Kino

Mark Schlichter über "Alfons Zitterbacke - Endlich Klassenfahrt!": "Fast alles neu erfunden"

Heute startet "Alfons Zitterbacke - Endlich Klassenfahrt!" in den deutschen Kinos. Mark Schlichter spricht über die tolle Arbeit mit den jungen Darstellern, seine berühmten Gastschauspieler und die Lust, etwas wirklich Relevantes und Gutes zu machen.

07.07.2022 07:20 • von Barbara Schuster
Mark Schlichter (Bild: Privat)

Heute startet Alfons Zitterbacke - Endlich Klassenfahrt!" in den deutschen Kinos. Mark Schlichter spricht über die tolle Arbeit mit den jungen Darstellern, seine berühmten Gastschauspieler und die Lust, etwas wirklich Relevantes und Gutes zu machen.

Endlich Klassenfahrt! Endlich Teil zwei von "Alfons Zitterbacke"! Stand für Sie von Anfang an fest, dass Sie mit den Produzenten einen zweiten Teil realisieren wollen?

MARK SCHLICHTER: Nein. Zunächst gar nicht. Aber nachdem der Film knapp über 200.000 Zuschauer ins Kino gelockt hat und auf vielen Festivals einmal um die halbe Welt reisen durfte, und wir immer wieder gefragt wurden, wann der zweite Teil ins Kino kommt, haben wir ernsthaft darüber nachgedacht. Ich schrieb daraufhin ein kleines Konzept - und ab diesem Zeitpunkt entwickelten sich die Dinge peu à peu weiter.

Interessant ist, dass Sie in Teil zwei eine richtige Teenie-Geschichte mit erster Liebe erzählen. Und dass die Zuschauer mit einem neuen Titelhelden überrascht werden. Was waren die Überlegungen?

MARK SCHLICHTER: Unserem ersten Alfons Darsteller Tilman Döbler wurden die Dreharbeiten wegen seinen durch die Coronakrise gefährdeten Noten untersagt. Glücklicherweise haben wir Luis Vorbach gefunden, der ebenfalls ein toller Schauspieler ist. Er war ein absolutes Geschenk für unsere Produktion, die wir in nur 30 Drehtagen durchziehen mussten. Für einen Kinder-/ Jugendfilm war das extrem tough, wenn man bedenkt, dass wir aufgrund der gesetzlich beschränkten Arbeitszeit für junge Darsteller ohnehin sehr kurze Drehtage hatten. Oft konnten wir eine Einstellung nur ein oder zweimal drehen. Manchmal musste ich Szenen direkt bevor die Klappe geschlagen wurde, kürzen. Dieser Druck war nicht immer angenehm, hat aber gezeigt, wie schnell und mit welcher Freude die jungen und älteren Darsteller umschalten konnten. Und auch, was für ein wacher Typ z.B. Gojko Mitic ist. Der bekam eine halbe Stunde vor dem Dreh einen verkürzten und vollkommen anderen Text. Er staunte kurz, und zog es dann lächelnd und sehr gut durch. Ich kenne andere Profis, die sofort einen kompletten Nervenzusammenbruch bekommen hätten.

Der Film ist nah an der aktuellen Zeit, schickt Jugendliche nach Corona wieder auf Klassenfahrt, spricht sogar über den Herbergsvater an, dass Künstler durch den kulturellen Stillstand litten...

MARK SCHLICHTER: Nach den Zeiten des allgemeinen Stillstands war eine Klassenfahrt ein schöner Aufhänger für eine filmische Geschichte, bei der man immer in Bewegung bleibt. Ich hatte das Gefühl, in einem Bus herumzufahren, an verschiedenen, tollen Locations zu sein, würde jungen Zuschauern viel mehr Spaß bringen, als wenn man nur in der Schule oder zu Hause ist.

Gibt es "Alfons Zitterbacke"-Heiligtümer, die man im Drehbuch unbedingt berücksichtigen muss, die unantastbar sind? Oder inwiefern haben Sie und John Chambers auch Dinge dazuerfunden?

MARK SCHLICHTER: Besonders im zweiten Teil wurde ja fast alles neu erfunden, aber wieder der Charakter des Alfons aus den Büchern übernommen, der immer wieder geärgert, von seinen Mitschülern gemobbt und von einem sehr unfreundlichen Lehrer unter Druck gesetzt, sich selbst immer wieder wehren und beweisen muss und dadurch oft viel Chaos stiftet. Aus den Buchvorlagen haben wir diesmal nur das Makkaroni-Kochen übernommen.

