen diese Betrachtungen doch völlig am Kern der Sache vorbei.

Man muss Cruise nicht mögen. Man muss ihn auch nicht für den besten Schauspieler der Welt halten. Man muss ihn als Schauspieler nicht einmal ein bisschen mögen.

Und doch muss man Respekt haben vor den Leistungen dieses Mannes, der sich mehr denn je pusht, um ein Produkt exklusiv für die große Leinwand abzuliefern, das große Mengen von Menschen dazu bewegt, Tickets zu lösen und aufregende zwei Stunden zu verbringen. Der eigene Name als Markenzeichen. Keiner nimmt das so ernst wie Tom Cruise. Für ihn ist das Verantwortung und Verpflichtung. Und das nach einer Karriere, in deren ersten 30 Jahren er mit mehr oder weniger allen großen Regienamen gearbeitet hat, die es damals gab: Spielberg, Kubrick, Scorsese, Mann, PTA, Stone, De Palma, Woo, JJ Abrams, Howard, Pollack, Ridley und Tony Scott, Cameron Crowe, Barry Levinson - eine schier endlose Liste von Oscargewinnern und stilprägenden Filmemachern. Und der die eine kleine Delle, die seine Karriere hatte, als er zwischenzeitlich meinte, er müsse die Welt von Vorzügen von Scientology überzeugen, und ein paar Jahre mal nicht ganz so punktgenau lag mit seiner Projektwahl, weil er wohl auch ein bisschen haderte mit dem Älterwerden, völlig unbeschadet überstanden hat. Mit der gezielten Entscheidung, Filme künftig mit ausgewählten Mitstreitern zu machen, die ihr Talent voll und ganz in den Dienst nicht mehr des Schauspielers, sondern der Marke Tom Cruise stellen.

Am besten lässt sich das ablesen an dem Franchise, mit dem Cruise am engsten verbunden ist: Wechselte bei der "Mission: Impossible" in den ersten vier Filmen stets der Regisseur, dessen unverkennbare Handschrift der Teil dann trug, entstanden / entstehen die folgenden vier Filme allesamt mit Chris McQuarrie als treibende Kreativkraft - der auch das Drehbuch von Top Gun Maverick" auf Vordermann brachte. Weil beider Herz für eines schlägt: für das Kino und für seine Zukunft und für Filme, die nur auf der großen Leinwand ihre Magie entfalten. Was daran irrelevant sein soll, muss man mir erst einmal erklären.

Thomas Schultze, Chefredakteur