Welche persönliche Beziehung haben Sie zu den "Alfons Zitterbacke"-Geschichten und was unterscheidet sie von anderen? Was macht sie einmalig?

MARK SCHLICHTER: Ich habe die Geschichten damals meinen Söhnen vorgelesen, als sie klein waren. Die haben sich kaputtgelacht. Gerhard Holtz-Baumert, der Autor der Kinderbücher, hatte da einen Nerv getroffen. Die Geschichten bewegen bei Kindern etwas, weil jeder solche Charaktere aus seiner eigenen Klasse kennt: die Nervensäge, den Supercoolen, der dann auch noch zwei Köpfe größer ist und super aussieht, während unser Alfons mit seinen Pickelchen und seinem Bemühen, cool zu sein, zu kämpfen hat. Das Spannungsfeld kennt ja fast jeder Heranwachsende.

War es für Luis Vorbach ein Problem, in eine eingeschworene Gemeinschaft einzutreten?

MARK SCHLICHTER: Nein. Überhaupt nicht. Luis wurde aber auch sehr offenherzig empfangen. Genau so ging es dem zweiten "Neuzugang", der tollen Leni Deschner, die als Leonie Alfons' Gefühlsleben ziemlich durcheinanderbringt. Wir hatten wieder unsere hervorragende Jugendcoachin Hanne Wolharn am Set, die alle wunderbar trainiert und locker gemacht hat. Die jungen Darsteller waren alle unfassbar toll. Ich bin immer wieder begeistert, wie präzise und direkt so junge Schauspieler arbeiten können.

Sie haben eine illustre Truppe von Gast--Schauspielern in Teil zwei. Da taucht ein Wolfgang Beckerauf, Sam Riley spielt den neuen Freund von Alexandra Maria Lara, die auch im wahren Leben mit ihm zusammen ist, Anna Thalbach, DEFA-Legende Gojko Mitic, die Musiker Gerhard Schöne & Egon Werler ... Waren das Ihre Einfälle?

MARK SCHLICHTER: Das ging quer durch die Reihen über persönliche Freundschaften und Bekannte... Gojko Mitic war die Idee eines Freundes von John Chambers, nachdem John in seinem Freundeskreis fragte, wer für die Rolle passen könnte. Ich fand die Idee verdammt gut, Gojko als populären, ehemaligen DDR-Schauspieler, der als "DEFA-Häuptling" berühmt wurde, mit reinzunehmen. Sam Riley kam hinzu, nachdem Devid Striesow keine Zeit hatte und ich den Gedanken einer Patchwork-Familie sehr passend fand... Wolfgang Becker wiederum war einfach ein lustiger Zufall. Er kam bei X Filme in sein Büro und da saß ich. Er meckerte mich an, dass er es nicht mag, wenn jemand sich an seinen Tisch setzt, ohne ihn zu fragen. Und da dachte ich mir, dass er einen wunderbaren, aggressiven Immobilienhai abgeben würde. Als ich ihn fragte, war er nicht sehr begeistert, fand die Idee später aber dann doch lustig. Anna Thalbach war die Idee der Produzentin Nicole Kellerhals. Anna hatte schon in meinem Abschlussfilm gespielt. Ich kenne und schätze sie also schon über 20 Jahre. Genauso lange wie die wunderbare Alexandra Maria Lara. Egon Werler kannte ich nicht. Er hat 2021 The Voice Kids gewonnen. Als Love Interest für Lisa Moells Emilia fand ich ihn super.

Sie sind als Filmemacher vor allem fest im deutschen Fernsehen verankert. Ihre letzte Kinoarbeit, Cowgirl", stammt von 2004. Kamen einfach nicht die richtigen Kino-Angebote? Bzw. warum wollten Sie dann gerne "Alfons Zitterbacke" machen?

MARK SCHLICHTER: Die Produzentin Nicole Kellerhals kam mit den alten Alfons-Kinderbüchern vor Jahren auf mich zu. Wie gesagt: ich kannte die Bücher und war in Bezug auf eine Verfilmung skeptisch. Und dann machte es vermutlich beim genaueren Hinschauen wegen ein paar Ähnlichkeiten zwischen Alfons und mir "Klick" und ich haben mich an eine erste Drehbuchfassung gesetzt. Angebote für Kinofilme werden den wenigsten hinterhergeworfen. Außerdem wissen wir alle, wie zäh das mit der Finanzierung sein kann, und dass es manchmal Jahre dauert, bis ein Kinoprojekt in die Realität umgesetzt werden kann. Ich hatte eine kleine Familie zu ernähren - insofern war das TV-Geschäft für mich absolut sinnvoll, weil es meistens berechenbarer ist, und Butter aufs Brot bzw. Geld in die Kasse kommt.

Welche Art von Stoffen interessiert Sie? Was muss ein Projekt haben, damit es Sie packt?

MARK SCHLICHTER: Das Schöne an dem Beruf ist ja, dass man in verschiedenen Genres arbeiten kann. Beim Krimi und Thriller ist es wichtig, dass mich ein Buch packt, dass es mich in Spannung versetzt und vor meinem inneren Auge sofort Bilder entstehen. Bei anderen Stoffen ist es oft gut, wenn es direkte Berührungspunkte gibt. Bei "Alfons Zitterbacke" war es meine eigene etwas schwierige Schulzeit und die spannenden Klassenfahrten. Der andere Punkt ist der, dass man mit Kinder- bzw. Jugend- und Familienfilmen etwas wirklich Relevantes und Gutes machen kann: man kann lustig und spannend unterhalten, Empathie mit den Figuren schaffen, von deren Freude und Leid erzählen und das junge Publikum so einfach zum Nachdenken anregen, ohne das jemand einen mit ausgestrecktem Zeigefinger auf bestimmte Punkte stoßen muss. Beim Kinderfilm- und Medienfestival Goldener Spatz gab es eine Vorstellung mit sechs oder sieben Schulklassen, die nach Filmende vor Begeisterung tobten. Da hat es uns gefreut zu sehen, dass der Film in dieser speziellen Altersgruppe offenbar ganz gut funktioniert. Genauso gab es tolle Reaktionen und Diskussionen nach Testscreenings mit Kindern und Jugendlichen zwischen acht und 15 über Mobbing, erste Liebe, bescheuerte Mutproben und allem, was einen in dieser speziellen Zeit positiv berührt oder eben auch voll stresst. Ich gehe davon aus, dass der Film auch im Schul-Kino gut funktionieren würde, weil sich die Lehrer danach ganz gut mit dem Film und den jungen Schülern auseinander- bzw. zusammensetzen können.

Was macht einen guten Familienfilm aus? Gibt es davon genügend in Deutschland?

MARK SCHLICHTER: Definitiv nicht. Für unsere Zielgruppe der Sieben- bis Zwölfjährigen sieht es doch eher mau aus. Unser Film handelt von der beginnenden Pubertät, einer Zeit, die für Kinder so gut wie nie erzählt wird. Ich finde, dass die tollen "Harry Potter"-Filme für Sechs- bis Neunjährige echt zu hart sind. Und in Deutschland wird zu oft das Remake vom Remake gemacht. Bei Alfons ist das auf eine gewisse Art ja auch so. Es sollte aber viel mehr Mut, Geld und Mühe in die Drehbuchentwicklung von originären Filmen gesteckt werden. Aber Kinder- und Jugendfilme haben es nicht einfach. Bei Teil eins von "Alfons Zitterbacke" waren 90 Prozent der Zuschauer aus den neuen Bundesländern, weil die Marke dort bekannt ist, und nur zehn Prozent aus dem Westen. Die etwas traurige Erkenntnis dahinter ist: beim Kinderfilm setzen sich eben meist nur bekannte Marken durch. Nachdem Alfons Zitterbacke - Das Chaos ist zurück" mittlerweile mehrmals im Fernsehen ausgestrahlt wurde, hoffen wir, dass jetzt noch mehr Menschen aus dem Osten und eben auch aus dem Westen Lust auf die Fortsetzung mit den jetzt jugendlichen Darstellern haben. Für uns war eine altersübergreifende Erzählweise wichtig, so dass sich auch der 15-jährige Bruder mit seiner achtjährigen Schwester im Kino gut unterhalten fühlt. Bei unseren Testscreenings waren auch viele 14- und 15-Jährige in den Vorstellungen, die natürlich eigentlich viel zu cool und viel zu erwachsen für den Film waren. Trotzdem hatten sie ihren Spaß. Vielleicht auch, weil sie sich natürlich noch sehr gut an ihre letzte Klassenfahrt erinnern konnten.

Das Gespräch führte Barbara Schuster